Mit dem Schäferspiel „wolken-an“

Hartmut Laufhüttes Auswahl lädt dazu ein, den Barockdichter und Pegnitzschäfer Sigmund von Birken vierhundert Jahre nach seiner Geburt neu zu entdecken

Von Florian BirnmeyerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Florian Birnmeyer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 5. Mai 2026 fand in der Nürnberger Stadtbibliothek ein Symposium anlässlich des 400. Geburtstags von Sigmund von Birken statt. Der Dichter wurde am 25. April 1626 in Wildstein als Sigmund Betulius geboren. Das Symposium bildete zugleich den Auftakt zur Ausstellung BIRKEN 400, die ihn als Barockdichter, Netzwerker und prägenden Präses des Pegnesischen Blumenordens würdigte. Die Vorträge beleuchteten unter anderem Birkens Förderung literarisch tätiger Frauen, seine Bedeutung für den Blumenorden, seine Einbindung in die europäische Gelehrtenrepublik und die Frage, welchen Platz sein Werk heute im Schulunterricht einnehmen könnte. Hartmut Laufhütte stellte bei dieser Gelegenheit eine von ihm herausgegebene Auswahl namens Ausgewählte Gedichte für Leser von heute vor.

Der Pegnesische Blumenorden, lateinisch Societas Florigera ad Pegnesum, wurde 1644 als Nürnberger Sprach- und Literaturgesellschaft gegründet. Sein Name leitet sich von dem Fluss Pegnitz ab, an deren Auen sich die Dichter trafen. Der Blumenorden ist die einzige Sprach- und Literaturgesellschaft aus der Barockzeit, die bis heute ununterbrochen fortbesteht. Seine Gründer Georg Philipp Harsdörffer und Johann Klaj orientierten sich an der Fruchtbringenden Gesellschaft, dem sogenannten Palmenorden. Dieser stand seinerseits in der Tradition der italienisch-humanistischen Akademiebewegung.

Die Mitglieder des Blumenordens nannten sich „Pegnitzschäfer“ und kultivierten zunächst vor allem Formen der Schäferdichtung. Zugleich widmete sich die Gesellschaft der Pflege der deutschen Sprache und Literatur. Nachdem Klaj und Harsdörffer früh verstorben waren, übernahm Sigmund von Birken eine entscheidende Rolle. Seit 1662 stand er dem Orden als Präses vor und hauchte ihm neues Leben ein. Unter seiner Leitung wurden zahlreiche neue Mitglieder aufgenommen, darunter auch literarisch tätige Frauen.

Birken war bereits 1655 von Kaiser Ferdinand III. geadelt und zum Hofpfalzgrafen ernannt worden. Er gehörte außerdem der Fruchtbringenden Gesellschaft an und war weit über Nürnberg hinaus literarisch vernetzt. Seit 1646 arbeitete er auf seinen Reisen als Hofmeister, also als Lehrer und Erzieher, unter anderem in Wolfenbüttel. Nachdem diese Tätigkeit eher unfreiwillig geendet hatte, reiste er durch Norddeutschland und lernte dort weitere bedeutende Autoren kennen, darunter den Dichter und evangelischen Pastor Johann Rist.

Der begrenzte Raum einer Rezension reicht nicht aus, um Birkens bewegte Biografie und sein weitgespanntes Beziehungsnetz vollständig darzustellen. Hartmut Laufhütte gelingt dies in seinem Vorwort jedoch auf anschauliche und wissenschaftlich fundierte Weise. Die Leserinnen und Leser erfahren nicht nur Wesentliches über den Lebenslauf des Dichters Betulius (beziehungsweise von Birken), sondern auch über die Entstehung, Reihenfolge und historischen Zusammenhänge seiner Werke.

Birkens umfangreiches lyrisches Schaffen ist häufig an konkrete Lebenssituationen und gesellschaftliche Anlässe gebunden. Viele seiner Texte lassen sich daher als Gelegenheits- oder Situationsgedichte bezeichnen – eine für die Literatur des Barock charakteristische Form, die keineswegs mit dichterischer Beliebigkeit verwechselt werden sollte. Vielmehr zeigt sich gerade in der Bindung an einen bestimmten Anlass die Fähigkeit des Autors, gesellschaftliche Beziehungen in poetische Sprache zu überführen.

Zahlreiche Gedichte richten sich an Angehörige des Adels, an Gräfinnen und Grafen, Magister und Theologen, aber auch an andere Mitglieder des Blumenordens, die mit ihren Ordensnamen angesprochen werden. Birken schreibt aus Anlass einer Hochzeit, als Dank für ein Geschenk, zur Bewältigung von Trauer oder als Ausdruck von Freundschaft, Liebe, Gunst und Wertschätzung.

Dabei erfüllte seine Dichtung auch eine soziale Funktion: Sie festigte Birkens Beziehungen innerhalb einer gelehrten und höfischen Gesellschaft. Man könnte ihm deshalb Schmeichelei vorwerfen. Doch ein solches Urteil würde die materiellen Bedingungen barocker Autorschaft ausblenden. Birken war auf die Unterstützung adeliger Mäzene und Förderer angewiesen und litt zeitlebens unter finanziellen Schwierigkeiten. Von seiner Dichtung allein konnte er nicht leben.

Heute ist Sigmund von Birken außerhalb der Barockforschung und der Nürnberger Literaturgeschichte nur noch wenigen bekannt. Ausstellungen wie BIRKEN 400 und Editionen wie die vorliegende können dazu beitragen, dies zumindest auf regionaler Ebene zu ändern. Die Auswahl zeigt, dass Birken keineswegs ausschließlich schwermütig über Tod und Vergänglichkeit schreibt. Er kann auch heiter, verspielt und überraschend gegenständlich sein. Seine Gedichte handeln etwa von einer Gans, einem Blumenstrauß, einem Schuh oder einem geliebten Beutel:

Auch wann ich geh zu Grab,
soll sie auch mit mir gehen, die theuerwehrte Gab.
Noch Leben ie, noch Tod, soll uns geschieden sehen,
wohin mich mögen auch die Unglücks winde wehen.
Gedächtniß Sylvien, ihr hände-Meisterstück!
dich lässtet Floridan an keinen Ort zurück.

Der Beutel wird hier mit jener pathetischen Sprache bedacht, die sonst einer geliebten Person vorbehalten sein könnte. Gerade aus diesem Missverhältnis entsteht die Komik. Zugleich zeigt der Ausschnitt Birkens formale Sicherheit und seine Fähigkeit, selbst einen alltäglichen Gegenstand in eine kunstvolle poetische Ordnung zu überführen.

Seine besondere Stärke liegt in der Beherrschung barocker Formen, vor allem des Sonetts. In An die Magaris. Als sie ihm einen Blumenbusch gesendet verbindet sich der Dank für ein Geschenk mit einer Liebes- und Freundschaftserklärung:

Wie soll ich immer dir, ô du mein andres Leben
ablegen satten Dank, abstatten meine Pflicht
für diese liebe Gab, die meine Sinnen bricht,
die ein so schöne Hand gewunden und gegeben?
wie süß ist der Geruch, den diese Blumen weben;
noch süsser, Die sie gab. Nim hin, ô du mein Liecht!
was aber? hier, mein Herz. Dann bässers hab ich nicht.
doch soll mein Schäferspiel dich wolken-an erheben.

Der Blumenstrauß wird nicht nur beschrieben, sondern zum Ausgangspunkt einer kunstvollen Steigerung. Sein Duft ist süß, noch süßer jedoch diejenige, die ihn überreicht hat. Weil der Sprecher nichts Wertvolleres besitzt, bietet er schließlich sein Herz und seine Dichtung als Gegengabe an. Gerade eine Wortfügung wie „wolken-an“ macht den historischen Reiz dieser Gedichte aus. Die Sprache wirkt unverkennbar barock, bleibt aber auch für heutige Leserinnen und Leser zugänglich. Ihre Fremdheit muss nicht beseitigt werden, denn sie ist ein wesentlicher Teil der poetischen Wirkung. Laufhüttes kenntnisreiche Einleitung liefert den notwendigen historischen Hintergrund, ohne die Gedichte unter gelehrten Erläuterungen zu begraben.

Mit Sigmund von Birken. Ausgewählte Gedichte für Leser von heute ist ein Band gelungen, der barocke Dichtung in die Gegenwart hinüberträgt, ohne ihre Eigenart einzuebnen. Die Auswahl zeigt Birken als virtuosen Formkünstler, humorvollen Gelegenheitsdichter und geschickten literarischen Netzwerker. Zugleich erinnern seine Gedichte daran, dass selbst die scheinbar vergänglichen Anlässe eines Lebens durch Sprache über Jahrhunderte hinweg bewahrt werden können.

Titelbild

Sigmund von Birken: Martinsgans und Tugendhügel. Ausgewählte Gedichte für Leser von heute.
Hg. und mit einer Einleitung sowie Erläuterungen versehen von Hartmut Laufhütte.
Ralf Schuster Verlag, Passau 2026.
XXIII, 192 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783940784704

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch