Großer Übergang und päpstlicher Segen

Ernst Jüngers Werkausgabe in den Supplementbänden 19 und 20

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Seit Jahren begleiten meine Lektüre Notizen über Autor und Autorschaft. Ich stoße dabei auf Fakten, die sich wiederholen, seitdem es Schriftsteller gibt, doch auch auf solche, die unserer Endzeit eigentümlich sind."

Als Ernst Jünger 1982 den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt, bestritt er seine Paulskirchen-Rede mit einer Lesung aus seinen Notizen über Autor und Autorschaft. Es war eine gespenstische Situation: In der Paulskirche saßen die Honoratioren der Stadt und des kulturellen Lebens, finster entschlossen, ihren Preisträger zu feiern, und draußen protestierten Jüngers Gegner, allen voran die Mitglieder der Grünen - mit prominenten Vertretern aus Rathaus und Landtag. Sie bildeten ein Spalier und machten Jüngers Weg zur Paulskirche zum Spießrutenlauf. Der Feier war eine einzigartige Pressekampagne vorausgegangen, in der die Gegner dieser Ehrung forderten, die Entscheidung des Magistrats zu revidieren.

An Goethes Geburtstag, dem 28. August, stand nun ein 87-jähriger Greis hinter der Kanzel der Paulskirche und versuchte, Distanz zwischen sich und seine Gegner zu legen. Seine Blütenlese aus seinen Aufzeichnungen war oft sarkastisch gefärbt und zeigte die Dünnhäutigkeit des Preisträgers: "Auch die Inquisition ist säkularisiert", sagte er etwa: "Wie einst der konfessionellen, spürt sie heute der politischen Abweichung nach."

Teile der Notizensammlung "Autor und Autorschaft" waren bereits 1981 als Band 13 der "Sämtlichen Werke" erschienen. 1984 folgte die um die Erfahrungen der Paulskirche beträchtlich erweiterte und ,verschärfte' Einzelausgabe, und vor zwei Jahren wanderten die Notizen - wiederum erweitert - in die Edition zurück. Der erste Supplement-Band der ursprünglich auf 18 Bände angelegten Werkausgabe, der im Peritext als "Zweite Abteilung · Essays · Band 19 · Essays IX" firmiert, enthält außerdem den "Notizblock zu 'Tausendundeiner Nacht'" (1994 als lithographierte Handschrift erschienen), "Die Schere" von 1990 und "Gestaltwandel" von 1993, Jüngers 'Prognosen' für das 21. Jahrhundert.

"Autor und Autorschaft" offenbart nicht nur Jüngers eigene Verletzungen, sondern erzählt auch von anderen Autoren, die sich verhöhnt glaubten, so zum Beispiel Knut Hamsun, der die Mühe eines Jahres durch eine verantwortungslose Rezension zerstört sah. Gleichwohl versucht Jünger immer, den Autor als Souverän im Reiche der Literatur zu zeigen, den selbstbestimmten Geist, den Kritik unbeeindruckt lassen muss. Angriffe werden als Qualitätsmerkmal interpretiert: "Von einem gewissen Format an hat jeder seine Verfolger vom Dienst." Zugleich wird hier definiert, was unter dem Begriff der Autorschaft verstanden werden soll, nämlich ganz allgemein die "Äußerung schöpferischer Kraft": "Autor ist jeder, nur wissen die meisten nichts von ihrem Glück."

Die Autorschaft Ernst Jüngers dauerte 80 Jahre. Noch im 'biblischen Alter' entstanden Tagebücher, nämlich fünf Bände "Siebzig verweht". Sie führen vom 30. März 1965 bis zum 15. Dezember 1995. Zwei der insgesamt vier Supplement-Bände der großen Ausgabe der "Sämtlichen Werke" sollen jenes späte Diarium versammeln. Nicht nur Fragen des Alters und des Todes, des "Großen Übergangs", sondern auch Fragen des "Altersstils" bewegen Jünger. Zu ihm gehört die "Wiederholung" (sub 29.4.1992) ebenso wie die Klarheit und die Streichung von "Floskeln" (sub 12.4.1994). Jünger schreibt dies, nachdem ihn eine Borreliose schwer mitgenommen hat: "Mein Schädelkabinett wird erweitert - diesmal durch Jewgeni Kulikow, einen russischen Bildhauer. Er hält die Physiognomie seit dem Kollaps nach einem Zeckenbiß fest. Ich bin jetzt hohlwangig." Der Diarist zweifelt nicht daran, dass sich im Alter gut arbeiten lässt, schon "weil man dann die gröbsten Dummheiten hinter sich hat" (sub 26.6.1965).

Mit dem Alter steigt die Zahl der Prüfungen. Die Geschwister sterben, von engen Vertrauten und Weggefährten kommen schlechte Nachrichten: "Der Bestand der vor 1900 Geborenen wird lichter", schreibt Jünger 1965: "Außer Sieburg verlor ich Theodor Heuss und Ernst Boehringer; bei allen dreien stand ich am Grab." Bei den nach 1900 Geborenen erging es Jünger nicht viel besser: Als er fünfzig wurde, starb sein ältester Sohn in den Steinbrüchen von Carrara - gerade mal 18 Jahre alt. 1960 starb seine Frau Gretha, geboren 1906. Sebastian Ehinger, Jüngers Nachbar in seinem letzten Wohnort Wilflingen, ein Kamerad aus dem Ersten Weltkrieg (!), folgte 1965. Ernst Niekisch 1967. Alfred Baeumler, der "Magister Holzkopf", 1968. Gerhard Nebel, genannt "Locotenente", 1974. Die beiden jüngeren Brüder Hans Otto und Friedrich-Georg starben 1976 und 1977, die Schwester Johanna 1984. Florence Gould aus den Pariser Tagebüchern 1983, Hans Speidel, Jüngers Vorgesetzter in Paris, 1984. Friedrich Hielscher, in den Tagebüchern der vierziger Jahre als "Bodo" oder "Bogumil" geführt, starb 1990. Die Reihe ließe sich weiter ausbauen. 1991 erlitt Jüngers Sohn Alexander, Jahrgang 1934, einen schweren Schlaganfall und setzte seinem Leben zwei Jahre später selbst ein Ende. Damit war auch der zweite Sohn dem Vater vorausgegangen.

Jünger übergeht in seinem Tagebuch dieses Datum. Andere "Todesbotschaften" hingegen werden gewissenhaft registriert und kommentiert und dadurch wohl auch zum Mitauslöser dieser späten Pentalogie: "Tagebücher habe ich ja nur in gefährlichen Zeiten geführt... Und als ich dann siebzig wurde, da dachte ich, na ja, jetzt kommen also von alten Freunden doch immer Verlustnachrichten, eine gefährliche Zeit, da könnte man ja wieder anfangen."

Der Totenkult der Kulturen der Welt tritt als Faszinosum an die Seite älterer Leidenschaften wie der Subtilen Jagd und der Patience. Auf seinen ausgedehnten Reisen besucht Jünger Friedhöfe in aller Welt und würdigt sie als kulturelle Leistung. Manila fasziniert ihn besonders. Nicht Angst, sondern Neugierde soll den Übergang begleiten: Ein Bild des Grafen Galen, eine Stunde nach seinem Tod aufgenommen, beeindruckt den Schriftsteller. Er beschreibt Galens Haltung als entschlossen, vornehm, furchtlos, wissend in seinem "schlichten Triumph": Auch wenn man nichts von Galen wüsste, "würde man fühlen, daß hier Großes gelungen ist. Und das in unserer Zeit." Tod und Totenkult als Zeitphänomen beschäftigen den Autor auch in seiner schmalen Erzählung "Aladins Problem" (1983). Dort stellt er eine Welt dar, in der der Mensch von den Göttern verlassen ist. Was ihm bleibt, ist die Kunst: "Von einer guten Prosa ist zu verlangen, daß sie die Todesfurcht verbannt." Noch als hoher Greis konvertierte Jünger zum Katholizismus: "Der Pfarrer von Dürrenwaldstetten ist Monsignore Kubovec. Er kommt aus der Tschechei und ist in Rom gut angeschrieben; zu meinem Fünfundneunzigsten erwirkte er den päpstlichen Segen für mich" (sub 29.7.1991).

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Ernst Jünger: Sämtliche Werke Band 21 Siebzig verweht. Tl.4. Sämtliche Werke, 18 Bde. u. 4 Supplement-Bde.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1999.
43,50 EUR.

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Ernst Jünger: Sämtliche Werke. Zweite Abteilung. Essays. Band 19 . Essays IX. Fassungen III. Erster Supplementband.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1999.
621 Seiten, 43,50 EUR.
ISBN-10: 3608934898

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Ernst Jünger: Sämtliche Werke. Erste Abteilung. Tagebücher. Band 20. Tagebücher VII. Strahlungen V. Zweiter Supplementband.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000.
590 Seiten, 43,50 EUR.
ISBN-10: 3608934901

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