Der Roman als Pfuschwerk

Ulrich Horstmanns "J" erzählt von der Erde als Baustelle, einem missglückten Weltuntergang und der Zerfahrenheit literarischer Produktivität

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über die Un-Heimlichkeit unserer irdischen Wohnstatt und den schlechten Charakter der sie bevölkernden Menschheit schenkt uns der an der Gießener Universität lehrende Hochschullehrer und Autor Ulrich Horstmann seit über zwanzig Jahren in Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Aphorismensammlungen reinen Wein ein. Horstmann verunglimpft die Erde als "Fixer-Planeten", dessen Untergang im "Intergalaktischen Kurier" allenfalls auf der bunten Seite erschiene, als eine "Strafkolonie" für außerirdische Schwerstkriminelle. Ihre Bewohner, mörderische "Untiere", Schinder, Schleifer und Abdecker ihrer selbst, nur darauf bedacht, sich mittels des großen ABCs der Massenvernichtung gegenseitig den Garaus zu machen. Die Geschichte schließlich eine gigantische Megalomaschine, die mit Blut läuft und die ihre Opfer auf den Spießen ihrer Wissbegier pfählt.

Diese gesammelten Unartigkeiten bereichert Horstmann mit "J" noch um eine weitere. Da das Projekt Menschheitsgeschichte in den Augen des in Marburg lebenden Schwarzsehers gründlich gescheitert und aus den Fugen geraten ist, findet sich vielleicht noch jemand, dem man diese Entgleisungen anhängen und in die Schuhe schieben kann, weil sie ihm ähnlich sehen. Der erste Beweger der schlechtesten aller Welten heißt im neu erschienenen Roman schlicht J, "All-Schächtiger" und "Schröpfer des Himmels und der Erde". Nach Ansicht der Gnosis zeichnet niemand anderes als der Pfuschergott Jaldabaoth für die verfehlte Schöpfung verantwortlich, weshalb Horstmann gleich noch einmal nachschenkt: Ein um seine restlichen Buchstaben gebrachter Pleitier muss dieser J-Gott sein, jemand, der seine Hypotheken nicht mehr tilgen konnte und der den Planeten - nonchalante Maßstabsvergrößerung - im Zustand eines dringend der "Vollsanierung" bedürftigen "Rohbaus" zurückgelassen hat.

Was aber ist mit einer Welt anzufangen, die durch transzendentale Prasserei und göttliche Großmannssucht so nachhaltig zur Investitionsruine heruntergewirtschaftet wurde? Man kann sie, wie Horstmann es in der im Sammelband "Konservatorium" (1995) enthaltenen Erzählung "Weltzersetzung" vorexerziert hat, abbeizen und per Säureattentat von der demiurgischen Leinwand wischen. Oder, so lautet Horstmanns sarkastische Antwort in "J", man muss dem Urheber eine Therapie verordnen und ihn zwecks Bewährung und Rehabilitation auf die Erde zurückversetzen. Da aber auch ein Gott nicht über seinen Schatten springen kann, Js beste Absichten nicht vor ihren unbeabsichtigten Folgen gefeit sind und der Praktikant obendrein von einem dubiosen Bewährungshelfer namens "Schwarzem Peter" überwacht wird, scheitert der Wiederherstellungsversuch, was natürlich so auch nicht ganz richtig ist.

Anstatt uns aber gleich anfangs in die Paradoxien der Geschichte zu verrennen, lenken wir unser Augenmerk lieber auf J, dessen Mission von Anbeginn unter keinem guten Stern steht. Dies beweist allein schon die Tatsache, dass der Eingang in die Halbwelt von Münzmar (eine Verquirlung von Horstmanns ostwestfälischer Heimat Münster und dem Marburger Habitat, von Lahn und Aa) über ein Abflussrohr erfolgt und die göttlichen Fügungen größtenteils die gewünschten Wirkungen verfehlen. Wer einen Fuchs oder zumindest seine bessere Hälfte zum Sprechen bringt und als ahnungsvolles Totemtier mit sich führt, wer Schließfächer vergoldet, anstatt aus ihnen Gold zu heben, wer Käse aus Ohren fließen lässt, anstatt ihn auf wundersame Weise zu vermehren, der ist nicht ganz auf der numinosen Höhe.

Als folgenschwerster Fehlgriff Js offenbart sich sein Kontakt mit der Christopherus-Figur im Münzmarer Dom. Der sich an dem "Schlagetot mit dem Eichenstamm" entzündende Unmut des Halbgottes lässt das vom Barockbildhauer Johann von Bocholt geschaffene Standbild Tieftemperaturen verströmen. Unter den Augen der anrückenden Medienmeute, der spezialausgerüsteten Sondereinsatzkommandos und des Forscherteams unter Leitung von Prof. Hahne beginnt das Gotteshaus zu vergletschern: "Arbogast 'Chic' Hahne kennt sie nur zu gut, die ungeheure Fräse, die den Schleiftrog füllt, die Eiszeitzunge, die den Fels vom Felsen leckt und Unverdautes ausspeit auf die Endmoräne. Und dieses Sirren, Klirren, Ächzen ist der altvertraute Wehenlaut, das Warnsignal für das, was Flossen, Flügel, Beine hat. Rette sich, wer kann. Das Wasser wallt. Das Eis schwimmt auf. Der Puls ein Countdown eurer Galgenfrist. Danach ist Ebbe, Blutbad danach, sobald der Gletscher kalbt."

Erzürnt, so kann man sich zusammenreimen, wird J am Christusträger die scheinheilige Metamorphose vom hundsköpfigen Menschenfresser Reprobus und Teufelsknecht zu einem Ehrenmann und Heiligen der Kirche haben. Die überirdischen Konkursverwalter aber, die an J hienieden - Achtung, subtile Religionskritik - schon vor zwei Jahrtausenden ein Exempel statuiert hatten und die er mit dieser empfindlichen Unterkühlung zu treffen hoffte, sind auf diesem gottverlassenen "Spukglobus auf seiner Geisterbahn" schon längst nicht mehr anzutreffen.Sie hatten ihn nicht einmal mehr des Ausschlachtens für wert gehalten. Eine mit voller Wucht gefahrene Attacke aber lässt den Angreifer ins Leere stolpern und geht nach hinten los, wenn die Widerständigkeit des Angegriffenen ihn nicht abbremst. Anders ausgedrückt: In der sommerlichen Innenstadt Münsters bricht die Eiszeit aus, weil ein Gott zwar mit der Schlechtigkeit der Welt gerechnet hatte, nicht aber mit dem progressiv Schlechteren.

Enträtseln muss der Leser von "J" übrigens noch manches andere, und zwar inklusive eines (gnostischen?) Zahlenspiels. Das vor dem inneren Auge des Psychiaters Q. Rare auf der Steintaler Allee aufsetzende Kampfflugzeug, wie es schon bei dem alliierten Angriff auf Münster im Jahr 1943 und damit just zum Erscheinen des bis dahin verschollenen Christopherus hätte zum Einsatz kommen können, die unheilvoll vor sich hinrieselnde namibische Sanduhr, das Klirren der Ouzo-Flaschen "Numero 12", das Appartment auf der Steintaler Nr. 112, das Auto-Nummernschild des Studio-"Sandkasten"-Machers Würmeling, eine gleichlautende Notrufnummer oder die gespiegelte Nr. 211 des Bankschließfaches - dies alles deutet wie die immer wieder den Ereignissen gleichsam schicksalhaft vorgreifende Erzählhaltung darauf hin, dass hier etwas im Begriff ist, gründlich schiefzugehen.

Bevor der Rezensent weiter auf solchen Hinweisketten herumreitet und etwa erklärt, dass selbst der Anis des Ouzo gehaltvoller als angenommen ist und fast vollständig einen Imperativ spiegelt ("Sieh nach!"), tut er sich lieber in zwei anderen Romanen Horstmanns um, aus denen sich auch für "J" etwas lernen lässt. "Das Glück von OmB'assa" (1985) und "Patzer" (1990) durchbrechen mit der Schilderung von Beinahe-Katastrophen die 'kupierte' Version der modernen apokalyptischen Erzählung, die nach Auskunft der Literaturwissenschaft die postapokalyptische Zukunft nicht mehr als Neues Jerusalem denkt, sondern als postatomare Landschaft ohne den Menschen. In beiden Büchern findet - trotz aller Ankündigungen - der finale Akt und damit die Erlösung überhaupt nicht mehr statt. Neu geboren wird allenfalls der Einzelne. Diese Relativierung der Menschheitsdämmerung, die in Wirklichkeit keine ist, sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen, bevor man weiterliest.

Mögen sich im aktuellen Roman die Menetekel der Vorsehung auch noch so sehr häufen und verdichten - die Kirchenmänner, die Naturwissenschaftler und der Mediziner reagieren wie die medialen Zweitverwerter mit verwegener Hilflosigkeit, nicht etwa weil ihre Welt dem Untergang geweiht ist, sondern weil ihre mit kleinmütiger Akuratesse kultivierten Weltbilder zusammenstürzen. Wichtiger als die Abwehr der apokalyptischen Bedrohung erscheint ihre optimale Ausleuchtung auf Bildschirmen und Fernsehmonitoren. Es gehört zum eigenem Witz von "J", dass der Autor das, was den Spezialisten in ihrer Sorge um genutzte oder gefährdete Karrierechanchen partout nicht aufgehen will, ausgerechnet einer behinderten Sybille in den Mund legt: "Die Menschheit zerfällt".

Horstmanns Gott ist nicht nur Täter und Untäter, sondern auch ein beklagenswertes Opfer. Jemand, der auf der Flucht vor seinen Verfolgern wie der Reporterin Beate Müggelhoff und ihrer muskelbepackten "Schwellkörper"-Schergen aus der Münzmarer SM- und Fitnessstudio-Szene vom würdevollen Schreiten zum eskapistischen "Express-Wandeln" übergehen muss. J wird gekidnappt, gefoltert und landet schließlich als "dehydrierte Wasserleiche" im Krankenhaus, das in der Geschichte übrigens auch aus dem Reihen seiner Geschöpfe regen Zulauf findet. Und da der abgängige Gott unter Irrenärzten und Medienleuten ein gefragter Mann ist, wird die Handlung zwischen Domplatz, verwinkelter Oberstadt, Steintaler Allee, Uni-Klinikum und dem Studio "Fleshlight" zunehmend verwickelter und "fahriger" - um ein Wort zu benutzen, das nicht etwa der Rezensent in die Tasten tippt, sondern ein zunächst rätselhaftes Erzähler-Ich.

Der göttlichen, an den 'anthropofugalen' Blickwinkel des "Untiers" (1983) erinnernde "Überfliegerperspektive" - synchronische Aufsichten aus einer Flug- oder Satellitenansicht, die die Geschehnisse in Münzmar ebenso im Blick haben wie die Parallelhandlung in Windhoek, Namibia - ist nämlich einer Erzähler-Figur zuzuordnen, die schon in Kapitel XI in den Konjunktiv abgeleitet, die sich immer wieder zur Ordnung rufen oder belletristische "Vollbremsungen" bewerkstelligen muss, um mit dem determinierten Gang der Ereignisse Schritt zu halten. Wenn aber unmittelbar nach Js Dämmerschlaf von einem "erzählerische(n) Blackout" die Rede ist, dann zeichnet sich schon etwas deutlicher ab, wer hier als sein eigener Berichterstatter herhalten muss.

Den dunklen Rest bringt der nicht allzu zögerlich eingeschenkte Ouzo und die also "hochprozentiger[e] Schreibe" an den Tag, in Kapitel LVII und CX wechselt der Erzähler obendrein von der dritten in die erste Person. Es ist niemand anderes als J, der hier an seiner eigenen Geschichte herumfeilt. Aber er schreibt sie nicht nur auf. Er schreibt sie auf, damit sie passiert und - Vorsicht, Kausalitätsschlinge! - das Erzählen zur Veranlassung für das Erzählte und damit für die Existenz des Erzählers selbst wird. Untermalt vom Quietschen des scheinbar defekten Endlosbandes im Studio "Sandkasten" entsteht so ein melancholisches Bild des literarischen Schöpfungsprozesses: Unvollkommen, aber durch nichts zu vervollkommnen, Geschichten hervorbringend, aber seinerseits Produkt einer fabelhaften Realität. Oder, etwas handfester: Der Roman als Pfuschwerk - so hingeschludert wie die von ihm erzählte Wirklichkeit.

J's selbstreflexives Erzählen und Erzähltwerden ist eine Zumutung für den Leser, da es den Text kontingent erscheinen lässt. Aber eine noch größere Zumutung ist, dass es ihn diesem Kontingenten so ostentativ ausliefert: "Vielmehr ist doch gar nicht ausgemacht, ob es nicht genau [...] dieser verdichtete Heilschlaf war, der die beobachtende Vernunft nach den vorgängigen Strapazen und Belastungen wieder [...] in den Stand gesetzt hat, den Fortgang der Ereignisse ohne dauerhafte Schäden zu verkraften. Oder ist ein Satzgefüge wie: ,Es regnet. Es regnet nicht. Aber wo es regnet, regnet es bald anders.' etwa nicht geeignet, die geistige Gesundheit in Mitleidenschaft zu ziehen? Es regnet. Es regnet nicht. Aber wo es regnet, regnet es bald anders. So schnell kommt man mit drei Punkten von Münzmar nach Windhoek und von beiden Orten auf dieselbe Titelseite".

Dabei handelt es sich keineswegs um die einzige Verdrehtheit in dieser irrwitzigen, sich der Sinnlosigkeit des Erzählten mit einem nie endenwollenden Kalauer- und Pointen-Feuerwerk erwehrenden Geschichte - gleich ob nun die "MZ" (die Münstersche, pardon, die Münzmarer Zeitung) berichtet oder sich der Protagonist ins halbseidene "Aardcore" (Sie wissen schon, das Flüsschen Aa) absetzt. Als wäre dies alles für den schöngeistigen Leser nicht ohnehin schon an der Grenze des Ertäglichen, überlädt Horstmann den Roman überdies noch mit zahlreichen Doppelgänger- und Spiegelmotiven. "J" birst förmlich vor zum größten Teil mit Tiernamen belegten Paaren, Zwillingen, Halbbrüdern und Halbschwestern. In den Fenstern der Marburger Buchhandlung Elwerth und im Münsterschen Café Lazaretti spiegeln sich die Schriftzüge, das die Heiligenfigur umfangende rote Licht spiegelt den Rotlichtcharakter von "Fleshlight", Js globale Säuberungsaktion findet ihr Pendant in den Kehrmaschinen auf dem Marktplatz ...

Das ließe sich noch endlos so weiterführen, wäre aber völlig bedeutungslos ohne die Feststellung, dass der eine Zwilling im Mutterschoß dem anderen nicht ähnelt, weil er ihn nachäfft, sondern weil er seine Entstehung denselben Ursachen verdankt. Die in "J" gegen- und miteinander agierenden Figuren unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander. Auch J lässt sich in bestehende Seilschaften und Konkurrenzverhältnisse so problemlos integrieren als wäre er von dieser Welt. Hinterrücks verbrüdern sich die Menschen mit einem Gott, der in einem überirdischen "Astro-Center" Trainerstunden nimmt. Schmeichelnd ist das wohl kaum. Wenn "überall auf dem Platz und an den Domseiten gelbe Warnleuchten (rotieren) und (kopf) stehen in den Pfützen, die alles, was sich oberflächlich begibt, doppelgängerisch ins Unterirdische zu verkehren scheinen", dann konnotieren die Spiegelungen und Brechungen auch das Zwielichtige, Dunkle und Chimärische unseres Aufenthaltsortes.

Nicht zuletzt rücken in der Halbwelt von Münzmar die unvereinbar geglaubten Welterklärungsmodelle zusammen: Angesichts des Unerklärlichen bricht die Wissenschaftreligion Prof. Hahnes ebenso in sich zusammen wie das Gottvertrauen der Kirchenleute eingedenk der "Spontanheilungen" im Dom. Selbst die päpstliche Nuntiatur ist ratlos, wie der heilige Vater schließlich per E-Mail bekundet. Empirisch vermessen, wallfahrtstechnisch durchorganisiert, abgefilmt - als Lourdes-Tourist hat Horstmann einschlägige Erfahrungen sammeln können, auf welche Weise heute der Exorzismus des Wunders betrieben wird: "Für mich ist dieses Großwunder ,Geh hin und werde sehend und wirf deine Krücken weg' etwas Spektakuläres, Grelles, das ja im Grunde schon wieder unseren Mediengesezten gehorcht." Die Geschichte in Münzmar zeigt deswegen auch, wie man für wirkliche Wunder unempfindlich wird.

Bei dem wohl wichtigsten Doppel handelt es sich indes um die Ereignisse in der namibischen Hauptstadt Windhoek und die Unruhen in einem Land, "in dem der dritte Schöpfungstag nicht zu Ende gekommen ist". Schon in der frühen Prosaschrift "Steintals Vandalenpark" (1981) dient der heimelige Exotismus, aber auch die Öde und Leere von Deutsch-Südwest als Einschreibfläche für apokalyptische Spekulationen. Den von Horstmann erdachten Bombenangriff der südafrikanischen Regierung auf den Tintenpalast nach dem als Wahlfälschung apostrophierten Wahlsieg der Befreiungsorganisation SWAPO im Jahr 1999 fliegen die schon im 2. Weltkrieg und also schon bei dem Angriff auf Münzmar gebräuchlichen Oldtimer. Obgleich sich darin eine für Horstmanns Literatur neuartige theologisch-apokalyptische Deutung der politischen Geschichte andeutet, wird das Zentrum der Bedrohung erneut an einen Gegen-Ort verlagert, dessen Semantik sowohl die Bilder aus den Anfängen unserer Gattungsgeschichte als auch die ihres bevorstehenden Endes umschließt.

Kommen wir zum Ende und damit zu Js Versuch, das Größenwachstum der Heiligenfigur zu stoppen und das Geschehene ungeschehen zu machen. Auch dieses Vorhaben schlägt fehl - und die Sanduhr um. Christopherus schrumpft und verwandelt sich im Zuge seiner sukzessiven Verzwergung in ein materieverschlingendes schwarzes Loch. Im Hintergrund des schon aus anderen Büchern Horstmanns bekannten finalen Redeaktes verschafft sich das Unfassbare Gehör, beginnt die Planetenentkernung. Dass im letzten Moment die Rettung erfolgt, wird man jedoch nur behaupten können, wenn man die weiter oben formulierten Einschränkungen nicht gelten lässt. Kurz vor dem globalen Super-GAU lässt J die Handlung mit der Fuchs-Szene des ersten Kapitels neu beginnen: ",Da capo', hört man ihn schließlich sich selbst zitieren, 'hilft nichts. Alles auf die Ausgangspositionen." Dann ist es, als wäre nichts geschehen und als wäre die Erde nur ein Spielball eines sich in einem lapidaren "einmal ist keinmal" erschöpfenden demiurgischen Schluckaufs.

Als wäre nichts geschehen? Man gestatte dem Rezensenten, sich hier selbst dazwischenzureden und die Sache richtig zu stellen. Der naserümpfende Vorwurf eines vermeintlichen Mangels des Romans an belletristischem 'Ertrag' ist grundfalsch und gehört aus diesem Text gestrichen, es sei denn, man akzeptiert eine bewusst paradoxe Antwort: Die missglückte Wiederherstellung, dieses groteske und kosmisch-komische Verwirrspiel war nicht umsonst, weil es umsonst war. Es kam buchstäblich wie es kommen musste, und zwar einschließlich des göttlichen Scheiterns in Serie, der ohnmächtigen Erfahrung der Heillosigkeit der Welt und der Unfähigkeit ihrer Bewohner, aus Schaden klug zu werden. Nur so demonstriert man Vergeblichkeiten. Vielleicht, und um das bis hierher gut genährte Schwindelgefühl noch ein wenig zu verstärken, kann man sogar folgende These wagen: In Horstmanns Prosawerken wird die unterschlagene Apokalypse gleichsam durch die Hintertür wieder hineingespielt, und zwar durch ihr Ausbleiben. Ungleich fataler nämlich als die apokalyptische Reinigung der als unerträglich und schlecht empfundenen Welt ist die 'apokalyptische' Perpetuierung des Übels in endlosen Kreisläufen wie Horstmann sie als Verehrer von Walter M. Millers jr. Roman "A Canticle for Leibowitz" vor Augen hat.

"J" zeigt, dass es kein Entrinnen vor der göttlich-menschlichen Unnatur gibt, in Münzmar nicht und auch nicht in unserer eigenen aufpolierten Scheinwelt. Die kathartische Erleichterung darüber, dieses Mal entkommen zu sein - geschenkt. Aus dem gleichen Grund entpuppen sich auch die Höhenflüge der literarischen Phantasie als illusionär. Als Literat und als Literaturwissenschaftler, der sich etwa in den Werken Jack Londons auf die Spurensuche nach Schwachstellen infolge eines übermäßigen Produktionswahns begibt, weiß Horstmann, wovon er spricht. Mit solchen Unfertigkeiten wie mit der Welt als liegengebliebener Baustelle überhaupt muss man sich arrangieren, weshalb der Autor seinem Halbgott im Gedichtband "Göttinnen, leicht verderblich" (2000) die Worte in den den Mund legt: "Selbst / wenn es mein Fehler gewesen wäre, / habe ich keinen gemacht. / Es ist ein Irrtum, / mit den Irrtümern aufzuräumen." Das ist Horstmanns zeitgemäße Fassung der klassischen Theodizee: die Rechtfertigung des Übels dieser Welt angesichts eines Gottes, der nicht aus seiner Haut kann.

Kein Bild

Ulrich Horstmann: J. Ein Halbweltroman.
Igel Verlag, Oldenburg 2002.
208 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3896211382

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch