Tradierung des Allgegenwärtigen
Marcus Martin betrachtet „Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert“
Von Jörg Füllgrabe
Manche Mythen überdauern die Zeiten und wandern mitunter sogar durch Kulturen, ohne dass sie an Strahlkraft verlören. Und nicht erst mit Brad Pitt und seiner Darstellung des Achilles ist der Mythos um Troja in der Postmoderne angekommen. Ein Aspekt dieser Überlieferung hat sich besonders ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, nämlich das sogenannte Trojanische Pferd. Als dieses realisiert wurde, war Achill zwar bereits eines der unzähligen Todesopfer des homerischen Epos geworden, aber die Manifestation der das reine Heroentum brechenden Listigkeit hat die reizvolle Komponente verbesserter Überlebenschancen auf ihrer Seite. Sie führt indes auch das Manko der ‚Falschbezeichnung‘ mit sich, denn das hölzerne Pferd stand in der Tat vor den Mauern des vermeintlich uneinnehmbaren Troja, war aber doch ein Produkt griechischer Schläue.
In der vorliegenden Publikation Deutungsmuster des Todes in lateinischen und deutschsprachigen Troja-Texten vom 12. bis 16. Jahrhundert geht es um das besonders mit dem heroischen Scheitern verbundene Element des Todes, auch wenn dabei ausgerechnet das Schicksal des idealen Helden Achill nicht prominent in den Blick genommen wird.
Die Troja-Dichtung, mithin das vorklassische Griechenland, bildet die Basis für die mittelalterlichen Adaptionen, mit denen sich Marcus Martin in seinem Kieler Dissertationsprojekt befasst. Nun kann der Verfasser mit dem einleitenden Zitat des Umar ibn al-Hattab, das neben der Umschrift auch in arabischen Lettern wiedergegeben ist und in dem dem Tod die Funktion als „(vollumfänglich) genügendem Ratgeber“ attestiert wird, zwar seine Kultur- und Sprachgewandtheit unter Beweis stellen, aber das ist ebenso eigenartig, wie es ein thematisch verwandter Vers etwa aus der Helden-Edda wäre. Es findet auch keine weitere Bezugnahme statt, und der arabische Philosoph taucht ebenfalls nicht in den Literaturangaben auf.
Überdies gibt es im Griechischen genug mit Thanatos in Verbindung stehende Zitate, die näher am (Ur-)Sujet liegen. Der Autor zitiert dazu im Zuge seiner Abhandlung griechische Texte im Original und liefert in den Fußnoten dankenswerterweise auch die neuhochdeutsche Übertragung. Wenn Leserinnen und Leser dann in der weiteren Einleitung erfahren: „[D]er Tod ist mehr als nur eine biologische Tatsache, denn er wird seit jeher in verschiedenen Kulturen und Religionen in ein komplexes ‚narratives Bezugssystem‘ eingeordnet, wodurch der Gedanke an den Tod als anthropologische Konstante eine handlungsbestimmende, normative Komponente erhält“, dräut die Gefahr, aus der ambitionierten Weltläufigkeit urplötzlich in wohlverpackte Beliebigkeit abzurutschen.
Hier mag sich die Überforderung des Lesepublikums andeuten, die sich sodann in erschrockenem Innehalten und einem Blick auf das Inhaltsverzeichnis Bahn bricht. Dieses verweist auf dergestalt interessante Aspekte, dass sich das Nicht-Weiterlesen nachgerade verbietet. Zuvor jedoch werden Forschungsstand, Arbeitsschritte und Thesenentwürfe vorgestellt, die den Weg zu dem daran Anschließenden ebnen helfen, das anhand einzelner Schicksale Facetten der ‚Todesbewältigung‘ betrachtet. Dabei liegt, wie im Fazit noch einmal aufgegriffen wird, der Schwerpunkt der Untersuchung auf dem Themenfeld der ‚Freundschaft‘.
Hier bieten sich Leserinnen und Lesern drei große biographisch-thematische Blöcke: „Patroclus – Trauer um den Freund“, „Hector – Lebendige Leichname“ sowie „Penthesilea – Aushandlungsprozesse“, wobei sich tatsächlich nur der erste Titel aus der Kenntnis der Ilias unmittelbar erschließt. Die Herausgabe des geschändeten Leichnams Hektors an Priamos etwa würde ebenfalls in die Kategorie der „Aushandlungsprozesse“ fallen können, wie auch die entbrennende Liebe des Achill zur toten Amazonenkönigin diese tatsächlich gewissermaßen zu einem „lebendigen Leichnam“ macht. Hinsichtlich der Person des Achilles, der in allen drei Kapiteln als Handelnder, also Lebender, eine Rolle spielt, fällt auf, dass ausgerechnet dessen Tod hier nicht thematisiert wird. Warum dies nicht zumindest auf einer kontrafaktischen Metaebene geschieht, erschließt sich leider nicht.
Der erste Teil der Publikation lenkt also den Blick auf den Tod des Begleithelden Patroklos, dessen Rolle im Leben es war, der Schatten des Achill zu sein, und der dementsprechend auch als ‚westlicher Kagemusha‘ dieses größten der griechischen Helden den Tod fand. Hier setzt der Verfasser das fort, was er bereits in der Einleitung angedeutet hat: die Konstellation von Freundschaft in einer Welt, die von Tod und Vergänglichkeit geprägt ist. Im Verweis auf die ebenfalls im einleitenden Teil (und dann in der Bibliographie ausgewiesenen) genannten Texte werden Grundstrukturen erarbeitet und Variationen herausdestilliert, die weniger einen Einblick in die Vorstellungen der Antike liefern als vielmehr die sich wandelnden Rezeptions- und Adaptionsvorstellungen widerspiegeln. Dass sich hierbei primär der Dualismus einer ‚Männerfreundschaft‘ darstellt, liegt auf der Hand, dennoch sucht Marcus Martin auch das Kollektiv des griechischen Heeres und seiner führenden Repräsentanten nicht außen vor zu lassen. Das abschließende Kapitel-Fazit weist dementsprechend auch die Unterschiede und Wertungen plausibel nach.
Wenn der Autor dann jedoch mit Blick auf Konrads von Würzburg Trojanerkrieg mit einer zumindest impliziten Missbilligung konstatiert: „[S]chließlich irritiert die Ausgelassenheit auf der Trauerfeier des Patroclus, was ebenfalls nicht für eine gelungene Bewältigung des Todes des Freundes spricht“, hinterlässt dies eine gewisse Ratlosigkeit. Was eigentlich gemeint ist, ist wohl der Bruch zwischen Trauer und Feier. Aber wer bestimmt, wie zu trauern ist, beziehungsweise wer behauptet, mit einer Trauerfeier sei ein Todesfall ‚bewältigt‘? Es erhebt sich die Frage, ob der Verfasser jemals ein im weiteren Sinne ‚rustikales‘ Leichenbegängnis mitgemacht hat, bei dem oft auch die letzten Dämme brechen, ohne dass dies als unangemessen empfunden würde. Auch auf die Syntax bezogen, ist der angehängte Nebensatz zumindest verwirrend, denn es spricht ja nicht die Irritation gegen eine angemessene Bewältigung des Todes, sondern die offenbar erst in den Augen des gegenwärtigen Rezipienten deutlich erkennbare Unangemessenheit der Art des beschriebenen Trauerrituals.
Der trojanische Gegenentwurf zum griechischen Überhelden Achill, Hector, ist der Protagonist, dem der sich anschließende Themenblock gewidmet ist. Warum in diesem Zusammenhang das Attribut „Lebendige Leichname“ gewählt wurde, erschließt sich im Blick auf die ausgewählten Quellentexte beziehungsweise Textabschnitte. Diese beschäftigen sich mit der, auch von Achill explizit geäußerten Absicht, den Leichnam des Getöteten den Vögeln oder anderen Aasfressern zu überlassen und somit zumindest indirekt zu schänden.
Dieser Zerstörungsprozess erfolgt wundersamerweise nicht, Hector bleibt gewissermaßen erhalten, und so bietet sich ein Vergleich mit christlichen Heiligenlegenden an, die der Verfasser dementsprechend aufgreift. Dass auch in diesem Beispielfeld mitunter ein breiterer Blick auf die antike Vorlage vorstellbar wäre, sei nur am Rande erwähnt, die dargelegten Gedankengänge erscheinen zumindest schlüssig. Mit Blick explizit auf eine christliche Perspektive formuliert Marcus Martin das Kapitel abschließend, „dass der intakte Leichnam kein alleiniges Merkmal des christlichen Märtyrers oder Heiligen, sondern ein Zeit und Kulturen übergreifendes Konzept ist“.
Wieder stellt sich angesichts dieser Formulierung zumindest Irritation ein. Selbstverständlich ist „der intakte Leichnam kein alleiniges Merkmal“ der christlichen Heiligen, die Unversehrtheit könnte auch teuflisches Blendwerk sein, es gehören beispielsweise Gottgefälligkeit und Widerständigkeit gegen Versuchungen dazu. Ja, gemeint ist, dass es dieses Phänomen, einmal von der Fragwürdigkeit einer implizierten Universalität des ‚Konzepts‘ abgesehen, auch in anderen historischen wie kulturellen Kontexten gibt. Aber warum wird das dann nicht so formuliert? Derlei verdirbt den Lesegenuss erheblich.
Wirklich interessant ist der Abschnitt über die Amazonenkönigin Penthesilea, deren Auftreten bereits im Epos Homers mehrschichtig ist, weil zum einen der abschreckend-faszinierende Aspekt gleichberechtigter Weiblichkeit personifiziert erscheint, der Tod dieser Amazone jedoch letztlich die Rollenbildverletzung dadurch aufhebt, dass sie eben nicht mehr als Kämpferin erscheint, sondern ‚nur‘ noch als schöne und begehrenswerte Frau. Hier löst der gewaltbedingte Tod der Penthesilea paradoxerweise den Normbruch auf und führt zu gesellschaftlicher Versöhnung.
Diese Aspekte werden, so zeigt der Autor auf, auch in den mittelalterlichen adaptiven Texten aufgegriffen, wobei Marcus Martin zwei Rezeptionslinien erkennt, in deren erster die andauernde Präsenz des Leichnams der Amazonenherrscherin kennzeichnend ist, während dies in der zweiten Rezeptionslinie so nicht thematisiert wird. Wo der Verbleib der Toten in der ersten Linie funktional auf den Untergang der Stadt vorausweist, sieht der Autor in der zweiten Linie den Aspekt „auf die restlose Auslöschung der gender-transgressiven Amazonenkönigin“ gerichtet. Auch das also eine, allerdings sehr radikale, Form des Umgangs mit Tod und Toten.
Wo die Einleitung des Werks sich zu mitunter schwindelerregenden Höhen verstieg, wirkt das Fazit auf andere Art und Weise verstörend. Dort heißt es zu Beginn: „Das Fazit gibt einen Überblick über die Konzeption der vorliegenden Arbeit, ihre Thesenbildung und Fragestellung sowie eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung.“ Abgesehen davon, dass Konzeption und Fragestellung in erster Linie in die Einleitung gehören: Zuvorderst dient ein Fazit der Zusammenfassung der Ergebnisse, und es erschließt sich nicht, warum zu Beginn der Conclusio der Begriff des Fazits definiert wird, anstatt es gleich zu beginnen.
Diese stilistischen Besonderheiten machen bis zu einem gewissen Grad das Dilemma des Buches aus, das einerseits durch breite Bezugnahme auf einen reichen Textfundus und dabei komplexe bis komplizierte Formulierungen geprägt ist, andererseits gelegentlich einen stilistischen Duktus durchscheinen lässt, der trivial wirken mag. Das macht die Lektüre des Buches – zum wiederholten Male – zumindest irritierend, weil die strukturelle Klarheit mitunter fehlt. Und die Ergebnisse zusammenfassenden Aussagen wie „allen Bewältigungsstrategien liegen Todeskonzeptionen der Präsenz der Toten nach ihrem Ableben zugrunde“, machen wirklich nur noch ratlos.
Die Bibliographie ist angesichts der in den Blick genommenen Texte eher überschaubar gestaltet, und spätestens angesichts der recht umfangreichen fremdsprachigen Zitate fällt das Fehlen des Nachweises von Wörterbüchern und/oder Lexika doch ins Auge. Immerhin findet der ‚Altmeister der Todesforschung‘, Philippe Aries, hier seinen Niederschlag, aber wenn Andrea Siebers Beitrag zu Gender Studies herangezogen wird, sollten doch erst recht Peter Dinzelbacher und zumindest die von ihm herausgegebene Europäische Mentalitätsgeschichte Berücksichtigung gefunden haben – was leider nicht der Fall ist.
Das Buch als Ganzes bietet interessante Gedankengänge und Vergleiche mittelalterlicher Rezeptionskonzepte eines raumgreifenden antiken Sujets. Vieles ist plausibel, manches weniger, und dies spiegelt sich auch im Duktus wider, der mitunter ambitioniert-abgehoben und dann wieder irritierend-unreflektiert wirkt. Da es, um versöhnlich zu schließen, jedoch grundsätzlich jedes Buch verdient hat, gelesen zu werden, sollen die Deutungsmuster des Todes hier keine Ausnahme bilden. Das Thema ist generell interessant und wird hier konkret durch sinnvolle Überlegungen geprägt. Allerdings wirkt wiederum der Preis als deutliche Entscheidungshilfe, denn knappe 80 Euro sind eben knappe 80 Euro.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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