Grüezi anniversaire

Dem Diogenes Verlag zum 50. Geburtstag

Von André HilleRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Hille

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kennen Sie die Geschichte von den zwei Zelten auf dem Jahrmarkt? Nein? Sie ist nämlich unterhaltsam und tiefsinnig zugleich. Also: stehen auf einem Jahrmarkt zwei Zelte. Über dem einen steht "Paradies" und über dem anderen "Vortrag über das Paradies". Die Franzosen und die Italiener laufen freudestrahlend in das Zelt mit der Aufschrift "Paradies". Und die Deutschen - dreimal dürfen Sie raten - gehen natürlich tiefbesonnen in das Zelt "Vortrag über das Paradies". Diese Anekdote, augenzwinkernd erzählt vom Verleger Daniel Keel, beschreibt den altbekannten Hang der deutschsprachigen Literatur zur Ernsthaftigkeit, zur Innerlichkeit und Reflexion und verhehlt natürlich nicht Keels eigene Sympathien. Daniel Keel ist mit dem Diogenes Verlag angetreten, das Vorurteil, amüsante und gut lesbare Literatur sei keine ernstzunehmende Literatur, zu widerlegen. Und das mit großem Erfolg. Die F. A. Z. erfindet für diesen Verlag, als hätten wir uns in der Beilage geirrt und würden nicht im Feuilleton sondern in "Technik und Motor" blättern, gleich eine neue Klasse: "Es liegt nahe, neben der E- und der U- eine D-Klasse zu schaffen, benannt nach dem Diogenes Verlag." CW-Wert: hervorragend, Federung: komfortabel, Fahrwerk: sportlich, Design: zeitlos. So fährt die Diogenes Literatur seit 50 Jahren in der oberen Mittelklasse im Fuhrpark der deutschsprachigen Verlage mit. Und das von Jahr zu Jahr erfolgreicher. Aus dem Ein-Mann-Unternehmen im Jahre 1952 (als, wie es Loriot beschreibt, die Bücherkisten noch unter dem Bett standen, auf dem der Verleger saß) ist eine Firma mit 69 Mitarbeitern und einem Umsatz von ca. 40 Millionen Euro erwachsen. 3.347 Titel sind in einer Gesamtauflage von 150 Millionen Exemplaren erschienen, von denen knapp die Hälfte heute noch lieferbar ist. Und das alles, weil ein 22jähriger Buchhändler unabhängig sein wollte und keine Lust mehr hatte, jeden Morgen um acht Uhr in die Buchhandlung zu gehen.

Eine ansprechende Kassette hat der Verlag zu seinem Jubiläum zusammengestellt: Zwölf Diogenes Klassiker, klein, handlich, in rotes Leinen gebunden, im "bibliophilen Kleinformat", wie es im Verlagsprospekt heißt. Patricia Highsmith, welche derzeit eine Art posthumes Comeback feiert, ist mit ihrem frühen, wahrhaft betörenden Werk "Der süße Wahn" vertreten. Überhaupt die Highsmith - ein Kapitel für sich innerhalb der Verlagsgeschichte. Stark beeindruckt von Hitchcocks "Zwei Fremde im Zug" wollte Keel wissen, wer diese junge Amerikanerin ist, die die Romanvorlage zu dem Film geschrieben hat - und wollte sie sofort in seinen Verlag holen. Doch Rowohlt war ihm zuvorgekommen und hatte sie schon im Programm. Durch die Hintertür kam Keel schließlich doch an die Rechte zunächst eines Romans und heute schließlich zu den Weltrechten am Gesamtwerk. Ihre Texte werden von diesem Jahr an in einer auf 32 Bände angelegten Werkausgabe neu übersetzt und von Paul Ingendaay und Anna von Planta herausgegeben. Man schüttelt jetzt verständnislos den Kopf darüber, wie man diese Autorin jahrzehntelang auf ihre Eigenschaft als Kriminalautorin reduzieren konnte, wo doch ihre feinsinnigen psychologischen Romane weit über reine Kriminalplots hinausgehen. Der größte Verkaufserfolg ist dem Verlag wohl mit John Irvings oskargekröntem "Gottes Werk und Teufels Beitrag" gelungen. Sieht man im Buchhandel die auch einzeln zu erwerbenden Titel der Jubiläumsausgabe nebeneinander gestapelt, so ist Irving regelmäßig bis auf einen oder wenige Titel hinunterverkauft. "Hier ist einfach das Preis-Leistungsverhältnis am besten" hört man die Kunden, das Buch in der Hand wiegend, sagen, als kaufte man Bücher nach Gewicht. Tausendzweihundert Seiten unterhaltsamen Romanstoffs für nur 10 Euro, wer kann dazu schon nein sagen. Weitere Bestseller: Ingrid Nolls "Der Hahn ist tot", Bernhard Schlinks "Der Vorleser" (übrigens das erste deutschsprachige Buch, das es auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerlisten geschafft hat) oder Patrick Süskinds "Das Parfüm", mit einer Weltauflage von 12,5 Millionen Exemplaren das erfolgreichste deutschsprachige Buch des 20. Jahrhunderts. Auffällig häufig tauchen im Zusammenhang mit dem Diogenes Verlag Worte wie "Millionen", "erfolgreichst" oder "Bestseller" auf. Doch letztere hat jeder Verlag dringend nötig. Schreiben doch, auch bei Diogenes, drei Viertel der lieferbaren Titel rote Zahlen und werden somit von den Topsellern mitfinanziert.

Zwei Schweizer sitzen auch mit im Kassetten-Boot: Dürrenmatt mit seinen Labyrinth- und Turmbau-Stoffen sowie der sprachmächtige Urs Widmer mit dem kleinen, aber feinen Roman "Der Geliebte der Mutter". Keel wurde oft vorgeworfen, er "mache" zu wenig Schweizer. "Mir ist es egal, ob die Autoren in Zürich oder in Leipzig wohnen", lautet seine Antwort darauf, "mich müssen die Bücher überzeugen." Einer hat ganz sicher überzeugt: Der manische Schreiber Georges Simenon, dessen Werk in 200 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als eine halbe Milliarde Mal verkauft wurde. Er ist neben Jules Verne und Shakespeare einer der meistgelesenen Autoren aller Zeiten. In seinem Roman "Der Mann, der den Zügen nachsah" erzählt er die grandiose Geschichte des Aussteigers Kees Popinga, der aus dem bürgerlichen Leben fällt wie ein Apfel aus der Stiege. Diesem Gespür für die richtige Mischung aus Unterhaltung und Intellektualität oder, anders ausgedrückt, zwischen der angloamerikanischen und der deutschen Art zu erzählen, sicherte dem Verlag bis heute sein breites Publikum. Unterhaltung mit einem Schuss Nachdenklichkeit, Spannung mit einem Tropfen Subversivität - wer ein Diogenes Buch kauft, wird fast immer, leichte Pendelausschläge in die eine oder andere Richtung eingeschlossen, auf diese Mischung treffen: Donna Leon mit einem Brunetti-Fall, Paul Cohelo mit dem Lehrstück "Der Dämon und Fräulein Prym", Alfred Andersch sowie der hochgelobte Pole Andrzej Szczypiorski machen das Jubiläums-Dutzend voll.

Auch wenn das Bild des Diogenes Verlages mittlerweile stark von der modernen Belletristik geprägt wird, ist diese doch nur eine von fünf Säulen, auf denen das Verlagskonzept ruht. Man vergisst leicht, dass bei Diogenes Klassiker wie Homer, Montaigne, Schopenhauer, Balzac (gut gelagert in der Holzkiste), Cervantes oder Faulkner erscheinen. Die Werke des Romanciers Somerset Maugham erlebten durch die schlichten detebe-Ausgaben eine Renaissance ebenso wie die der drei großen Amerikaner Emerson, Thoreau und Whitman. Kinder-, Märchen- und Liederbücher haben, als drittes Standbein, im Programm einen festen Platz. Keel besitzt des Weiteren eine starke Affinität zu Theater und Film. Er machte das dramatische Werk von Dürrenmatt, Molière, Cechov oder Mrozek einem breiten Publikum zugänglich. Wichtige Editionen sind ebenfalls die Drehbuch-Ausgaben, etwa aller Spielfilme Fellinis oder Woody Allens. Wobei der Verlagsleiter nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass diese Sparte nicht unbedingt zu den profitabelsten des Verlags gehört. "Wenn man von einem Drehbuch 10.000 Stück verkauft, ist das schon ein Sensationserfolg", sagt er 1998 in einem Interview. Mit Federico Fellini und Giulietta Masina verband den Verleger eine lebenslange Freundschaft. In den Briefen zwischen Fellini und Simenon tritt Keel immer wieder als gemeinsamer Freund und Mittler auf.

Und schließlich die Zeichnungen, Cartoons und Karikaturen, mit denen eigentlich alles erst begann. Der 22jährige Buchhändler Keel erwarb die Rechte an Cartoons von Ronald Searle und wurde ob dieser Idee zunächst für verrückt gehalten. Der erste Band "Weil noch das Lämpchen glüht. 99 boshafte Zeichnungen von Ronald Searle gerechtfertigt durch Friedr. Dürrenmatt" erscheint 1952. Kurz darauf folgten Paul Flora und dann Loriot, der für die Entwicklung des Verlages eine enorme Bedeutung erlangen sollte, entpuppte sich doch sein Bändchen "Auf den Hund gekommen" als erster Bestseller des Verlages. Bis heute versammelt der Verlag eine Reihe Karikaturisten, die zu den Klassikern des Genres gehören: Tomi Ungerer, Sempé, F. K. Waechter, Hans Traxler oder Manfred Deix.

Diogenes ist einer der letzten großen Verleger-Verlage im deutschsprachigen Raum. Daniel Keel und Co-Verleger Rudolf C. Bettschart, (beide im übrigen am 10.10.1930 geboren und Freunde von Kindesbeinen an) haben dem Verlag und dessen Erzeugnissen ein starkes Profil gegeben. Wer erkennt nicht zwischen all den grellen Buchrücken im Regal einer Buchhandlung die Diogenes Bücher sofort heraus: schlichter weißer Schutzumschlag, schwarze Schrift, das markante kleine "d" als Verlagssignet - ein Ausbund an Schlichtheit. Und, welcher Verlag bindet heutzutage noch jedes Buch in Ganzleinen, Titel und Autor in dezenter Goldprägung auf dem tiefroten Rücken? Die Sinnlichkeit in jeder Hinsicht ist es, die Diogenes Bücher ausmacht. So bleibt dem Verlag und dem derzeit darbenden Buchhandel dazu, nur zu wünschen, dass sich alle Buchleser so verhalten, wie Annemarie Stoltenberg (NDR): "Wenn ich nur zwei Minuten Zeit habe, aber nicht ohne Buch weg will, greife ich in der Buchhandlung blind nach einem Diogenes Buch."

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50 Jahre Diogenes. Die Jubiläums-Edition. 12 Bände in Kassette.
Diogenes Verlag, Zürich 2002.
4896 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3257056133

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Titelbild

Daniel Kampa / Armin Kälin (Hg.): Diogenes Autoren Album.
Diogenes Verlag, Zürich 2002.
384 Seiten, 5,00 EUR.
ISBN-10: 3257229003

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