Variationen der Niederlage
Mit „Der stets verlorene Kampf“ verabschiedet sich Michel Houellebecq (fast) vollständig vom Widerstand
Von Leon Schött
Offenbar bedarf es des Bekanntheitsgrades eines Michel Houellebecq, um die Aufmerksamkeit neuerlich auf die französische Lyrik zu lenken. Dieses Wiederaufleben wirkt umso kurioser, als seine Dichtung immer wieder mit einer Metrik operiert, die heute beinahe archaisch anmutet. Wer hier jedoch stehen bleibt, übersieht, was sie vor allem ist: eine kühle, widerständig-prosaische und zutiefst unreine Poesie.
Schon der Titel des im März in Frankreich erschienenen Gedichtbandes Combat toujours perdant rekurriert auf die unabdingbare Niederlage und stellt damit scheinbar auch die Sinnhaftigkeit jedweden Kampfes infrage. Wer Houellebecqs Poesie gelesen hat, wird sich an seinen 1996 erschienenen Gedichtband Le sens du combat erinnern, in dem das lyrische Ich im gleichnamigen Gedicht noch einfühlsam ein ‚Du‘ adressiert und in die „maison du Père“ zurückkehren darf. Hier scheint also noch ein Horizont der Hoffnung auf.
Heute sieht das in seiner Lyrik anders aus. Das titelgebende Gedicht „Combat toujours perdant“ entfaltet eine radikale Aussichtslosigkeit, die nicht einmal mehr den Anschein eines sinnstiftenden Konflikts – etwa mit der Gesellschaft – zulässt. Die weltlichen Probleme sind weitgehend in den Hintergrund gerückt: „On ne connaîtra plus ni l’amour ni la haine, / Tout aura disparu“. Die letzte Strophe des Gedichts überrascht dennoch. In sich scheint sie schlüssig: An die menschliche Agonie schließt sich die Forderung an, sich wenigstens ohne Qualen vom Diesseits zu verabschieden („Pour vous aider un peu à traverser la nuit“). Wie Dirk Fuhrig im Dlf zurecht anmerkt, lässt die Syntax des Satzes offen, ob die Substanzen den von vornherein verlorenen Kampf verkörpern oder gerade aus ihm resultieren. Kommt der Rückgriff auf sie einem verlorenen Kampf gleich oder ist er ein legitimes Mittel, um die Durchschreitung der Nacht zu ertragen? Deutet der gealterte Houellebecq hier seine Haltung zur Euthanasie neu? Oder steht gerade jene Überlappung der Figuren (lyrisches Ich/Person Houellebecq) zur Disposition, die sein Werk seit jeher prägt?
Der Band gliedert sich im Inhaltsverzeichnis in drei Abschnitte, die sich auch semantisch voneinander unterscheiden: Le monde a légèrement basculé sur son axe, ein zweiter, unbetitelter Abschnitt sowie L’effondrement du bloc central.
Sechs Gedichte des ersten Abschnitts hatte Houellebecq gemeinsam mit Frédéric Lo in der mit dem Gedichtband nahezu zeitgleich erschienenen CD Souvenez-vous de l’homme vertont. Grundtenor ist hier nicht die Zerstörung irgendeiner Gesellschaft, sondern die der westlichen: „Occidentaux qui voulez vivre, / Vous êtes en fin de partie“. Den Desillusionierten offeriert sich das lyrische Ich als Guide, der ihr Leid kennt – jedoch ohne jenen messianischen Gestus, den Houellebecq in früheren Werken zumindest noch beanspruchte. Und die „barbares“, gegen die es das Feld zu halten gilt? Sie bleiben konturlos, die apokalyptische Bedrohung also unbestimmt.
Der mittlere, unbetitelte Abschnitt unterscheidet sich deutlich vom ersten und richtet die Kritik stärker gegen den Liberalismus in seiner individualistischen Ausprägung. Auch stilistisch spiegelt sich diese Haltung wider, etwa wenn das lyrische Ich Sonderzeichen, „caractères spéciaux“, eintippen muss, um auf den iCloud-Schlüsselbund zuzugreifen. Ebenso zielt die prosaische Tirade gegen die Pariser Wohnungskäufer auf die Scheinheiligkeit des Wohnungsmarktes und entlarvt darin die gescheiterte Kommunikation der neoliberalen Subjekte.
Der „bloc central“, von dessen Auflösung im letzten Abschnitt die Rede ist, hat dann am wenigsten ‚Welthaltigkeit‘ vorzuweisen. Der Tod, „la nuit sans forme“, erweist sich als unzähmbarer Gegenspieler, der am Ende auch die Probleme des gesellschaftlichen Individuums als nichtig entlarvt. Das abschließende Gedicht, wohl das gelungenste des gesamten Bandes, greift diesen aufzehrenden Endkampf auf und erinnert in seinem Ton an Houellebecqs selbstgewähltes Vorbild, Charles Baudelaire: „Et c’est ainsi que je me sépare du monde“. In der Formel klingt Houellebecqs vermeintliches Schaffensende an, das er im Nachwort zu anéantir angekündigt hatte, jüngst aber rätselhaft wieder infrage stellte. Doch die Lichtblicke der Poesie, jeder fiktionalen Fluchtmöglichkeit beraubt, scheinen nur noch vereinzelt im Medium der Musik aufzuflackern. Dort können musikalische Mittel den Text von seinem Inhalt befreien. Hier schaut das lyrische Subjekt nicht mehr in den Abgrund, es sitzt in ihm.
Mit Stephan Kleiner hat der DuMont-Verlag einen der profiliertesten Houellebecq-Übersetzer beauftragt, der bereits an der Übersetzung des Gedichtbandes Configuration du dernier rivage beteiligt war. Seine Übertragungen sind gerade deshalb so gelungen, weil sie die banale, unprätentiöse Direktheit auch im deutschen Text einfangen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – „Frisch voran!“ für „Hardi !“ – sieht er in der zweisprachigen Ausgabe davon ab, dem Leser einen künstlich hochtrabenden Jargon aufzubürden, mit dem ‚Poesie‘ allzu gerne verwechselt wird.
Der Gedichtband bricht – wer hätte es anders erwartet? – nicht mit Houellebecqs bekannter Grundhaltung. Auffällig ist jedoch die inhaltliche Anordnung der Abschnitte, die dem Band trotz seiner monotonen Stimmung Variation verleihen. Mit abwechslungsreicher Formvarianz beweist der poète maudit, dass Lyrik zugleich unrein und gesellschaftlich sein kann, ohne ihre formale Spannung einzubüßen. Schon Rémy de Gourmont kritisierte die Reinheitsvorstellung in der Poesie, indem er den traditionellen Alexandriner zum bloßen Aberglauben erklärte. Houellebecq arbeitet sich auch in seinem jüngsten Gedichtband weniger an der Sprache selbst als an den von ihr beschriebenen Zuständen ab. In diese interveniert er spontan, oft irrational. Wer sich daran stößt, wird auch mit Combat toujours perdant kaum Freund von Houellebecq(s Poesie) werden – erst recht nicht, wenn man ihm die wenigen, aber unübersehbaren misogynen Texte sowie die über den gesamten Band hinweg immer wieder aufscheinende Banalität nicht nachsieht. Houellebecq riskiert damit, die Spannung dieser Banalität selbst zu opfern, indem er sie überstrapaziert. Und doch, das muss man ihm lassen: Er bleibt – auch lyrisch – ein Störfaktor.
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