Jenseits der Ekphrasis

Ursula Renner untersucht die bildende Kunst in Hofmannsthals Texten

Von Ralf HertelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ralf Hertel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Reich ist das Wechselspiel der unterschiedlichen Künste im Fin de Siècle. In einer Epoche, in welcher der wagnerianische Gedanke des Gesamtkunstwerks erst ganz zur Geltung kommt, sind es nicht zuletzt die ästhetizistischen Schriftsteller, die in ihrem Bemühen um ein autonomes Kunstwerk die Grenzen zu anderen Künsten überschreiten. Synästhesie wird zu einem literarischen Programm, wie es etwa des Esseintes, Prototyp ästhetizistischen Erlebens, in Joris-Karl Huysmans "A Rebours" exemplarisch mit seinen Geruchsorgeln und farblich aufeinander abgestimmten Gerichten in die Tat umsetzt. Aus diesem Nebeneinander der Künste, wie es Huysmans demonstriert, wird jedoch bald ein paragonisches Verhältnis, ein Wettstreit der Künste, in dem sich immer öfter die Musik als Sieger erweist. Walter Paters bekannte Diktum, dass alle Kunst nach dem Zustand der Musik strebe, steht stellvertretend für das Kunstverständnis einer Epoche der Tondichtungen und der engen Symbiose zwischen Schriftsteller und Komponist: Man denke nur an Strauss' Vertonungen von Wildes "Salome" oder Hofmannsthals "Elektra" und "Die Frau ohne Schatten".

So überrascht eine Studie wie die nun von Ursula Renner vorgelegte "Die Zauberschrift der Bilder: Bildende Kunst in Hofmannsthals Texten" zunächst, da der österreichische Schriftsteller doch gemeinhin als Dichter gilt, der sich vor allem der Musik und weniger der bildenden Künsten zuwendet. Bekannt ist der zum Schlüsseltext des Fin de Siècles avancierte "Brief" von 1902, in dem davon die Rede ist, wie dem Protagonisten Lord Chandos "völlig die Fähigkeit abhanden gekommen [sei], über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen" und wie ihm die Worte im Munde zerfallen "wie modrige Pilze". Auch im Mitterwurzer-Essay offenbart sich Hofmannsthals Skepsis gegenüber den Begriffen, wenn er davon spricht, dass sich die Worte vor die Dinge gestellte hätten und das Hörensagen die Welt verschluckt habe. Hofmannsthal, der Dichter der Sprachkrise, findet, so die vorherrschende Meinung, einen Ausweg aus dieser Krise der Begriffe durch eine Hinwendung zu nonverbalen Ausdrucksformen, durch das, was er eine "verzweifelte Liebe zu allen Künsten, die schweigend ausgeübt werden" nennt. Vor allem seine Hinwendung zur Musik und zum Tanz, die sich etwa in der Zusammenarbeit mit Richard Strauss und Grete Wiesenthal, den Essays über Ruth St. Denis oder seinen Tanzpantomimen äußert, stößt in letzter Zeit auf reges Interesse der Literaturwissenschaft. Hofmannsthals Verhältnis zur bildenden Kunst hingegen hat bislang weit weniger Beachtung gefunden, obwohl es nicht einleuchten mag, warum er nicht auch in der Malerei und der Bildhauerei Künste gesehen haben soll, die schweigend ausgeübt werden und ihm mithin einen Ausweg aus der konstatierten Krise der Begriffe zu weisen vermögen.

Das bedeutet aber auch, das Hofmannsthals Beschäftigung mit der Malerei keine Ekphrasis im engen Sinn sein kann, da das Medium einer reinen Bildbeschreibung ja wiederum das in Misskredit geratene Wort wäre. Es ist der Verdienst von Renners Studie, über eine solche Motivuntersuchung hinauszugehen und am einzelnen Text durch geduldiges "close reading" aufzuzeigen, wie die Malerei formbildend auf Hofmannsthals Texte einwirkt. Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht etwa das Kapitel zu Hofmannsthals Böcklin-Rezeption. So zeigt Renner anhand des kurzen Prosawerks "Glück am Weg", wie Hofmannsthal "Mytheme Böcklins für eine Semantik der sinnlichen Erregung zu nutzen" versucht. Das Mythische und Märchenhafte der Bilder Böcklins liest sie dabei als "Code für Psychisches": "Böcklins faunenbelebte Landschaften, seine Seestücke mit Nymphen und Meerwesen präsentieren Bildformeln für die ahistorische, nichtlineare Raumzeit der Seele und der Fantasie, um deren mediale Zur-Schau-Stellung das ganze Fin de Siècle rang." Wenn Hofmannsthal die in ihnen portraitierte Stimmung mit Worten zu erzeugen sucht, dann um den antiken Topoi eben diese psychologische Tiefe zu geben. Renners Analyse zeigt auf, dass Hofmannsthals Text nichts anderes will als Böcklins Bild: Seelenzuständen in mythologische Gewänder einzukleiden, um sie als Metapher sichtbar zu machen.

So ist Renners Studie eine umfangreiche und - vom mitunter überbordenden Fußnotenapparat abgesehen - gut lesbare Arbeit, welche eine wesentliche Lücke der bisweilen wuchernden Hofmannsthalsforschung schließt. Mit detaillierten Einzeluntersuchungen von Texten wie "Die Frau im Fenster" oder den "Briefen des Zurückgekehrten", mit Abschnitten zu Hofmannsthals Poussin-Rezeption und seiner Lektüre von Walter Paters einflussreicher Abhandlung über Leonardos Mona Lisa, mit einer Abhandlung zum Verhältnis des Dichters zur Bildhauerei Rodins dürfte "Die Zauberschrift der Bilder" ein Standardwerk der Hofmannsthal-Literatur werden. Schade allein, dass man bei der Publikation am falschen Ende gespart hat und sämtliche Abbildungen nur in schwarzweiß abgedruckt sind - die Magie der Bilder, welche Hofmannsthal so faszinieren, lässt sich so fast nur noch vermittelt anhand seiner Texte erschließen.

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Ursula Renner: Die Zauberschrift der Bilder. Bildende Kunst in Hofmannsthals Texten.
Rombach Verlag, Freiburg 1999.
582 Seiten, 75,70 EUR.
ISBN-10: 3793091910

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