Til, schweig, er!

Rigo Baladurs neuester Entwurf einer "anthropofugalen Ethik"

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Anthropofugales", das heißt menschenflüchtiges Denken bedeutet nach Ulrich Horstmann ("Das Untier", 1983), dem unmittelbar bevorstehenden Ende der menschlichen Gattung nicht unbewusst und in satter Trägheit entgegen zu dämmern, sondern den apokalyptischen Streich gegen sich und seinesgleichen sehenden Auges und unter Aufbietung aller Mittel zu führen. Wie jeder bisherige Waffengang, so bedarf auch der letzte, der thermonukleare Kreuzzug ins "Neue Jerusalem der Nichtexistenz", gründlichster Planung und Vorbereitung.

Der Leser reibt sich ungläubig die Augen und buchstabiert die letzten Zeilen fassungslos noch einmal durch. Aber es hilft nichts: Das "Untier" plädiert für eine durch "entschiedene weitere Aufrüstung" voran getriebene Rekultivierung des "Steingartens Eden". Gegenläufige Bemühungen verunglimpfen die "Konturen einer Philosophie der Menschenflucht", so der Untertitel, als "Friedenshetze". Erst nach der bis in die entferntesten Tiefseegräben hinein reichenden Pasteurisierung der gesamten Biosphäre und der Auslöschung des letzten Menschen wird mit dem Funkeln der Quarzkristalle wieder Frieden eingekehrt sein auf Erden.

Nach damaliger Auffassung war der Traktat verfasst im Sinne des Pentagon oder ungleich sinistrer Mächte. Man kann das "Untier" entweder, wie es eine zeitgenössische Rezensentin nachdrücklich empfiehlt, ungelesen dem Papierkorb überantworten und sich dadurch den apokalyptischen Heimsuchungen des Gießener Hochschullehrers Horstmann, laut "Spiegel" ein "Radikaler im öffentlichen Dienst", auf Dauer entziehen. Zweite Möglichkeit: Man tritt kurzerhand in die Fraktion der Horstmaniacs ein und schreibt eine Fortsetzung.

Schon in seinen beiden Büchern "Piktogramme des humanen Terrors" (1988) und "Gründe, warum es uns nicht geben darf" (1991) versucht Rigo Baladur, Horstmanns apokalyptischen Traktat für eine "anthropofugale Ethik" auszuwerten. Das Ergebnis ist ein niederschmetternder Befund mit den radikalen Schlussfolgerungen einer "humanselektiven" Apokalypse: Infolge einer grundlegenden Verträglichkeitskrise zwischen Mensch und Leben müsse der erste Teil der Gleichung, nämlich der Mensch, "aus Fürsorgepflicht für die von ihm heimgesuchte Welt" umgehend wieder von derselben entfernt werden.

Gebietet in den achtziger Jahren noch die Auseinandersetzung mit dem Kalten Krieg und den verstärkt wahrgenommenen Verheerungen der Vergangenheit - die "Litanei des Hauens, Stechens, Spießens, Hackens, die Monotonie des Schlachtens und Schädelspaltens, das Om mani padmehum der Greuel" -, mit Horstmann über die potenzielle Selbstabschaffung der Gattung nachzudenken, so rückt in Baladurs neuem Buch eine andere Defizienzerfahrung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Das Verschwinden der Stille.

Anstatt die Welt mit Massakern zu überziehen und in Blut zu tauchen, haben wir sie mit Schallmauern vollgestellt, droht sie jetzt unter dichten Geräuschnebeln zu ersticken. Ob beim Telefonieren, dieser "Bedürfnisbefriedigung von Lautlüstlingen, die (uns) mißbrauchen und zum mündlichen Verkehr zwingen", ob im von "wwwichtigtuende(n( Digitalstotterern und e-maillierte(n( Dünnbrett-Surfer(n(" bevölkerten Internet (dem "Stalingrad" der Stille), während eines "Sprechdurchfalls" oder beim 'Hörigwerden' durch fortwährende Musikberieselung - nach Baladur unternehmen wir alles, damit die Welt nur nach uns klingt. Im Lärmen glauben wir das zu bannen, was uns ängstigt. Was folgt, ist "AIDS (...(: Akustische Insulte durch Schall."

Der Tod der Stille erodiert jenes Fundament, auf dem das Denken als evolutionäre Ausdifferenzierung im Biotop des Leisen hätte stattfinden können: "Mit der Stille stirbt also eine potentielle Veranlagung des Menschen sich über das Animalische hinaus zu entfalten und so zu einer vernunftbegabten Ausgestaltung von Menschsein zu gelangen." Glaubt man Baladur, so hat Evolution überhaupt nicht stattgefunden: Keine Hirntätigkeit findet unter unserer Schädeldecke statt, sondern ein "Stoffwechselautomat (versieht) seine kontingenten Verrichtungen". Als "Quasi-Leichnam" harren wir nur des pietätvollen Abschaltens.

Bevor es im Übergangsfeld von Medizin und Metaphysik weiter vor sich hin stoffwechselt, benennt der Rezensent lieber einen zweiten Grund, weshalb man Baladurs 'anthropofugale' Spekulation nicht mit der seiner Vordenker identifizieren darf und, frei nach Adorno, Horstmann gegen seine Liebhaber verteidigen muss.

"Das Untier" ist nur bei vordergründiger Lektüre als eine Apologie der Apokalypse missdeutbar. In Wahrheit realisiert die Schrift über ein Verfahren einer "apokalyptischen Simulation", d. h. durch verschiedene Strategien der Relativierung der Menschheitsdämmerung (Selbstreferenz), ein poetologisches Modell ihrer Abwehr. Horstmanns negative Affirmation der kontraintuitiven Konsequenz, endlich Schluss zu machen, mobilisiert den Widerspruch, der zu ihrer Überwindung erforderlich ist.

Der dritte Weltkrieg, heißt es in Horstmanns Essay "Über die Kunst, zur Hölle zu fahren", habe "wegen der allgegenwärtigen "fiktiven" Erinnerung an das ultimative Grauen [...] bis heute nicht stattgefunden". Er hat mit anderen Worten paradoxerweise nicht stattgefunden, weil er stattgefunden hat: im Medium des Als-Ob, in der Kunst und in der Literatur. Seltsam ferner, dass der vermeintliche Gewährsmann einer "anthropofugalen Ethik" den literarischen Vollzug des Weltuntergangs in sämtlichen nach 1985 entstandenen Prosaarbeiten ausblendet. In den Katastrophen-Romanen "Das Glück von OmB'assa", "Patzer" und "J" stirbt kein Mensch.

Allein Baladur scheint nicht zu bemerken, dass es Horstmann mit seinem fürsorglichen Euthanasieprogramm so ernst nicht gemeint haben kann. Er dagegen meint es ernst. Todernst. Denn geboten ist nach Baladurs Dafürhalten ein (nur bedingt doppeldeutig zu interpretierendes) "AufHören" der Gattung, da der mit der Opposition Lärm - Stille benannte Konflikt auf der unauflösbaren Opposition Mensch - Welt beruht: "Die Schuldzuweisung, die sich im Tod der Stille an uns richtet, ist nichts anderes als die Schuldzuweisung, Mensch zu sein." Kommunikation, Sprache, Gehör - dies alles wird in seiner Entstehung und Funktion zwar immer wieder stammesgeschichtlich, biologisch und soziologisch durchleuchtet, zugleich aber mit einem Wisch unter den Klangteppich gekehrt. Was hier fehlt, ist eine anspruchsvollere Theorie der kulturellen Evolution.

Wenn wir aber schon bei einem Generalverdacht gegen unsere Gattung sind - dergleichen hat man bei E. M. Cioran schon besser gelesen: "Die Schöpfung ruhte in einer heiligen Regungslosigkeit, in einem bewundernswerten und unhörbaren Stöhnen; dadurch, daß er [der Mensch] sie mit seiner Raserei, mit dem Gebrüll eines gehetzen Untiers erschüttert, hat er sie unkenntlich gemacht und die Ruhe für immer gestört."

Bei Baladur hingegen ist von der großartigen kosmologischen Verzweifelung Ciorans oder der apokalyptischen Heiterkeit Horstmanns wenig zu spüren. Mal wird die Stille in mythischen Formeln beschworen, mal kalauert Baladur gegen das lärmende Leben an. "Je lauter, desto unlauter", "Aufrichtig ist, wer richtig aufhört", "Lärmschutz, das ist Schutz des Lärms". Fehlt nur noch Til, der große Schweiger.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Buch ist in vielen Teilen lehrreich, und es vermag den Leser auch von den Qualitäten der Ruhe sowie dem Fluch der pausenlosen Beschallung zu überzeugen. Was aber partout nicht zusammengehen will, ist das ausführliche medizinische Info-Programm eines gelernten Arztes, der sich noch bei den "Semen-Spendern" in den Talk-Shows auf Indiziensuche für die allgegenwärtige Schwatzhaftigkeit begibt und die wegwerfende Geste, mit der Baladur zugleich die gesamte Menschheitsgeschichte im schalltoten Raum endlagert.

Das alles soll groß und großzügig gedacht sein, ist es aber am Ende doch nicht. Der Autor kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und hat sich schließlich so in die Berichte der WHO und der Kliniken für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten verfranst, dass man meint, es gehe hier lediglich um die philosophisch unterfütterte Diagnose einer Zivilisationskrankheit. Wenn schon voluntarische Metaphysik, dann bitte das volle Programm. So muss Baladur sich vorsehen, dass er mit seinem Wälzer nicht jenem Übel zuarbeitet, das er so beredt aus der Welt schaffen will.

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Rigo Baladur: Der Stille Tod. Menschheit zwischen Demenz und Dementi.
Athena Verlag, Oberhausen 2001.
420 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3932740815

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