Risse in der Komfortzone

Nathan Devers berichtet in seinem autobiografischen Essay „Gegen sich selbst denken“ von seinem Weg aus der Orthodoxie und darüber, was passiert, wenn wir unsere sichersten Glaubenssätze nicht mehr verteidigen, sondern gezielt attackieren

Von Sebastian MeißnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sebastian Meißner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gehört zu den alten, nie ganz erledigten Widersprüchen der Moderne, dass Glaube und Wissenschaft, Religion und Philosophie einander nicht nur bekämpfen, sondern auch fördern. Wer glaubt, will wissen. Wer wissen will, gerät ins Fragen. Und wer lange genug fragt, bemerkt irgendwann, dass die Gewissheiten, aus denen er kommt, nicht einfach verschwinden, nur weil er sie nicht mehr teilt. Genau in diesem Zwischenraum bewegt sich Nathan Devers’ autobiografischer Essay Gegen sich selbst denken: nicht als Bekenntnisgeschichte, nicht als Abrechnung, sondern als Versuch, die eigene geistige Herkunft so ernst zu nehmen, dass sie fragwürdig werden darf.

Vom Bedürfnis nach Ordnung

Devers erzählt von einem Jugendlichen, der nicht aus religiöser Strenge in die Freiheit flieht, sondern zunächst den umgekehrten Weg nimmt. Aufgewachsen in einem liberalen jüdischen Elternhaus im Pariser Westen, entdeckt er das orthodoxe Judentum als Form, als Disziplin, als Versprechen von Sinn. Er trägt die Kippa, hält den Schabbat ein, besucht eine jüdische Schule und stellt sich zeitweise ein Leben als Rabbiner vor. Dass ein Kind freiwillig nach Regeln sucht, ist der eigentliche Skandal dieses Buches: nicht die spätere Abkehr vom Glauben, sondern die frühe Sehnsucht nach einer Welt, in der alles seinen Platz hat.

Gerade darin liegt eine der Stärken dieses Essays. Devers macht es sich nicht leicht. Er denunziert sein früheres Ich nicht als verblendet und stilisiert den späteren Philosophen nicht zum Sieger über die Religion. Vielmehr interessiert ihn jener Moment, in dem Gehorsam nicht als Unterwerfung erscheint, sondern als Antwort auf die Unübersichtlichkeit des Lebens. Die minutiösen Vorschriften des Schabbats, die im Input mit fast komischer Konkretion beschrieben werden – kein Licht, kein elektronischer Türcode, selbst kein zerrissenes Toilettenpapier am falschen Tag –, erscheinen zunächst nicht als Absurdität, sondern als Architektur eines Daseins. 

Das Buch umfasst elf Kapitel, gerahmt von Widmung und Epilog. Einige Kapitel tragen bloß numerische Bezeichnungen, andere programmatische Titel wie „Die Namen kommen von anderswo“ oder „Dinge sind Worte“. Diese Mischung passt zum Verfahren des Textes: Biografische Erinnerung, religiöse Genealogie, philosophischer Essay und Sprachreflexion greifen ineinander, ohne sich in eine lineare Entwicklungsgeschichte pressen zu lassen. 

Der Fundamentalismus als Enttäuschung der Ernsthaftigkeit

Die Krise beginnt nicht mit einem großen äußeren Ereignis. Sie beginnt mit der Erfahrung, dass der Glaube, je radikaler er gelebt wird, seine eigene Dämonie hervorbringen kann. Devers begegnet Lehrern und Mitschülern, deren religiöse Gewissheit in Ausgrenzung umschlägt. Besonders eindrücklich ist das im Input zitierte Bekenntnis: „Sprachlos lernte ich den Fundamentalismus kennen […].“ Aus frommen Gesten werden Ressentiments, aus moralischer Strenge wird Menschenverachtung. Der junge Nathan entdeckt, dass Dogmen nicht nur Halt geben, sondern auch den Blick verengen können. 

Interessant ist, dass der Essayist die Religion nicht einfach durch Philosophie ersetzt. Der Weg aus der Orthodoxie führt nicht in eine neue Lehre, sondern in eine Praxis des Fragens. Philosophie bedeutet hier keine bequeme Überlegenheit gegenüber dem Glauben, sondern eine Zumutung: sich selbst fremd zu werden, den eigenen Ursprung nicht zu verleugnen und dennoch gegen ihn anzudenken. So gewinnt der Titel seine doppelte Bedeutung. Gegen sich selbst zu denken heißt, die eigenen Voraussetzungen nicht zu schonen. Es heißt aber auch, ihnen nicht zu entkommen.

In diesem Sinn ist Gegen sich selbst denken weniger eine Konversionsgeschichte als eine Geschichte der Übersetzung. Was religiös begann, wandert in die Literatur, in die Philosophie, in die Sprache. Die Namen Baudelaire, Proust, Heidegger, Barthes oder Simone de Beauvoir markieren dabei nicht bloß Bildungsgut. Sie stehen für neue Resonanzräume eines Denkens, das seine alte Form verloren hat, aber seine Intensität behält. 

Zu den schönsten Passagen gehören die Erinnerungen an die Synagoge, an Stimmen, Rituale, Eigenheiten – an ein religiöses Milieu, das Devers mit Spott, Zärtlichkeit und Distanz zugleich beschreibt. Nie klingt der Essay stärker, als wenn er die verlorene Welt nicht erklärt, sondern hörbar macht. Das Hebräische erscheint nicht nur als Sprache eines Glaubens, sondern als Nachhall einer Herkunft. Wenn Devers von seiner „gestorbenen Kultur“ spricht, ist darin keine triumphale Befreiung zu hören, sondern Trauer über etwas, das gerade im Verlust gegenwärtig bleibt. 

Eleganz und gelegentliche Selbstverliebtheit

Stilistisch bewegt sich der Autor zwischen erzählerischer Verdichtung, rhetorischer Wiederholung und essayistischer Abschweifung. Das kann brillant sein, mitunter aber auch eine Spur zu bewusst brillant. Der Satz „Das Verfassen dieses Buchs hat mir geholfen zu verstehen, was den Ausschlag dafür gegeben hat, warum ich nicht Rabbiner geworden bin“ benennt das Projekt mit fast programmatischer Klarheit. Zugleich zeigt sich an solchen Stellen der Hang zur Selbstinszenierung, der diesem jungen, medial präsenten Intellektuellen nicht völlig fremd ist.

Doch gerade weil Devers Pathos riskiert, entgeht sein Buch jener trockenen Vernünftigkeit, mit der philosophische Selbstverständigungen oft daherkommen. Er schreibt nicht kühl über Religion, sondern aus einer Nähe heraus, die auch nach dem Bruch nicht erledigt ist. André Hansens Übersetzung hält diese Beweglichkeit offenbar überzeugend zusammen: den Witz, die Melancholie, die gedankliche Schärfe und die gelegentliche Lust an der großen Geste. 

Gegen sich selbst denken ist damit ein kluges, elegant komponiertes und stellenweise funkelndes Buch über den Verlust des Glaubens, ohne die billige Geste der Entlarvung. Es zeigt, dass Philosophie nicht dort beginnt, wo Religion endet, sondern dort, wo ein Mensch bereit ist, die eigenen Gewissheiten infrage zu stellen. Der Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft, Religion und Philosophie wird bei Devers nicht aufgelöst. Er wird produktiv gemacht.

Titelbild

Nathan Devers: Gegen sich selbst denken.
aus dem Französischen von André Hansen.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2026.
256 Seiten, 27,00 EUR.
ISBN-13: 9783103976687

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