Faschismustheorie als Wissenspraxis
Der von Morten Paul herausgegebene Sammelband „Was war Faschismustheorie?“ fragt nach den Bedingungen, Ansprüchen und Möglichkeiten von Theorie
Von Jonas Meurer
Faschismusdebatten haben in den vergangenen Jahren erheblich an Fahrt aufgenommen – und mit ihnen die begriffliche Ausdifferenzierung: demokratischer, fossiler, postmoderner oder digitaler Faschismus, Endzeit-, Spät-, Post- oder schlicht neuer Faschismus, daneben die Pluralisierung zu Faschismen und die prozessuale Wendung zur Faschisierung. Morten Paul, Herausgeber des Sammelbandes Was war Faschismustheorie?, registriert diese „Explosion an Begrifflichkeiten“ selbst mit einiger Distanz: Sie sei nicht nur Ausdruck der eklatanten autoritären Verschiebungen unserer Zeit, sondern auch ein Effekt von „[]wissenschaftlichen Reputationsmechanismen“ und „medialen Aufmerksamkeitsökonomien“. Umso aufschlussreicher ist die programmatische Verschiebung, die bereits der im Präteritum gehaltene Titel des Bandes signalisiert: Statt der Vielzahl aktueller theoretischer Entwürfe (unter anderem von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, Eva von Redecker oder Alberto Toscano) eine weitere hinzuzufügen, macht der Band im Sinne der intellectual history das große, mitunter unübersichtliche Feld der Faschismustheorie selbst zum Gegenstand theoriehistorischer und theorietheoretischer Reflexion. Es geht also nicht primär um die Fragen, ob sich gegenwärtig faschistische Verhältnisse herausbilden oder was etwaige konstitutive Merkmale des Faschismus sind, sondern darum, wie Faschismus in unterschiedlichen historischen Situationen überhaupt theoretisiert wurde – und was dieses Theoretisieren leisten sollte, tatsächlich bewirkt oder unter Umständen auch verstellt hat. Ein zentraler Ansatzpunkt Pauls ist dabei die kaum je explizit gemachte Annahme, dass ein besseres Verständnis des Faschismus zu seiner Verhinderung beiträgt. Der Band geht aus der gleichnamigen Tagung am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen hervor, die im Herbst 2024 – noch mit dem Untertitel „Epistemologie, Poetik und Medialität einer heterodoxen Gattung“ – unter der Leitung Morten Pauls und Stefan Höhnes stattfand; über die Webseite des Verbrecher-Verlags ist er zudem im Open Access zugänglich.
Schon Ernest Mandel hatte in den 1960er Jahren betont, dass die Geschichte des Faschismus schon immer auch die Geschichte seiner Theorie gewesen sei. Diese Beobachtung steht am Anfang von Pauls eigenem Beitrag Theoriegeschichte der Faschismustheorie. Ein Forschungsaufriss, der mit gut 90 Seiten nicht nur den mit Abstand umfangreichsten, sondern auch den lesenswertesten Beitrag des Bandes darstellt. Sehr überzeugend versteht er Faschismustheorie nicht nur als Bestand von Ideen, sondern als historisch situierte Praxis, deren Geschichte er deshalb auch als Gattungs-, Form-, Medien- und Rezeptionsgeschichte rekonstruiert. Es ist an dieser Stelle unmöglich, dem Materialreichtum dieses Durchgangs von den 1920er Jahren bis zur Gegenwart und der Fülle der dabei aus unterschiedlichen disziplinären, soziokulturellen und medialen Konstellationen gewonnenen Einsichten gerecht zu werden. Deutlich wird jedenfalls, wie weit sich das Feld einer solchen Theoriegeschichte auffächert. Dass man dabei – hier wie im Band insgesamt – einzelne theoretische Zugriffe vermissen kann, liegt in der Natur der Sache. Er bildet in jedem Fall das Zentrum des ersten, mit Faschismustheoriegeschichte schreiben: Überblick und neuralgische Punkte überschriebenen Kapitels.
Besonders deutlich wird die praxeologische Stoßrichtung des Bandes im zweiten Teil Den faschistischen Aufstieg theoretisieren: Theorie als Intervention; im Mittelpunkt stehen Formen des Theoretisierens, die in offenen politischen Situationen entstehen, auf diese einzuwirken versuchen und in diesem Prozess mitunter selbst verändert werden. Besonders erhellend ist dahingehend Elena Stingls Aufsatz über Simone Weil. Als junge Anarchosyndikalistin reiste sie 1932 nach Berlin und erwartete unter dem Eindruck Trotzkis eine zugespitzte revolutionäre Entscheidungssituation, traf tatsächlich jedoch in erster Linie auf politische Lethargie. Erst die Entdeckung der ‚fröhlichen Scharen‘ jugendlicher Proletarier:innen und ihrer spontanen „anarchistisch-antifaschistischen Poetik“ veränderte ihren Blick auf die Gegenwart. Aus dem ‚Scheitern‘ des großen Deutungsrasters entsteht somit eine Aufmerksamkeit für eine spezifische lokale, alltägliche antifaschistische Praxis.
Der dritte Teil ist mit Faschismustheorie – auch eine Geschichte der BRD überschrieben und nimmt Faschismustheorie als Teil der politischen und intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik in den Blick. Ihre Konjunkturen erscheinen, so wird deutlich, eng mit dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie mit wechselnden institutionellen und politischen Bedingungen der Theorieproduktion verknüpft. Exemplarisch erwähnt sei hier zum einen Cecilia Sebastians Rekonstruktion der Rezeption früher Faschismusanalysen der Kritischen Theorie durch den SDS und insbesondere Angela Davis, die diese Ansätze in Richtung einer abolitionistischen Kritik weiterentwickelte. Zum anderen untersucht Martin G. Maier die frühen Bundestagsdebatten der Ära Kohl und zeigt, wie der Faschismusbegriff dort als Mittel zur Selbst- und Gegnerbestimmung verwendet und im Kontext der kontroversen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit erinnerungspolitisch instrumentalisiert wurde.
Dass aus den historischen Fallstudien keineswegs eine einheitliche Position für die Gegenwart folgt, wird in der anschließenden lesenswerten Diskussion Ausnahme und Alltag deutlich, in der zwischen Alex Demirović, Luce deLire, Tatjana Söding und dem Herausgeber kein Konsens zustande kommt. Selbst die grundlegende Frage, ob der Faschismusbegriff heute noch etwas leistet, bleibt strittig. Demirović etwa macht sich im Anschluss an Nicos Poulantzas für eine vergleichsweise strenge Bestimmung des historischen Faschismus als kapitalistische Ausnahmeherrschaft stark und warnt: „Historische Begriffe wie Faschismus sind allenfalls gut für Analogien, aber lassen uns das Neue leicht verkennen.“ Söding hingegen plädiert dezidiert für den Prozessbegriff der Faschisierung, weil diese sich derzeit im Zusammenwirken von Klimakrise, Kapitalinteressen und rechtsextremer Mobilisierung weltweit beobachten lasse.
In der vierten und letzten Sektion Gegenwart faschismustheoretisch erschließen: Kultur, Sprache, Ästhetik, Digitalität stehen bislang eher randständige Zugänge und gegenwartsdiagnostische Ansätze im Zentrum. Erwähnt sei etwa Mona Leinungs an Adorno und Marshall McLuhan orientierter Beitrag zum digitalen Faschismus, in dem unter anderem die „strukturelle Konvergenz“ zwischen „digitaler Affektökonomie“ und „rechter Mobilisierung“ diskutiert wird. Besonders aufschlussreich ist darüber hinaus Friederike Siglers Analyse von Installationen wie Ruinenwert der Künstlerin Henrike Naumann, die als „kuratierte[] Faschismustheorien“ gefasst werden. Faschistische Ästhetik wird hier nicht eindimensional auf einzelne, eindeutig codierte Objekte oder Stile reduziert, sondern als Effekt bestimmter Ensembles und Relationen definiert. Gerade mit Blick auf die im Band immer wieder aufgeworfene Frage nach der Praxis von Theorie ließe sich an diesem Beispiel allerdings auch diskutieren, was eine solche kuratorisch-künstlerische Anordnung überhaupt als Theorie qualifiziert: Es bleibt mitunter offen, nach welchen Kriterien unterschiedliche Formen des Nachdenkens über den Faschismus als Faschismustheorie gelten können und worin ihre gemeinsame bzw. ihre jeweilige epistemische Leistung besteht.
Die unterschiedlichen Aufsätze des Bandes laufen immer wieder auf eine Frage zu, die über den Erkenntniswert einzelner Faschismustheorien hinausweist: die nach ihrer kritischen Wirksamkeit. Wie schwierig sie zu beantworten ist, zeigt auch der jüngst im Merkur erschienene Essay zum Faschismus von Christoph Paret, der schon im Titel von der „Hilflosigkeit der Theorie“ spricht. Paret gibt zu bedenken, dass aktuelle Faschismustheorien „gar nicht so viel enthüllen [können], wie die Faschisten über sich immer schon demonstrativ enthüllt haben, und das viel schneller und evidenter als jede Theorie es vermöchte.“ Wenn der Faschismus Aggression und Menschenverachtung regelrecht ausstellt, läuft eine Theorie, die auf ‚Entlarvung‘ setzt, ins Leere. Eine mögliche – vielleicht die anspruchsvollste – Aufgabe von Theorie könnte daher darin bestehen, so Paret im Anschluss an Adorno/Horkheimer, die Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit offenzuhalten. In eine ähnliche Richtung weist Morten Pauls Antwort auf die Frage, wie „aus der Faschismustheorie heute eine antifaschistische Theorie“ werden könne:
Baue deine Theorie so, dass sie die Anziehungs- und Fliehkräfte des Faschismus ernst nimmt, aber seine Bewirtschaftung des Ressentiments, seine Mechanismen der Entmenschlichung, seine Hierarchisierung des Lebens und seine Feier der Vernichtung nicht reproduziert, sondern so gut wie möglich unterbricht. In dieser Unterbrechung setzt sie die darin gebundenen und auf Zerstörung gerichteten Kräfte für eine alternative Gestaltung von Welt frei, die dann ihre eigene Dynamik entfalten kann.
Das Verdienst von Was war Faschismustheorie? besteht insgesamt darin, wie der Herausgeber zu Recht selbst betont, die gegenwärtige „Konjunktur der Faschismustheorie“ weder einfach fortzuschreiben noch sich auf die Rekapitulation theoretischer „Evergreens“ zu beschränken. Stattdessen wird die Geschichte der Faschismustheorie mit einer Reflexion auf die Bedingungen und Effekte des doing theory selbst enggeführt. Der Fokus verschiebt sich damit von der Frage nach der ‚richtigen‘ Theorie auf die Konstellationen, in denen Wissen über Faschismus produziert, verbreitet und politisch wirksam wurde – und werden kann. Das Präteritum des Titels erweist sich so gesehen nur scheinbar als Abschiedsgeste: Die Frage danach, was Faschismustheorie war, ist deshalb so wichtig, weil offen ist, wie sie unter veränderten historischen Bedingungen sein kann.
Ein Beitrag aus der Redaktion Literaturvermittlung der Universität Bamberg
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