Lovecraft ist immer und überall

Michel Houellebecq über den Einsiedler von Providence

Von Alexander MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das erste Buch des inzwischen berühmten französischen Schriftstellers Michel Houellebecq beschäftigte sich mit einem anderen, weitaus verschrobeneren Autor, dem US-amerikanischen Verfasser schauriger Kurzgeschichten Howard Philipps Lovecraft (1890-1937). Der Großessay erschien in Frankreich bereits 1991; nun kann man in Deutschland mit einiger Verspätung ein erstes Glaubensbekenntnis Houellebecqs nachholen.

Houellebecq geht in "Gegen die Welt, gegen das Leben" vor allem einem Faszinosum nach, nämlich der Frage, warum sich um Lovecraft, diesen im öffentlichen Leben so unscheinbaren Autor, geradezu ein Kult bilden konnte. Dieser Kult beruft sich freilich entschieden auf die tatsächlichen Fans, die Rollenspieler und Phantasten. Auch wenn sich hierzulande einige bedeutende Schriftsteller mit Lovecrafts Werk auseinandersetzten - wie etwa Arno Schmidt, der den Nachfolger Edgar Allan Poes erst spät entdeckte, oder der verdienstvolle H. C. Artmann, der einige Erzählungen Lovecrafts ins Deutsche übertrug -, findet seine Verehrung eher in den gering geschätzten Bereichen der Popkultur statt. Diese Wertschätzung treibt zuweilen seltsame Blüten, neben Songs der Heavy Metal-Gruppe "Metallica" oder einem eigens Lovecraft gewidmeten Rollenspiel durchstöbert etwa die Suchmaschinen-Persiflage www.cthuugle.com das Internet nach allem, was entfernt mit Lovecraft zu tun hat. Zudem wurde der von ihm geschaffene Mythos um schreckliche urzeitliche Wesen wie "Cthulhu", "Azathoth" oder das blasphemische Buch "Necronomicon" von etlichen Epigonen der Horror-Literatur fortgeschrieben. Houellebecq hingegen nimmt dies lediglich zur Kenntnis, um damit seine Ausgangsthese ansatzweise zu begründen, bei Lovecraft gebe es etwas, das "nicht wirklich literarisch ist."

Zu einem eindeutigen Ergebnis kommt der Romancier glücklicherweise nicht, es bleibt bei einer bemerkenswerten Spur. Denn auch Houellebecq muss zuerst analytisch vorgehen und die literarischen Techniken Lovecrafts untersuchen. Sein Augenmerk richtet er auf die von ihm so genannten "großen Texte", die er systematisch vom Frühwerk absetzt: "Cthulhus Ruf" von 1926, "Das Grauen von Dunwich" (1928), "Der Schatten aus der Zeit" (1934), um nur einige herauszugreifen. Er entdeckt darin einen "Gewaltangriff" gegen den Rezipienten, der sich unmittelbar nach einem oft theoretischen Beginn mit dem unaussprechlichen Grauen konfrontiert sieht. Lovecraft schreibe dabei selten auf eine Pointe hin und lehne, da er selbst als "Traumgenerator" fungiert, die Psychoanalyse Freuds spöttisch ab. Realismus, also auch eine psychologische Zeichnung der Protagonisten, scheint ihm überflüssig. Einzig und allein gehe es ihm darum, "den Leser in einen Zustand der Faszination zu versetzen. Die einzigen menschlichen Gefühle, die er gelten läßt, sind Verwunderung und Furcht." Dem "puerilen Symbolismus" des "Wiener Scharlatans" versuche er die Beschreibung einer abstoßenden Realität entgegenzusetzen, das materiell, ergo keineswegs psychisch, Grauenhafte.

Nach einigen scharfsinnigen Beobachtungen Houellebecqs, etwa zu den Themen Architektur oder der Funktion von "flachen" Charakteren in Lovecrafts Werk, wendet er sich im dritten und letzten Teil seines Aufsatzes den Grundzügen des Rassismus zu, die sich in Lovecrafts Erzählungen immer wieder spiegeln. Er verfolgt dessen Motivation und Genese, angefangen bei einer dem Gentleman aus der Provinz eigenen Überzeugung von der Überlegenheit der angelsächsischen Abstammung, die sich in einer "vagen Verachtung" gegenüber anderen äußerte, bis hin zum offenen Rassenhass, geprägt von Versagen und Furcht, der selbst nach der Rückkehr des Autors von New York ins geliebte und eher beschauliche Providence kaum schwindet. Schließlich führt Houellebecq die rassistischen Äußerungen auf eine Lovecraft zugesprochene und äußerst stilisierte Lebensfeindlichkeit zurück, die im Fremden eine das Leben genießende, Vitalität ausstrahlende Kraft sieht, die dem eigenen Ekel und den Komplexen angesichts des als "böse" angesehenen Lebens selbst widerspricht. Demzufolge liest Houellebecq zuletzt Lovecrafts Schriften als eine "ständige Opposition gegenüber dem Leben", was als "höchste Mission des Dichters auf dieser Erde" anzuerkennen sei. Ein emphatisches Ende, das den Verdacht, Houellebecq schreibe vielleicht doch mehr über sich selbst als über Lovecraft, nährt. Das macht dieses Buch aber keinen Deut weniger lesenswert.

Kein Bild

Michel Houellebecq: Gegen die Welt, gegen das Leben. H. P. Lovecraft.
Übersetzt aus dem Französischen von Ronald Voullié.
DuMont Buchverlag, Köln 2002.
115 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3832155317

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch