Gleichgewichtsübungen zwischen gestern und morgen
Max Czolleks Debüt „Zweifelssohn“ bewegt sich zwischen literarischem Wagnis und essayistischer Wiederholung
Von Mila Mantaj
Welche Erwartung hat man an das Erzähldebüt desjenigen Autors, der sich seit der Veröffentlichung seiner Streitschrift Desintegriert euch! (2018) einen festen Platz im Diskurs um die deutsche Erinnerungskultur erarbeitet hat? Dass es politisch wird, natürlich. Dass es von der deutschen Vergangenheit erzählt, die in die Gegenwart eingeschrieben ist. Und dass es literarisch ausprobiert, wie ein Umgang mit alldem zwischen Erinnerung und Zukunft aussehen kann. Czollek liefert genau das. Und so ist auch der Roman selbst eine Gleichgewichtsübung zwischen gestern und morgen: Er spielt mit einer Vergangenheit, die nicht vergangen ist, und einer Gegenwart, die sich von ihr nicht lösen kann – und sucht darin zugleich nach einem Umgang mit genau diesem Verhältnis. Glücklicherweise gibt Czollek bei all diesen komplexen Themen seinen Leser*innen bei der Vermarktung seines Romans direkt eine erste Interpretationshilfe über die Plattform Bluesky an die Hand – der Roman sei eine „Art Anti-Faserland“.
Die Romanhandlung ist schnell zusammengefasst: Ein unter Wahnvorstellungen leidender Protagonist – der dem Roman namensgebende Zweifelssohn – reist in Anlehnung an Christian Krachts namenlosen Protagonisten durch den deutschsprachigen Raum. Zweifelssohns Reise startet in Wien und führt ihn dann von Süden nach Norden, zuletzt auf die Insel Rügen. Auf den Stationen dieser Reise erzählt er von den unterschiedlichsten Begegnungen – mit sich selbst, mit anderen und mit der Geschichte Deutschlands. Dass der Protagonist der Vergangenheit nicht entkommen kann, dass er physisch und psychisch an seiner Gegenwart leidet, wird äußerst eindrücklich beschrieben:
Aber irgendwas stimmt nicht. Der Lärm der Baustelle vor der Tür wird einfach nicht leiser, nimmt immer weiter zu. Erst ein einzelner Ton, eine Art langsames Presslufthämmern, dann weitere Töne, schließlich ganze Frequenzbereiche. Wachsen sich aus zu einer Symphonie, die immer lauter wird, je mehr Fenster du schließt, Gardinen vorziehst, Türen verriegelst, dich unter deiner Decke versteckst. […] Irgendwann realisierst du, dass dir der Lärm gar nicht durch die Ohren in den Kopf dringt. Erkennst, dass das die Welt ist, ein Herztinnitus, an dem du nicht von draußen, sondern von innen leidest.
In poetischer Sprache und mit einer starken Metapher, die als Anlehnung an den von Thomas Mann geprägten Begriff des „Herzasthmas des Exils“ zu verstehen ist, wird in Zweifelssohns aussichtslose Situation eingeführt. Neben diesem Herztinnitus leidet der Protagonist an dem von ihm und seiner Psychologinnen-Freundin Be definierten Jeremiassyndrom. Ein „Zustand, bei dem Halluzinationen, Wahnphänomene und Wahrnehmungsstörungen vorhanden, aber sehr unterschiedlich ausgeprägt sind […]“. Erstmalig traten die Symptome auf, „als ihm […] eine Erinnerung in die Glieder fuhr, die nicht seine war.“ Was Zweifelssohn umtreibt, sind die „Geschichten, die er nicht erlebt hat und nun neu zusammenzusetzen versucht wie ein Bild von sich selbst“. Doch es sind auch Begegnungen mit Toten, die ihn begleiten oder gar heimsuchen, bis er beginnt, sich mit ihnen zu arrangieren: ob mit der kettenrauchenden Hannah Arendt oder mit Krachts namenlosem Protagonisten aus Faserland. Zweifelssohns Leid ist die literarische Ausgestaltung eines Problems, das nicht nur erinnerungsliterarische Erzählungen umtreibt, sondern auch von Czollek bereits in seinen Essays bearbeitet wurde: Wie lässt sich eine Vergangenheit erinnern und erzählen, die man nicht selbst erlebt hat, deren Folgen aber die eigene Gegenwart maßgeblich bestimmen? Und es drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie gut eine solche Übersetzung der Gegenwartsbetrachtung aus dem publizistischen Werk in die fiktionale Form gelungen ist?
Mit seinem Protagonisten Zweifelssohn schafft Czollek eine recht eigentümliche und durchaus (selbst)ironische Figur, die auf knapp 200 Seiten durch den deutschsprachigen Raum stolpert. Handlung gibt es dabei wenig, aber als Erlebnis kann diese Reise allemal bezeichnet werden. Halt macht Zweifelssohn an zahlreichen symbolisch aufgeladenen Erinnerungsorten (Pierre Nora) in Deutschland, die die Stationen seiner Reise bilden und ergänzt werden um viele große und kleine, popkulturelle wie philosophisch-literarische, intertextuelle Bezüge, die von den Leser*innen entdeckt werden sollen. Immer wieder begegnet man im Roman Anekdoten und Argumentationen, die Czollek an anderer Stelle bereits, dort jedoch deutlich pointierter, ausgearbeitet hat. Da ist die Figur der „gute[n] Deutsche[n]“, die mit Blick auf den jüdischen Protagonisten das dringende Bedürfnis hat, beim Abendessen über „antisemitische Migranten“ zu sprechen, nur um damit aufzuzeigen, dass „die eigene Gruppe den Antisemitismus überwunden hat“. Da ist die Dichotomie zwischen der Inszenierung einer deutschen Erinnerungskultur mit ihren ritualisierten Formen des Erinnerns im Gedächtnistheater (der auf Y. Michal Bodemann zurückgehende Begriff des Gedächtnistheaters wird von Czollek in seinen Streitschriften weiterentwickelt) und der wiedererstarkenden neonazistischen Gewalt seit den 1990er Jahren. Doch es sind gerade diese Stellen, die eben nicht gelungen erzählerisch übersetzt werden und weder Handlung vorantreiben noch neue Perspektiven liefern, sondern bereits Bekanntes nur noch einmal in Erinnerung rufen. Ist man als Leser*in nicht vertraut mit Czolleks Standpunkten, wirken die intratextuellen Verweise fast schon wie eine belehrende Geste – der politische Deutungshorizont wird genauso mitgeliefert wie die Positionierung des Romans als „Anti-Faserland“.
Bei Czolleks Debütroman Zweifelssohn handelt es sich um ein ziemlich umfangreiches literarisches Recyclingprogramm: Die Standpunkte aus dem publizistischen Werk werden in der prophetischen Psychose des Protagonisten literarisiert und mit den wiederkehrenden Anspielungen auf Faserland, als den popliterarischen Referenztext schlechthin, schreibt der Autor seinen Text sehr bewusst ein in eine Tradition, nur um dann, natürlich ebenfalls sehr bewusst, damit zu brechen. Der Roman zeichnet sich an vielerlei Stellen durch eine konsequente und kluge Umkehr des kracht’schen Urtexts aus. Man könnte auch sagen: Krachts popliterarischen Oberflächenroman der 1990er Jahre kann man sich gegenwärtig nicht mehr leisten, es muss ein Text mit anderer Intonation her, der hinter die aufbrechende Oberfläche der Gegenwart blickt. Leider gelingt Czolleks Zweifelssohn der Balanceakt nicht durchweg. Mitunter überwiegt das Bedürfnis, bereits formulierte Positionen noch einmal zu wiederholen, gegenüber dem Versuch, erzählerisch wirklich etwas Neues zu wagen.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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