Die außergewöhnliche Liebesgeschichte von „Lou“ und „Schnucke“

Dagmar von Gersdorff zeichnet in der lesenswerten Doppelbiographie „Alle Schönheit, aller Zauber“ das Leben von Lucie und Hermann von Pückler-Muskau nach

Von Horst SchmidtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Horst Schmidt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1938 geborene Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Dagmar von Gersdorff konnte sich seit den 1980er Jahren als Verfasserin viel gelesener populärwissenschaftlicher Biographien von literarisch und/oder historisch bedeutenden Persönlichkeiten profilieren – insbesondere der Goethezeit, wobei ihr Fokus auf Lebensbeschreibungen vor allem von Frauen liegt (zum Beispiel Sophie Brentano-Mereau, Bettine von Armin, Caroline von Humboldt und diverse Damen aus dem Goethe-Umfeld).

Ihr jüngstes Buch Alle Schönheit, aller Zauber ist eine kurzweilig zu lesende Doppelbiographie eines der bekanntesten und faszinierendsten Liebespaare der deutschen Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Es widmet sich den eng miteinander verwobenen Lebensgeschichten von Fürst Hermann von Pückler-Muskau (1785-1871) und seiner neun Jahre älteren Gattin (von 1817 bis zur skandalösen Scheidung 1826) beziehungsweise Lebensgefährtin Fürstin Lucie von Pückler-Muskau (1776-1854), die er in Briefen zärtlich „Schnucke“ nannte, während sie ihn nach seinem zweiten Vornamen Ludwig als ihren „Lou“ bezeichnete.

Lucie war eine Tochter des preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg und in erster Ehe (1796-1817) verheiratet mit dem fünf Jahre älteren Reichsgrafen Karl Theodor Friedrich zu Pappenheim, mit dem sie drei Töchter hatte, von denen zwei bereits in früher Kindheit starben. Zur Tochter Adelheid von Pappenheim (1797-1848) pflegte Lucie Zeit ihres Lebens eine innige Beziehung, desgleichen zur Pflegetochter Helmine, die vermutlich das Ergebnis einer außerehelichen Affäre Lucies war.

Hermann von Pückler-Muskau kann mit Fug und Recht als eine der schillerndsten europäischen Persönlichkeiten dieser Zeit bezeichnet werden. Als Reiseschriftsteller war er einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bücher des polyglotten Globetrotters wie die vom alten Goethe äußerst wohlwollend rezensierten Briefe eines Verstorbenen (1830), Tutti Frutti (1835) oder Aus Mehmet Alis Reich (1844) erzielten hohe Auflagen.

Als extravaganter Abenteurer, Dandy, Frauenheld und Lebenskünstler, der einen kostspieligen Lebenswandel führte, genoss er einen legendären Ruf. Als „Gartenkünstler“ schuf er Landschaftsgärten wie die faszinierenden Parkanlagen von Muskau und Branitz, die bis heute touristische Magneten sind und bewundert werden.

Pückler, der sich selbst einmal originell als „hochmütig durch Geburt und liberal durch Nachdenken und Urteil“ charakterisierte und mit Schriftstellern wie Heinrich Heine, Heinrich Laube und Karl August Varnhagen von Ense befreundet war, hinterließ einen riesigen schriftlichen Nachlass. Seine umfangreichen und vielfältigen Korrespondenzen sind bis heute nicht vollständig erschlossen. Eine kritische Gesamtausgabe seiner derzeit größtenteils vergriffenen literarischen Schriften und seiner Briefwechsel bleibt ein Desiderat der Forschung.

Welch großen Anteil Lucie von Pückler-Muskau am landschaftsgestalterischen und literarischen Werk (zum Beispiel am 1834 erschienenen und bis heute immer wieder neu aufgelegten Sachbuch Andeutungen über Landschaftsgärtnerei) ihres Mannes hatte, mit dem sie auch nach der aus finanziellen Gründen erfolgten formellen Scheidung und trotz dessen unzähliger amouröser Affären bis an ihr Lebensende in Liebe und Leidenschaft verbunden blieb, schildert Dagmar von Gersdorff mit viel Empathie für die Heldin und den Helden ihrer Pückler-Doppelbiographie gleichermaßen unterhaltsam wie historisch aufschlussreich.

Für ihr lesenswertes Buch, das einen gewichtigen Beitrag zur Kulturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts darstellt, konnte Dagmar von Gersdorff nicht nur auf die umfangreiche Pückler-Sekundärliteratur zurückgreifen, sondern auch auf neue, hier erstmals ausgewertete Quellen, die erst 2009 in das Pückler-Archiv in Branitz gelangt sind. Hierbei handelt es sich um Archivalien aus Dänemark, die aus dem Familienumfeld von Lucie von Pückler-Muskau stammen – darunter insbesondere der Briefwechsel Lucies mit ihrer Tochter Adelheid.

Titelbild

Dagmar von Gersdorff: ‚Alle Schönheit, aller Zauber‘. Lucie und Hermann von Pückler.
Insel Verlag, Berlin 2026.
280 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783458645757

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