Keine Toleranz für die Feinde des Realen

Slavoj Zizeks über Psychoanalyse und Deutschen Idealismus' und sein "Plädoyer für die Intoleranz'

Von Benjamin Marius SchmidtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Benjamin Marius Schmidt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Selbstbewusstsein ist nicht Selbsttransparenz. Diese Formel bringt auf den Punkt, worin Zizeks Kritik an einem üblichen Mißverständnis der Theorien sowohl des Deutschen Idealismus wie auch der Psychoanalyse besteht. Es handelt sich um das Mißverständnis, welches gegen den Deutschen Idealismus einwendet, dass mit seiner zentralen Kategorie des Selbstbewußtseins eine bestenfalls naive, im Extremfall aber sogar totalitäre Ideologie fundiert werde: eine Ideologie des sich selbst gänzlich durchschauenden, kontrollierenden, beherrschenden Subjektes im Mittelpunkt einer ebenfalls gänzlich durchschaubaren, kontrollierbaren, beherrschbaren Welt. Ist ein solches Verständnis der Bewußtseinsphilosophie des Deutschen Idealismus erst einmal etabliert, so liegt es nahe, ihn dann im nächsten Zug in die Nähe und Geistesverwandtschaft von chauvinistischen, imperialistischen, faschistischen Weltbildern zu rücken, welche - so die implizierte denunziatorische Argumentationslinie - die abstrakte Form des Subjektgedankens mit besonderen Inhalten (Mann, Reich, Rasse usw.) besetzen und so den latenten Totalitarismus dieser Philosophie manifest machen und mit erschreckenden Konsequenzen ausagieren.

Und so kann dann die Theorie Jacques Lacans (und um die geht es, wenn Zizek Psychoanalyse sagt) als Gegenbild und Widerstandskraft gegen die angebliche Selbsttransparenzideologie des Deutschen Idealismus ausgespielt werden: eine französisch-dekonstruktivistische Neuinterpretation der deutsch-jüdischen Psychoanalyse, eine Theorie, welche das selbstbemächtigte, totalitäre Subjekt von seinem Thron stürzt, es "dezentriert" und seinen Tod verkündet, eine Fortsetzung, wenn man so will, der Kritischen Theorie mit den Mitteln der Postmoderne. Der Slogan vom dezentrierten Subjekt wird so - um im Jargon zu bleiben - zum "Shibboleth" einer kritisch-subversiven, anti-totalitären Intelligenz. Über seine Formel vom 'gespaltenen Subjekt' kann dann sogar der notorisch dunkle Lacan für eine Position stehen, die sozusagen den kritisch-antifaschistischen (aber vielleicht etwas altmodisch wirkenden) Impetus Adornos mit dem (zeitgemässeren) Postmodernismus Lyotards verbindet und so geradezu das beste zweier Welten bietet: Frankfurter Schule und französischen Dekonstruktivismus (Ein ganz anderes Symptom dieses selben Begehrens gegenwärtiger deutscher Intelligenz scheint gelegentlich die rundumerneuerte Figur Walter Benjamins darzustellen.).

Die imaginäre intellektuelle Kartographie, welche einen Frontverlauf zwischen dem selbstbemächtigten, selbstherrlichen Subjekt des Deutschen Idealismus einerseits und dem dezentrierten, gespaltenen Subjekt der Psychoanalyse andererseits ziehen möchte (Schema: affirmativ vs. kritisch, totalitär vs subversiv), wird von Slavoj Zizek empfindlich gestört. Er zeigt, dass hier ein mindestens doppeltes Mißverständnis vorliegt: Die zentrale Kategorie des Selbstbewußtseins von Kant bis Hegel bedeutet gerade nicht, daß das Subjekt sich selbst transparent ist, sondern sie ist im Gegenteil gerade die früheste, entscheidende Formulierung der Gespaltenheit des Subjektes. "Subjektivität" ist für die Deutschen Idealisten nicht Fülle des Seins und Angelpunkt einer wohlgeordneten, überschaubaren Welt, sondern eine "traumatische Leere", ein Riß im Fundament, die Wunde des Denkens im Fleisch des Seins - und daher der Grund, warum Wirklichkeit an sich unerreichbar, Welt als Ganzes unvorstellbar ist.

Und ebensowenig wie der Deutsche Idealismus totalitär ist, kann Lacan als Dekonstruktivist, Poststrukturalist oder Postmodernist gehandelt werden - jedenfalls nicht, solange damit Positionen gemeint sind, welche 'nichts außerhalb des Textes' postulieren und denen das 'unablässige Gleiten des Signifikates unter den Signifikanten' als der Weisheit (vorerst?) letzter Schluß gilt. Solcher falscher Vereinnahmung gegenüber streicht Zizek heraus, wie beharrlich Lacan auf dem Insistieren des Realen insistiert: daß etwas sei, was außerhalb jeder möglichen Symbolisierung liegt, was sich nicht anders als durch eine Sackgasse der Formalisierung einzuschreiben weiß (wie Lacans berühmte Formel für das Reale lautet) und was sozusagen die Triebkraft für die unaufhörlichen Verschiebungen der Semiose ist, die traumatische Leere im Strudel der Zeichenprozesse.

Die Durchschlagskraft von Zizeks Argumenten entsteht aus den Gleichungen, welche Psychoanalyse und Deutschen Idealismus verbinden: Das Trauma des Realen ist nichts anderes als die Leere der Subjektivität. Das cartesianische Subjekt ist das Subjekt des Unbewußten. Selbstbewußtsein und Urverdrängung sind zwei Aspekte oder Modi von Reflexivität. Dieses Set von Gleichungen, mit denen die entscheidenden Axiome und Theoreme von Kant bis Hegel mit den Formulierungen Lacans im Rückgriff auf Freud verbunden werden, ist der Grundbestand von Zizeks Theoriebildung, der im Verlaufe seiner einzelnen Ausführungen in immer neuer Form variiert, mit weiterem Material verknüpft, mit anderen Gedankengängen in Analogie gesetzt und zu überraschenden Schlußfolgerungen geführt wird. Insofern ist es völlig richtig, was Zizek über seine Arbeit sagt, daß er nämlich weder eine philosophische Grundlagenreflexion der Psychoanalyse betreibe noch auch philosophische Positionen zu psychoanalysieren versuche. Sondern (und dieses Zitat ist mit einiger Berechtigung auf dem Umschlag des Buches abgedruckt): "Der Kern meiner ganzen Arbeit ist das Unternehmen, die psychoanalytische Theorie Jacques Lacans als ein privilegiertes intellektuelles Werkzeug zu benutzen, um dem Deutschen Idealismus wieder seine Aktualität zu verleihen".

Statt einzelne Argumente nachzuzeichnen, möchte ich zunächst ein wenig nörgeln. Vielleicht muß es jedem, der Zizeks Produktion einige Jahre lang verfolgt, nach einer Weile so gehen. Bei mir war der Punkt jedenfalls bei diesem Buch erreicht: Das beständige Recycling von Argumenten, Anekdoten, Analogien geht auf die Nerven. Warum, nachdem erst vor wenigen Jahren die Bände "Der erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des Deutschen Idealismus" und "Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des Deutschen Idealismus" erschienen sind, nun noch der Band "Die Nacht der Welt. Psychoanalyse und Deutscher Idealismus", welcher im wesentlichen nichts anderes als eine Kompilation aus den beiden vorangegangenen Büchern ist?

Zizek verknüpft die Abschnitte und Argumente seiner Ausführungen nur selten linear, sondern gruppiert sie eher um ein abwesendes Zentrum herum. Während der erste Teil des Buches sich in erster Linie um die Gleichung zwischen cartesianischem Subjekt und Subjekt des Unbewußten drehte, geht der zweite Teil "Subjektivität und Reflexion" der Homologie zwischen Urverdrängung und Subjektivität als zweier Modi der Reflexivität nach.

Aus der dabei behaupteten Konvergenz zwischen dem Realen in der Psychosemiotik Lacans und der Subjektivität im Deutschen Idealismus von Kant bis Hegel ergeben sich für Zizek ethische Konsequenzen: Das Subjekt ist voll verantwortlich für das, was es für seine Pflicht hält. Dies ist etwas entscheidend anderes als die Verantwortung dafür, seine Pflicht zu erfüllen - denn das würde ja einen ideologischen Rahmen voraussetzen, welcher diese Pflicht eindeutig definiert. Zizeks Vorstellung von Verantwortung geht weiter: Es gibt keine Entschuldigung dafür, seine Pflicht zu erfüllen - weil der ethische Akt die Entscheidung im Widerstreit des Symbolischen bedeutet, welche nicht wiederum begründet werden kann. Auf der Ebene der Pflicht, welche ich erfüllen oder nicht erfüllen kann, ist das eigentlich Ethische längst geschehen, denn die Pflicht, das ist nur die Voraussetzung meines Handelns. Der eigentliche Akt findet im Setzen der Voraussetzungen statt, in der radikalen Freiheit ("Spontaneität") der Wahl des Entscheidungsrahmens, mit der ich meine Notwendigkeit annehme. Und dafür bin ich voll verantwortlich.

Von den weiteren politisch-ideologischen Konsequenzen der Ethik, welche sich in der Konvergenz zwischen Deutschem Idealismus und Psychoanalyse abzeichnet, handelt das kleine Büchlein 'Plädoyer für die Intoleranz', welches eine Reihe von essayistischen Kurzinterventionen in das Feld aktueller (Nicht-)Politik enthält. Das Plädoyer für die Intoleranz besteht zunächst in einer Polemik gegen die Toleranz, will sagen: gegen den entpolitisierten Multikulturalismus, gegen den postmodernen Liberalismus, der die Ideologie des derzeitigen globalen Kapitalismus darstellt. Der entscheidende Punkt, welcher die in 'Die Nacht der Welt' dargelegten theoretischen Obsessionen mit der Stoßrichtung der vorliegenden Interventionen verbindet, besteht darin, dass Zizek analysiert: Toleranz, das bedeutet Ent-Politisierung, und das wiederum heisst Verleugnung des Realen. Der politische Konflikt, so paraphrasiert Zizek Rancière, ist "die Spannung zwischen dem strukturierten Gesellschaftskörper, in dem jeder Teil seinen festen Platz hat, und dem 'Teil ohne An-Teil', der diese Ordnung aufgrund des leeren Prinzips der Universalität erschüttert". Politik im eigentlichen Sinne ist also nicht ein Interessenabgleich innerhalb einer symbolischen Ordnung, sondern sie entsteht in den Antagonismen, unter denen sich das Reale in diese Ordnungen einschreibt und sie zum Widerstreit, zur Inkonsequenz, zur Gewalt zwingt.

Demgegenüber sind viele der heutigen sogenannten politischen Positionen tatsächlich unterschiedliche Formen der Verleugnung des Politischen, verschiedene imaginäre Abwehrformationen gegen die Effekte des realen politischen Momentes im Symbolischen. Politik entsteht, so Zizek, wenn partikulare Forderungen metaphorisch universalisiert werden. Post-Politik sucht genau dies zu verhindern, indem sie den radikalen Anspruch auf partikulare Interessen, deren Berechtigung dann abgewogen und abgeglichen werden kann, reduziert, und dies provoziert letztlich Ausbrüche "irrationaler" Gewalt als einzig verbleibende Ausdrucksform der Dimension jenseits partikularer Ansprüche innerhalb des vorgeordneten Rahmens.

Die politische Konkretisierung der psychoanalytischen Ethik "Liebe dein Symptom!" bedeutet eine Prozedur der Identifikation mit dem Symptom, welche die konkret existierende universale Ordnung infragestellt: "Man behauptet den und identifiziert sich mit dem Punkt der inhärenten Ausnahme/des inhärenten Ausschlusses, mit dem "Objekt" der konkreten positiven Ordnung als dem einzigen Punkt wahrer Universalität". Und die andere ethische Haltung der Psychoanalyse, daß die passage à l'acte erst durch eine traversée du phantasme gelinge, bedeutet für Zizek, das die politische Handlung der Linken darin bestehen müsse, "die entpolitisierte Ökonomie als verleugnete Fundamentalphantasie der postmodernen (Pseudo)Politik zu stören" - und das bedeutet, auf dem Primat des Ökonomischen zu beharren. Keine Toleranz für die Feinde des Realen!

Titelbild

Slavoj Žižek: Die Nacht der Welt.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
224 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3596142598

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Slavoj Žižek: Ein Plädoyer für die Intoleranz.
Passagen Verlag, Wien 1998.
101 Seiten,
ISBN-10: 3851653270

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