Provokation par Excellenze

Kristina Schulz zur Geschichte Frauenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland von 1968 bis 1976

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"We are obscene lawless hideous dangerous violent and young [...]. Everything they say we are we are. And we are very proud of ourselves", röhrte Grace Slick von "Jefferson Airplane" 1969 ins Mikro. Die Feministinnen des bundesdeutschen "Weiberrates" waren der amerikanischen Hippieband - zumindest zeitlich - um einiges voraus, wie der Schluss eines bereits im November 1968 verteilten Flugblatt zeigt: "Kotzen wir's raus: wir sind penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zukurzgekommen, irrational, penisneidisch, lustfeindlich, hart, viril, spitzig, zickig, wir kompensieren, wir überkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch." Das waren so die Vorwürfe, mit denen die Herren Revolutionäre den aufmüpfigen Genossinnen begegneten und die alle nur eines bedeuteten: "kusch!"

Vor kaum mehr als einem Jahr erschien Ute Kätzels Portrait dieser, wie es im Untertitel heißt, "rebellischen Frauengeneration", in dem sie vierzehn 68erinnen Gelegenheit gibt, sich zu erinnern. (Vgl. die Rezension "Revoltierende Frauen und patriarchale Kommunarden" in literaturkritik.de 6/2002).

Nun hat die Historikerin Kristina Schulz eine vergleichende Untersuchung der Frauenbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich für den Zeitraum von 1968 bis 1976 vorgelegt, die weit mehr leistet, als die subjektiven Erinnerungen der einstmaligen Rebellinnen zu ergänzen. Ziel der Arbeit ist es, die Frauenbewegungen der beiden Länder als soziale Bewegungen zu analysieren und die "länderspezifischen" und "länderübergreifenden" Bedingungen ihrer Entwicklung zu erhellen. Als Quellenmaterial zieht sie - neben einer "Fülle von 'grauen Materialien'" - Publikationsorgane der Bewegungen, Tages- und Wochenpresse sowie Gesetzestexte und Verordnungen heran. Zudem wertet sie eine Reihe von Interviews mit ehemaligen Akteurinnen aus.

Zunächst rekonstruiert Schulz die Chronologie der Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegungen bis 1976. Zwei "initiale Momente" haben die bundesdeutsche Frauenbewegung ins Leben gerufen: zum einen die Ereignisse auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS vom 13. September 1968 und zum anderen die Selbstbezichtigungsaktion von über 300 Frauen, die - nach dem Vorbild einer ähnlichen Aktion wenige Wochen zuvor in der französischen Zeitung "Le Nouvel Observateur" - 1971 im "Stern" bekannten, abgetrieben zu haben. Angesichts der drohenden strafrechtlichen Folgen eine mutige Aktion und, wie die Autorin zu recht betont, eine "Provokation par Excellenze". Fortan war der Kampf gegen den § 218 das Thema der westdeutschen Frauenbewegung. Erst nach der Verabschiedung des geänderten § 218 im Jahre 1976 zersplitterte sich die bis dahin an diesem einen Thema orientierte Frauenbewegung in einander widerstreitende "Gruppen", "Strömungen" und "Tendenzen".

Berichtet Schulz die Chronologie der Ereignisse weitgehend im distanzierten Wissenschaftsjargon einer Historikerin, so verfällt sie bei der Beschreibung der berühmt gewordenen Tomatenwürfe auf der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in einen im atemlosen Präsens gehaltenen Reportagestil, den man von Boulevard- und Politmagazinen wie "Brisant" und "Monitor" kennt, den man aber kaum in einer wissenschaftlichen Arbeit erwarten würde. "Die hochschwangere Sigrid Rüger [...] lehnt sich etwas schwerfällig zurück und atmet tief durch, um die Aufregung, die ihren Körper beben lässt, zu überwinden", weiß die Autorin da etwa aus dem Innersten der Tomatenwerferin kurz vor der entscheidenden Tat zu berichten. Dem Wert der detailreichen Untersuchung des Strukturwandels von Aktionen und Organisationen während der ersten Hälfte der 70er Jahre tut solch ein Missgriff allerdings keinen Abbruch.

In einem zweiten, systematischen Teil wartet die Autorin mit einer neuen begrifflichen Gegenüberstellung auf. Sie unterteilt die Feminismuskonzeptionen der 70er Jahre in "sozialen" und "kulturellen Feminismus". Zu ersterem rechnet die Autorin auf französischer Seite etwa das Periodikum "Questions féminines" und die Feministinnen Christine Delphy, Monique Wittig, Colette Guillaumine, auf deutscher Seite "Emma" und Alice Schwarzer; zum kulturellen Feminismus zählt sie in Frankreich "Psy et Po", "Le Quoditien des Femmes", Antoinette Fouque, die "écriture féminine" mit Hélène Cixous, Julia Kristeva und Luce Irigaray, und in Deutschland die Periodika "Courage", "Die Schwarze Botin", das "Journal Frauenoffensive". Die Adjektive "kulturell" und "sozial" bezieht Schulz auf die Ansatzpunkte, die nach den Vorstellungen der Feministinnen eine gesellschaftliche Transformation ermöglichen sollten. Begann für den kulturellen Feminismus die Veränderung "in den Köpfen", so suchte der soziale Feminismus die "Befreiung der Frau" primär über "soziale Gleichstellung mit dem Mann" zu erreichen. Entsprechend sah ersterer in der Literatur und der Sprache die "zentralen Elemente" der für ihn nicht nur gesellschaftlichen Transformation, während der soziale Feminismus vor allem die "materielle Ebene patriarchaler Unterdrückung" bekämpfte.

Mit ihrem neuen und - wie sich zeigt - tragfähigen Begriffspaar will Schulz die übliche Unterscheidung zwischen Gleichheits- und Differenzansatz nicht auf den Müllhaufen der Begriffsgeschichte werfen, denn sie sei zwar nicht "unzutreffend", wohl aber sei sie "unzureichend". Dann nämlich, wenn man "die Konsequenzen akzentuieren [will], die der jeweilige Zugriff für das Agieren der neuen Frauenbewegungen hatte". Zwar scheint diese Kritik nicht ganz berechtigt, da sich auch aus dem Differenz- und dem Gleichheitsansatz bestimmte politische Praktiken schlüssig ableiten lassen. Dennoch erweist sich Schulzens neues Begriffspaar nicht nur als sinnvoll, sondern auch der alten Unterscheidung gegenüber in gewisser Hinsicht überlegen. Denn die Begriffe "Differenz" und "Gleichheit" sind zwar enger und darum genauer als die des "kulturellen" und des "sozialen", doch drohen sie die vielschichtigen feministischen Ansätze auf die Frage nach deren Haltung eben zur Differenz und Gleichheit der Geschlechter zu verkürzen, die zwar zentral ist, aber doch nicht alles.

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Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich 1968-1976.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
273 Seiten, 35,90 EUR.
ISBN-10: 3593371103

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