Zeugnisse einer Künstlerbekanntschaft

In dem anschaulichen kleinen Band „Leo von König und Rainer Maria Rilke“ ediert der Kunsthistoriker Bernhard Maaz den Briefwechsel und stellt die Beziehung der beiden Künstler anhand persönlicher Textdokumente vor

Von Thomas MerklingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Merklinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinem Brief vom 08. November 1921 an Rainer Maria Rilke lässt Leo von König nebenbei die Bemerkung fallen, dass auch Mathilde Tardif sich sicherlich über einige Zeilen des Dichters freuen würde. Diesen Brief gibt Rilke zusammen mit anderen per Post Ende Januar 1922 an seine Frau weiter und bemerkt dazu entschuldigend, dass er „Mathilde T.“ noch nicht geschrieben habe „– so ganz ohne Anlaß es vom Zaun zu brechen, scheint mir nicht richtig, vor allem, da es mir ja, weiß Gott, an immer wieder nachwachsenden Korrespondenzen nicht fehlt.“

Tatsächlich ist der Briefkorpus Rilkes ziemlich umfangreich. Die insgesamt neun Briefe, die Bernhard Maaz in dem kleinen Buch Leo von König und Rainer Maria Rilke: Korrespondenzen, Lektüren, Reminiszenzen zusammengetragen hat, nehmen im Schriftverkehr des Dichters nur einen geringen Platz ein. Auch inhaltlich entwickelt sich zwischen den beiden Künstlern kein intensiver Austausch. Leo von König hat sich, wie sein Lesetagebuch zeigt, etwas mit dem Schaffen des Autors beschäftigt, umgekehrt aber scheint das Interesse am Werk des Malers beim kunstaffinen Rilke weniger ausgeprägt gewesen zu sein. Von König war ab 1900 in Berlin tätig und Mitglied der Berliner Secession. Im Vergleich zu anderen Vertretern des deutschen Impressionismus wie Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann ist sein Name heute allerdings nicht so geläufig, obgleich er in seiner Zeit recht bekannt war. Er porträtierte nicht nur berühmte Künstler wie Käthe Kollwitz, Gerhart Hauptmann und Ernst Barlach, sondern fertigte auch Bilder von einigen Nazigrößen und deren Familien an. Einerseits wurde er von Teilen der nationalsozialistischen Riege als Porträtist geschätzt. Andererseits veranlasste Hitler 1937 in München das Entfernen eines Bildes von Königs aus der ‚Großen Deutschen Kunstausstellung‘. Im gleichen Jahr wurde auch das Gemälde Der barmherzige Samariter aus der Sammlung der Berliner Nationalgalerie genommen.

Im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts zu Leo von König beschäftigt sich der Kunsthistoriker Bernhard Maaz mit Textquellen des Malers und hat dabei auch Zugang zu privaten Dokumenten aus dessen Nachlass erhalten. Die vorliegende Veröffentlichung ist ein erstes Ergebnis dieser Forschungsarbeit. Im Zentrum stehen dabei die Briefe der beiden Künstler. Für die kleine, um Kommentare und Kontexte erweiterte Edition, die als 3. Band der Schriftenreihe der Fondation Rilke erscheint, hat Maaz aus öffentlichen Archiven und privatem Besitz insgesamt vier Briefe von Rilke und fünf von Leo von König zusammengetragen. Es geht in der bislang nur teilweise veröffentlichten Korrespondenz vorwiegend um wechselseitige Bitten und Anfragen. Hierzu gehören vier Briefe, die 2022 mit dem Rilke-Archiv Gernsbach an das Deutsche Literaturarchiv Marbach gekommen sind, sowie einer aus dem Schweizerischen Literaturarchiv Bern. Neben Briefen aus Privatbesitz präsentiert Maaz auch Auszüge aus einem Lesetagebuch Leo von Königs, worin dieser unter anderem Lektüren und Exzerpte von Rilke-Büchern festgehalten hat.

Die beiden Künstler trafen sich mehrmals persönlich, und die Tochter von Rilke und Clara Westhoff, Ruth, erhielt eine Zeit lang Malunterricht bei Leo von König. Für die Frage, wie sie miteinander in Kontakt gekommen sind, sieht Maaz Mathilde Tardif, die erste Ehefrau des Malers, als Bindeglied. Ein Exemplar von Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke aus Nachlassbesitz, das ihr Rilke mit recht persönlicher Widmung zu Weihnachten 1906 überreicht hat, legt nahe, dass sich Rilke und Tardif zu diesem Zeitpunkt schon besser gekannt haben dürften. Dieses Buch ist bereits im Zuge einer Ausstellung zu der Künstlerin genannt worden, und die von Maaz bildlich wiedergegebene Widmung findet sich im Wortlaut auch in dem begleitenden Bildband Die Malerin Mathilde Tardif von Ingrid von der Dollen. Maaz scheint aus dieser Widmung allerdings die These abzuleiten, dass sich Rilke und von König „zweifelsfrei“ über ihre (zukünftigen) Ehefrauen kennengelernt hätten, und geht dabei offenbar davon aus, dass Clara Westhoff und Mathilde Tardif Studienkolleginnen waren: „Die damals 34-jährige Widmungsempfängerin hatte parallel zu der etwas früher dort eingetretenen Clara Rilke-Westhoff seit 1901 an der Pariser Académie Julian studiert und in jenen Studienjahren den Maler kennengelernt, mit dem sie sich im Jahr 1907 verheiratete.“ Leo von König studierte aber schon früher, nämlich von 1894 bis 1897 in Paris; denselben Zeitraum nennt auch von der Dollen für Tardifs Studium an der Académie Julian. Im Jahre 1900 ist Leo von König zudem in Berlin, wohin ihm Mathilde Tardif folgt. Eine Verbindung über die beiden Frauen erscheint daher zeitlich weniger wahrscheinlich.

Der Briefwechsel zwischen Rilke und von König setzt mit einem auf den 13. November 1910 datierten Brief von Rilke ein, dem eine persönliche Begegnung vorausgeht. Das gemeinsame Interesse an El Greco wird dabei zum Anknüpfungspunkt. 1908, im Jahr nach ihrer Hochzeit, waren Leo von König und Mathilde Tardif zusammen mit dem Ehepaar Julius und Anna Meier-Graefe in Spanien. Von dieser Reise brachte von König zwei selbstgefertigte Kopien von Bildern des griechischen Malers aus dem Prado mit. Zumindest eine davon, Die Auferstehung Christi, befand sich dann in seinem Atelier. Für eine eigene Spanienreise erkundigt sich Rilke nach einer Hotelempfehlung für Toledo und fragt dabei nach der deutschen Übersetzung einer Monografie über El Greco, die Meier-Graefe besorgen sollte. Dazu kann Leo von König offenbar nichts sagen, nennt Rilke aber die Adresse des spanischen Autors in Madrid – es ist der Kunsthistoriker Manuel B. Cossío – mit dem Hinweis: „Die Bekanntschaft wird ein Genuß für Sie sein.“ Den Autor traf er wohl nicht, aber Rilke kaufte sich in Madrid zumindest Cossíos Buch über El Greco. Zuvor hatte er an von König aus Ronda geschrieben, dass er es notfalls im Original lesen müsse, sollte es nicht auf Deutsch erscheinen. Die Kaufentscheidung war wohl richtig, denn die Übersetzung kam nicht zustande.

Aus Leo von Königs Freundschaft mit Julius Meier-Graefe ergibt sich 1915 die Bitte an Rilke, eine öffentliche Solidaritätsbekundung mitzuunterzeichnen. Aufgrund seiner Expertise im Bereich der französischen Kunst sowie seiner Vermittlungsbemühungen wurde Meier-Graefe in deutschnationalen Kreisen diffamiert. Selbst nachdem er sich kurz nach Kriegsbeginn freiwillig für den Sanitätsdienst gemeldet hatte und in russische Kriegsgefangenschaft geriet, rissen die scharfen öffentlichen Anfeindungen nicht ab. Um seine Verteidigung zu übernehmen, verfasste Leo von König mit anderen Mitstreitern eine Solidaritätsannonce und leitete sie an Rilke weiter. Aus nicht näher bekannten Gründen lehnt Rilke allerdings ab, seinen Namen darunterzusetzen. Ob er seine Gründe schriftlich mitgeteilt hat, ist unklar; ein Antwortschreiben ist nicht vorhanden. Aus späteren Bemerkungen von Leo von König geht allerdings hervor, dass er von Rilkes Motiven weiß und sie offenbar nachvollziehen kann.

In den Briefen, die sich die beiden zuletzt schreiben, lässt sich keine Verstimmung erkennen. Sie sind nicht anlasslos, aber der Ton ist weiterhin freundlich, wenn Rilke die nach Berlin kommende Hedwig Jaenichen-Woermann empfiehlt. Das Antwortschreiben von Leo von König sowie ein späteres Gratulationsschreiben zur anstehenden Hochzeit von Rilkes Tochter sind sogar recht persönlich und lassen Neuigkeiten über die Familie einfließen. Im jovialen Duktus stellt von König seine neue Ehefrau und das Neugeborene vor, um dann auf Mathilde zu sprechen zu kommen: „Daß auch ich mich unter schweren Seelenkämpfen scheiden ließ, werden Sie gehört haben.“ Die Bemerkung fügt sich aber in ein durchgängiges Motiv des Briefwechsels ein, indem sie auf die Bitte zuläuft, Rilke möge ihr doch schreiben. Die gegenseitigen Briefe der beiden kennen gemeinsame Interessen und Bekannte, haben aber auch Anliegen.

Eine besondere Ergänzung der Edition ist das Lesetagebuch Leo von Königs. Seit 1915 geführt, gibt es Auskunft über seine Lektüren, hält dabei aber keine selbstständigen Leseeindrücke fest, sondern notiert lediglich einzelne Zitate, oftmals zu künstlerischen Themen. Es scheint in erster Linie zur persönlichen Erinnerung angelegt worden zu sein. Maaz bezieht sich hier vor allem auf die gelesenen Rilke-Texte; eine ausführlichere Darstellung dieses Lektüretagebuchs ist für eine spätere Veröffentlichung zu Leo von König vorgesehen. Früh schon, 1917 und wiederaufgenommen 1923, liest er Rilkes Rodin-Buch, später dann, 1935, die Briefe an einen jungen Künstler. In späteren Jahren, 1937, nimmt er den Erinnerungsband von Katharina Kippenberg Rainer Maria Rilke. Ein Beitrag zur Hand und holt ihn zwei Jahre später erneut aus dem Regal, als die Autorin ihn wegen eines Porträts kontaktiert. Mit dem Erscheinen des Briefwechsels mit Clara Westhoff-Rilke blättert er zudem in Rilkes Briefen an seine Frau, wobei er sich Stellen zu Paul Cézanne notiert – ein weiterer Künstler, den beide schätzten. Rilke hat den Plan verfolgt, etwas über ihn zu schreiben; Leo von König war sogar im Besitz eines Selbstbildnisses von Cézanne, das heute in Washington hängt.

Obgleich für Bernhard Maaz Leo von König im Vordergrund steht (was sich bereits an der Reihenfolge der Namen im Titel erkennen lässt), ergeben sich dennoch auch Meriten für die Rilke-Forschung. So wird der Briefwechsel der beiden Künstler präsentiert, wodurch sich biographische Marginalien zu Rilke ergeben. Leo von Königs Lesetagebuch mag zudem Details für die Rezeptionsgeschichte bereithalten, ist in jedem Fall aber eine schöne Zugabe zur Edition der Briefe. Dank des kunsthistorischen Schwerpunkts gewinnt man ein gutes Bild von Rilkes Briefpartner. Es kommt hinzu, dass nicht nur zentrale Quellendokumente abgebildet sind, sondern zudem eine Auswahl an aussagekräftigen Gemälden. So ergibt sich eine informative, klug kommentierte und schön gestaltete Darstellung der Brief-Beziehung der beiden Künstler.

Titelbild

Bernhard Maaz: Leo von König und Rainer Maria Rilke. Korrespondenzen, Lektüren, Reminiszenzen.
Schriften der Fondation Rilke, 3.
Schwabe Verlag, Basel 2026.
101 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783796555954

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