Nondum satis est

Anmerkungen zu den neuen Celan-Ausgaben

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die hervorragende Bedeutung von Paul Celans Texten für die deutschsprachige und europäische Literatur des 20. Jahrhunderts ist heute unumstritten. Mehrere anspruchsvolle Ausgaben versuchen, das Gesamtwerk Celans in seinen genetischen Strukturen zugänglich zu machen, wobei die von Axel Gellhaus vorbildlich betreute Bonner Ausgabe die umfassende, maßgebliche Ausgabe der Werke Celans ist. In genauer Beschreibung der Überlieferungsträger und in der genetischen Darstellung der einzelnen Textschichten dokumentiert sie vollständig die Entstehung der Texte. Grundlage hierfür sind die vom Autor selbst den Gedichten zugeordneten Textzeugen, die von Celan seit den frühen fünfziger Jahren akribisch in Mappen gesammelt wurden. Nach den bereits erschienenen Editionen von "Atemwende" (1990), "Fadensonnen" (1991), "Schneepart" (1994) und "Lichtzwang" (1997) wurden zuletzt in gewohnt hoher Qualität die Editionen von "Die Niemandsrose" (2001), "Sprachgitter" (2002) und des Doppelbandes "Der Sand aus den Urnen/Mohn und Gedächtnis" (2003) realisiert. In jedem Fall darf bemerkt werden, dass sich der mitunter spröde Duktus der Ausgabe wohltuend von der in letzter Zeit verstärkt zu beobachtenden Tendenz abhebt, in Biographien oder Forschungsarbeiten die 'richtige', einzig mögliche Deutung der Texte Celans zu statuieren. Eine solide literaturwissenschaftliche Arbeit an den Gedichten des fraglos bedeutendsten Lyrikers deutscher Sprache nach 1945 bedarf zunächst einer grundlegenden Demystifizierung der Person Celans. Dies zu leisten, ist nicht das geringste Verdienst, das der historisch-kritische Edition von Paul Celans Werk zugestanden werden kann.

Genauso unverzichtbar ist das zweite editorische Großprojekt: die Tübinger Celan-Ausgabe, eine kritisch edierte Leseausgabe, die die jeweiligen Gedichtbände und die Büchner-Preisrede, den "Meridian", im Zusammenhang ihrer Entstehung präsentiert. Im Gegensatz zum Vollständigkeitsprinzip der historisch-kritischen Ausgabe nimmt die von Jürgen Wertheimer nicht minder gut betreute Ausgabe ausgewählte wesentliche Vorstufen der einzelnen Gedichte auf und versieht sie mit kommentierenden Hinweisen, die die Lektüre der Texte Celans erheblich erleichtert. Die jeweiligen Vorstufen werden diplomatisch, d. h. in einer graphischen Form wiedergegeben, die Celans Schreibprozess veranschaulicht. Im Nebeneinander der unterschiedlichen Textzeugen und der Endfassung des Gedichts auf je einer Doppelseite bietet diese Querlektüre die Möglichkeit zu erkennen, wie Celan den Text konzipiert, wie er ihn meist nachträglich durch Leerzeilen, Zeilenumbrüchen und Zäsuren gegliedert hat. Ergänzungen, Streichungen, Ersetzungen und Umstellungen werden somit im direkten Vergleich evident. Dadurch gewinnt der Schreibprozess in toto deutlichere Konturen. Bedenkt man, mit welcher Sorgfalt Celan an der äußeren Textgestalt gearbeitet hat, ist es nachvollziehbar, dass beide Ausgaben gerade hier ihren Akzent setzen. Bisher erschienen sind Editionen von "Sprachgitter" (1996), "Die Niemandsrose" (1996), "Der Meridian" (1999), "Atemwende" (2000), "Fadensonnen" (2000) und "Lichtzwang" (2001). Im letzten Jahr wurden als bisher letzte Bände die Editionen von "Schneepart" (2002) sowie "Von Schwelle zu Schwelle" (2002) publiziert.

Erstmals wurde zum 80. Geburtstag im November 2000 die nach wie vor unentbehrliche Werkausgabe von 1983, die wie alle anderen erwähnten Editionen im Suhrkamp Verlag erschien, mit den Editionen des Frühwerks und den Gedichten aus dem Nachlass zu einer umfassenden Leseausgabe verbunden. Seit wenigen Wochen schließlich gibt es mit der von Barbara Wiedemann herausgegebenen ersten kommentierten Gesamtausgabe der Gedichte in einem Band eine weitere Meisterleistung der Celan-Philologie zu bestaunen. Der vorliegende Band versucht das komplette lyrische Werk Paul Celans in zweifacher Hinsicht neu zu präsentieren: einerseits durch eine partiell veränderte Anordnung der kritisch durchgesehenen Texte, andererseits - und hierin liegt die eigentliche Stärke der Edition - durch den jedem Gedicht beigegebenen Kommentar. Barbara Wiedemann trägt Celans bewusster Entscheidung, welche Gedichte er in welcher Form und in welchem Kontext publizieren und welche er nicht gedruckt sehen wollte, dadurch Rechnung, dass sie den Band in zwei Hauptabteilungen aufteilt: eine erste für die zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte, eine zweite für die Publikationen aus dem Nachlass. Dieser Neuansatz hat eine Umgruppierung der bisher in den Bänden 2 und 3 der "Gesammelten Werke" abgedruckten Zyklen und Einzeltexte zur Folge: "Der Sand aus den Urnen", "Eingedunkelt" und sämtliche in Zeitschriften oder Einzeldrucken von Celan selbst veröffentlichten Gedichte, die bisher Band 3 zugeordnet wurden, erscheinen in der ersten Abteilung, werden dort chronologisch eingeordnet. "Schneepart", bislang in Band 2 publiziert, wird nun zusammen mit einem Einzelgedicht und "Zeitgehöft" aus Band 3 sowie den Editionen "Das Frühwerk" und "Die Gedichte aus dem Nachlaß" in die zweite Abteilung aufgenommen. Im ersten Moment gewöhnungsbedürftig ist eine weitere Neuerung, werden Celans Gedichte doch erstmalig fortlaufend gedruckt, was möglicherweise den nachteiligen Eindruck erzeugt, die Gedichte verlören an Autonomie, zumal jedem Gedicht die in den Erstausgaben reservierte Einzelseite abhanden gekommen ist. Vergegenwärtigt man sich allerdings die von Celan bewusst angestrebte Dialogizität der Texte, so sollte man vielmehr von einem nachträglichen Gewinn sprechen, da dieser Poetik des Gesprächs durch den nun enger rückenden 'Text-Nachbarn' besser Rechnung getragen wird.

Weitere grundsätzliche Schwierigkeiten stellen sich ein, wenn man sich der Frage zuwendet, auf welche Weise Celans Texte adäquat zu kommentieren sind. Fraglos handelt es sich bei diesen Gedichten um schwierige Texte, die ohne Erläuterungen nicht auszukommen scheinen. Auf der anderen Seite hat Celan selbst mehrfach darauf hingewiesen, dass er sie nicht für hermetisch oder - um einen neutraleren Terminus zu verwenden - für unverständlich, sondern einem politisch wachen und intellektuell regen Leser für zugänglich hält, der bereit ist, sich mit dem Entstehungskontext der Gedichte und dem persönlichen Schicksal dessen, der sie geschrieben hat, auseinanderzusetzen. Noch in seinem letzten Brief an den Suhrkamp-Verlag beharrte Celan darauf, dass seine Gedichte nicht dunkel seien: "Für ihn seien diese Gedichte frei, offen und endlos", wie der Verlag auf dem Schutzumschlag von "Schneepart" mitteilt. Obwohl Celan vor allem in der Büchnerpreis-Rede seine Hörer sowohl auf die Daten, deren sein Gedicht eingedenk bleibt, als auch auf seine Position des Akut, der Jetzt-Zeit, hinweist, erlaubt seine Textorganisation keine eindimensionale Lektüre, da er häufig, wie die historisch-kritische Ausgabe eindrücklich zeigt, persönliche und politische Bezüge und nicht selten (zumindest seit dem Band "Sprachgitter") auch die konkreten Daten der Entstehung vor der Endfassung getilgt hat.

Dieser Probleme ist sich die ausgewiesene Celan-Expertin Barbara Wiedemann natürlich bewusst. Daher strebt sie mit ihrer Kommentierung auch keine Vollständigkeit an, sondern versteht sie als "ersten Versuch, der zu weiteren Arbeiten auf diesem Gebiet anregen möge". Plausibel und Erfolg versprechend ist ihr Ansatz, bei der Kommentierung auf eine Aussage Celans zu rekurrieren, der dem um Erklärung bittenden Israel Chalfen riet, immerzu zu lesen, dann erst komme das Verständnis ganz von selbst. Daraus zieht die Herausgeberin die Konsequenz, für den Textkommentar auf die nachgelassene Bibliothek Celans, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach zugänglich ist, zurückzugreifen und die umfangreichen Lesespuren als Teil von Celans Texten zu verstehen. Wie bereits andere Forschungsarbeiten der letzten Jahre gezeigt haben, geht der Reflex von Celans Lektüren in seinen Gedichten in einem literarischen Gespräch im engeren Sinne nicht auf. Stattdessen haben sich in die Gedichte intertextuelle Spuren der so genannten Fachliteratur eingeschrieben - von der Anatomie bis zur Frühgeschichte, von der Geologie bis zur Flugtechnik. Ergänzt werden diese Lese-Früchte in Wiedemanns Kommentar durch die im Nachlass nur wenig dokumentierte Tages- und Wochenpresse, deren "Wirkung auf das Werk besonders der letzten Jahre eine beeindruckende Dimension hat", wie die Herausgeberin unterstreicht. Dabei interessiert sich Celan nicht nur "für Worthülsen, die er mit neuen, eigenen Bedeutungen füllen möchte", vielmehr "nimmt er den Begriff mit seiner im Herkunfts-Kontext deutlich werdenden Bedeutung, ja, oft mit dem Kontext selbst, wie ein Zitat in das Gedicht hinein".

Barbara Wiedemann tut gut daran, in ihrem 'Waschzettel' zur Benutzung des Kommentars ausdrücklich davor zu warnen, ein Gedicht mit der Kenntnis bestimmter Hintergründe, Wortbedeutungen oder Quellen im hermeneutischen Sinn als verstanden zu betrachten. Jede weiter gehende, individuelle Lesart kann und will der Kommentar daher nicht unterdrücken. Mit der Bereitstellung von Materialien, die zum Teil schwer bis gar nicht zugänglich sind, zum Teil an entlegenen Orten publiziert wurden, die aber auch die erreichbaren Äußerungen Celans selbst zu den einzelnen Gedichten einschließt, gibt der Kommentar eine gute und verlässliche Grundlage "für ein immer neues und fruchtbares Lesen". Wiedemanns Edition bietet in dieser Hinsicht deutlich mehr als die vorbildliche und ganz ohne Zweifel unverzichtbare historisch-kritische Ausgabe der Texte Celans, da die angekündigten "Materialienbände" zur Entstehung der einzelnen Gedichte vermutlich noch einige Zeit auf sich warten lassen. Auch die am Fuß jeder Seite gedruckten Anmerkungen in der Tübinger Ausgabe, die Eigenheiten der Textzeugen, Besonderheiten in der Textdarstellung, aber auch Nachweise und Übersetzungen von Zitaten, Hinweise auf Vorabdrucke einzelner Gedichte und gelegentlich Worterklärungen verzeichnen, dienen zwar als Lektürehilfen, sind aber weder im Sinne einer Dechiffrierung der Vielfalt von Bezügen zu verstehen, die sich in Celans Gedichten auftun, noch streben sie Vollständigkeit an. Nicht zuletzt deshalb darf die kommentierte Gesamtausgabe der Gedichte Celans bereits jetzt als unentbehrliches Hilfsmittel für alle weiteren Studien zu den Texten des Lyrikers gelten.

Wiedemanns Kommentar ist viergeteilt: Nach einer kurzen Einführung zu jedem Gedichtband, zu den Einzelgedichten, die in der von Celan in den jeweiligen Inhaltsangaben verwendeten Form des Titels erscheinen, werden, sofern sie überhaupt bekannt sind, zunächst Ort und Datum ihrer Entstehung verzeichnet. Zu den Daten ergänzt werden - zweitens - alle erreichbaren, die Entstehungsumstände betreffenden Informationen: Hinweise auf gleichzeitig entstandene Gedichte und Übertragungen, auf aktuelle Lektüren und gegebenenfalls auf die persönliche und politische Situation, darüber hinaus Selbstäußerungen Celans sowie einzelne bislang nicht bekannte Fragmente und Vorstufen. Drittens finden sich Angaben zur 'öffentlichen Gestalt' des Gedichts: für alle Gedichte die Dokumentation und Begründung von etwaig erfolgten Eingriffen in den Text der Erstausgabe und Hinweise auf separate Erstdrucke und Varianten aller Vorabdrucke; im Fall der Editionen des Frühwerks und der Nachlass-Gedichte die Textgrundlage für den Druck. Viertens beschließt ein Sach- und Wortkommentar diesen Komplex. Kommentiert werden in bestimmten Fällen Widmung und Motto, im Gedicht-Text die Namen und die als solche erkennbaren Zitate. Darüber hinaus finden sich Hinweise auf relevante Lektürespuren in Celans Bibliothek, Lesenotizen und die aktuelle Presselektüre. Ausgangspunkt dieser akribischen und wichtigen Arbeit ist der von der Bonner Arbeitsstelle für die Celan-Ausgabe kurz nach Celans Tod erstellte ungedruckte Katalog, der noch manche weitere Kostbarkeiten enthalten dürfte.

Trotz oder gerade wegen der hier gesungenen Lobeshymnen bliebe nur noch zu wünschen - der Verfasser dieser Zeilen ist sich der Tragweite des gemachten Vorschlags wohl bewusst -, dass der Suhrkamp-Verlag die beiden hier skizzierten, durchaus unterschiedlichen Ansätze - eine (möglicherweise noch ausführlichere) Kommentierung der Gedichte auf der soliden Basis der hervorragenden historisch-kritischen Editionen - zu einem neuen Großprojekt verbände. Wie das funktionieren könnte, belegen die Bände des Deutschen Klassiker Verlags, einem Tochterunternehmen des Hauses Insel. Dann ließe sich vielleicht einmal eine Besprechung mit den Worten abschließen: satis est. Bis dahin jedoch gibt es glücklicherweise noch viele interessante Editions-Aufgaben und Deutungs-Arbeiten auf der Großbaustelle der Celan-Philologie.

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Paul Celan: Die Niemandsrose. Historisch-kritische Ausgabe. Band 6. 1. Teil: Text. 2. Teil: Apparat.
Herausgegeben von Axel Gellhaus unter Mitarbeit von Holger Gehle und Andreas Lohr in Verbindung mit Rolf Bücher.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
416 Seiten, 82,00 EUR.
ISBN-10: 3518412337

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Paul Celan: Schneepart. Vorstufen, Textgenese, Reinschrift. Tübinger Ausgabe.
Herausgegeben von Jürgen Wertheimer, bearbeitet von Heino Schmull unter Mitarbeit von Markus Heilmann.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
188 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3518413163

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Paul Celan: Sprachgitter. Historisch-Kritische Ausgabe. 1. Teil: Text. 2. Teil: Apparat.
Herausgegeben von Holger Gehle unter Mitarbeit von Andreas Lohr in Verbindung mit Rolf Bücher.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
412 Seiten, 85,00 EUR.
ISBN-10: 3518413295

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Paul Celan: Von Schwelle zu Schwelle. Vorstufen, Textgenese, Reinschrift. Tübinger Ausgabe.
Herausgegeben von Jürgen Wertheimer. Bearbeitet von Heino Schmull unter Mitarbeit von Christiane Braun und Markus Heilmann.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
141 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3518413716

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Paul Celan: Der Sand aus den Urnen, Mohn und Gedächtnis. Historisch-Kritische Ausgabe. 2. -3. Band. 1. Teil: Text. 2. Teil: Apparat.
Herausgegeben von Axel Gellhaus unter Mitarbeit von Holger Gehle und Andreas Lohr in Verbindung mit Rolf Bücher.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
600 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-10: 3518414410

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Paul Celan: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band.
Herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
1000 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3518413902

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