Das Heimchen am Webstuhl?
Mara Golds Buch „Antike Mythen ohne Männer“ informiert aus feministischer Sicht über weibliche Figuren
Von Rolf Löchel
Seit jeher werden antike Mythen immer wieder neu interpretiert. Doch fast alle glorifizieren noch immer von jeher überschätzte Lügner, Betrüger und Ehebrecher wie etwa Odysseus, während sie seine nach diesen Interpretationen zwanzig Jahre treu auf ihn wartende Ehefrau Penelope eben dafür rühmen. Doch seit einiger Zeit nehmen von Frauen verfasste Neuinterpretationen die Mythen aus feministischer Sicht in den Blick. So etwa jüngst Sarah Iles Johnstons sehr empfehlenswertes Buch Von Göttern und Menschen.
Nun ist eine weitere feministische Neuinterpretation antiker Mythen erschienen. Mara Gold hat sie verfasst und ihr den Titel Antike Mythen ohne Männer gegeben. Natürlich kommt Gold nicht umhin, sich auch mit Männern und männlichen Gottheiten zu befassen. Das räumt die Autorin gleich zu Beginn selbst ein, denn „es ist beinahe unmöglich, über die Frauen der Mythologie zu sprechen und die Männer dabei ganz außen vor zu lassen“. So ist es. Allerdings hat sie nicht etwa wie üblich diese, sondern die Frauen und Göttinnen „in d[ie] Mitte ihrer eigenen Geschichte platzier[t]“. Auch ist es der Autorin wichtig, auf „trans und queere Lesarten“ von Mythen hinzuweisen. So merkt sie etwa an, dass die Beziehung zwischen Artemis und Kallisto „seit kurzem […] lesbisch oder queer interpretiert“ wird. Eine Interpretation, die auf der Hand liegt.
In das Buch wurden nicht nur einige monochromatische Illustrationen aufgenommen, sondern Golds Text wurde überdies ein beeindruckender Stammbaum der weiblichen Figuren der griechischen Mythologie vorangestellt. Das „Organisationsprinzip“ der ihm folgenden Abschnitte bilden weibliche „Archetypen“, als da wären Hausfrau, Jungfrau, Kriegerin, Femme fatale, Hexe, Wahnsinnige und Monster. Doch erzählt die Autorin nicht nur die Geschichte der mythologischen Frauenfiguren aus feministischer Sicht, sondern beleuchtet auch, wie sich die von ihr herangezogenen Kategorien „herausgebildet“ haben.
Wie die Autorin anmerkt, würden viele der vorgestellten Frauenfiguren „ohne Probleme in mehrere Kategorien passen“. Gold stellt sie jedoch jeweils unter der Kategorie vor, die der „Rolle“ entspricht, „die sie in ihrer eigenen Geschichte spiel[en]“. Dabei rekurriert sie nicht nur auf die allerbekanntesten Quellen wie etwa Hesiods Theogonie und Tage und Werke, Ovids Metamorphosen oder Homers Ilias und die Odyssee, sondern zieht etwa auch verschiedene Homerische Hymnen heran, bei denen es sich um Texte handelt, die in Homers Stil verfasst sind. Lange wurden sie ihm zugeschrieben, dann stellte sich jedoch heraus, dass sie jüngeren Datums sind. Zumindest eine der Hymnen, diejenige an Demeter, nimmt eine „weibliche Perspektive“ ein. Daher vermuten „einige feministische Wissenschaftlerinnen“ Gold zufolge, „dass der Verfasser eine Frau gewesen sein könnte“.
Die Autorin beleuchtet nicht nur die Mythen selbst, sondern schlägt zudem stets einen Bogen von der jeweils behandelten weiblichen Figur zur neuzeitlichen Rezeption: namentlich zu der durch die erste Welle der Frauenbewegung um 1900, in der sich die Suffragetten etliche Heldinnen der griechischen Mythologie aneigneten, sowie zu der (Pop-)Kultur des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Dabei können die Lesenden einige interessante Informationen und Lektürehinweise erwarten, wie etwa auf Margaret Atwoods Penelope und ihre zwölf Mägde, Jennifer Saints Ich, Ariadne oder Madelines Millers Ich bin Circe. Unter ihren Hinweisen auf popkulturelle Bezugnahmen ist allerdings auch schon einmal die eine oder andere Belanglosigkeit (etwa dass sich die Hexen Tara und Willow in einer Episode der Serie Buffy The Vampyre Slayer einmal mit Amazonen vergleichen). Auch sticht ins Auge, dass Gold fast ausschließlich auf englischsprachige Adaptionen und Referenzen hinweist. Eine der wenigen Ausnahmen bildet Friedrich Heinrich Karl de la Motte Fouqués 1811 erschienene Erzählung Undine. Christa Wolfs Medea. Stimmen, wird hingegen nicht erwähnt. Vielleicht, weil die Autorin das Buch nicht kennt; vielleicht aber auch, weil die deutsche Schriftstellerin ihre titelstiftende Protagonistin von einer Frau, die in ihrem Leid bis zum Äußersten kämpft, zu einer ziemlich harmlosen Figur herabgewürdigt hat.
Anders als Golds Interpretationen sind die wohl ausschließlich von Männern überlieferten Mythen in der Regel alles andere als feministisch. So ist es etwa „üblich“, weibliche Figuren „für die Gewalt zu bestrafen, die ihnen von Männern angetan worden ist“. Dabei tut sich ausgerechnet eine Figur hervor, die selbst weiblich ist: Hera, die ihren Zorn womöglich auch deshalb an den Vergewaltigungsopfern ihres Gatten Zeus auslässt, weil sie ihn selbst nicht bestrafen kann.
Zwar ist das Buch insgesamt informativ, doch sind Golds Ausführungen nicht immer überzeugend. So erkennt sie zwar sehr wohl, dass Pandora „ein Opfer der Götter“ ist, aber eben darum ist ihr Befund, „die Geschichte“ habe „in puncto Frauenfeindlichkeit einiges zu bieten“, keineswegs die einzige mögliche Lesart. Sie kann auch so interpretiert werden, dass sie den Objektstatus der Frau/Pandoras im Streit zwischen Männern (Zeus und Prometheus) verdeutlicht. Denn Zeus lässt sie sich von einem anderen männlichen Gott, Hephaistos, schaffen, um die Menschen, die hier als Männer zu denken sind, dafür zu strafen, von Prometheus das Feuer erhalten zu haben. Männliche Götter benutzen die Frau also, um sich an menschlichen Männern zu rächen. Interessant hingegen ist Golds Hinweis, „dass feministische Wissenschaftlerinnen noch immer damit beschäftigt sind, beide Pandoras, die Geberin ebenso wie die Zerstörerin zu dekonstruieren“. Bedauerlicherweise verzichtet sie auf einschlägige Literaturhinweise.
Zu kurz greift auch ihre Auslegung, Aphrodite habe den Trojanischen Krieg ausgelöst. Sie begründet das damit, dass die Göttin Paris bestochen hat, damit er ihr den goldenen Apfel gibt. Unerwähnt lässt Gold, dass auch die anderen beiden Göttinnen, Athene und Hera, versuchten, Paris zu bestechen. Außerdem hat das Ganze (wie eigentlich alles in den antiken Mythen) eine Vorgeschichte, auf die Gold an anderer Stelle sogar zu sprechen kommt. Eris, die Göttin der Zwietracht, warf den goldenen Apfel mit der Aufschrift Der Schönsten in eine Hochzeitsgesellschaft, um sich dafür zu rächen, dass sie nicht eingeladen worden war. Zeus scheute sich davor zu beurteilen, wem der Apfel gebührte. Gleichgültig wie sie ausfallen sollte, würde seine Entscheidung zu Ärger führen. So schusterte er Paris die heikle Aufgabe zu.
Dass die Autorin Kassandra mit dem misogynen Begriff der „Mätresse“ Agamemnons belegt, muss einem Buch, das sich den Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat, als interpretatorischer Tiefpunkt angekreidet werden. Denn tatsächlich wurde sie von ihm als Sexsklavin aus Troja entführt. Gold erwähnt das zwar, bezeichnet Kassandra aber selbst dann noch die Gewalttat verschleiernd als Agamemnons „Konkubine“.
Die „Furien (oder Erinnyen)“ wiederum seien „euphemistisch als Eumeniden (die ‘Wohlwollenden’) bezeichnet“ worden. Zu diesen wurden sie allerdings erst nach ihrer von Aischylos in der Orestie erzählten ‚Domestizierung’ durch Athene.
Anderes ist hingegen sehr wohl plausibel. So weist Gold etwa darauf hin, dass „die Darstellung weiblicher Monster in der klassischen Mythologie […] die tiefsitzende Frauenfeindlichkeit [spiegelt], der Frauen in der Antike insbesondere dann ausgesetzt waren, wenn sie Macht ausübten oder die traditionelle Rollenverteilung in Frage stellten“. Es sind dann auch gerade diese, die sich ganz besonders für feministische Interpretationen anbieten. So erklärt die Autorin Medusa etwa zum „inoffiziellen Sinnbild der feministischen Wut“ und begründet nachvollziehbar, warum das so ist. Skylla und Charybdis sind zwei der wenigen weiblichen Figuren in der griechischen Mythologie, die „an einem Strang“ ziehen. Und die Sirenen waren einst „Frauen, die Frauen helfen“.
Abschließend ist noch eine das Buch als Ganzes betreffende Kritik vorzubringen. Gold behandelt entgegen dem Titel keineswegs nur Frauenfiguren der antiken Mythologie, sondern auch schon mal eine Figur aus den Mythen der Maori. Im Falle der Kriegerinnen sind die Frauen der griechischen Antike sogar deutlich in der Minderheit. Das mag daran liegen, dass es, abgesehen von den Amazonen mit Atalante nur eine Einzige gibt. Vermutlich ist dies der Grund dafür, dass die Autorin auch die nordischen Walküren, Srikandi aus dem hinduistischen Mahabharata, die altägyptische Göttin Sachmet und die historische Jeanne d’Arc als Kriegerinnen aufgenommen hat. Zuletzt noch zwei formale Kritikpunkte: Quellen werden selten genannt und nie ausgewiesen und einige der Seiten sind lila unterlegt. Für ihre Lektüre sind recht gute Augen erforderlich.
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