Einsam in Nazi-Deutschland
Endlich veröffentlicht Suhrkamp Samuel Becketts bittere Tagebücher aus dem Winter 1936/37
Von Christian Schwandt
„Die Aussicht wegzukommen ist eine große Erleichterung“ schreibt Samuel Beckett im September 1936 an einen Freund. Er will Irland verlassen – möglichst für immer. Sein erster Roman Murphy ist abgeschlossen und wartet auf einen Verleger. Nun hält Beckett nichts mehr. Bloß weg von seiner Mutter, die ihm vorwirft, dass er vor vier Jahren für die Schriftstellerei seine Dozentenstelle am Dubliner Trinity-College aufgegeben hat; weg aus dem gutbürgerlichen Vorort Foxrock, wo über seine Affäre mit der Schulfreundin Mary Manning getuschelt wird. Noch sind seine Pläne unscharf, er hat keine ausgearbeitete Route. Er möchte nach Deutschland und dort sehen, „wohin der Wind mich trägt“.
Von Ende September 1936 bis April 1937 bereist Beckett Deutschland. Gerade waren die Olympischen Sommerspiele ein großer propagandistischer Erfolg für die Nazis gewesen. Schon hat die neue Ideologie die Künste erobert: Die meisten avantgardistischen Schriftsteller, Maler, Schauspieler und Regisseure sind geflohen oder emigriert, im Gefängnis oder vom Berufsverbot bedroht. Die Bilderstürme stehen unmittelbar bevor. Da unternimmt Beckett den Versuch, Deutschlands moderne Kunst, kurz vor ihrer Abschaffung, noch einmal aus der Nähe zu betrachten. Er interessiert sich in den kommenden sechs Monaten weit mehr für Malerei und bildende Kunst als für Literatur. Und doch hat er am Ende – in Dresdens Alter Akademie – die Idee für das Stück, das ihn weltberühmt machen wird.
Über diese Reise – einen Wendepunkt in Becketts Leben – ist viel spekuliert worden. Deirdre Bair, die in den siebziger Jahren die erste umfangreiche Beckett-Biographie schrieb, schildert den späteren Resistance-Kämpfer in Deutschland als unpolitischen, ganz auf sich bezogenen Intellektuellen. Dies muss nun revidiert werden. Die sechs Tagebücher, die Suhrkamp jetzt auf Englisch und Deutsch veröffentlicht und im Anhang von Mark Nixon und Oliver Lubrich großartig erläutern lässt, zeigen einen ganz anderen Menschen: Es sind die Aufzeichnungen eines unnahbaren Beobachters, der nazistische Erscheinungen mit Verachtung und Spott kommentiert.
Anfang Oktober 1936 kommt Beckett in Hamburg an und bezieht nach einigen Tagen eine Pension in der Nähe der Universität. Die staatliche Hamburger „Auslandsstelle“ vermittelt ihm eine Konversationspartnerin. Mit ihr besucht er Galerien und Vorträge, lädt sie auch gelegentlich ins Kino oder Theater ein. Sie macht ihn auf einige exzellente Hamburger Privatsammlungen aufmerksam. Beckett lässt sich weiterempfehlen. In der Wohnung der Kunsthistorikerin Rosa Schapire stellt er staunend fest, dass nicht nur sämtliche Bilder (darunter viele Porträts der Gastgeberin) von Karl Schmitt-Rottluff stammen, sondern auch die Zigarettenschachteln, Aschenbecher und Kissen von ihm entworfen sind. Beckett besucht die Künstler und ihre Sammler und entwickelt schnell eine Vorliebe für alles, was als „entartet“ diffamiert wird. Er sieht Bilder von Dix und Beckmann. Er sieht Bargheer, Barlach und Heckel, dann Munch und immer wieder Munch. Mehr als zwei Monate verbringt er so in Hamburg. Auf vielen Seiten dokumentieren die Tagebücher seine Gespräche mit Künstlern und Intellektuellen, denen die Nazis die Existenzgrundlage rauben. Als er erfährt, dass Barlach und Nolde verboten werden sollen, notiert er: „d. h. Nolde kaufen, schnell“.
Braunschweig, Berlin, Leipzig, Dresden, München. Beckett ist ein sehr disziplinierter Tourist und unendlich wissbegierig. Von Menschen hält er sich in Berlin fern. Seine Konstitution verträgt kein Menschengewimmel wie in Hamburg mehr, ja überhaupt keine Gesellschaft. Er besorgt sich die Adressen von Emil Nolde, Karl Schmitt-Rottluff und Erich Heckel, aber er besucht sie nicht. Weihnachten, als die Museen geschlossen sind, unternimmt er lange Märsche durch den Grunewald. Nach einem solchen Spaziergang – diesmal im Tiergarten – schreibt er in sein Tagebuch: „Wie ich die Einsamkeit anbete.“
Beckett leidet während dieses ruhelosen Winterhalbjahres an verschiedenen Entzündungen und Infektionen. Zeitweilig sind seine Schulter und ein Teil seines Rückens gelähmt. Über Halle, Leipzig und Erfurt fährt er nach Dresden. Überall sucht er in Museen und Privatsammlungen die Bilder von Dix, Nolde und Schmitt-Rottluff. Doch nur allzu oft sind die modernen Abteilungen geschlossen oder die Bilder, die ihn interessieren, entfernt worden. Und anders als in Hamburg hilft ihm nun auch das staatliche Empfehlungsschreiben nichts mehr, mit dem er zuvor Bilder betrachten durfte, die der Öffentlichkeit schon nicht mehr zugänglich sind. In Leipzig erreicht seine Stimmung einen Tiefpunkt. Er findet die Stadt hässlich. Sein Hotelzimmer wird trotz bitterer Januarkälte nicht geheizt, und das Konzert im Gewandhaus ist „eine Beleidigung der Sinne und der Urteilskraft“.
Wie anders Dresden. Am 29. Januar, dem Tag der Ankunft, notiert er „(...) zauberhafter erster Eindruck von Dresden. Gefühl von Freiheit & Weitläufigkeit nach dem Dickicht von Leipzig.“ Die Tänzerin Gret Palucca macht ihn mit dem vor drei Jahren abgesetzten Direktor des Zwingers, Will Grohmann, bekannt. Beckett ist von dem jüdischen Kunsthistoriker und seinem umfassenden Wissen über Deutschland moderne Kunst fasziniert. Er fragt Grohmann, warum er Deutschland nicht verlasse.
Er sagt, es sei interessanter zu bleiben als zu gehen, selbst wenn es möglich wäre zu gehen. Sie können die Gedanken nicht kontrollieren. Unmöglich zu schätzen, wie lange das Regime sich halte; hänge zum größten Teil vom wirtschaftlichen Erfolg ab. Wenn es zusammenbreche, sei es für Leute wie ihn angebracht, zur Stelle zu sein, entweder unterzugehen oder wieder tätig zu werden.
Im Mittelpunkt stehen in Dresden die alten Meister: Zehn volle Tage verbringt Beckett im Zwinger und in der Alten Akademie. Als er 1948 Warten auf Godot schreibt, wird er sich an diesen Dresden-Aufenthalt erinnern. Becketts Biograph Knowlson kann gut belegen: In Caspar David Friedrichs Bild Zwei Männer betrachten den Mond von 1819, sei die visuelle Konzeption seines berühmtesten Stückes zu finden: Zwei Männer in Mänteln, die von hinten porträtiert sind, betrachten den Vollmond, der von den schwarzen Zweigen eines großen kahlen Baumes eingerahmt wird. Beckett betrachtet das Bild lange in der Alten Akademie und findet es im Tagebuch „zauberhaft“.
Dann München. Dem Iren gefällt die Stadt gar nicht. Er ist des Umherziehens und der billigen Pensionen müde. Wie in Hamburg und Dresden versucht er die moderne Kunstszene kennenzulernen. Vier Wochen lang zieht Beckett durch die Münchner Galerien, Museen und Künstlerkneipen. Von der Alten Pinakothek ist er begeistert, doch die meisten Begegnungen – darunter mit dem Maler Edgar Ende – verlaufen enttäuschend. Allerdings mit einer Ausnahme: Eines Abends sieht er im Benz-Cabaret Karl Valentin. Beckett ist tief beeindruckt: „Wirklich guter Komiker, der Depression ausstrahlt, hat seine besten Tage vielleicht schon hinter sich. (…) Verstehe kaum die Hälfte von seinem Dialekt.“ Er will Valentin kennenlernen und es gelingt ihm, ein kurzes „verrücktes“ Zusammentreffen zu arrangieren.
Am nächsten Tag geht sein Flugzeug nach Hause. Das Gepäck – ergänzt um eine Vielzahl deutscher Romane, Reiseführer und Ausstellungskataloge – lässt er sich mit dem Zug nachschicken. Beckett, der wortkarge Meister des Absurden aus Irland, hat in Deutschland hartnäckig an seiner Bildung gearbeitet. Doch nun ist er erleichtert, Nazideutschland wieder zu verlassen. In den vergangenen Monaten hatte er eine Welt des Verbots, des Schnüffelns, der ständig zunehmenden Ideologisierung erfahren. Immer wieder beschwert er sich über diejenigen, die das „NS Evangelium“ predigen, schreckt vor denen zurück, die sich so „entsetzlich nationalsozialistisch“ benehmen. Er vermerkt in den Tagebüchern präzise, wie das Private zurückgedrängt wird. Gerade die alltäglichen Ängste, Demütigungen und Anpassungen der Bevölkerung werden notiert: „Jeder Toilettenwärter sagt Heil Hitler“.
Bereits aus Berlin schrieb er einen Brief an seine Schulfreundin Mary Manning, in dem er ein erstes Fazit seiner Reise zog:
Die Reise ist ein Fehlschlag. Deutschland ist fürchterlich. Das Geld ist knapp. Ich bin die ganze Zeit müde. Alle modernen Bilder sind in den Kellern. (…) Es reicht, dass ich mir nichts Schlimmeres vorstellen kann als diese mentale Auszehrung, in der ich seit Monaten taumele und schwitze. Es hat sich tatsächlich erwiesen, dass diese Reise von etwas weg und nicht zu etwas hin führt. Aber im Grunde habe ich das gewusst, bevor ich losfuhr.
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