Ein Lichtblick nach dem Debakel

Hansers Sozialgeschichte der Literatur des 17. Jahrhunderts

Von Geret LuhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Geret Luhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als unfreiwillige Ironie der Wissenschaft mußte es verstanden werden, daß gerade im wichtigsten Verbreitungsmedium der sozialgeschichtlichen Literaturforschung, in Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, die Sozialgeschichte als Methode ihr Ende finden sollte. So als müsse von Mekka die Säkularisierung ausgehen, hatte der 1996 erschienene, sechste Band von Hansers Sozialgeschichte das methodische Konzept der ganzen bisherigen Reihe verabschiedet. Und das an sich ohne Not, denn wie die Kritik mit der Zeit feststellte, hatten die Herausgeber des Bandes zum "Bürgerlichen Realismus und zur Gründerzeit" die Krise des sozialgeschichtlichen Paradigmas eher inszeniert als diagnostiziert.

Um so gespannter durfte man auf die Folgebände sein, und das heißt genauer: auf die Frage, wie sie mit dem schwierigen Erbe umgehen würden. Und das nicht zuletzt deshalb, weil ja mit der sozialgeschichtlichen Methode die Literaturgeschichtsschreibung überhaupt wieder belebt werden sollte. Albert Meier, der Herausgeber des in diesem Jahr erschienen Hanser-Bandes zur Literatur des 17. Jahrhunderts, ist sich der skizzierten Problematik freilich bewußt. Lediglich der Gedanke, daß die soziale Wirklichkeit, wie auch immer sie nun in die literarischen Kunstwerke eingeht, irgendwie zum Verständnis von Literatur beitragen könne, wäre noch konsensfähig. Mehr aber auch nicht. Die hehren Vorstellungen von einem notwendigen geschichtlichen Zusammenhang zwischen Literatur, Gesellschaft und Staat, die vor fast zwanzig Jahren im ersten Band der Hanser Sozialgeschichte verkündet worden waren, müssten angesichts der condition postmoderne hingegen längst als obsolet gelten.

Nun könnte eine sich modern verstehende Sozialgeschichte ohne weiteres (und das heißt mit nur ein wenig Kosmetik) auf den Zug des New Historicism aufspringen - doch diesen eher einfachen Weg wählt Meier nicht. Das modische Paradigma der "Kulturwissenschaft" wird in seinem Vorwort nicht einmal erwähnt, geschweige denn, daß er mit ihm kokettierte. Dagegen beruft Meier sich auf die gewissermaßen einmalige Chance, die das 17. Jahrhundert der Hanser-Geschichte biete: denn auf keine andere Epoche der deutschen Dichtung würde eine sozialgeschichtlich perspektivierte Darstellung so gut passen wie auf die Literatur der Barockzeit, deren normative Regelhaftigkeit unmittelbar von den Gesellschaftsstrukturen hergeleitet wurde.

Da der Band demnach einen eher traditionellen sozialgeschichtlichen Zugang zur Literatur sucht, müssen, wenn seine Leistungsfähigkeit untersucht werden soll, bereits bekannte Fragen an ihn gestellt werden. Zum Beispiel, denn das versteht sich, wie man in der Vergangenheit sehen konnte, nicht von selbst, ob die genuin sozialgeschichtlichen Sachverhalte wie Zensur, Buch- und Verlagswesen etc. überhaupt in ihm thematisch werden. Wie steht es mit der Berücksichtigung regionaler Differenzierungen? Wie werden die außerliterarischen Diskurse mit der entsprechenden Literaturproduktion vermittelt?

Die Struktur des Bandes ist im Großen und Ganzen konventionell: zumindest setzt sie wie fast alle sozialgeschichtlich ausgerichteten Literaturgeschichten mit einem Abschnitt über die historisch-politischen Grundlagen des untersuchten Zeitraums ein. Hier wurden dem Historiker Michael Maurer - dem Spezialisten für die Entstehung der bürgerlichen Welt - mehr als achtzig Seiten zugestanden, um die "Geschichte und die gesellschaftliche Strukturen des 17. Jahrhunderts" zu beschreiben und zu analysieren. Es ist ein bekanntes Dilemma der Literaturgeschichte, daß die einleitenden Teile, die gewöhnlich die Sozialgeschichte der Epoche liefern, das Thema so umfangreich und in sich geschlossen abhandeln, daß die späteren, der Literatur gewidmeten Artikel sich der Aufgabe enthoben glauben, die sozialgeschichtlichen Daten noch einmal aufzugreifen und in ihre Darstellung zu integrieren. Dieses Dilemma wird auch im vorliegenden Band nicht gelöst - wenn die Gesellschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts so kenntnisreich und ausführlich geschildert wird, möchte man ihre Konsequenzen für die Literatur auch genauer erklärt bekommen und die Vermittlungsfrage nicht selbst beantworten müssen. Dabei ist dieses Defizit weniger den Autoren im hinteren Teil des Bandes anzulasten als Michael Maurer selbst, der, wenn er denn die Geschichte schon nicht im kulturwissenschaftlichen Sinn als Text behalndeln will, die literarischen Diskurse doch wenigstens Ansatzweise in seine Darstellung hätte einbeziehen sollen. Die Homogenität des Bandes wäre dadurch gefördert worden. Dasselbe gilt wohl in noch stärkerem Maß für den Beitrag zur "Philosophie und Jurisprudenz" als Teil der "Philosophisch-anthropologischen Grundlagen" der Barock-Literatur. Denn hier vermißt man nicht nur die vorweggenommene Kontextualisierung zur Literatur, sondern den sozialgeschichtlichen Vermittlungsversuch überhaupt. Ganz anders Claus-Michael Orts Studie zur "Affektenlehre", die auf engstem Raum den gesellschaftlich bedingten Struktur- und Funktionswandel des Affekt-Diskurses im 17. Jahrhundert wie die Stellung der Künste zwischen Affektdarstellung und Affektwirkung analysiert. Lediglich der systemtheoretische Jargon erschwert hier deutlich den Zugang zur Materie. Daß Beobachtungsschärfe auch auf verständliche Weise vermittelt werden kann, zeigt dagegen Steffan Martus in seinem Artikel zu den Sprachtheorien des Barock: hier wird in klarer Diktion deutlich gemacht, inwieweit der Kampf um die sprachtheoretische Interpretationshoheit im 17. Jahrhundert zur Machtfrage um die politische Einflußgewalt geworden ist.

Zu den großen Leistungen des Bandes zählt aber vor allem der Beitrag von Anke-Marie Lohmeier über die soziale Stellung und das Selbstverständnis der Barockautoren, denn für ihn wurden - und das ist eine Seltenheit im heutigen Wissenschaftsbetrieb - eigens die sozialen Daten von über hundert Dichtern erhoben und ausgewertet. Auch wenn an dem Vorrang des Sozialbezugs im Selbstverständnis barocker Literatur natürlich keine Zweifel aufkommen, wird die Forschungslage hier noch einmal auf einen ganz neuen Grund gestellt. Auf die Ergebnisse von Anke-Marie Lohmeier greifen denn auch einige der Autoren, die im Hauptteil des Buches die Literatur und ihre Institutionen (das Buchwesen, die literarischen Sozietäten, die Briefkultur) untersuchen, mit Gewinn zurück. Diesen Artikeln, die nach einem soziologisch ausgerichteten Gattungssystem in die Funktionsbereiche höfischer, geistlicher und bürgerlicher Literatur gegliedert sind, gelingt es mehr oder weniger durchgehend, die unserem Verständnis ferngerückten, weil einer älteren Diskursordnung angehörenden Texte der Barockdichtung wieder näherzubringen.

Daß man sich einige Beiträge präziser, kontextorientierter und in der Darstellung dichter vorstellen könnte, scheint bei einem Projekt solchen Umfangs kaum vermeidbar zu sein - und doch muß man sich fragen, ob durch eine stärkere Vernetzung der einzelnen intellektuellen Felder und gesellschaftlichen Bereiche im Sinne einer kulturwissenschaftlichen Forschungsweise der Band nicht noch entschieden gewonnen hätte. (Gewinnen würde er, nebenbei gesprochen, auch durch eine Erweiterung des vollkommen unzureichenden Registers). Unabhängig davon bleibt der Herausgeber Albert Meier für seine konzeptionelle Tätigkeit und für die Freiheit, die er den Autoren ließ, zu loben. So wurde es bei aller Einheitlichkeit des Bandes möglich, daß die einzelnen Autoren das vorgegeben Gattungsschema flexibel und damit kritisch handhabten. Geschick und Sensibilität bewies Meier weiterhin bei der Auswahl der Beiträger, die sich aus anerkannten Fachleuten, aber auch aus bislang noch nicht einschlägig hervorgetretenen jungen Wissenschaftlern zusammensetzen. Das ist ein Modell, das Zukunft hat und das die deutsche Sozialgeschichtsschreibung zur jetzigen Zeit durchaus gebrauchen konnte.

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Albert Meier (Hg.): Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Endliches Lesen und ewiges Leben: eine sozialgeschichtliche Darstellg.d.Lit.des Barock.
Carl Hanser Verlag, München 1999.
832 Seiten, 75,70 EUR.
ISBN-10: 3446127763

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