Kirchenkritik, Antisemitismus und ein Lob der Prostitution
Oskar Panizzas „Vermischte Schriften“ sind zwar oft scharfzüngig, aber mindestens ebenso oft widerwärtig
Von Rolf Löchel
Auch gut einhundert Jahre nach seinem Tod 1921 zählt Oskar Panizza zu den literarischen Außenseitern, die über die engere Forschungsgemeinde zur Literatur des Fin de Siècle hinaus nicht ganz vergessen sind. Das hat er vor allem seinem 1895 erschienenen Stück Das Liebeskonzil zu verdanken. Es galt damals nicht nur als skandalös, sondern brachte seinem Autor sogar eine einjährige Gefängnisstrafe wegen Blasphemie ein. Auch die von ihm herausgegebenen Zürcher Diskußjonen (1897-1902) werden noch immer hier und da erwähnt. Doch war Panizzas publizistische Tätigkeit sehr viel breiter und umfasste etwa Gedichte, Kampfschriften, Erzählungen und andere kleine Prosaschriften. Die eine oder andere von ihnen wurde in den letzten Jahren neu aufgelegt, wie etwa im Jahr 2019 Die Menschenfabrik, die 1890 in seinem Erzählband Dämmrungsstücke erschienen war.
Nun haben Peter Staengele und Günther Emig auf vier Bände verteilt exakt 100 weitere kleine Vermischte Schriften Panizzas herausgegeben, deren jeweiliger Umfang von wenigen Zeilen bis zu einigen Dutzend Seiten reicht. Eine neue Edition von seinen Werken mag zwar an sich ein recht verdienstvolles Unternehmen sein. Im vorliegenden Fall ist sie jedoch, es lässt sich nicht anders sagen, ausgesprochen miserabel. Weder werden Panizzas Texte historisch oder lebensgeschichtlich kontextualisiert, noch werden in ihnen erwähnte Daten, Personen, Vorkommnisse oder Publikationen kommentierend erläutert. Jedem der vier Bände sind zwar drei Anhänge beigefügt; diese sind allerdings nicht übermäßig informativ, sondern lassen manche Frage offen. Bei dem ersten handelt es sich um eine stets gleichlautende, wenig ausführliche „Chronik“ von sechs Seiten Umfang, die nicht viel mehr als ein unvollständiges Verzeichnis von Panizzas Schriften und Psychiatrieaufenthalten bietet. Es folgen eine kaum eine Seite umfassende „Editorische Notiz“ und als letztes wurden die jeweiligen „Drucknachweise“ angehängt. Zu monieren ist auch, dass keineswegs alle kürzeren Schriften Panizzas in die vier Bände aufgenommen wurden, sondern nur diejenigen, die er in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien veröffentlichte.
Aber zu Panizzas Texten selbst: Der älteste stammt aus dem Jahr 1890. Da hatte der 1853 geborene Autor nicht nur die von Dante für den Menschen ausgemachte Lebensmitte knapp überschritten, sondern auch seine eigene. Denn er war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immerhin bereits 36 Jahre alt und es sollten ihm nur noch weitere 31 vergönnt sein, von denen er die letzten achtzehn in verschiedenen Psychiatrien oder, wie es damals hieß, „Irrenanstalten“ verbrachte. Die letzten in die vorliegende Ausgabe aufgenommenen Publikationen Panizzas datieren auf das Jahr 1902.
Zu den zentralen Themen, mit denen sich Panizza in seinen Schriften immer wieder auf zumeist polemische Art befasste, gehörte die christliche Religion, der auch sein Hauptwerk Das Liebeskonzil galt. Doch schon der erste, ausnahmsweise einmal recht sachliche Text der vorliegenden Ausgabe aus dem Jahr 1890 gilt einem christlichen Thema: Genauer gesagt, der Rolle des Teufels in der wandelbaren Geschichte der Aufführungen des Oberammergauer Passions-Spiels, die laut Panizza, damals schon „ziemlich genau einen Zeitraum von tausend Jahren“ umfasste. Panizza hat sich in die Materie und die alten Texte vertieft, um die zweifellos weithin unbekannte Entwicklungsgeschichte der Oberammergauer Teufelsdarstellungen nachzeichnen zu können. Auch im Jahr darauf, 1891, wendet er sich noch einmal den Passionsspielen zu. Andere seiner Texte zur christlichen Religion gelten etwa Kirchenmoral und Staatsmoral (1891), den Heiligen drei Königen (1892), Luthers Ansichten über die Ehe, einem gewissen „Pastor Johannes“ (1893), der Katholische[n] Irrenbehandlung (1895), dem Fronleichnamsfest (1896), dem Papst (1899) oder einem Fulminante[n] Angriff auf Juden und Klerikale (1900).
Selbstverständlich hat sich Panizza in seinem breiten Oeuvre jedoch nicht nur mit Fragen der Religion befasst. Sein Interesse galt etwa auch den Künsten. So publizierte er mehrmals zu verschiedenen Opern, nicht zuletzt denjenigen von Richard Wagner, und den bildenden Künsten. Überdies veröffentlichte er etliche Rezensionen literarischer Neuerscheinungen, zumeist deutschsprachigen Ursprungs, aber etwa auch zu Tolstois Kreuzersonate. Ungeachtet der von ihm gerne gepflegten Polemik ist er der Meinung, „daß das Maaß des Schimpfens der zeitgenössischen Kritik kein Urteil erlaubt über den aesthetischen, poetischen oder sonstigen Wert der betreffenden Literatur“. Um dies zu belegen verweist er auf eine ganze Reihe von Verrissen, die zu seiner Zeit längst anerkannte Klassiker zu Lebzeiten über sich ergehen lassen mussten.
Und mit Verrissen kannte Panizza sich ja bekanntlich aus. So hielt er etwa herzlich wenig von der „Frauenzimmerschriftstellerei“ mit ihrer „ganzen Seufzerskala, der ganzen Seelenkamalität eines Frauenzimmers“. Eine Autorin hat er dann aber doch entdeckt, die ihn regelrecht begeistert: Laura Marholm und ihr „urkräftiges, rücksichtslos-gesundes, kühnes und gewaltiges Buch“ Karla Bühring, das Panizza alleine darum über den grünen Klee lobt, weil der Roman „das Weib, das Mädchen, die Frau, de[n] Backfisch, das Dienstmädchen und die Herzogin im Grunde ihres Wesens“ als „ein erotisches, erotisch-verlangendes Wesen“ zeigt, „das unter allen Mitteln […] nach dem Mann verlangt“. So, findet Panizza, kann „nur ein Weib ihr Geschlecht […] schildern“. Und zwar nicht irgendeines, sondern „nur ein germanisches“. Diese kühne Behauptung muss er jedoch sogleich wieder korrigieren, denn Marholm ist mitnichten ‚germanisch‘, sondern ein „germano-finnisches Weib, eine rücksichtslose Tartarin“, allerdings „mit den Ausdrucksmitteln der deutschen Bildung“. Eine Lobpreisung, die Panizza, wie so manchen anderen Text auch, nicht mit seinem Namen zeichnete, sondern einem Kürzel; in diesem Fall mit „-zz-“. Erwähnt sei auch, dass er Frank Wedekinds Frühlingserwachen ebenfalls großes Lob spendete.
Nicht nur mit Verrissen kannte sich Panizza gut aus, sondern auch mit der Prostitution. Das glaubte er zumindest und widmete ihr 1892 eine längere Apologie. Tatsächlich hatte er einige Erfahrungen mit dem Prostitutionsgeschäft gemacht; aber nicht als Prostituierter, sondern als Prostituent, was seinen geradezu hymnischen Tunnelblick auf die Prostitution erklären dürfte. So phantasiert er etwa davon, dass „die Mädchen […] milde behandelt“ würden und „vor pekuniärer Ausbeutung […] geschützt“ seien. Vielmehr seien „Mädchen und Gäste […] zufrieden“. Daher sei auch „die Meinung, daß die Freudenmädchen vor ihrem Metier Abscheu empfinden, ebenso unrichtig, wie die, daß sie sich zu anderen Berufsarten eignen“. So mag er denn auch gar nicht von Prostituierten sprechen, da dieser lateinische Ausdruck ein „verächtlichmachendes Fremdwort“, hingegen „die ältere Bezeichnung Freudenmädchen richtig und erschöpfend“ sei. Und überhaupt sei Prostitution „das Resultat eines Naturtriebs im Menschen“. Zwar zieht er etliche Publikationen zur Prositution heran, zeitgenössische feministische Kritik an der Prostitution, wie sie etwa von Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann und Anna Pappritz geübt wurde, scheint ihm allerdings unbekannt gewesen zu sein.
Auch Franziska zu Reventlow hätte ihn über das Elend der Prostituierten belehren können. Immerhin war er mit der, wie er sie in der Überschrift eines seiner Texte von 1902 nannte, „Schleswig-Holstein‘sche[n] Venus“ persönlich bekannt. Reventlow schrieb nicht nur zwei Beiträge für seine Zürcher Diskußjonen, sondern besuchte ihn auch im Gefängnis. Dass sie sich gelegentlich aus purer Not prostituieren musste, war ihm aber vermutlich nicht bekannt. Jedenfalls pries er sie als „tapferes Voll-Weib“ mit „scharfen Sinnen“, das „vor der heutigen Männerwelt, die in Maeterlinkerei und Homosexualismus ihr Behagen findet, ausspeit“. Er selbst verkehrte ja lieber mit Prostituierten oder verging sich als Pädokrimineller an heranwachsenden Mädchen.
Doch nicht nur seine pädokriminellen Aktivitäten, die neben politischen Gründen schließlich dazu beitrugen, dass er die Schweiz verlassen musste, seine Auslassungen über Homosexuelle, seine Klage über die „effeminierte Männerwelt“ und die „maskulirte Frauenwelt“ seiner Zeit, sowie seine Vorliebe für „weibliche Naivität“, die „immer etwas Gutes zur Folge“ habe, sind widerwärtig, sondern nicht zuletzt auch sein dezidierter Antisemitismus, der jüdischen Menschen „Säbelbeine[], Triefaugen, Hühnerbrüste[], kurzen Taillen, Schweißgeruch und Plattfüße[]“ andichtet. „Bei ihrer ausgesprochene[n] Häßlichkeit und Dekrepidität“ seien sie der „teutonischen Rasse gegenüber […] zweifellos minderwertig“. Auch das Klischee des geldgierigen Juden lässt Panizza nicht aus: „Aber ihr Geist“, fährt er fort, „ist, besonders nach einer, der merkantilen Seite hin so viel besser entwickelt, daß er alle bessere Körperverfassung der germanischen Konkurrenzrasse wettmacht“. Daher kritisiert er auch „die Schonung der Juden, die alle abendländischen Völker unisono als eine ihnen unebenbürtige Rasse erklären“. Versuche zur „Verbesserung unserer Rasse“ und „Menschenverbesserungstheorien“, mit denen er mal das Menschengeschlecht insgesamt, mal die „teutonische Rasse“ meint, lehnt er allerdings ebenfalls ab.
Auch seine 1891 erschienenen Überlegungen „Ueber Selbstmord“ kommen nicht ohne antisemitische Klischees aus. Denn Panizza unterscheidet zwischen „temperamentlosen Selbstmorde[n]“, die vor allem von jüdischen Menschen begangen würde, die überhaupt „in allen Lebenslagen gänzlich temperamentlos handel[n]“, einerseits und „temperamentvollen Selbstmorde[n]“ andererseits, für die er sich allein interessiert. Dabei versucht er, eine angeblich „auffallende Vererbung der Selbstmordmanie“ nachzuweisen. Ansonsten findet er, dass es „keinen Unterschied“ macht, ob jemand selbst Hand an sich legt oder anderweitig zu Tode kommt, da letztlich alle Menschen sterben.
Zwar sind viele von Panizzas Ansichten und Ergüssen abstoßend. Doch dass seine „vermischten Schriften“ neu herausgegeben wurden, ist dennoch zu begrüßen: Immerhin handelt es sich um zeit- und kulturgeschichtliche Dokumente aus (dem Umfeld) der Bohème um 1900.
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