Der Vorhang fällt …
Ein Streitgespräch über Don Winslows vermeintlich letztes Krimibuch „The Final Score“ – wie er kleine Helden cool macht und auf moralisches Kalkül setzt
Von Michael Braun
und Christoph Braun
Meist sind wir, mein Sohn (Bachelor in Architektur) und ich, uns einig über Don Winslow. Der Bestseller-Autor schreibt seit Jahrzehnten hammerharte Detektivgeschichten. Die Spannung läuft auf hoher Dauerfrequenz, ob mit dem Groove der kalifornischen Surferszene oder mit dem Tempo einer einfahrenden New Yorker U-Bahn. Das gilt für die Kartell-Saga, die Boone Daniels-Romane und die Savages-Reihe sowie für die Standalones, die eigenständigen Romane. Nur bei der jüngsten Novellen-Sammlung The Final Score waren wir uns uneinig. Die Begeisterung des Vaters konnte Christoph nicht teilen. Und so haben wir über das neue Buch des Autors debattiert. Es soll nach dessen Worten sein letztes sein. Genau in der Mitte enthält es auch ein Gespräch zwischen zwei Amateur-Gangstern, die sich tarantinoesk über das Wahre und Gute an Geschichten streiten.
MB: Ist es nicht so bei Winslow: Er kann nur gute Krimis schreiben, wenn seine Helden ein Problem haben?
CB: Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass er keine guten Romane schreiben kann, wenn seine Helden kein Problem haben.
MB: Gut, das ist ja schon mal etwas Positives, denn genau diese Argumentationsfigur prägt Winslows Stil: eine Inversion, die mit der Logik spielt. In der Titelgeschichte sehen wir einen kiffenden Fluchtpiloten in der Wüste, und unser Held wundert sich: „Kann Harley überhaupt fliegen, wenn er high ist?“ Und seine rechte Hand Jamal antwortet: „Keine Ahnung, ich weiß nur, dass er’s nicht kann, wenn er nicht high ist.“ Winslow feiert die Kompetenz von Anomalität. Die kleineren Helden funktionieren nur, wenn sie ihre Fehler kultivieren. Und sie kommen bei uns gut an, weil der Autor ihnen damit einen moralischen Persilschein verpasst. Das ist perfekte Imagepflege für die schwächeren Gangster.
CB: Ja, Winslow macht so auch seine kleinen Leute cool. Aber mir ist das zu viel moralisches Kalkül.
MB: Was meinst Du damit? Rechtschaffene Risikokalkulierer sind Winslows Gangster ja nicht.
CB: Aber Gangster mit zu viel Gewissen und einem persönlichen Ehrenkodex. Sie stellen den Familienfrieden übers Verbrechen. Und sind einfach mit ihren Skrupeln zu klein für große Coups. Warum, zeigt eben die Titelgeschichte. John Highland ist ein Profiräuber, der Richtung Rente geht. Nach einem verpatzten Geldtransporter-Überfall steht ihm eine lebenslange Haftstrafe bevor. Gangster in anderen Krimis haben für solche Fälle entweder einen schlauen Anwalt oder einen stabilen Fluchtplan. Nicht so Highland. Er rüstet sich zu einem praktisch unmöglichen Coup auf ein burgartig bewachtes Spielcasino, das mexikanisches Drogengeld wäscht. Damit verschafft er sich ein moralisches Alibi. Niemand wird ihn anklagen, wenn in der Casinokasse Millionen von schmutzigen Dollars fehlen, weil die Geldwäscher sich bedeckt halten müssen; sonst würden sie ja auffliegen. Und mit dem Geld sichert er seine Frau ab, die dann auch noch Jewel heißen muss, damit es auch der langsamste Leser merkt.
CB: Aber Gangster mit zu viel Gewissen und einem persönlichen Ehrenkodex. Sie stellen den Familienfrieden übers Verbrechen. Und sind einfach mit ihren Skrupeln zu klein für große Coups. Warum, zeigt eben die Titelgeschichte. John Highland ist ein Profiräuber, der Richtung Rente geht. Nach einem verpatzten Geldtransporter-Überfall steht ihm eine lebenslange Haftstrafe bevor. Gangster in anderen Krimis haben für solche Fälle entweder einen schlauen Anwalt oder einen stabilen Fluchtplan. Nicht so Highland. Er rüstet sich zu einem praktisch unmöglichen Coup auf ein burgartig bewachtes Spielcasino, das mexikanisches Drogengeld wäscht. Damit verschafft er sich ein moralisches Alibi. Niemand wird ihn anklagen, wenn in der Casinokasse Millionen von schmutzigen Dollars fehlen, weil die Geldwäscher sich bedeckt halten müssen; sonst würden sie ja auffliegen. Und mit dem Geld sichert er seine Frau ab, die dann auch noch Jewel heißen muss, damit es auch der langsamste Leser merkt.
MB: Der Heist als letzter Liebesdienst, Highland als Robin Hood mit Rentenversicherung.
CB: Dieser verurteilte Kriminelle denkt nicht wie ein Gangster, sondern wie ein Sozialarbeiter, der Militärgeschichten liest und Leinenanzüge trägt. Das ist Tarantino light.
MB: Diesem moralischen Kalkül von Winslows Figuren steht aber ein raffiniert inszenierter Coup gegenüber. Wie Winslow seinen Helden die Schwächen der anderen Figuren ausnutzen lässt, das macht seine Stories schon sehr prickelnd: die unterschätzte, ehrgeizige Geschäftsführerin des Casinos oder die geldgierigen Spieler dort, denen die Scheine zugeworfen werden, um die Flucht der Räuber zu ermöglichen: „Es kam nie jemand dahinter, wieviel Geld genau beim großen Castle Cash Giveaway verschenkt wurde, und auch nicht, wer das Ding gedreht hatte.“
CB: Trotzdem bleibt eine chronische Überdosis Moral. Highland will „nicht einfach noch ein letztes Ding drehen“, wie es am Anfang von The Final Score heißt. „Es muss das größte Ding überhaupt sein. Wenn er schon den Rest seines Lebens im Knast verbringen soll, dann wenigstens als lebende Legende“. Auch in den anderen Stories geht es um solche ehrenwerten Gangster. Da ist der kleine Nick McKenna, der in den Prohibitionsjahren in Rhode Island illegalen Alkohol vertickt (in der zweiten Geschichte Die Sonntagsliste) und am Ende selbst das ganze Schmuggelgeschäft leitet: ein BWL-Student wird CEO. Und der Grund ist wieder ein persönliches moralisches Ziel: „Nick wollte einfach nur auf der Sonntagsliste stehen.“
MB: Aber Winslow stellt damit das amerikanische Aufstiegsversprechen auf den Kopf. Der übereifrige Liefer-Boy mutiert am Ende zum Nobel-Kunden. Das ist Kunst-Ironie im Krimi – Nicks Frau ist nicht von ungefähr „Künstlerin“ mit „Sinn für Humor“.
CB: In der Erzählung Der Nordflügel schließt Doug, ein guter Cop, einen Pakt mit der Gefängnis-Mafia, um seinen verpeilten Cousin Chrissy zu retten: Der wird wegen Trunkenheit am Steuer mit Todesfolge verdonnert. Im Knast würde er vor die Hunde gehen. Doch Doug macht es möglich, dass Chrissy eine Luxuszelle im mafiakontrollierten Nordflügel des Staatsgefängnisses bekommt. Dafür ist Doug bereit, der Mafia polizeiliche Ermittlungsstände mitzuteilen. Wie unnötig ist das, dass der Junge so billig davonkommt? Doug opfert sich für seine Familie, deren Ehre er über alles stellt. Das ist ein moralischer Freifahrtschein, kein Ritterkodex.
MB: Aber Winslow geht es darum, gerade von diesen Kollisionen zwischen Familiengewissen und Weltunglück zu erzählen. Kollisionen, so heißt die Schlussgeschichte, in der ein aufsteigender Hotelier durch ein Unglück – das Urteil heißt „vorsätzlicher Totschlag“ – ins Gefängnis kommt und die Zeit dort ebenfalls überlebt, indem er mit der Knastmafia paktiert.
CB: Ja, das ist wieder so eine überflüssige Einzahlung aufs Karma-Konto. Der kreuzbrave Geschäftsmann Brad (in Kollisionen) kann seine Familie nur heil wiedersehen, wenn er zum Auftragskiller wird.
MB: Winslows Novellen scheuchen das Böse im Guten auf. Das kann man als moralisches Testprogramm sehen oder als Dekonstruktion des amerikanischen Gangster-Mythos. „Den Vorhang zu und alle Fragen offen“, können wir mit Brecht sagen. Und darauf hoffen, dass aus Winslows Schreibwerkstatt doch noch neue Romane oder Short Stories auftauchen.
|
||















