Auf der Suche nach der eigenen Stimme

Ingrid Kloser lotet in ihrem Roman „Regentropfen fallen langsam“ auf poetische Weise die Welt zwischen Klang und Stille aus

Von Michael FasselRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Fassel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ninas „Seele hat aufgehört zu singen.“ Dieses Problem bedroht ihre berufliche Zukunft und lässt ihr Selbstverständnis ins Wanken geraten. Ihre Stimme ist nämlich nicht bloß ihr Arbeitsmedium – sie ist ebenso identitätsstiftend. Ingrid Klosers Roman Regentropfen fallen langsam erzählt von Ninas Suche nach einem neuen Lebensweg und den Begegnungen mit den Menschen, die ihre Perspektive auf das Leben und insbesondere auf die Musik nachhaltig verändern.

Aufgrund des plötzlichen und nicht näher erklärten Stimmverlusts ist die junge Frau nach Wien gekommen, um bei der unkonventionellen Gesangslehrerin Eva Hilfe zu finden, die ihr von einer Kommilitonin empfohlen wurde: „Sie lebe in Wien und unterrichte ihre Schüler anders als alle anderen Lehrer, bei ihr könne die Stimme ihre Freiheit finden.“ Statt an der Wiener Universität zu studieren, wie sie es vor ihrem Bruder vorgibt, nimmt Nina fortan in Wien bei Eva Gesangsunterricht. Sie macht Fortschritte und strebt sogar danach, an international ausgerichteten Wettbewerben teilzunehmen. Während Eva ein solches Vorhaben kritisch sieht, wird Nina von ihrem Bruder zur Teilnahme ermutigt. Zu diesem pflegt Nina nämlich ein besonderes Verhältnis. Die in ausgewählten Rückblenden erzählte Familiengeschichte schildert Ninas Suche nach ihrer eigenen Stimme und setzt ihr gegenwärtiges Leiden auch in Bezug zu vergangenen Erfahrungen, wie dem frühen Tod der Mutter.

Als die japanische Künstlerin Yuko das Zimmer des WG-Freundes Marc bezieht, begegnet Nina einer Eigenwilligkeit ganz anderer Art als bei Eva. Yuko wird für Nina eine Mentorin – und vor allem: eine Seelenverwandte. Die Protagonistin lernt bei ihr das japanische Konzept des Ma kennen, das den bewusst gestalteten Zwischenraum beziehungsweise die bedeutungsvolle Leere beschreibt. Kloser greift diesen Gedanken auf und zeigt, dass gerade in Momenten des Innehaltens und der Stille neue Möglichkeiten entstehen können – so auch in der Musik. Nina lernt, den eigenen Ohren zu vertrauen, und beginnt, die Welt durch Yukos Blick genauer zu betrachten, indem sie verstärkt auf Details, seien es optische oder akustische Reize, achtet. Am eindrücklichsten ist die Szene, in der die beiden Frauen in Wien von einem Schauer überrascht werden und Yuko bemerkt, dass Regentropfen langsam fallen, nachdem sie den Kopf in den Regen gehalten hat:

Der Regen benetzte ihr Gesicht, doch sie rührte sich nicht. Sie stand in ihrem weißen Regenmantel da, und ich bemerkte, wie die Menschen einen Bogen um sie machten.

Die Handlung entwickelt sich langsam. Seine Dichte gewinnt der Roman vor allem aus der poetischen Sprache und den feinen Beobachtungen. Die Wiener Schauplätze sind genau beobachtet, wobei Kaffeehaus und Volksgarten nicht fehlen dürfen. So frühstücken Nina und Yuko häufig im Café Bräunerhof (Thomas Bernhards Lieblingscafé). Die Schauplätze dienen nicht bloß als Kulisse, sondern fungieren als Orte, wo sich die beiden Frauen gleichsam in der Öffentlichkeit zurückziehen können: „Yuko mochte das Café wegen der Nischen, in die man sich zurückziehen konnte.“ Die langsame Erzählweise lässt den Leser*innen Raum, sich auf Ninas Gedanken- und Gefühlswelt einzulassen. Ebenso nuanciert gezeichnet sind die eigensinnigen Figuren und ihre Beziehungen, und zwar weniger über die Dialoge als über Blicke. Dies gelingt nicht in erster Linie durch die authentischen Dialoge, als vielmehr durch Blickkontakte: „Ich setzte mich an den Bettrand und suchte Yukos Augen. Es war, als blickte ich in meine eigenen Augen […].“

Regentropfen fallen langsam verhandelt Verlust und die Möglichkeit von Neuanfängen, indem es die Themen Musik, Identitätsfindung, Erinnerung und zwischenmenschliche Begegnungen zu einer ruhigen und poetischen Erzählung verdichtet. Das Motiv des Ma verleiht dem Roman darüber hinaus eine philosophische Dimension und unterstreicht die Einsicht, dass Ninas anfängliche Krise nicht nur einen Bruch markiert, sondern Möglichkeiten eröffnet, neue Wege einzuschlagen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Ingrid Kloser: Regentropfen fallen langsam. Roman.
Piper Verlag, München 2026.
192 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783492073752

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch