Gescheiterte Liebe

Eva Demskis Roman "Scheintod"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon vor der Lektüre stellen sich dem Leser zwei Fragen. Was hat den Schöffling Verlag veranlasst, diesen bereits 1984 erschienenen Roman von Eva Demski neu aufzulegen? Und warum wird uns im Klappentext suggeriert, dass dies der Roman "einer großen Liebe" sein soll?

Es ist zwar kein Schlüsselroman, wie die breite Öffentlichkeit vor 16 Jahren vermutet hatte, aber doch ein durch und durch politisches Zeitzeugnis aus der unruhigen Zeit der frühen 70er Jahre. Es dreht sich alles um den Tod eines jungen Anwalts, der Kontakte zur Terroristenszene unterhielt.

Seine Frau, von der er seit drei Jahren getrennt lebte, steht vor einem gewaltigen Chaos. Durch den plötzlichen Tod des Anwalts läuft vor ihrem Auge noch einmal die gesamte Beziehung ab; zwielichtige Klienten des Verstorbenen bedrängen sie ebenso wie ein stattliches Aufgebot an Ermittlungsbeamten, die in Wild-West-Manier die Kanzlei verwüsten. Beide Gruppen suchen nach einer Aktentasche mit "brisanten" Unterlagen.

In Tagebuchform erzählt Eva Demski den äußerst schwierigen Selbstfindungsprozess der Witwe - gegliedert in zwölf Kapitel, jedem Tag, der bis zur Beerdigung des Anwalts vergeht, wird eines gewidmet. Erst nach einer gerichtsmedizinischen Untersuchung wird die Leiche des 30-jährigen zur Bestattung frei gegeben. "Jemand hätte ihr jetzt helfen müssen, sie tat sich leid. Da war keiner, der die Stärke ihres Schmerzes auch nur hätte spüren können", resümiert die Ich-Erzählerin. Erst durch den Tod scheint sich die Frau über die Tragweite des Verlustes im Klaren zu werden.

Dennoch erfüllt sich der im Klappentext aufgebaute Anspruch vom Roman "einer großen Liebe" nicht, denn trotz aller Reflexionen bleibt der tote Anwalt für seine hinterbliebene Frau ein rätselhaftes Wesen. Er vergnügte sich mit jugendlichen Strichern, hatte seine politisch-anarchistische Philosophie im Kopf und verteidigte auch Kriminelle aus dem Frankfurter Drogenmilieu. Sätze wie "Jeder einzelne ist für die Revolution wichtig, und gerade er hätte nicht verloren gehen dürfen" klingen anachronistisch und zudem übertrieben martialisch.

Man liest diesen Roman heute zweifellos anders als vor 16 Jahren. Die politische Komponente tritt dabei zusehends in den Hintergrund; als zentrales Motiv bleiben die selbstquälerischen Suchbewegungen der Witwe zurück, die viele Jahre mit einem Menschen zusammen lebte, den sie offensichtlich nie richtig kennen gelernt hat.

Gefühle festzuhalten, um sie bei Bedarf wieder abrufen zu können, sei das Ziel der Tagebuch-Literatur, hatte Eva Demski im letzten Jahr im Rahmen ihrer Frankfurter Poetikvorlesung erklärt. Dass sich "Scheintod" heute - losgelöst vom politisch-gesellschaftlichen Kontext - als Roman einer kläglich "gescheiterten Liebe" lesen lässt, verdanken wir der Neuauflage des Schöffling Verlags.

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Eva Demski: Scheintod. Roman.
Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
397 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3895610038

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