Traumwachheit als Ort poetischen Sprechens

Jürgen Nendzas Gedichtband „Passagen mit Mauerbiene“ verbindet eindrucksvoll Naturlyrik mit historischen Bezügen

Von Jürgen GuniaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jürgen Gunia

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf der Innenklappe des neuen Gedichtbandes von Jürgen Nendza findet sich unter den Infos zur Person nicht wie üblich das Foto des Autors, sondern die Abbildung eines Gemäldes des Künstlers Dieter Laue. Das Gemälde hat Fließprozesse in Acryl gebundenem Pigment festgehalten und trägt den Titel „Fossil“. Die Kombination von Autoreninfo und Gemäldetitel erweckt den Eindruck, es handle sich um die augenzwinkernde Selbstcharakterisierung des Autors als „Fossil“: Immerhin gehört Nendza, Jahrgang 1957, zur Riege seit langer Zeit renommierter Lyriker:innen des deutschsprachigen Raums. Passagen mit Mauerbiene ist bereits der zehnte Gedichtband des in Aachen lebenden Autors.

Buchtitel wie Apfel und Amsel (2012) oder Auffliegendes Gras (2022) legen zudem den Eindruck nahe, dass Nendza vorwiegend Naturlyrik schreibt. Das trifft zumindest für Passagen mit Mauerbiene auch zu. Im Abschnitt „Wildblumen“ widmet er sich dem Klatschmohn oder der Margerite, in „Wandelwald“ dem Feldahorn oder der Esskastanie, und in „Streuschatten“ – dem allerersten Abschnitt – spielt die titelgebende Mauerbiene als „Bauchsammlerin“ eine wichtige Rolle. Der Abschnitt „Stirn und Geschiebe“ führt offenbar hinein in ein Naturschutzgebiet in Fischland-Darß-Zingst, wo Natur auf Kultur trifft – auf Menschengeschichte also und somit auf vergangene und gegenwärtige Bedrohungen: „Betonplatten“ geraten in den Blick, und selbst in der Luft herrscht „Sperrgebiet“. Überdies mischt das Plakat einer rechtsextremen Partei das Bild auf, und „Göring auf dem Fahrrad“ erscheint. Dass die Gedichte alles andere als billige Naturromantik liefern, wird bereits bei der titelgebenden Mauerbiene deutlich, enthält doch ihr Name das von Menschen Gemachte – eben die Mauer –, wobei die Biene zugleich eine alte Chiffre des Poetischen ist.

An einer Stelle macht sich das Ineinander von Natur und Kultur auf fast schon brutale Weise bemerkbar: „Tjulpan, / Pan, lafettiertes Licht“ lautet der Vers, der mit „Tjulpan“ das russische Wort für Tulpe verwendet, das jedoch die Zweitbedeutung „Granatwerfer“ besitzt, also wie „lafettiert“ einen kriegerisch-gewaltsamen Kontext aufruft. Im Gegensatz zu dieser semantischen Schwere trifft man in anderen Versen eher auf wortspielerische Leichtigkeit, wenn etwa vom „Singflug“ der Lerche die Rede ist. Eine Wortschöpfung, die den Rezensenten an Gabriele Grünzweigs „Singlust“ der Nachtigall aus ihrem fast zeitgleich zu den Passagen erschienenen Band Erfasst von dieser Nachtverwandlung erinnert.Andere Lyriklesende werden vielleicht an die rhythmisierten Wahrnehmungskonzentrate Nico Bleutges denken, an die poetischen Geländegänge Christoph Wenzels oder an die impressionistischen Protokolle Farhad Showgis.

In formaler Hinsicht finden sich in Nendzas neuestem Lyrikband neben den für ihn typischen zweizeiligen Strophen auch kurze Kompaktgedichte und konstellativ-mäandernde Schreibweisen. Dabei wird oft eine semantische Unschärfe produktiv gemacht. Es dominiert das nur halb Sichtbare, Vibrierende: Lesend begibt man sich folglich ins „Halbdunkel“, in die „Dämmerzone“ oder in den „Laubschatten“, um dort „Licht im Fleckentanz“, „Luft, die schwingt“, „Flimmerluft“ oder auch „Blattflattern“ zu erleben. Es bestätigt sich ein Satz, mit dem der Literaturwissenschaftler (und Lyriker) Jürgen Egyptien einmal Nendzas Lyrik charakterisiert hat: „Traumwachheit manifestiert sich als der genuine Ort des poetischen Sprechens.“

Ein imperativisch geprägtes Gedicht lässt sich geradezu als freundliche Aufforderung verstehen, an den sich in dieser Traumwachheit ereignenden Prozessen teilzuhaben. Es entstammt dem Abschnitt „Teilungsaktives Gewebe“, der offenbar auf ein gemeinsames Projekt mit Dieter Laue zurückgeht und mit dem eingangs genannten Gemälde „Fossil“ kommuniziert:

Komm lass uns
In die Tropfpunkte steigen,
auf die kleinen honigfarbenen Inseln
gesäumt mit unserer Bewegung
und diesem ringförmigen Echo aus Schnee:
lass uns Aufwind sein, Quellwolke
die unseren Blick vermischt
mit Champagnerkreide ins Grauviolett
in die Vibration an den Rändern
von Farbe und Körper,
wo eine Dauer uns findet,
als erhielten wir Tage und Nächte
zurück ohne zu enden.

Was bei Nendzas Gedichtband wohltuend auffällt: Er enthält keine Widmungen oder Danksagungen an andere Lyriker:innen, er pflegt kein verkrampftes Spiel mit Mythologemen, um die Bedeutsamkeit der Verse aufzuplustern und Anspruch auf Kanonzugehörigkeit anzumelden. Nendza schreibt nicht für andere Schriftsteller:innen oder ein zuvorderst akademisches, philologisch gebildetes Publikum. Letzteres darf sich bei der Suche nach intertextuellen Anspielungen durchaus über das eine oder andere Osterei freuen – etwa wenn nebenbei Novalis‘ „Blüthenstaub“ in die Verse geträufelt wird. Grundsätzlich aber ist Intertextualität kein zentrales Merkmal seiner Gedichte. Nenzda schreibt zuerst und vor allem für lyrikbegeisterte Leser:innen. Ja, doch, seine Verse sind anspruchsvoll, man muss sich Zeit für sie nehmen. Sie wollen das Denken auf Trab bringen, und sie setzen Wissen voraus: Im Anmerkungsteil des wieder im poetenladen erschienenen und wie immer mit dezenter Eleganz aufgemachten Bandes erfährt man beispielsweise, dass „Hundemüller“ der Spitzname für ein „Hochrangiges SS-Mitglied“ war, und „halbseitiger Schlaf“ auf das „Schlafverhalten fast aller Wale“ verweist. Auch etwas über Ausgrabungen in Köln-Lindenthal oder ein Waldlabor in Köln-Marsdorf kann man hier nachlesen und dass zumindest einigen Gedichten Vor-Ort-Recherchen vorausgingen. Die Gedichte sind aber so gestaltet, dass sie auch ohne dieses Kontextwissen lesbar sind.

Nendzas lyrische Texturen sind trotz der historischen Verweise auf – man entschuldige das altmodische Wort – betörende Weise schön. Es sind ästhetisch ansprechende Fossilien, die in ihrem „gestauten Zauber“ (Nendza) selbstbewusst auch Kitschanfälligkeit in Kauf nehmen dürfen. Nach der Lektüre mag man sich deshalb gerne in jenes schwärmerische Pathos fallen lassen, das der Rezensent unlängst in einem Buch der britischen Autorin Samantha Harvey zu lesen bekam: „Lyrik kann Sprache so drehen, dass die Welt in Bewegung gerät, in eine Bewegung, die zu klein ist, um öffentliches Aufsehen zu erregen, doch groß genug, um ein einzelnes Leben ganz leicht aus der Bahn zu bringen, so dass es nie wieder dasselbe sein wird.“

Titelbild

Jürgen Nendza: Passagen mit Mauerbiene. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2026.
88 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783948305345

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