Das Verhältnis des individuellen Körpers zum Staatskörper

Rainer Guldins "Körpermetaphern"

Von Stefanie HartmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie Hartmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ausgehend von Mythen, die die Schaffung eines neuen sozialen Gefüges aus dem zerstückelten Körper eines Urwesens beschreiben, erläutert Rainer Guldin die analoge Terminologie bei der Beschreibung individueller menschlicher Körper und komplexer staatlicher Gebilde. Bereits in der griechischen Antike wurde die "polis" von Thukydides mit einem Lebewesen gleichgesetzt, das an Krankheiten leiden kann. Bei Staatskrisen wurden Ratschläge eingeholt, die dem medizinischen Rat eines Arztes vergleichbar sind. Die einzelnen Körperteile entsprachen dabei verschiedenen sozialen Klassen. So wurde beispielsweise das Gehirn den Aristokraten zugeordnet. Um das Funktionieren eines staatlichen oder menschlichen Organismus zu gewährleisten, mussten die einzelnen Teile zusammenarbeiten. Das Hirn war also Ort der Vernunft, das Herz beherbergte die Soldaten, die für Stärke und Mut standen und der Unterleib repräsentierte das arbeitende Volk, das die ernährende Funktion einnahm. Je nach der politischen Situation wechselte die Ansicht, ob die einzelnen Organe bzw. gesellschaftlichen Gruppen gleichwertig miteinander kooperierten oder sie hierarchisch gegliedert waren.

Mit Beginn des Christentums wurde die Metaphorik durch den Begriff des "corpus Christi" als "civitas dei" fortgeführt. Dieser göttliche Staat konkurrierte mit dem "civitate terena", der politischen Ordnung. Aus dem bereits bei Platon entwickelten Körper-Seele-Gedanken leitete die Kirche ihren Anspruch auf eine Vormachtstellung gegenüber dem "civitate terena" ab. Aus der Erkenntnis, dass die Schmerzen eines Körperteils sich auf andere Teile auswirken, entstand übertragen auf die christliche Gemeinde der Gedanke der Solidarität.

Im 16. Jahrhundert sah der Brite Thomas Starkey im ausgewogenen Nebeneinander der Körpersäfte die ideale Vermeidung von Krankheiten. Auf politischer Ebene propagierte er damit die konstitutionelle Monarchie als Verbindung von Monarchie und Parlament, die auch einer harmonischen Zusammenarbeit von Kopf und Herz entspreche. Dieser Herrschaftsform wurde innerhalb der Auffassung, dass die Körpersäfte auch bestimmte Temperamente befördern, das sanguinische Temperament zugewiesen.

Im 17. Jahrhundert beeinflusste Harveys Kreislauftheorie die Terminologie. Unter anderem bei Thomas Hobbes und Adam Smith wurde der Warenkreislauf mit dem Blutkreislauf verglichen. Die Vorstellung von festen Bestandteilen (Organen, Institutionen) und flüssigen Bestandteilen (Körpersäften, Waren) wurde wieder aufgenommen.

Im zweiten Teil seiner Abhandlung setzt sich Guldin mit Grenzerscheinungen, mit Übergangsphänomenen auseinander. Ein solches Übergangsphänomen stellt der Tod des Herrschers dar. Die Verwesung seines Körpers geht einher mit dem Zerfall des Staatskörpers. Anarchistische Zustände drohen. Kein Wunder also, dass auch heute reges Interesse am Gesundheitszustand der Staatsoberhäupter besteht. Guldin weist auf die rege Teilnahme der Menschen an Jelzins Krankheit hin und die strotzende Energie, die ein joggender Bill Clinton demonstriert.

Haut und Mund entsprechen Grenzen, die zunehmend durch die Medizin kontrolliert werden, da durch sie Fremdkörper eindringen können. Doch kann durch diese Grenzen auch eine Verbindung zum kollektiven Körper hergestellt werden, beispielsweise wenn die Hostie als Symbol für den Körper Christi verzehrt wird.

Als Grenzerscheinungen werden auch die kostümierten Körper im Karneval, die Heiligen Frauen und die Mystiker analysiert. Was an diesem zweiten Teil auffällt, sind die - wenn auch sparsamen - Bezüge zu politischen Erscheinungen der jüngeren Geschichte.

Beschäftigen sich die ersten beiden Teile des Buches mit Vorgängen innerhalb eines Körpers und mit Wechselbeziehungen des Körpers mit äußeren Phänomenen, geht es im dritten Teil um die Abgrenzung einzelner Teile des Organismus nach außen oder zumindest deren Verlagerung an den Rand. Darunter versteht Guldin zum einen die körperlichen Ausscheidungsprozesse, zum anderen die gesellschaftlichen Ausgrenzungsprozesse. Bestimmte soziale Gruppen werden als Krebsgeschwüre bezeichnet. Ihre Ausgrenzung bzw. Ablagerung an der Peripherie scheint für die Gesundung bzw. die Gesunderhaltung des Systems erforderlich. In diesem Zusammenhang kommt dem "Aderlass" besondere Bedeutung zu. Arbeitslose, Bettler, Rebellen wurden im 16./17. Jahrhundert von Francis Bacon und anderen innerhalb der beschriebenen Terminologie analysiert. Carlo Ginzburg sah später eine Paralle zwischen der Internierung von Lepra-Kranken und der Entstehung jüdischer Ghettos. Ebenso entstanden Prostituiertenviertel nur an Stadträndern. Die Bordelle wurden analog zu den früheren Jauchegruben als "hygienisches Ventil" benutzt. Die Prostituierte diente dem Abfluss überschüssigen Spermas. Das Verhältnis zu anderen körperlichen Ausscheidungen veränderte sich: Durch den Ausbau der städtischen Kanalisation sensibilisierte sich der Umgang mit Urin und Kot. Im 19. Jahrhundert sah man im Umgang von Geisteskranken mit ihren eigenen Exkrementen ein Merkmal von krankhaftem Verhalten.

Rainer Guldin verfolgt also akribisch die Geschichte der parallelen Terminologie in Medizin und Politik. Er geht dabei bis zur Antike zurück und verfolgt die Entwicklung vor allem in der abendländischen Gesellschaft. Seine Ergebnisse sind gut nachvollziehbar und verlangen förmlich nach einer Übertragung auf die jüngste Geschichte. Doch genau darauf verzichtet Guldin. Ein abschließendes Kapitel, das die vorangegangenen noch einmal zusammenfasst und die Relevanz für aktuellere Diskussionen hervorhebt, wäre wünschenswert gewesen. Gerade in der Ausgrenzung sozialer Gruppen, die als parasitär bezeichnet werden, wären Verweise auf die Terminologie des Nationalsozialismus aufschlussreich gewesen. Bei der Betrachtung des Staates als Körper stellt sich angesichts der Verwirklichung einer Europäischen Union die Frage, wie sich der einzelne Körper zur Entstehung eines größeren Körpers verhält. Fragen, die Guldin nicht nur nicht beantwortet, sondern die er nicht einmal stellt.

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Rainer Guldin: Körpermetaphern. Zum Verhältnis von Politik und Medizin.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1999.
252 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 382601569X

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