Unheroische Helden

Danièle Beltran-Vidals "Carnets" und die internationale Ernst-Jünger-Forschung

Von Hubert RolandRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hubert Roland

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als ein Kuriosum der germanistischen Literaturwissenschaft stellt sich die Tatsache heraus, dass die spezialisierte Forschungszeitschrift über Ernst Jünger tatsächlich in Frankreich veröffentlicht wird. Dies ist natürlich auf Jüngers außergewöhnlich positiven Ruf in Frankreich zurückzuführen, ein literarsoziologisches Phänomen, das im Rahmen einer noch fehlenden Gesamtstudie über die Rezeption des Autors in Frankreich untersucht werden sollte. Zwar spürt man, dass Jünger auf seinen Ruf im großen Nachbarland besonders geachtet hat, diese Situation ist aber letztendlich nicht nur diesen Profilierungsbestrebungen zu verdanken. Die Gründe, weshalb viele französischsprachige Schriftsteller und Intellektuellen (nicht zuletzt sein Übersetzer Henri Plard) den politischen Jünger lange verdrängt haben, müssen noch analysiert haben und würden wie jede Rezeptionsstudie so viel über den gesellschaftlichen Zusammenhang wie über den Untersuchungsgegenstand sagen. Glücklicherweise ist die Zeit des apologetischen Lobs des "Goethe du XXe siècle" oder des "orientalischen Weisen", der über das unmittelbare politische Geschehen des Tages reflektiert vorüber und die französischsprachige Jünger-Forschung weiß auch, die politischen Ambivalenzen des Autors und die problematischen Aspekte seines Werkes sachlich zu besprechen. Sie musste es auch tun, da die Gefahr drohte, dass die nationalistische Publizistik nur noch in pseudowissenschaftlichen Publikationen von Anhängern der politischen Extremrechte (wie in der belgischen Zeitschrift mit dem vielsagenden Titel "Vouloir", von einem gewissen Robert Steuckers herausgegeben) berücksichtigt geworden wäre. Über eine aufgeklärte Jüngerforschung, die die politischen Ambivalenzen des Autors deutlich bloßlegt und über die Mechanismen der sogenannten tentation de l'idéologie sachlich und im historischen Zusammenhang ausführlich berichtet, wie Gilbert Merlio in seinem Aufsatz in der Nr. 6 der hier besprochenen Zeitschrift es tut, kann man sich nur freuen.

Es ist Danièle Beltran-Vidals großer Verdienst, dass die bilinguale (Französisch/Deutsch) Zeitschrift des Centre de recherche et de documentation Ernst Jünger aus Montpellier jährlich erscheint und folglich verschiedene Funktionen erfüllen kann. Manche Aufsätze der zwei letzten Nummern der Zeitschrift bieten eine deutliche Übersicht über den letzten Stand einer spezifischen Forschungsthematik: so Stefan Breuers Fragestellung des Begriffes der "konservativen Revolution", die auf einer in anderen Publikationen des Autors fortgeführten immanenten Kritik der Thesen Armin Mohlers beruht. Wer sich also bezüglich dieser Frage einen aktualisierten Bericht wünscht, findet ihn in der Nr. 6 (2001) der "Carnets", die sich dem Thema der Brüder Jünger und der "konservativen Revolution" widmet. In ihrem einleitenden Artikel der Nr. 5 (2000), die den Diskurs über den Helden im europäischen Zusammenhang zu Anfang des 20. Jahrhunderts untersucht, fasst ebenso Beltran-Vidal Jüngers Diskurs über den Helden zusammen.

Neue Forschungsmaterialien finden aber auch in den "Carnets" ihren Platz: Tobias Wimbauer macht in der Nr. 5 einen früher unveröffentlichten Brief Jüngers an Alfred Kubin bekannt. Vor allem kommentiert Sven Olaf Berggötz in der Nr. 6 den sechsjährigen (1928-1934) Briefwechsel zwischen Jünger und dem Journalisten Ludwig Alwens, der später ein treuer Anhänger des Nationalsozialismus geblieben ist. Jüngers Brief an Alwens vom 23. November 1928 macht seine Absichten mit der Veröffentlichung der ersten Fassung des "Abenteuerlichen Herzens" deutlich, und die sind noch ganz und gar nicht unpolitisch zu bedeuten: "Mein Ziel ist nicht die künstlerische, sondern die kriegerische Mobilisation unserer Werte. Überall liegt Gold und Dynamit, das der Liberalismus ganz übersehen hat". Unerklärt bleibt jedoch, weshalb Jünger, der Anfang Juli 1929 von Rudolf Heß im Namen von Adolf Hitler eine offizielle Einladung als Ehrengast zum Parteitag der NSDAP vom 1. bis 4. August bekam und dem Briefpartner seine Teilnahme an diesem Ereignis verkündete, letztlich darauf verzichtete.

Goulnara Khaidarova gibt andererseits eine anregende aber zu knappe Übersicht über Jüngers Rezeption in Russland (Nr. 5). Trotz der Tatsache, dass aus politischen Gründen keine Übersetzungen Jüngers in diesem Land bis zum Ende der neunziger Jahre denkbar waren, soll deren Rezeption im Augenblick wenig kontrovers sein: in der Tat sei die Frage nach der Verantwortlichkeit des Denkers in Russland kein Thema, weil der Denker in dieser Kultursphäre "das Gewissen par excellence" vertrete. Im Prozess des Aufbaus des Rechtsstaats in Russland sei übrigens das Interesse an konservativen Denkern spürbar. Ob das ohne weitere Erklärungen reproduzierte, ziemlich merkwürdige Zitat des Jüngerforschers Jury Solonin "Das nationale Gefühl ist Ausgangspunkt aller Grundrechte und Ausdruck eines menschlichen Wollens" zu einem literarischen Kommentar des Werks oder im Kontext einer politischen Instrumentalisierung zu verstehen ist, hätte der Leser gerne erfahren.

In der Nr. 5 wird weiter die Gestalt des Helden komparatistisch untersucht: vom "tragischen" zum "komischen Helden" in den ersten Texten Friedrich Georg Jüngers (Danièle Beltran-Vidal), aber auch im italienischen Futurismus (Barbara Meazzi), im unheroischen Lyrismus der Triester Brüder Carlo und Gianni Stuparich (Daniela Amsallen) oder in der sehr verbreiteten spanischen Reihe "La novela corta" (1916-1925; Roselyne Mogin-Martin). Das Motiv des "unheroischen Helden" in Ludwig Tügels Roman "Pferdemusik" (1935) verdient besondere Beachtung: Louis Ferdinand Helbig untersucht dieses Beispiel eines verhaltenen, verinnerlichten und empfindsamen Heroismus, einer kritischen Heldenliteratur, die ins Phantastische und Skurrile übergeht.

Obwohl man sich ab und zu fragt, ob jedes Wort und jedes Zeugnis über Jünger der Publikation wert ist, kann man die Lektüre der "Carnets" empfehlen. Einer der Schwerpunkte der Zeitschrift seit ihrer Gründung 1996 betrifft noch die Figur des Bruders Friedrich Georg. In den zwei ersten Nummern 1996-1997 findet man bibliographische Anhänge von Nicolai Riedel, in der Nr. 3 eine "Kurze Bibliographie der selbstständigen Publikationen F.G. Jüngers" von Ulrich Fröschle. Die im Frühjahr 2003 erscheinende Nr. 7 ist dem Thema des "inneren Exils" gewidmet.

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Les Carnets No. 5 2000. Le discours sur le héros en Europe au debut de XX. siecle.
Revue du centre de recherche et de documentation Ernst Jünger, Montpellier 2000.
259 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 2951052340

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Titelbild

Les Carnets No. 6 - 2001. Les freres Jünger et la "Revolution Conservatrice" allemande.
Revue du centre de recherche et de documentation Ernst Jünger, Montpellier 2001.
225 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 2951052359
ISSN: 12726133

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