Rooting Butler

Zwei Sammelbände über Ethnologie und Gender

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? - Nach Kant die drei großen Fragen der Philosophie. Der Transzendentalphilosoph erhoffte sich, sie mit der Beantwortung einer vierten, nicht der Philosophie sondern der Anthropologie zuzurechnenden Frage lösen zu können: Was ist der Mensch? Den Menschen dachte er dabei implizit als weißen Mann. Dass sich der von Kant ins Zentrum gerückten Frage nicht geschlechtsblind zu nähern ist, wissen Kulturanthropologie und Ethnologie inzwischen längst, und unter dem Stichwort Gender wird sich in zunehmendem Maße mit der Konstruktion von Geschlechtsidentität und dem Geschlechterverhältnis in verschiedenen Kulturkreisen befasst. So auch auf einem interdisziplinären, vom Trierer DFG-Projekt "Das Subjekt und die Anderen" 1999 unter dem Thema "Die Konstruktion außereuropäischer Kulturen in der europäischen Kunst und Literatur" ausgerichteten Kolloquium. Die zentrale Fragestellung zielte auf den "Zusammenhang zwischen kultureller und sexueller Differenz und seine Bedeutung für die Konstitution eines europäischen Subjekts", wie die HerausgeberInnen des auf der Veranstaltung basierenden Sammelbandes erläutern.

Ähnlich gelagert war die Thematik eines Workshops der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde, der im gleichen Jahr in Heidelberg zu "Konzepte[n] der Inter- und Transkulturalitätsdebatte und ihre[r] Verknüpfung mit aktuellen Gendertheorien" stattfand.

Judith Schlehe publizierte nun die Vorträge zusammen mit einigen weiteren Beiträgen unter dem Titel "Interkulturelle Geschlechterforschung".

Beide Bände stellen den jeweiligen Einzeluntersuchungen einige theoretische Beiträge voran. In Schlehes Band konzentrieren sich die anschließenden, überwiegend empirisch ausgerichteten Aufsätze auf Fragen der "Genderdimensionen in transkulturellen Paarbeziehungen", auf "Genderpräsentationen in literarischen und Bildungs-Texten" und auf "Genderkonstruktionen in Diasporasituationen". Zuvor gibt die Sozial- und Kulturanthropologin Sabine Strasser in ihrem Aufsatz "Dynamiken der Deterritorialisierung" einen knappen Abriss der theoretischen Entwicklung postkolonialer und feministischer Theorien ihrer Fachgebiete und geht der Frage nach, "welche theoretischen Beiträge die gegenwärtige Migrationsforschung in der Sozial- und Kulturanthropologie wesentlich beeinflussen". Der aktuelle Diskussionsstand, so die Autorin, sei von der Annahme geprägt, dass Mobilität "Kreativität für MigrantInnen" und "Pluralisierungen von Aufnahmegesellschaften" bewirke. Dieser "euphorischen" Einschätzung stünden jedoch einige andere Stimmen gegenüber, die "große Zweifel an der Existenz und noch mehr an der theoretischen wie auch politischen Umsetzbarkeit dieser Kreativität" äußerten. Das Ziel, darin ist sich die Autorin mit einer von ihr befragten Migrantin einig, bestehe also in der "Herstellung von Differenz als 'Normalität'". So ansprechend das klingen mag, lässt diese Forderung jedoch jedes Kriterium für Kritik an kulturellen Praktiken vermissen - an dem Zwang für Frauen, Burkas zu tragen, wie es im Afghanistan der Taliban der Fall war, ebenso wie an der in weiten Teilen Afrikas durchgeführten weiblichen Genitalverstümmelung, an den islamischen 'Ehren'-Morden oder auch an den tradierten und trotz Gesetzesverbot immer noch oft gepflegten Prügelorgien deutscher Ehemänner an ihren Frauen. Kulturelle Differenz und Andersheit sind zwar kein Unwert schlechthin, aber eben - anders als Vielfalt, die Wahlmöglichkeiten gegenüber Einförmigkeit allererst eröffnet - auch kein Wert an sich. Entscheidend ist vielmehr immer die konkrete kulturelle Praxis.

Zwar machte sich auch in Trier eine der Vortragenden für "Differenz" stark: Die Zürcher Professorin für Gender Studies Andrea Maihofer plädierte für die Beibehaltung der Kategorie Geschlechterdifferenz, fokussierte ihren Blick jedoch anders als Strasser nicht auf andere Kulturen, sondern auf "alternative Lebensweisen" im Sinne individueller Differenzen und verstand es so, die an Strassers Vortrag kritisierte Schwäche zu vermeiden.

Der Begriff der Differenz ziele auf "die Utopie einer Gesellschaft, in der die Menschen", wie Maihofer mit Adorno sagt, "ohne Angst verschieden sein" können. Schon hier wird deutlich, dass es ihr um die Eröffnung der Möglichkeit von Vielfalt geht und nicht darum, bestimmte kulturelle Eigenarten einzig und allein aufgrund ihrer Andersartigkeit positiv zu werten. "Wirkliche Gleichberechtigung" entstehe erst, "wenn Personen auch in ihrem 'Anderssein' als Gleiche/gleichberechtigt" behandelt werden. Im Anschluss an ihr Buch "Geschlecht als Existenzweise" moniert sie, dass konstruktivistische Theorien zwar die Herstellung von Geschlecht thematisieren, aber unberücksichtigt ließen, was diese Prozesse "'in' den Individuen" bewirken, und betont, dass Individuen gemäß dem "hegemonialen Diskurs heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit" ihre Geschlechtsidentität als 'Frau' oder als 'Mann' "ausbilden und ständig in sich reproduzieren" müssen. Dies bedeute allerdings nicht, dass sie das "bruchlos" tun könnten. Es gehe also darum, Begriffe zu finden, die gestatten, Geschlechtsidentität als "ein komplexes Bündel dynamischer, nie endgültig stillgestellter, mehrfach in sich verschränkter Vereinheitlichungs- und Vereigenschaftlichungsprozesse" zu verstehen, die es jedoch auch erlauben, Geschlechtsidentität als einen "hegemonialen Modus der Existenz zu fassen". Als "gelebte Existenzweise" erlange er mit der Zeit in den Individuen eine "materielle Realität". Unter Rückgriff auf den polnischen Philosophen Karel Kosik bezeichnet sie diese Prozesse als "ontoformative" oder "seinsbildende Kraft".

Auch zwei der auf dem Heidelberger Workshop gehaltenen theoretischen Vorträge sind positiv hervorzuheben: Elka Tschernokoshewas Beobachtungen über Differenz und Hybridität und Dieter Hallers Erörterung der "Chancen und Konsequenzen für die Theoriebildung in der Anthropology of Gender". Tschernokoshewa unterscheidet zwischen dem homogenisierenden, dem unsichtbar machenden und dem hybridisierenden Blick der sozial- und kulturwissenschaftlichen Beobachterperspektive, wobei ihre Sympathie letzterem gilt. Der "für das Hybride empfindliche Blick" verleugne soziale Ungleichheit nicht etwa, sondern sei vielmehr der Versuch, "das Ambivalente, Heterogene und Dynamische" kultureller Phänomene hervorzuheben und so die Prozesse der Vermittlung aufzuzeigen. Die "hybridisierende Beobachterperspektive", so die Autorin weiter, sehe kulturelle Differenzen also nicht nur, sondern nehme sie ernst, indem sie sie nicht als "naturwüchsige Gegebenheiten" studiere, sondern als "historisch gewordene Konstellationen". Zudem sei sie "höchst empfindlich" für Differenzen zwischen und innerhalb von Kulturen, ohne deren Unterschiede allerdings zu verabsolutieren, sie für angeboren oder für unveränderbar zu halten - und, was "besonders wichtig" sei, "ohne aus ihnen unerbittlich alle Daseinsakte des Lebens abzuleiten".

Haller moniert in seinem Beitrag die nicht nur das abendländische Alltagsleben, sondern auch die ethnologische Theorie und Empirie fundierende "Heteronormalität", die auf der Annahme basiert, "Heterosexualität - und zwar sowohl als sexuelles, wie auch als soziales Verhalten und als essentialistische Identität - sei nicht nur die statistische Norm, sondern die ausschließliche essentielle Grundlage des Menschseins überhaupt". Im Kern dieses heteronormativen Denkens stehe die Vorstellung, dass "das heterosexuelle Paar per se das Prinzip der sozialen Bindung" sei. Diese Norm werde allerdings kaum explizit benannt, weil sie sich scheinbar von selbst verstehe. Doch stelle weder Ethnographie noch die Theoriebildung der Genderanthropologie die Frage der Gendervarianz oder untersuche, wie Gesellschaften die ihnen selbstverständlich erscheinenden Geschlechterordnungen herstellen, bekräftigen und beglaubigen, seien diese nun "binär, triadisch oder polyvalent", sondern unterliege stattdessen selbst dem Diktat der als solcher unerkannten Heteronormalität. Diesem theoretischen Desiderat, so Haller, sei mit Hilfe der Theorien Judith Butlers, der "Ikone des Postfeminismus und der Queer Studies", Abhilfe zu verschaffen. Gleichzeitig kritisiert er jedoch an Butler, dass sie ihrerseits darauf verzichtet, empirische Befunde über Gendervarianz heranzuziehen, sondern - typisch für den Postfeminismus - "ausschließlich auf der Ebene der Textanalyse" operiere. Aufgabe der Anthropology of Gender sei es daher, Butler "auf die Füße zu stellen" - gleichsam wie Marx es nach eigener, im "Kapital" bekundeten Auffassung mit Hegel unternahm. Es müsse fortan darum gehen, Butlers "luzide Entwürfe" mit ethnographischen Untersuchungen zu "erden", fordert Haller unter dem Stichwort "rooting Butler". Ein vielversprechendes Unterfangen!

Die Ethnologin Susanne Schröter dürfte das alles jedoch für ausgemachten Unsinn halten. Diese Vermutung legt zumindest ihr Vortrag auf der DFG-Veranstaltung nahe, auf der sie die Frage stellte, ob es "zwei Geschlechter oder mehr" gebe - und sie mit einem deutlichen Nein beantwortete. Zunächst stellte sie in einem kurzen Abriss die Arbeiten Thomas Laqueurs und Barbara Dudens zu historischen Geschlechtermodellen in Europa sowie die von Andrea Cornwall und Serena Nanda zu gegenwärtigen außereuropäischen Geschlechtermodellen als "historische und ethnologische Beispiele für Geschlechterambivalenzen und Geschlechtsrollenüberschreitungen" vor. Keine der vier Arbeiten könne allerdings Belege für ein Gender-System liefern, das sich grundsätzlich von dem Zweigeschlechtermodell des zeitgenössischen Abendlandes unterscheide. Insbesondere über Methodik und Datenbasis der Studien von Cornwall und Nanda fällt die Autorin ein vernichtendes Urteil, aufgrund dessen sie das "empirische Scheitern" des "Versuch[s] der Entdeckung eines vom Westen unterscheidbaren, ganz anderen [gender-]Systems" konstatiert. Nun räumt zwar auch Haller ein, dass AutorInnen gelegentlich die "Vielfalt kultureller Konstruktionen" von Gender "in einigen nicht-westlichen Kulturen" überzeichnen und sie "lediglich als Blaupause für einen Gegenentwurf der eigenen Gesellschaft" benutzen. Ob das auf die Untersuchungen von Cornwall und Nanda zutrifft, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls aber ist Schröters Datenbasis von nur zwei herangezogenen Studien allzu dürftig, um daraus auf das allgemeine oder gar notwendige Scheitern der Suche nach anderen Gender-Systemen schließen zu können.

Doch Schröter kritisiert nicht nur die Untersuchungsmethoden und -ergebnisse ihrer Kolleginnen, sondern polemisiert zudem heftig gegen "westliche Akademikerinnen", die sich, so die Autorin, nicht dem "Vorwurf mangelnder 'Political Correctness' aussetzen" wollten. Nachdem sie in den 80er Jahren von den "sogenannten 'Women of colour'" des "otherings" bezichtigt worden seien, also der "Verzerrung des Anderen zu einem Trugbild des Eigenen", hätten die "Gescholtenen" Besserung gelobt und sich "zerknirscht" gegeben. Man habe sich nun "nach bestem Vermögen bemüht, dem Vorwurf der kulturellen Voreingenommenheit zu entgehen, der potentiell über jedweder Form sozialwissenschaftlicher Textproduktion" geschwebt habe. Schröters ironisierender Tonfall suggeriert, dass weder Argumente, noch Einsichten oder Erkenntnisse eine Rolle gespielt hätten, sondern dem Druck der "Political Correctness" nachgegeben worden wäre. Von dieser nur schwerlich zu belegenden Unterstellung abgesehen entstand - entgegen Schröters Behauptung - gerade in den 80er Jahren bei feministischen Wissenschaftlerinnen ein Bewusstsein der Situiertheit jedes Wissens, darüber also, dass 'kultureller Voreingenommenheit' prinzipiell nicht zu entkommen ist.

Schröter, die sich hiervon nicht beirren lässt, spitzt ihre Kritik im Weiteren zum einen auf den Dekonstruktivismus zu, dem sie "abenteuerliche Konstruktionen der Wirklichkeit" vorwirft, und zum anderen auf die "Rhetorikspezialistin" Judith Butler, deren Theorie in Schröters Darstellung schlicht lautet, "Geschlecht sei ausschließlich diskursiv erzeugt und ermangle jeglicher Materialität". Als Ziel ihres Aufsatzes nennt Schröter daher, die "der Dekonstruktion verpflichteten AutorInnen ihrerseits zu dekonstruieren". Nun klingt das zwar nach einer bloßen Überbietungsstrategie. Dennoch könnte ein solches Unternehmen dem Diskurs des wissenschaftlichen Feminismus neue Wege eröffnen. Stattdessen wendet die Autorin aber den Blick in die Vergangenheit, möchte sie doch einen großen Schritt hinter den Dekonstruktivismus zurück tun und die "recht brauchbar[en]" Kategorien Mann und Frau wiederbeleben.

Titelbild

Judith Schlehe / Judith Schlehe (Hg.): Interkulturelle Geschlechterforschung. Identitäten - Imaginationen - Repräsentationen.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
280 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 359336879X

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Judith Schlehe / Judith Schlehe (Hg.): Interkulturelle Geschlechterforschung. Identitäten - Imaginationen - Repräsentationen.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
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