Ergiebigkeit der Natur

Rainer Maria Rilkes Briefwechsel mit Mathilde Vollmoeller

Von Hansgeorg Schmidt-BergmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hansgeorg Schmidt-Bergmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rainer Maria Rilke war ein manischer Briefeschreiber. Annähernd 7.000 seiner Briefe sind bisher publiziert, über 5.000, so schätzt man, befinden sich noch im Rilke-Archiv. Das erklärt, warum es noch keine chronologische Brief-Ausgabe gibt, was ein eindeutiges Desiderat darstellt. Denn Rilkes Briefe sind nicht allein als ein Kommentar zu seinen Werken zu lesen, sie geben auch nicht nur einen Einblick in sein 'inneres' Leben, sondern stellen einen ganz eigenen Textcorpus dar, dessen spezifische Ästhetik noch auszuarbeiten wäre. Rilke selbst war sich darüber im klaren, denn er hatte in seinem "Testament" verfügt, daß seine sämtlichen Briefe publiziert werden sollten: "Da ich, von gewissen Jahren ab, einen Teil der Ergiebigkeit meiner Natur gelegentlich in Briefe zu leiten pflegte, steht der Veröffentlichung meiner, in Händen der Adressaten etwa enthaltenen, Korrespondenzen [...] nichts im Wege".

1929, zwei Jahre nach dem Tod Rilkes, lag der erste Band einer ersten sechsbändigen Ausgabe mit Briefen vor, eine veränderte Ausgabe ebenfalls in sechs Bänden erschien 1939. Sie diente als Grundlage der dreibändigen Ausgabe der Briefe Rilkes, die erstmals 1950 von der Tochters Ruth Sieber-Rilke herausgegeben worden ist und heute im Insel Verlag im Taschenbuch vorliegt. Sie enthält - bezogen auf die sämtlichen Briefe - eine kleine Auswahl von annähernd 450 Briefen, die ausreichend kommentiert sind, allerdings erhebliche Streichungen aufweisen. Das gilt insbesondere für die Briefe Rilkes an seine Frau Clara Rilke-Westhoff, aber auch für die an Lou Andreas-Salomé und seine Verleger. Daneben gibt es eine große Anzahl von Einzelbänden: den Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal, der schwedischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Ellen Key, den Brüdern Reinhart, seinen Förderen in den letzten Schweizer Jahren, mit Anita Forrer, der jugendlichen Freundin, mit seinem Verleger Kippenberg und der russischen Schriftstellerin Marina Zwetajewa.

Jeder Briefwechsel ist nicht nur für die Rilke-Forschung ein Ereignis. So auch der neue anzuzeigenden Band, der Briefwechsel mit der aus Stuttgart stammenden Malerin Mathilda Vollmoeller (1876-1943), die in Berlin bei Sabine Lepsius und Leo König Unterricht genommen und die Rilke anläßlich einer Lesung Stefan Georges kennengelernt hatte. Sie gehört damit zu einer Generation von Frauen, die unabhängig von den Kunstakademien, an denen Künstlerinnen noch nicht zugelassen waren - man muß sich das heute einmal in Erinnerung rufen -, sich eine Ausbildung privat organisieren mußten, so wie auch Paula Modersohn-Becker und Clara Rilke-Westhoff beispielsweise. Wie diese ging auch Mathilde Vollmoeller 1906 nach Paris, und mietete sich dort ein Atelier, um in der Hauptstadt der Moderne ihre Studien fortzusetzen. Hier, mit dem 23. Juli 1906, setzt der Briefwechsel zwischen Rilke und der ein Jahr jüngeren Künstlerin ein. Neunundneunzig Briefe umfasst die Korrespondenz, die bis 1920 geführt wurde, fünfzehn Breife werden hier von der Herausgeberin Barbara Glauert-Hesse erstmals publiziert. In der Pariser Zeit, in der zwischen 1903 bis 1910 der "Malte Laurids Brigge" und die "Neuen Gedichte" entstanden, hat sich Rilke durch seine Auseinandersetzung mit dem Bildhauer Auguste Rodin der modernen Malerei angenähert. Seine "Briefe über Cézanne" stehen dafür als Beispiel und enthalten in sich eine ganz eigene Ästhetik, deren Wirkung bis zu Peter Handke zu verfolgen wäre. Davon handeln auch seine Briefe an Mathilde Vollmoeller, die sich ausführlich kommentiert finden. Allerdings sind die Anmerkungen teilweise wenig hilfreich und bieten für nicht eingearbeitete Leser keine ausreichenden Informationen, vieles wird ausgespart, wie die spannungsreiche Beziehung Rilkes zu seiner Frau Clara Rilke-Westhoff. Dennoch, auch dieser Briefwechsel ist wichtig für die Rekonstruktion von Rilkes Werkkomplexen und als ein Teil seiner umfangreichen Korrespondenz. Die Bereitstellung dieser Materialien ist für die Forschung wesentlich, sie vervollständigen das Bild von einem Künstler, der sein eigenes Leben selbst als eine große "Erzählung" verstand, die man sich fortschreitend aus den Briefwechseln selbst zusammensetzen kann.

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Rainer Maria Rilke / Mathilde Vollmoeller: Paris tut not. Briefwechsel.
Herausgegeben von Barbara Glauert-Hesse.
Wallstein Verlag, Göttingen 2001.
272 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3892444420

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