Die neuere Kulturwissenschaft und ihr theoretisch vorhandenes Potential

Ein Reader über kulturelle Grenzziehungen im Spiegel der Literaturen

Von Geret LuhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Geret Luhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Fontanes spätem Roman "Der Stechlin" ist es vor allem Domina, die Schwester der männlichen Hauptfigur, die aus ihrer Abneigung gegen alles Fremde keinen Hehl macht. Ihrem fremdsprachlich kundigen Bruder wirft sie dementsprechend vor, er würde zuviel Französisches sagen: "Das verdrießt mich immer. Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt." Zu der konservativen Identität der Stechlins, die sich nicht nur strengen sprachlichen Grenzziehungen verdankt, bildet der See gleichen Namens den Gegenpol: Durch seine rätselhaften vulkanisch-geologischen Verbindungen wiederholt er die eruptiven Bewegungen der fernen Welt und wird so zum symbolischen Ausdruck der Subversion. Die beiden in Fontanes Roman vorgeführten Haltungen, so der indische Literaturwissenschaftler Anil Bhatti in vorliegendem Reader über "Kulturelle Grenzziehungen", wären zugleich zwei Grundpositionen, die im Laufe des Kolonialismus und Dekolonialismus sowie deren postkolonialer Reflexion Literatur und Kritik beschäftigt hätten. Anstatt nun aber diese Reflexionen für ein Verständnis von Fontanes Spätwerk zu nutzen, lenkt Bhatti seinen Blick lieber auf den "Sättigungsgrad der Diskussion über Postkolonialismus". Das Problem, so Bhatti, liege in den ausufernden Versuchen zu einer systematischen Theoriebildung, weshalb man zum Postkolonialismus als einer rein kritischen Haltung zurückkehren müsse, zu einer Haltung, die "Essentialismen, Orientalismus, Okzidentalismus, sprachliche Exklusivitätsrechte mit Authentizitätsansprüchen, kulturelle Verankerung und Seßhaftigkeit in Frage zu stellen" vermag. Spätestens hier wird deutlich, daß der Postkolonialismus als eine Spielart der neueren Kulturwissenschaften vor allem auf ein politisches Denken abzielt - und das heißt eher auf die Forderung nach einer im strengen Sinn postmodernen, multikulturellen Literatur, wie sie in Ansätzen bei Salman Rushdie vorliegen mag, denn als ein Analyseinstrumentarium für die vergangenen wie größtenteils auch die gegenwärtigen Literaturen. Bhattis folgende Auseinandersetzung mit Ernst Jünger führt jedenfalls kaum weiter als bis zu der recht banalen Feststellung, daß Jüngers Werk von Essentialismen geprägt sei. Ähnlich vage bleiben auch die Äußerungen Paul Michael Lützelers über "Multikulturelles, Postkoloniales und Europäisches in der Postmoderne", die sich dem Phänomen der Internationalität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nähern. Zwar konstatiert er schlüssig, daß der postkoloniale Blick sich vom olympischen, alles eindeutig bewertenden, semantisch erobernden und beherrschenden kolonialen Blick durch das Bekenntnis zu Unsicherheit, Irritation sowie Begrenztheit der eigenen Erfahrung und Kommentierungskompetenz unterscheide, doch kann er diesen Unterschied anhand der zahlreichen Reiseberichte von Günter Grass bis zu Uwe Timm nur pauschal verorten.

Bhattis Forderung nach einer nicht-domestizierten Politisierung des Postkolonialismus muß man demnach widersprechen: ohne systematische Theoriebildung ist auch in den neueren Kulturwissenschaften nichts zu holen. Was die Thematik "kultureller Grenzziehung" hergibt, wenn sie theoretisch verhandelt wird, zeigt denn auch bereits Roberto Simanowski in seiner vorzüglichen Einleitung zu dem Band. Freilich steht auch hier das Politische im Vordergrund, da Simanowski das Interesse an der Fragestellung überhaupt darauf zurückführt, daß heutzutage eine ähnliche Problemlage wie im ausgehenden 18. Jahrhundert vorliege: der Verlust festgeschriebener Kommunikationsbezüge und herkömmlicher Orientierungsmuster - einst durch Modernisierung und gesellschaftliche Mobilisierung, heute durch Globalisierung, Migration und die politischen Ereignisse des letzten Jahrzehnts bedingt - führe zu dem Bestreben, durch Grenzziehung die eigene Orientierung wiederzuerlangen. Nur fungiere Ethnizität im ausgehenden 20. Jahrhundert eben weniger als identitätsbildender historischer Fluchtpunkt, sondern als Gestaltungsfeld, das den zukünftigen Zugang zu sozialen und ökonomischen Ressourcen erschließt. Überaus erhellend ist dann, was Simanowski über das Phänomen der Grenzziehung aus psychologischer und kommunikationstheoretischer Sicht ausführt und wie er daraus den historischen Ausgangspunkt nationaler Grenzziehungen bestimmt. Welche bedeutende Doppelrolle die Literatur im Drama des Nationalismus spielt - einerseits als Medium für den Austausch nationaler Mythen und Identifikationsfelder, andererseits selbst als ein solches Identifikationsfeld -, erörtert daraufhin ebenso scharfsinnig und zu begrifflicher Klärung führend der Beitrag von Sabine A. Döring über die "Integrationsfunktion nationaler Mythen in der Literatur".

Aber nicht nur über die Konstruktion von Mythen, sondern auch über literarische Felder als Grenzziehungsphänomene oder die diversen Topoi der Debatte zur kulturellen Identität informiert der Band präzise und gewinnbringend. Allein die Literatur selbst kommt dabei zu kurz. Denn sobald die Autoren versuchen, die Überlegungen auf konkrete Texte anzuwenden, verflüchtigt sich das theoretisch vorhandene Potential in ein dürftiges Lüftchen. Anders als die Gender-Studies und der New Historicism kann der Postkolonialismus also nicht als ein umfassender Zugang zur Literatur verstanden und verwendet werden - das muß man bedenken, wenn man momentan eine Erweiterung der Literaturwissenschaft zur Kulturwissenschaft fordert. Ja einige Forscher meinen gar, die Kulturwissenschaften selbst müßten sich endlich von ihrer Affiliation mit der Literaturwissenschaft befreien. So jedenfalls ist Patrick O'Donnell in seinem Beitrag für den Band "The Translatability of Cultures" zu verstehen, der aus dem "Fifth Stuttgart Seminar in Cultural Studies" hervorging. O'Donell wendet sich dabei gegen den Essay von Homi K. Bhabba, dem Vater des Postkolonialismus, der einmal mehr sein optimistisches Plädoyer für ein in-between der Kulturen wiederholt. Dieser Optimismus habe seinen Grund aber allein darin, so O'Donell, daß die Kulturen als Texte gelesen und in ihrer starren Materialität verkannt würden. Das ist eindeutig ketzerisch gedacht, denn O'Donell unterläuft hier die gängige kulturwissenschaftliche Voraussetzung, daß Klasse, Rasse und Geschlecht Konstruktionen seien, die sich zumindest in einer besseren Zukunft auflösen und neu mischen ließen. Die anhaltende Gewalt in der Weltgeschichte werde jedoch dafür sorgen, so der Mahner O'Donell, daß wir endlich anfingen, "to address those elements of cultural formation and cultural difference that cannot be read or negotiated, made tractable or adjacent, and to regard differently these sources of violence that, to a large degree, 'study' disavows." Diese kulturellen Formationen aber, die noch die echte alte Präsenz zu besitzen scheinen, entziehen sich der immer oberflächlichen Konstruktion textueller Netzwerke. Sie bleiben der Literatur und ihrer Wissenschaft ein Rätsel. Man kann zwar von ihnen sprechen, wie von dem See Stechlin, ihr Geheimnis spülen sie aber nicht an die Oberfläche.

Titelbild

Heide Ziegler: The Translatability of Cultures.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1999.
142 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-10: 3476452190

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