Historisches Lehrbuch des Staatsrechts

Michael Stolleis Geschichte des öffentlichen Rechts in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus

Von Lennart LaberenzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lennart Laberenz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Frankfurter Rechtshistoriker Michael Stolleis setzt mit diesem Band, der als dritter seit 1988 die Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland untersucht, seine materialreiche Studie fort. Der erstmals 1999 erschienene Band wird nun als broschierte Sonderausgabe aufgelegt.

Der Band umfasst die historische Zeitspanne vom Einsetzen des ersten Weltkrieges bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. In überaus anschaulicher, detailgenauer und sehr gut lesbarer Form macht Stolleis die historische Periode zum Gegenstand von rechtshistorischen, wissenschaftsgeschichtlichen und zum Teil sozialhistorischen Untersuchungen. Die Materialfülle der untersuchten Gegenstände ist überwältigend und dabei meisterlich bearbeitet; Stolleis diskutiert kontrovers, wo sich Kontroversen ergeben, untersucht diskursanalytisch und spiegelt historische Ablaufe in der Entwicklung und der Auseinandersetzung um rechtliche Regelungen. In diesen Momenten gelingt es Stolleis kulturgeschichtliche Momente einzufangen, wenn er etwa den "langen Abschied des 19. Jahrhunderts" als identitären Prozess entlang von Rechtsformen diskutiert und gleich danach die Rechtsdiskussionen nach Versailles und der Weimarer Verfassung gegeneinanderstellt. Ein dem Titel nach eher trocken vermuteter Komplex des Verwaltungsrechts erscheint so mit seinen politischen Bezügen als lebendiger und faszinierend zu rekonstruierendes Feld des sozioloplitischen Diskurses. Wichtig ist dabei auch gewissermaßen die Verortung der Diskussionen, der wissenschaftspolitische Hintergrund in ihren Institutionen: den Universitäten. Gegenwärtig erfährt die Wissenschaftsgeschichte vor dem Hintergrund der auch biographischen Beschäftigung mit den Gründern der Geschichtswissenschaft nach 1945 eine erfreuliche Aufmerksamkeit. Stolleis hat diesen Diskussionen vorgegriffen, indem er die Wissenschaftspolitik im Nationalsozialismus in einem eigenen Kapitel behandelt und das Revirement sowohl sozialpsychologisch als auch anhand der einzelnen Universitätsstandorte, ja selbst in wissenschaftlicher Periodika charakterisiert. So lenkt er die Frage nach der Mittäterschaft auf ein komplexes Gelände, das aber im Unterholz der politischen Kultur nicht die Stringenz verliert. Stolleis nimmt so nicht nur eine Fülle von Einzeldarstellungen und Quellen zum Ausgang seiner Arbeit, seine Schlüsse und aufgeworfenen Fragen werden solche wiederum nach sich ziehen.

Lesenswert wird dieser Band vor dem Hintergrund der Versuche historischer Selbstreinigung von unterschiedlich befähigten Politikern, die mit selbstgefundenen geschichtlichen Analogien in der Hand die Kontingenz des Nationalsozialismus jeweils beim politischen Gegner ansiedeln wollen. Dieser Form der Vergewaltigung der Geschichte könnte einerseits durch Sachkenntnis, andererseits aber wohl nur durch so etwas wie Respekt vor historischen Prozessen selbst vorgebeugt werden - beides Tugenden, die sich tatsächlich immer seltener mit der Trägerschaft politischer Ämter zu vermischen pflegt.

Mit dem dritten Band der Geschichte des öffentlichen Rechts ist Stolleis erneut ein Standard- und Lehrwerk gelungen, ein anschauliches, differenziertes und überdies hervorragend zu lesendes Beispiel dafür, dass Geschichtsschreibung nicht zwangsläufig in der Feulletonisierung eines langen Weges nach Westen enden muss.

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Michael Stolleis: Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland. Weimarer Republik und Nationalsozialismus.
Verlag C. H. Beck, München 2002.
439 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3406489605

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