Zelt als Fehdehandschuh
Annette Mingels‘ vorzüglicher Roman „Evas Tochter“ seziert acht Frauen
Von Peter Mohr
„Und dass sie wirklich geglaubt hatte, sie könnte alles auf einmal haben: die Kinder, die Kunst, vielleicht sogar Erfolg. Dass sie es, wenn sie ehrlich war, immer noch glaubte. Als wäre sie naiv. Oder ein Mann“, lautet das verstörende Bekenntnis einer der acht weiblichen, völlig unterschiedlichen Protagonistinnen im neuen Roman von Annette Mingels.
Komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen sind seit vielen Jahren das bevorzugte Sujet der 55-jährigen Autorin, die nach etlichen Jahren in den USA seit 2021 in Berlin lebt. Doch anders als in den Vorgängerwerken Dieses entsetzliche Glück (2020), Tontauben (2010), Der aufrechte Gang (2006) und Die Liebe der Matrosen (2020) widmete sich Annette Mingels zuletzt in Der letzte Liebende (2023) einem größeren, weit über den privaten Bereich hinausreichenden Erzählkosmos. Sie rekonstruierte das Leben des einstigen Chemie-Professors Carl Kruger.
Nun stellt sie uns acht Frauen unterschiedlichen Alters vor. Im Mittelpunkt steht Sophie, die seit frühester Jugend große Probleme mit ihrer Mutter Eva und dem großbürgerlichen Lebensumfeld hat. Sophie, die leicht rebellische Tochter der von Clüvers (das schwarze Schaf der Familie), war für viele Jahre verschwunden und von ihrem Umfeld als „zickig“ stigmatisiert worden.
Da ist noch Greta, eine talentierte Künstlerin, die gerade Mutter geworden ist und sich Gedanken darüber macht, wie sie ihr „neues Leben“ mit Kind und all die neuen Aufgaben miteinander vereinbaren soll.
Hjördis hat sich ein Minimum an Freiheit bewahrt, hat aber mit Einsamkeit und handfesten psychischen Problemen zu kämpfen. Wanda befindet sich auf einem Jugendwahn-Trip, räumt körperlicher Fitness absolute Priorität ein; Lilli führt ein Doppelleben, neben der Schule arbeitet sie heimlich als Camgirl, Hanne geht in ihrer Arbeit als Säuglingskrankenschwester auf, und Judith, die Pfarrersfrau, stürzt sich mit siebzig noch einmal ins Abenteuer des Online-Datings. Und last but not least ist da noch Eva, Sophies Mutter, die vor den familiären Problemen flieht und sich sündhaft teure Reisen gönnt.
Sophie, das „schwarze Schaf“ der angesehenen Familie von Clüver, kehrt eines Tages überraschend heim und schlägt ein Zelt auf dem Gehweg vor dem elterlichen Haus auf. „Es sagt wohl schon etwas aus, wenn ich nach Jahren und dann nicht etwa still und heimlich, sondern so zurück kehre, dass alle es mitbekommen.“
Die Nachbarn begegnen Sophie auf unterschiedliche Weise – sie wird mit Neugier beäugt, erlebt sowohl zurückhaltende Sympathie als auch offene Feindseligkeit. Fungiert das Zelt vor dem Elternhaus als Zeichen des Widerstands, als Ablehnung ihrer großbürgerlichen Herkunft? Das Zelt wirkt als Fremdkörper im bürgerlichen Idyll. „Das Zelt ist mein Fehdehandschuh“, bekennt die non-konformistische Sophie.
Im Zentrum des Romans steht die konfliktreiche Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Sophie und Eva, drumherum hat Autorin Annette Mingels ein facettenreiches Ensemble arrangiert und den anderen Frauen jeweils ein Kapitel gewidmet. Als Leser begegnen wir allen zu dem Zeitpunkt, als Sophie vor dem Haus ihrer Eltern zeltet.
Alle Figuren, die locker einander kennen, verändern sich, es gibt jedoch keine einschneidenden Zäsuren in den Lebenswegen, lediglich kleine behutsame Schritte über unsichtbare Brücken, beinahe scheues Hand-aus-Strecken. Es sind zarte Versuche der Aussöhnung (auch zwischen Mutter Eva und Tochter Sophie), des Überwindens von schmerzhaften Erinnerungen und emotionalen Gemengelagen zwischen Wut und Enttäuschung. Annette Mingels beschreibt die Situation aus der Perspektive von acht unterschiedlichen Frauen aus der Nachbarschaft und dem Umfeld der angesehenen Familie von Clüver.
Annette Mingels‘ Roman-Finale kommt (vielleicht etwas übertrieben) versöhnlich daher. Gretas Galeristin zeigt sich extrem begeistert von deren neuen Bildern und veranstaltet eine prunkvolle Ausstellung, die sich zum bunten Wiedersehen vieler Figuren auswächst. Ein vorsichtiges Abtasten mit Sekt und Canapés – etwas zu viel „Heile-Welt“ am Ende dieses von vielen aus dem Ruder gelaufenen Biografien geprägten Romans.
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