Etwas weniger zerebralminimal vor sich hin dämmern

Feridun Zaimoglus Romane "Liebesmal, scharlachrot" und "German Amok"

Von Ulrich RüdenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Rüdenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Feridun Zaimoglu eilt ein Ruf voraus: Er gilt als Sprachrohr junger "Kanakster" und zugleich als vielversprechender Romancier. Der sprachverliebte Protokollant der "Kanak Sprak" ließ Mitte der 90er Jahre Migranten der zweiten und dritten Generation zu Wort kommen. Und die sprudelten los. Durch das offene Ohr und den Dichtermund Zaimoglus geschleust bekamen sie eine eigene, hörbare Stimme. "Misstöne vom Rande der Gesellschaft" hatten plötzlich gehörigen Appeal: Als subkultureller Gegenentwurf und Refreshing-Kur für die teils blutarme Gegenwartsliteratur wurde das Programm - Zeichen für seine Popularität - bis in die Abgründe der Spaßgesellschaft zu Erkan und Stefan kolportiert.

Vor zwei Jahren legte Zaimoglu mit "Liebesmale, scharlachrot" seinen ersten Roman vor: "Du weißt, ich musste fliehen aus Kiel, weil mir die Frauen im Nacken saßen." Es steckt etwas Kokettes in diesem Satz, der auf der ersten Seite zu finden ist. Und zweifelsohne enthält er für den Leser etwas Verführerisches: Wer kann schon von sich behaupten, es mit seinem Gefühlshaushalt und vor allem dem diverser Gespielinnen so schlimm zu treiben, dass nur noch der Notausgang Landesflucht bleibt. Mit dieser Offenbarung beginnt der sommerliche Briefwechsel zwischen dem jungen Dichter und Lebemann Serdar und seinem lebensschlauen Kumpel Hakan. Der kommunikative Schlagabtausch, in Old-school-Manier auf dem Postwege geführt, hätte mit einiger Berechtigung auch folgendermaßen anfangen können: "Wie froh bin ich, dass ich weg bin!" Ein Auftaktsatz mit Ausrufezeichen und Wucht, ein Satz, der sich um das eigene Ich windet und ein Versprechen von Bewegung und bewegenden Geschichten enthält. Ja, wahrscheinlich wäre dieser Satz für den Autor Feridun Zaimoglu erste Wahl gewesen, wenn nicht bereits vor 226 Jahren der damals 24-jährige Goethe seinem Werther diesen fulminanten Startschuss, der dann vor lauter Liebeskummer zum finalen Kopfschuss mutierte, in die Feder diktiert hätte.

Serdar jedenfalls ist froh, dass er weg ist und seine beiden Nerven kostenden Liebschaften erst einmal hinter sich gelassen hat. Aber die Probleme mit der Frauenwelt enden keineswegs im vermeintlichen Urlaubsparadies Türkei, der Heimat seiner Eltern. Verwöhnt von orientalischer Küche und schweißtreibender Sonne, die das emotionale Durcheinander in der Homebase Kiel wegschmelzen soll, will es nicht mehr so recht mit einer gescheiten Erektion klappen. Was vor allem deshalb bedauerlich ist, weil er die bezaubernde Rena kennenlernt. Aus den Unzulänglichkeiten ergeben sich im Laufe der Sommermonate einige Verwicklungen und Turbulenzen, die in einem geradezu burlesken Briefwechsel festgehalten sind.

Während der in Almanya zurückgebliebene Hakan mit drastischen Metaphern von seinen finanziellen Notsituationen und den ungestümen Flirtversuchen mit einer jungen Esoterikerin aus seinem Studentenwohnheim erzählt, gleichzeitig dem Freund im fernen Ferienexil allerlei Ratschläge zur Behebung von dessen Durchblutungsschwäche zukommen lässt, laboriert Serdar nicht nur am Liebesleid, sondern auch noch an Gedichten. Die schickt er seinem Kumpel Hakan mit doch eher liebevoll gemeinten Lektüreratschlägen: "Den Code zum Aufknacken des Sinninhalts liefere ich dir bei Gelegenheit, in der Zwischenzeit mögest du, schlummernde Schlampe, etwas weniger zerebralminimal vor dich hin dämmern und mit einem kleinen Denkerchen hier und dort Vorarbeit leisten."

Man merkt: Das Buch steht in direkter Nachfolge des empfindsamen Briefromans im 18. Jahrhundert. Auch Zaimoglu geht es um Gefühlserkundungen und Herzensbildung, eben um einen "sittlichen und literarischen Verkehr", wie weiland Goethe es ausdrückte. Es geht ihm um die Art und Weise, wie die Gefühle in Worte übersetzt werden können. Das eigentliche Thema des Romans - womit nicht zuletzt alle anderen Fragen um Liebe, Identität und Heimat berührt wären - ist nämlich das libidinöse Verhältnis der Figuren zur Sprache. In Zaimoglus Poesie treffen sich Goethe und die Popkultur - und verstehen sich prächtig. Nicht so sehr die fast überkonstruierte Handlung macht den Reiz von "Liebesmale, scharlachrot" aus als vielmehr die poetische Kraft, die in den Sätzen Zaimoglus zu Hause ist.

So schmettern sich die Protagonisten ihre Zeilen Ping-Pong-mäßig hin und her, die beiden ungleichen Freunde übertreffen sich im Fabulieren und Formulieren farbenprächtigster Anreden ("Mein lieber Eckenpenner"), rap-artig dargebotener Bilder für die jeweiligen sentimental moods oder waghalsiger Alltags-Episoden. Das driftet manchmal ins Slapstickhafte, etwa wenn sich Hakan mit seinen Freunden aus der Halbwelt Kiels vor lauter Hunger im Park auf Schwäne-Jagd begibt.

Der studierte "Intel-Ali" mit Street-Credibility und der stolze "Kanaksta-Kümmel" mit Proll-Attitude - das sind fast prototypische Helden der zweiten türkischen Einwanderergeneration. Genauso wenig wie Zaimoglu der konventionellen "Gastarbeiterliteratur" etwas abgewinnen kann, lassen sich diese Figuren in die Rolle des schmiegsamen "Assimil-Kümmel" fürs Multikulti-Deutschland drängen. Und hier sind wir bei einem anderen Thema des 36-jährigen Kieler Autors und Malers: Er beschreibt den Alltag dieser in Deutschland aufgewachsenen Einwandererkinder ohne pädagogischen Zeigefinger. Zaimoglu war zum "Malcolm X der Türken" avanciert, als er mit seinem Buch "Kanak Sprak" und später in dem verfilmten "Abschaum" und in "Koppstoff" den prallen, bildersprühenden Slang der Migrantensöhne und -töchter in die Literatur trug. Die ersten Bücher hatten dokumentarischen Charakter, gingen hervor aus Interviews mit Kanaksters (eine Zusammensetzung von Kanake und Youngster). Immer wieder macht Zaimoglu darin das Soziale gegen eine denunziatorische Ethnifizierung stark. Kanakster sein beschreibt er als eine Haltung, die am Rand der Gesellschaft entsteht. Und dort kann sich jeder wiederfinden. Jeder kann zum Kanakster werden.

Noch in Zaimoglus gedrechselsten und schönsten Sätzen klingt es nach Aufruhr. Das Bauprinzip von "Liebesmale, scharlachrot" funktioniert ähnlich. Auch hier sind es wieder kurze Monologe, denen diesmal allerdings keine Interviews zugrunde liegen, sondern eine zuweilen hübsch hanebüchen erzählte Liebesgeschichte - ein Sammelsurium an sprachspielerischen Einfällen und absurder Situationskomik. Und trotz aller Heiterkeit fehlt nicht der kämpferische Ton. Feridun Zaimoglu sei der einzige politische Autor der neuen deutschen Literatur, hat Jamal Tuschick vor einiger Zeit geschrieben. Nun, er ist vielleicht nicht der einzige, mit seinem Programm der Identitätszerschmetterung und Sprachlust aber einer der radikalsten.

Rauer und derber geht es nun in Zaimoglus neuem Roman zu: "German Amok" ist Zaimoglus ungewöhnlichstes und auch gewagtestes Buch, weil es sich bewusst von den kreolischen Sprachexperimenten seiner ersten Veröffentlichungen entfernt und auf Provokationen anderer Art setzt. Schauplatz ist eine dekadente bundesdeutsche Kunstschickeria, die der nebenberufliche Maler Zaimoglu wohl aus eigener Anschauung kennt. Er zeichnet diesmal ziemlich grob und grell: Der Ich-Erzähler ist ein junger Künstler, der mit Abscheu an den Ritualen der Kunstszene teilnimmt, sich als hasserfüllter Beobachter geriert, aber gehörig unter seiner Involviertheit in den Betrieb leidet. Mit einem Star der Szene, die sich selbst den Künstlernamen "die Kunstfotze" verliehen hat, tauscht er bei allen möglichen Gelegenheiten Körperflüssigkeiten aus. Zwar lästert er über die Performances der Künstlerin, dennoch ist er korrumpiert von ihrem Einfluss. Kunst funktioniert hier wie Sexualität: als Ware. Und als Mittel zum Erhalt und zum Erreichen von Machtpositionen. Exemplarisch durchgespielt werden diese Machtkämpfe im Roman an einer Theatergruppe, die auf ihre Art Teil hat am Aufbau Ost: Ein paar Durchgeknallte mit Willen zur Selbstverwirklichung möchten in einem Buto-Tanz-Seminar ihrem Körper und der Kunst auf die Schliche kommen. Ein Sozialexperiment erster Güte: Die künstlerischen Leiter zerfleischen sich, die Seminar-Teilnehmer proben müde den Aufstand, und das vom Ich-Erzähler wortreich geschmähte Ost-Volk bildet das zur experimentellen Performance zu bekehrende Publikum.

Warum unser Held als Bühnenbildner bei diesem ganzen Theater mit von der Partie ist, obwohl er die Veranstaltung verachtet? Weil er zynisch ist und das Geld braucht. Sein Zynismus allerdings weicht in manchen Passagen des Buches gehörig auf. Eine junge Frau weckt den Beschützerinstinkt im verkannten Maler. Die katzengleich streunende, zerbrechlich wirkende und recht autistische "Mongo-Maniac", so nennt er seine Nachbarin Clarissa, nistet sich in der Wohnung des Künstlers ein und folgt ihm sogar ostwärts in das Buto-Camp. Wenn er mit ihr zusammen ist, fällt sein ganzer, hoch gezüchteter Hass von ihm ab. Aber wie es mit solchen unmöglichen Beziehungen nun mal ist: Meistens enden sie tragisch. Und am Ende ist der Maler tatsächlich am "ENDE".

Zaimoglus neues Werk reicht aber nicht an seinen letzten Roman heran: Es fehlt ihm nicht nur eine über 200 Seiten hinweg tragende Geschichte - zu viel Zusammengewerkeltes und zu viel Leerlauf verbergen sich hinter den stark tönenden, obszönen, provokativen Szenen. Auch den ironischen Gestus, der "Liebesmale, scharlachrot" auszeichnete, weiß Zaimoglu diesmal eher zu verstecken. Das ist schade. Zugleich liegt es aber in der Konsequenz dieses Buches, dessen Autor mit wütenden Pinselstrichen eine erstarrte Kunstschickeria-Szene durchstreichen will.

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Feridun Zaimoglu: Liebesmale, scharlachrot. Roman.
Rotbuch Verlag, Hamburg 2000.
280 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3434530258

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Titelbild

Feridun Zaimoglu: German Amok. Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002.
240 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3462031287

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