Brodeln im Bruder und in seinem Umfeld

In „Broder“ erzählt Dörte Hansen in höchster Intensität und atmosphärischer Dichte von Katastrophen, Ende und Neubeginn in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Altes Land, Mittagsstunde und Zur See – ihren hochgelobten und zum Teil verfilmten Romanen aus den Jahren 2015, 2018 und 2022 fügt Dörte Hansen 2026 nun einen weiteren hinzu: Broder. Schon der Titel besticht durch seinen Facettenreichtum, trägt doch der Protagonist nicht nur den außerhalb Norddeutschlands eher ungewöhnlichen Namen Broder und ist er nicht nur der um einige Minuten jüngere Bruder seines Zwillings Henning. Er wird zudem nach dem drei Jahre zuvor stillgeborenen ersten Sohn, Broder, der Landwirtsfamilie Bahnsen benannt. Was für eine Bürde, die mit in der Wiege liegt!

Broder Bahnsen ist Groß- und Nutztierarzt geworden, weil sein Zwillingsbruder den Hof der Eltern übernommen hat. So sieht es das niedersächsische Anerbenrecht vor – der älteste Sohn erbt alles, die jüngeren Brüder und die Schwestern sowieso sollen ihre eigenen Wege gehen. Das hat Karen getan, die Tochter von Paul und Marga Bahnsen. Seit Jahren lebt sie in Südfrankreich und reist erst wieder zum 60. Geburtstag ihrer Brüder in den Norden.

Broder indessen, der mit seiner Frau, der Malerin Marie-Claude, in der Ferne gelebt hat, ist nach einigen Jahren zurückgekehrt. Die Tochter der beiden, Claire, inzwischen erwachsen, studiert Veterinärmedizin. Sie ist genauso alt wie ihre Cousine Maibritt, Hennings Tochter, die eine Ausbildung als Landwirtin absolviert hat und den Bahnsen-Hof mit seiner Milchviehwirtschaft in einigen Jahren übernehmen möchte. Ihr Bruder Marten hat kein Interesse daran. Maibritts Mutter Ellen, Hennings Ehefrau, arbeitet mit auf dem Hof. Sie managt den Haushalt, kümmert sich um ihre Schwiegereltern (Paul und Marga Bahnsen) und pflegt das Grab ihrer Tochter Mieke, die im Alter von knapp sechs Jahren in einem Getreidehaufen erstickte.

Als Ellen und Henning nach dieser Katastrophe wie paralysiert sind, eilt Broder ihnen zu Hilfe. Mit seiner Familie lässt er sich in der Nähe seines Heimatdorfes als Tierarzt nieder. Die Milchviehherde seines Bruders behandelt er so lange kostenlos, bis er die maschinelle Ausbeutung der Kühe nicht mehr ertragen kann. Für diesen Sinneswandel ist Claire mitverantwortlich. Sie absolviert ein Praktikum bei ihrem Vater. Alle Missstände, die ihr auffallen, zeichnet sie akribisch auf. Am Ende bilanziert sie, dass ihr Vater wie ein „Frontarzt“ sei, der die „Verletzten bloß schnell fit“ mache, „um sie wieder in die Schlacht zu schicken“.

Kurz nachdem sich Broder weigert, Hennings Kühe weiter tierärztlich zu versorgen, brechen Tierrechtsaktivist:innen auf den Hof ein und entwenden ein Kalb aus einem der „Kälber-Iglus“. Die Lage auf dem Hof spitzt sich zu. Henning, bereits zuvor mental überlastet, ist mit seinen Nerven am Ende.

Broder setzt sich aus elf Kapiteln zusammen, an deren Anfang jeweils eine neutrale heterodiegetische Stimme die Natur und ihre saisonalen Wandlungen konturiert, bevor Broder, seine Schwägerin Ellen und sein Vater Paul weitestgehend homodiegetisch fokussiert werden. Sie erzähle immer aus wechselnden Perspektiven, so Hansen im Interview mit Angela Tsakiris, aber diesmal gebe es „eindeutig eine Hauptfigur“. Broders Blick auf die Welt und ihre Wechselfälle dominiert.

Die erzählte Zeit setzt in einem Februar ein und endet in einem Februar, jedoch nicht in einem spezifischen Jahreskreis. Von der Gegenwart des Jahres 2024 aus (die „Boomer“ Henning, Broder und ihre Freunde werden 60), geht es in den folgenden Januar hinein und schließlich in einen Februar in nicht allzu ferner Zukunft, vermutlich 2028.

War die „Mittagsstunde“ in Hansens gleichnamigem Roman ein wirkmächtiges Symbol, so ist es nun der Februar. „Février me tue“, sagt Marie-Claire und entgeht ihm in ihrer südfranzösischen Heimat. Es ist der Monat der Dysbalance, eine krisenbehaftete Zeit, in der alles auf der Kippe steht. Von allen Monaten sei es „der grausamste“, und – allgemein sowie proleptisch – heißt es: „Wenn einer aufgibt, tut er es im Februar“.

Zur atmosphärischen Düsternis, die Hansen meisterhaft erstehen lässt, und unter deren Vorzeichen sich die Handlung in der Gegenwart entspinnt, tragen die Brandruine eines Hotels bei, an der Broder täglich vorbeifährt, und insbesondere die Reiher, die im Februar zurückkehren – fischverschlingende, lärmende Vögel, deren Nachkommenschaft „Kainismus“ nicht fremd ist, weil die älteren Küken ihre jüngeren Geschwister mitunter töten.

Die formale Komposition und die omnipräsente Symbolik illustrieren, dass Hansens Sujet nicht auserzählt sein wird. Elf Kapitel sind es mit Open End, sich erstreckend über 13 Monate. Im narrativen Diskurs ist die Gegenwart der Fiktion der Vergangenheit ebenbürtig, weil der Text seine Lebendigkeit ebenso aus den Rückblenden bezieht. Mit ihnen werden Untiefen aufgedeckt, in denen sich transgenerationale Zyklen mit all ihrer determinierenden Wucht offenbaren und mit neuen Lebensmodi kollidieren.

Hansen brilliert darin, realistische Szenen als grandiose und signifikante Tableaux zu gestalten, in denen plastische Charaktere in all ihrer Multiperspektivität agieren. Broder ist ein Paradebeispiel dafür. In mehrfacher Hinsicht bewegt er sich im Fadenkreuz der Spannungen und Disjunktionen. Als Tierarzt ist er oft eine lebensrettende Lichtgestalt. Als Mensch hat er mit seinem Jähzorn, einer prononcierten Impulskontrollstörung, zu kämpfen. Im Kontakt mit seinen Klient:innen erscheint er gesettelt, aber psychisch treibt ihn vieles um, eine „Unbehaustheit“, die Hansen in einem Interview auch sich selbst zuschreibt. Ihr Protagonist verkörpert das, was George Lukács typischen Charakteren eines realistischen Romans attestiert: „transzendentale“ oder schlicht existenzielle Obdachlosigkeit. Bei Broder manifestiert sie sich im Oszillieren zwischen der Unmöglichkeit, die Lücke zu füllen, die der erste Sohn hinterlassen hat, und dem Bewusstsein, einer zu viel zu sein, ein Zwilling, mit dem niemand gerechnet hat. Die ihm narrativ zugeordnete Grundfigur ist das im Text vielfältig aktualisierte Paradoxon, eine Aufgabe erhalten zu haben, die er von vornherein wegen seines Überflüssigseins nicht erfüllen kann. Nicht selten spitzt sich diese Aporie zu Gewaltfantasien zu, meistens gegenüber Henning. Broders Affekte entladen sich gegenüber Objekten und einmal gegenüber seinem alten Jagdhund, der sich wonniglich in Gülle gewälzt hat und nicht auf den Pfiff seines Menschen reagiert. Der „Jähzorn“ springt Broder an „wie ein zweites Tier“; er packt die lederne Leine, um „das nichtsnutzige Stück Tier zu schlagen“. „Im letzten Augenblick“ legt er die Leine hin, schüttelt den Hund grob am Halsband und brüllt auf ihn ein. Er habe sich einen „Groll gezüchtet, vor dem er sich selbst“ fürchte – einen Groll, der ihn nicht bedrängte, als er woanders lebte.

Nach einer Jugend mit Renitenz und einer Neigung zur naturnahen Landwirtschaft, die seinem Vater suspekt war, verlässt Broder seine Heimat. Im Gegensatz zu Henning hat er sich schon immer zu den Tieren auf dem Hof hingezogen gefühlt. Während er mit Begeisterung melkte, schlug das Herz seines Bruders für Maschinen. Doch nach seiner Mechanikerausbildung im Allgäu treibt das Heimweh Henning zurück in den Norden. Eine Personalunion aus den Zwillingen – einer für die Tiere, einer für den Ackerbau – wäre perfekt. Die Tradition verbietet es.

In der durchtechnisierten Milchproduktionsanlage sind die Tiere längst zu bloßen Nummern herabgewürdigt worden. Für Paul Bahnsen, ü-90-Senior und Altlandwirt mit untrüglichem Kuhverstand, gehört es zwar nach wie vor zum morgendlichen Ritual, jede Kuh vor dem Melken „abzufühlen“ und Auffälliges an Euter und Klauen zu notieren, aber allmählich kann er mit der Entwicklung nicht mehr Schritt halten. Hygieneschleuse, Einwegoveralls und die Kühe selbst sind ihm unheimlich geworden – die „großen, hageren Gestelle mit den Rieseneutern und den langen Zitzen“ wirken auf ihn „wie eine neue Tierart“. Er ist in eine Zeit hineinkatapultiert worden, in der nicht mehr die Maschinen den Menschen dienen, sondern die Menschen den Maschinen: „Früher passte man die Melkmaschinen an die Tiere an, jetzt ist es umgekehrt. Man züchtet Euter, die zu einem Melkroboter passen, und die Kühe geben doppelt so viel Milch wie früher“.

Auf diese Weise exemplifiziert Hansen die gegenwärtig akute Gefahr der Fusion von Lebewesen und Maschinen. In einer diffusen Gemengelage von Reifikation und Personifikation ergibt sich ein prekäres Dazwischen. Neben der Interpenetration von Belebtem und Unbelebtem nähern sich Natur, Menschen und Tiere einander an. Fern jeder romantisierenden Interaktion präsentiert sich Natur mit pathologischer oder martialischer Akzentuierung, wenn von einem „manisch-depressiven Himmel“ und einer „See mit grauem Unterleib“ die Rede ist, oder wenn der Löwenzahn die Felder „erobert“. Die anthropomorphisierten Reiher „zetern wie die Hausmeister“ und die zoomorphisierten Menschen kommen wie „Landsäugetiere“ daher.

Wie entseelt die dieser Hybridisierung entsprechende Tierhaltung ist, zeigt der metaphorisch aufgeladene narrative Auftakt mit einer Zwillingskälbergeburt auf dem Bahnsen-Hof. Nachdem „drei Bahnens“ – Broder, Henning und ihr Vater – „an einem Strang“ gezogen haben und die Kälber auf der Welt sind, muss Broder eines der beiden wiederbeleben. Dennoch wird die Kolostralmilch sofort in Flaschen abgefüllt und die beiden Kleinen werden sofort nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt und in ein für sie bestimmtes „Iglu“, einen Aufzuchtstall, verbracht. Einige Tage später wird ihr Hornwachstum durch „Verhornen“ mit einem Brenneisen eingedämmt.

Typische Tierarzttage führen Broder in Kuh-, Schaf-, Pferde- und Schweineställe – regelmäßig zum Schweinezüchter Jürgen Braak. An der Stalltür prangt der plumpe Spruch „Mein Lieblingstier heißt Schnitzel“ und Braak, ein „Freund des Motorsports“, tendiert dazu, seinen Betrieb mit einem Rennstall zu verwechseln. Besonders stolz ist er auf seinen Narkoseapparat für die Ferkel, weil man gleich vier auf einmal zwecks Kastration betäuben könne; er sei der Ferrari unter den Geräten.

Braak „quält die Tiere nicht, er streichelt sie auch nicht, er produziert – und hält sich an die Regeln“. Solche und ähnliche lakonische Bemerkungen zeigen, dass die Erzählstimme und mit ihr Dörte Hansen auf Kommentare verzichtet. Doch die als Klimax angeordneten Parataxen sind Statement genug.

Immer wieder, wenn sich ihm, dem Nutztierarzt, die Frage nach einem adäquaten Umgang mit Tieren stellt, landet Broder in den Extremen überzogener Liebe einerseits, der „Welt der Samtpfoten und Stubentiger, mit Leuten, die ihre Katzen Schatzi nennen oder kleine Maus“, und vorwiegend wirtschaftlichen Erwägungen andererseits, am heftigsten in der Szene mit einem 18-jährigen Schulpferd, auf einem Auge blind, von Anfänger:innen kaputtgeritten, das zum Schlachter gebracht werden soll.

„Es dauert immer lange, bis ich den richtigen Ton gefunden habe“, sagt Dörte Hansen. Es komme darauf an, „wie konkret oder abstrakt“ sie „erzählen“ wolle und „wie groß die Nähe zu“ ihren „Figuren sein“ solle. In Broder ist die Autorin ihren Figuren sehr nah – nicht nur ihrem Protagonisten, sondern ebenso den Charakteren in seiner Lebenswelt – Menschen und Tieren. Beim Lesen kann die Nähe in emotionale Explosionen münden – in der ergreifenden Szene, als das Schicksal des Schulpferdes besiegelt ist und Broder sich schämt, „weil er den Kopf des alten Tieres an seiner Schulter lehnen sieht. Als hätte es verstanden, was er sagt“, oder in der Szene, als Broder seinen stinkenden Jagdhund schüttelt: „Der Hund stand einfach da und sah ihn an, als er ihn endlich losließ. Nicht unterwürfig und nicht ängstlich, auch nicht trotzig, sondern offensichtlich glücklich. Er stank nach Gülle, und es ging ihm bestens. Einmal noch Anarchist auf seine alten Tage.“ Noch einmal Anarchist sein – das ist Broder selbst nicht vergönnt. Für ihn bleibt eine vage Sehnsucht – verbalisiert in sehr poetischen und anrührenden Schlusssätzen.

Broder ist ein höchst komplexer Roman, dessen Autorin nichts dem Zufall überlassen hat. Der Text ist ausgeklügelt bis ins kleinste Detail, mit perlender, kristallklarer, zum Ende hin noch einmal besonders aufwühlender, dramatischer Rhetorik, bei der – Mini-Kritikpunkt – möglicherweise ab und an ein Quäntchen epischer Spontaneität und Leichtigkeit zu vermissen bleibt.

Dörte Hansen kennt die Welt, über die sie schreibt. Sie ist verständnisvoll, sie beobachtet, registriert und reflektiert, ohne explizit zu werten oder gar zu moralisieren. Aus diesem Procedere erhellt eine klare Conclusio: Es gibt nur bedingt ein Richtig oder Falsch, aber umfassende ethische Prinzipien für Natur, Mensch und Tier. Es gilt, sich weder von der Macht der Traditionen noch von vermeintlichen gegenwärtigen Zwängen überrollen zu lassen, sondern auszuprobieren, neue und diverse Wege zu gehen, um allen Beteiligten nachhaltig gerecht zu werden.

Trotz eines Grundtenors des Tragischen, der erst am Ende begründeter Hoffnung weicht, entfalten Gehalt und Gestalt des gesamten Romans eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Seine gedankliche Tiefe und sein hoher Poetizitätsgrad, kurzum sein Angebot an die Leser:innen, Neues zu entdecken und Perspektivwechsel vorzunehmen, lassen Broder außerdem an der raren Spezies jener Texte partizipieren, deren Mehrfachlektüre sich lohnt.

Titelbild

Dörte Hansen: Broder. Roman.
Penguin, London 2026.
224 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783328604556

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