Ein Januskopf der Moderne

Zum 70. Todestag des jüdischen Intellektuellen Theodor Lessing

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sigmund Freud erinnerte sich in einem Brief an Kurt Hiller vom 9. Februar 1936 an ein merkwürdiges Ereignis "vor vielen Jahren, lange vor dem Krieg". "Es war die Zeit", so Freud, "als mir jeder Tag oder wenigstens jede Woche eine Schmähschrift gegen meine Psychoanalyse ins Haus brachte. So kam auch einmal ein Zeitungsaufsatz, in dem sie in häßlicher Weise als Ausgeburt des jüdischen Geistes verhöhnt wurde. Als Autor zeichnete ein mir damals unbekannter Theodor Lessing. In meiner Unschuld nahm ich an, es müßte jemand aus der Familie unseres großen Dichters sein, und darum schrieb ich, der sonst nie auf solche Angriffe reagierte, ihm einen Brief, der an das Andenken des verehrten Ahnherrn mahnte. Zu meiner Überraschung teilte er mir in seiner Antwort mit, daß er selbst Jude sei, und berief sich auf die altbiblischen Namen seiner Töchter. [...] Ich wendete mich angewidert von dem Manne ab."

Freud sinnierte über dieses ihn überraschende Phänomen, dass ein Jude das Werk eines anderen Juden als jüdisch beschimpfte, und er fragte seinen Briefpartner, ob dieser nicht auch meine, "daß der Selbsthaß wie bei Th. L. ein exquisit jüdisches Phänomen" sei. Nicht nur Lessings Haltung zum Judentum erzeugte kein Wohlgefallen. Auch seine literarischen Bemühungen stießen bei seinen Zeitgenossen auf Ablehnung. Thomas Mann nannte Lessing einen "ewig namenlose[n] Schlucker, dem die Trauben der Dichtung zu hoch hängen". Selbst auf Seiten der philosophischen Zunft begegnete man Lessing mit kühler Distanz. Edmund Husserl stöhnte auf: "Ich kenne die Persönlichkeit Theodor Lessings in ihrer literarischen und charakterologischen Art genau - leider nur zu genau. Lessing ist ein philosophischer Literat von ungewöhnlicher Niedrigkeit." Nach Barbara Beßlich erregte Lessing Unmut, "weil er sich als Jude, Schriftsteller und Philosoph offenkundig nicht so verhielt, wie man es von ihm erwartete. Als Jude judentumskritisch, als Dichter unzeitgemäß und als Philosoph wissenschaftsfeindlich, blieb er in dreifacher Hinsicht ein Außenseiter." Der Lyriker Günter Kunert beschrieb Lessings Unangepasstheit als ein Fehlen dessen, "was [...] Objektivität genannt wird. Sein inneres Beteiligtsein führte ihm die Feder. Das war kein Hirn ohne Herz, [sondern] Zorn, Wut und Hohn, Ironie und Haß, Zuneigung und Liebe, [...] mit einem Wort: Leidenschaftlichkeit unterströmt alle seine Texte. Der Mann war nicht lau, er war kompromißlos bis zur Selbstbeschädigung."

Fraglos gehört Theodor Lessing zu den wenigen geistigen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts von universalem Gepräge. Neben seinem Selbstverständnis als Dichter und Philosoph war er Mediziner, Psychologe und Charakterologe, Wanderlehrer, Hochschullehrer, Vortragsredner, Journalist, Kritiker, Begründer der ersten Arbeiterunterrichtskurse in Dresden (1904) und Mitbegründer der Volkshochschule Hannover (1919). Als einer der ersten Intellektuellen erkannte Lessing schon 1923 die Gefahren, die von Hitler und der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland ausgingen. In der Nacht vom 30. auf den 31. August 1933 - exakt sieben Monate nach Hitlers Machtergreifung - wurde Lessing in Marienbad hinterrücks ermordet. Die nationalsozialistische Führung hatte zuvor eine Prämie von 80.000 Reichsmark auf seinen Kopf ausgesetzt, und deren willfährige Vollstrecker folgten ihm bis in sein tschechisches Exil, um ihn dort knapp fünf Monate nach seiner Flucht aus Deutschland zu liquidieren. Lessing führt damit als einer der ersten die Liste jener "Volksverräter" an, die von den Nationalsozialisten skrupellos ausgemerzt wurden.

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieses verhängnisvollen Schicksals ist sowohl der Denker als auch das Opfer Theodor Lessing seither weitestgehend in Vergessenheit geraten. Erst durch die Wiederauflage einiger seiner Schriften seit Anfang der achtziger Jahre ist Lessing erneut ins Bewusstsein sowohl der Historiker als auch der Philosophen geraten. Seit 1995 bemüht sich der Bremer Donat-Verlag mit Unterstützung der in Hannover ansässigen Theodor-Lessing-Stiftung um eine sechsbändige Gesamtausgabe der Schriften Lessings, von denen bisher drei Bände erschienen sind - ein Unternehmen, das gar nicht hoch genug gewürdigt werden kann. In einem der den dritten Band einleitenden Essays spricht Hanjo Kesting von Theodor Lessing als dem "Denker der Not": "Mit kritischer Rücksichtslosigkeit, die ihn von den meisten jüdischen Intellektuellen seiner Zeit unterscheidet, analysierte Lessing sich selbst und seine Herkunftswelt. Und mit einer Schonungslosigkeit, die zuweilen den trügerischen Eindruck erwecken kann, man habe es bei ihm mit einem 'jüdischen Antisemiten' zu tun, geißelte er jenes emanzipierte Kulturjudentum, dessen assimilationsversessene 'Humanität' ihm ebenso fragwürdig erschien wie der Kult der jüdischen Orthodoxie. Seinen tiefsten Bedürfnissen und Impulsen nach feingeistig, verletzlich, romantisch-sehnsüchtig und zartfühlend [...] war Lessing doch zugleich streitbar, kämpferisch, zuweilen polemisch bis zum Zänkischen, dabei sensibel für Not und Benachteiligung jeder Art und unbestechlich durch Gruppeninteressen. Einer bestimmten geistigen Richtung, einer intellektuellen Schule oder gar Tendenz kann man ihn nicht zurechnen."

Trotz dieser durchaus gleich lautenden Wertungen Lessings als "Außenseiter" (Hans Mayer), "stets Unzeitgemäßer" (Elke-Vera Kotowski) oder "Unbekannter der verfluchten Kultur" (Hanjo Kesting) differieren die Angaben zu seiner Person in den gängigen Nachschlagewerken und ebenso die Einschätzung seines Wirkens bis heute noch immer recht stark. Lessing war "kein systematischer Denker", wie Julius H. Schoeps mit einigem Recht feststellt, was eine dem philosophischen und publizistischen Werk gerecht werdende Annäherung natürlich erschwert. Schoeps sah in Lessing aus "Gründen der Nichtanerkennung" einen "Oppositionellen aus Prinzip" und vertritt die Ansicht, dass Lessings "Feindschaft" gegen den "Geist" nur gegen die natur- und lebenszerstörende Technisierung gerichtet sei. Für Hans Mayer gehört Lessing zur "Phalanx der Gegenaufklärung". Sein Biograph Rainer Marwedel kommt hingegen zu der Überzeugung, Lessing habe diese anti-aufklärerische Haltung überwunden und sei zu einer positiven Bewertung des "Geistes" gekommen, Walter Grab nennt Lessing einen "pazifistischen Gesellschaftskritiker" und Elisabeth Lenk schließlich erkennt in ihm gar die Gestalt eines "Unheilspropheten", wie sie etwa Max Weber in seiner Studie über das antike Judentum beschrieb: "Man täte Theodor Lessing Unrecht, wenn man ihn einfach als Opfer, Opfer der deutschen Borniertheit, des Antisemitismus und Antiintellektualismus hinstellen wollte. Er hatte die unheilvolle Gabe, Widersprüche, die erst später ins Bewußtsein treten sollten, um sich herum zu entfesseln."

Wer also war Theodor Lessing und - was vielleicht noch wichtiger sein mag - wie beschaffen war sein Denken, wenn es solche Widersprüche auszulösen vermochte? Theodor Lessing, geboren am 8. Februar 1872 in Hannover, wuchs in einem assimilierten, religiös weitgehend indifferenten Bürgerhaus der Kaiserzeit auf. Zeit seines Lebens stand er dem eigenen "Jude-Sein" ambivalent gegenüber, mehr noch: seit frühester Jugend fehlte ihm jeglicher Bezug zur jüdischen Religion. So heißt es denn auch erklärend in seiner 1926 veröffentlichten Schrift "Jüdisches Schicksal": "Vom Judentum habe ich bis ins Mannesalter hinein wenig gewußt. Ich stand nie unter jüdischen Einflüssen und habe nie ein Wort Hebräisch gelernt". Und weiter: "Kaum jemals erfühlte man in mir einen Juden, und auch als ich unter Juden lebte, wurde ich nie recht als zugehörig betrachtet." Prägend für seine Kindheit und Jugend war hingegen die Freundschaft mit Ludwig Klages, dem nachmaligen Anhänger Stefan Georges und antirationalistischen Philosophen, der in seinem Hauptwerk den "Geist als Widersacher der Seele" (1929-1932) propagieren sollte. Klages und Lessing verband eine intensive Freundschaft und gemeinsame Liebe zu Literatur und Philosophie. Sie entwickelten in diesen Jahren eine mit Antisemitismus gepaarte, lebensphilosophisch orientierte Kulturkritik, die sich, basierend auf dem Dualismus von "Natur" und "Geist" bzw. "Arier" und "Jude", gegen die Vergeistigung und Technisierung des Lebens richtete. Shulamith Volkov hat überzeugend herausgearbeitet, dass "nach dieser Auffassung [...] der Jude der Vertreter des Geistes, des Intellekts und der lähmenden Moral [war], während der Arier die Natur, die Sinne, die Mystik und den Willen vertrat". Ludwig Klages war für Lessing der Inbegriff eines "germanischen Deutschen", die Verkörperung des "Lebenselementes" schlechthin. Dass dieser mit ihm Freundschaft geschlossen hatte und trotz seines "Makels", ein Jude zu sein, von Lessings "höherer Natur überzeugt war, stellte eine prägende Erfahrung für den Heranwachsenden dar. Mit Klages verband Lessing die Hoffnung, seine deutsche Identität unter Umgehung seiner jüdischen ausbilden zu können. Der junge Lessing zerbrach fast an dem inneren Widerspruch, ein "germanischer" Deutscher im Sinne der Lebensphilosophie sein zu wollen und sich gleichzeitig als "Geistesmensch", also als "wahrer Jude" zu erleben. Die Freundschaft zerbrach schließlich 1898, während der gemeinsamen Studienjahre in München und der Streifzüge durch die Schwabinger Bohème, am aggressiven Antisemitismus Klages' und an dessen weltanschaulicher Entwicklung zum Kosmiker im George-Kreis. Mit den Worten "Du bist ein ekelhafter, zudringlicher Jude" beendete Klages die Freundschaft, um die sich Lessing bis zum Schluss intensiv bemüht hatte. Der Bruch stürzte ihn in eine tiefe Lebenskrise, den Schmerz über den Verlust des Freundes konnte er zeitlebens nicht überwinden.

Nach einem Studium der Medizin und Psychologie in Freiburg, Bonn und München wurde Lessing in Erlangen mit einer Arbeit über den russischen Philosophen und Schriftsteller Afrikan A. Spir (1837-1890), der auf Tolstoi großen Einfluss ausübte, im Fach Philosophie promoviert. In dieser Zeit verfasste Lessing nebenher Romane - so etwa den 1894 unter einem Pseudonym veröffentlichen gesellschaftssatirischen Roman "Comödie" -, Dramen und Gedichte, für die er jedoch wenig Anerkennung erhielt. Eine weitere akademische Förderung durch seinen Lehrer Theodor Lipps lehnte Lessing erst einmal ab und trat stattdessen eine Stelle als Lehrer im Landerziehungsheim Haubinda an. Haubinda brachte ihm allerdings eine doppelte Niederlage ein: Seine Frau Maria betrog und verließ ihn, um mit einem seiner Schüler ein neues Leben zu beginnen. Der erfolgreiche Rivale war der Schriftsteller Bruno Frank, ein enger Freund Thomas Manns. Zum anderen begann Hermann Lietz, der Leiter von Haubinda, antisemitisches Gedankengut in seiner Schule zu verbreiten und schließlich die Aufnahme jüdischer Schüler zu verbieten. Proteste Lessings nutzten nichts, im Gegenteil: Er musste selbst die Schule verlassen.

1906 nahm er erneut seine Studien auf, zunächst bei Edmund Husserl in Göttingen, dann in seiner Geburtsstadt Hannover, wo er sich 1907 mit der Schrift "Der Bruch in der Ethik Kants" an der Technischen Hochschule habilitierte. 1908 erhielt Lessing eine Stelle als Privatdozent für Philosophie. Erst 1922 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt und erhielt 1923 einen Lehrauftrag für Philosophie der Naturwissenschaften. In Lessings intellektuellen Blick rückte seit 1904 verstärkt das Ostjudentum. 1906 war er zu einer Vortragsreihe nach Polen gereist und hatte die Ghettos der galizischen Juden besucht. 1909 veröffentlichte er in der 'Allgemeinen Zeitung des Judentums' seine "Eindrücke aus Galizien". Diese Artikelserie trug ihm den Vorwurf des jüdischen Antisemitismus ein; wohl zu unrecht, denn Lessing hatte zwar in krassen Worten die "armseligen Elend-Nester" der galizischen Juden beschrieben und das in ihnen herrschende Leben als "Lügereien, Flunkereien, kleine Unredlichkeiten, Spüren nach jedem Vorteil" charakterisiert. Doch nicht zu überhören ist die dunkle Faszination an einem Leben, das Lessing als ursprünglich und authentisch wertet. "Ein fanatisch wildes, früh aufgeregtes, leidenschaftliches und vor allem tief sozial interessiertes Gefühlsleben" entdeckt er bei den galizischen Juden, und versteht dies durchaus positiv in Opposition zu einem als degeneriert begriffenen hoch zivilisierten Leben in Westeuropa. Zivilisationskritische Impulse lassen Lessing das so genannte Ostjudentum als einen Gegenentwurf zum Leben in der industrialisierten Moderne begreifen. Eine regressive, antiintellektuelle Sehnsucht nach mehr 'Leben' und weniger 'Geist', um in den Begriffen von Lessing und Klages zu bleiben, flößten ihm, wie Lessing gesteht, "eine große Liebe, ja geradezu Verehrung und Ehrfurcht vor dem Volkskern der galizischen Juden ein." Ähnlich erging es bekanntlich auch Alfred Döblin, der im Herbst 1924 nach Galizien reiste. Seine Eindrücke hielt er in dem Buch "Reise in Polen" (1925) fest, das man - ähnlich wie Lessings "Eindrücke" - als eine Erkundungsfahrt zu den Ursprüngen der eigenen Persönlichkeit lesen kann.

1906 erschien Lessings erstes philosophisches Werk "Schopenhauer, Wagner, Nietzsche", in dem er den Verlust "aller substantiellen Werte" als die Tendenz der Zeit kritisierte. Die "Doppeltendenz" des modernen Menschen zeige sich insbesondere bei den Juden durch den "Bruch in der Volksseele". Dem entsprechend befasste sich Lessing in seinen Darlegungen zur sozialen Funktion des Theaters über die Frage nach der Rolle der Juden im Theater mit der desperaten Lage der deutschen Juden. Aus Anfeindungen und Unsicherheiten entstünde der "selbstquälerische Wille zur Erlösung von sich selbst", der "die eigentlichen tragenden, positiven Seiten der jüdischen Eigenart" verschüttet habe. Durch die Not der Geschichte zum Träger der internationalen Entwicklung geworden, komme den Juden die Aufgabe des "Brückenbaus" zwischen Kultur und Natur zu: "Der Jude vermittelte zwischen Himmel und Erde. Er überführt Asien nach Europa und Europa wieder nach Asien".

Anstatt seine Weltanschauung in einer Monographie zusammenzufassen, erläuterte Lessing seine Gedanken in etwa 2.000 Essays und Feuilletons, bevorzugt im 'Prager Tagblatt' und 'Dortmunder Generalanzeiger'. Der Grund für diese Distanz zu einem opus magnum ist ebenso einleuchtend wie bedrückend, wenn er schreibt: "Ich habe also das Weltsystem in hundert Feuilletons zerschnitten. Davon kann ich immerhin Brot kaufen." Welch seltsame und skurrile Pfade Lessings Denken gelegentlich nahm, illustriert vielleicht am besten der von ihm 1908 gegründete Verein gegen unnötigen Lärm mit dem von ihm betreuten Vereinsorgan "Der Antirüpel. Recht auf Stille. Monatsblätter zum Kampf gegen Unkultur im deutschen Wirtschafts-, Handels- und Verkehrsleben".

Ein Skandal entzündete sich 1910 an Lessings Satire über den Literaturkritiker Samuel Lublinski (1868-1910), der zusammen mit Paul Ernst und Wilhelm von Scholz zu den führenden Theoretikern der Neoklassik in Deutschland gehörte. Aufhänger für Lessings verfasste Karikatur war das bereits zwei Jahre zuvor von Lublinski publizierte Buch "Bilanz der Moderne". Unter dem Titel "Samuel zieht die Bilanz" (in: Die Schaubühne 6, 1910) verspottete Lessing die seiner Meinung nach maßlose Überheblichkeit des Verfassers, als Bilanzierer der Moderne aufzutreten und schulmeisterlich Aufklärungsunterricht zu geben über das, was und vor allem wer die Moderne repräsentiere. Dabei machte Lessing auch vor antisemitisch anmutenden Überzeichnungen nicht halt, etwa wenn er Lublinskis Äußeres wie folgt stigmatisiert: "Auf ein paar ganz kurzen fahrigen Beinchen ein fettiges Synagögklein [sic!], sein Bäuchlein wie die Apsis (in der die Bundeslade verwahrt ist) weit in die Außenwelt hineingestreckt. [...] Und wer das Männlein kommen sah, wußte sogleich: Ach, lieber Gott, der sieht nicht, der hört nicht, der schmeckt nicht, der riecht nicht, der redet und schreibelt sich so durchs Leben!" Lessing nannte Lublinski ein "Talmud-Gebürtchen mit seinen hypertrophisch entarteten Schreib- und Redezentren im klugen Gehirnchen". Judentum steht hier nicht für vitale Unmittelbarkeit, sondern für Negation von Sinnlichkeit, reine Intellektualität, nur Geist, kein Leben, oder wie Lessing es formuliert: "Zwischen ihm und dem weiten Leben steht der neueste Literaturkalender." Eingebunden in eine allgemeine Kritik am Kulturbetrieb wollte Lessing sein Urteil über Lublinski als "Repräsentant eines verfehlten Kulturjudentums" als zugespitzte Kritik am assimilierten Judentum verstanden wissen. Insofern Lessing das assimilierte Judentum als rein intellektuelle Daseinsform betrachtet, kritisiert er es in drastischen Worten. Hier könnte man ihn, worauf jüngst Barbara Beßlich mit Recht hingewiesen hat, antisemitisch nennen, und hier darf man auch auf ihn gemünzt vom jüdischen Selbsthass sprechen, zumal Lessing selbst einen jüdischen Intellektuellen par excellence verkörperte. Lessing hat dies durchaus erkannt, als er bekundete, dass er "nur Menschen karikieren kann, zu deren Verspottung selbstquälerisch Wahlverwandtschaft [mich] reizt. Wer Bismarck fein verlächelt, muß ein Stückchen Bismarck haben." 'Selbstquälerische Wahlverwandtschaft' verband Lessing in diesem Sinn auch mit Lublinski.

Bezeichnend bei all dieser eloquenten Bösartigkeit Lessings ist die Trennung zwischen einem positiv bewerteten Ostjudentum und einem kritisch bis vernichtend begutachteten assimilierten Judentum im Westen. Die Juden aus dem Ghetto in Galizien stehen nach Ansicht Lessings für ursprüngliches Leben, Authentizität, Sinnlichkeit und Naivität. Dass es sich dabei um ein idealistisch verklärtes und verzeichnetes Bild handelt, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der assimilierte Jude à la Lublinski hingegen gilt als lebensfern, unfähig zur Sinnlichkeit, reflektiert, rein geistig und entfremdet. Es ist der mit Klages einstudierte lebensphilosophische Gegensatz von 'Leben' und 'Geist', der hier auf die Trägergruppe Judentum projiziert wird. Dieses bipolare Denken findet sich in vielen Texten Lessings, vor allem aber bei seiner Positionierung zum Judentum. Zivilisationskritischer Unwillen gegenüber dem 'Geist' und Sehnsucht nach dem 'Leben' bestimmen im Wesentlichen Lessings jüdische Identität.

Die von Lessing als Persiflage gedachte Satire "auf das seelenentgötternde, alles ernüchternde, alles profanisierende allokutorische Literatentum unserer Tage" setzte eine unaufhaltsame Lawine des Protestes und der Verunglimpfung gegenüber seiner Person in Bewegung. 33 renommierte Publizisten sahen sich genötigt, eine öffentliche Erklärung abzugeben: "Die Unterzeichneten drücken gelegentlich des Artikels 'Samuel zieht die Bilanz' von Theodor Lessing ihr Bedauern darüber aus, dass es kein Ehrengericht für Journalisten gibt." Zu den Unterzeichneten gehörten u.a. der Herausgeber des "Kunstwarts", Ferdinand Avenarius, der Redakteur der "Hilfe" und spätere erste Bundespräsident, Theodor Heuss, sowie der Schriftsteller Stefan Zweig. Auch der zu jener Zeit bereits angesehene deutsche Schriftsteller Thomas Mann sah es als seine Pflicht an, dem ihm wohlgesonnenen Literaturkritiker seine Ehrerbietung zukommen zu lassen. Mann griff die von Lessing selbst thematisierte Nähe von Karikaturist und Karikiertem auf, als er seinem Mentor Lublinski zur Seite sprang. Lublinski hatte als einer der ersten den weltliterarischen Rang der "Buddenbrooks" 1901 im 'Berliner Tageblatt' betont und 1904 in seiner "Bilanz der Moderne" bekräftigt. Thomas Mann ordnete nun Lessings Polemik formal als "stümpernde[n] Versuch einer Heine-Imitation" ein und machte deutlich, dass Lessing in der jüdisch-intellektuellen Tradition stand, die er selbst brandmarkte. Dass Lessing bei Lublinski ausgerechnet das angriff, was ihn selbst charakterisiere, sezierte Mann genüsslich: "Woher nimmt dieser benachteiligte Zwerg, der froh sein sollte, daß auch ihn die Sonne bescheint, die Lust, das innere Recht zur Aggressivität und zur lyrischen Unverschämtheit?" Und weiter: "Herr Lublinski ist kein schöner Mann, und er ist Jude. Aber ich kenne auch Herrn Lessing (wer kann für seine Bekanntschaften!), und ich sage nur soviel, daß, wer einen Lichtalben oder das Urbild arischer Männlichkeit in ihm zu sehen angäbe, der Schwärmerei geziehen werden müßte. [...] Wer im Glashaus sitzt, lehrt das Sprichwort, sollte nicht mit Steinen werfen; und wer sich als Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse durchs Leben duckt, verrät mehr Unweisheit, verrät schmutzige Selbstverachtung, wenn er sich für Pasquille bezahlen läßt, deren drittes Wort 'mauscheln' lautet. Im Stile des wildgewordenen Provinz-Feuilletons über den 'esprit-jüdischen Typus' [ein Begriff, den Lessing selbst benutzt hat; A.S.] zu satirisieren, steht dem prächtig zu Gesicht, der selber in aller Welt nichts weiter als das schwächste und schäbigste Exemplar dieses in einigen Fällen doch wohl bewunderungswürdigen Typus vorzustellen vermag!"

Dass Lessing dabei den kürzeren ziehen musste, lag auf der Hand, denn aufgrund des Ansehens, das Thomas Mann bereits zu jener Zeit genoss, ist unschwer zu vermuten, wem die Schelte der öffentlichen Meinung zufiel. Doch statt die Sache auf sich beruhen zu lassen, kombinierte Lessing seine Verteidigung mit einem gezielten Gegenangriff: "Was ich verbrach? Ich habe parodiert. Ich habe Humorlosigkeit, Emphatik und talmudisches Literatur-Raisonnement eines bedeutenden Bildungsbürgers unbürgerlich-kapriciös, mit Leichtsinn verspottet." Und Thomas Mann, dem "hochgezüchteten Marzipan-Mann aus Lübeck" erwiderte er: "Eure verdammte Eitelkeit würde gar nicht so empört zetern, wenn hinter meiner harmlosen Burleske wirklich Häßliches und Gemeines steckte." Thomas Mann widersprach selbstredend ähnlich heftig, wodurch sich Lessing zu der bitterbösen Satire "Tomi melkt die Moral-Kuh. Ein Dichter-Psychologem" veranlasst sah, einem Stück überanstrengten Witzes, aber doch, wie Klaus Harpprecht bemerkte, "voller Komik und manch scharfsinniger Beobachtung". Lessing nannte Thomas Mann den "mächtigsten Zuckerkönig deutscher Leihbibliotheken" und einen "guterzogenen Dandy", beseelt von dem Ehrgeiz, die "beste deutsche Prosa" zu schreiben und an einer Buchseite zu feilen "wie an schön gemachtem Spangengeschmeid ein Goldschmied". Auch die homoerotischen Neigungen Thomas Manns blieben nicht verschwiegen. Weiter räsoniert Lessing: "Thomas Mann ist heimlich ein 'Moralist', heimlicher noch eine unethische Seele; zugleich selbstgerecht und weinerlich-altruistisch, zugleich egozentrisch und sentimental!" Die krasse Karikatur, obwohl böse übertreibend, ging nicht völlig am Gegenstand vorbei. In seiner Geschlechtsehre angegriffen zu werden, traf Thomas Mann empfindlich. Das publizistische Scharmützel zog sich noch einige Zeit hin, bis Mann schließlich sogar eine Novelle über die Figur Lessings mit dem entsprechenden Titel "Ein Elender" plante. Es blieb allerdings beim Plan; die Ausführung verlegte er, wie so häufig, in die Fiktionalität und übertrug sie seiner literarischen Figur Gustav von Aschenbach, der in der Erzählung "Der Tod in Venedig" diesen Elenden beschrieb als "weichen und albernen Halbschurken, der sich sein Schicksal erschleicht". Thomas Mann hat Lessing die gegen ihn gerichteten bösen Beschimpfungen nie verziehen. In einer Tagebucheintragung vom 5. November 1918 nannte er "die Juden Kerr und Lessing" seine "geborenen Feinde" und "Verächtlich-macher" seiner Existenz. Die Nachricht von Lessings Tod durch die nationalsozialistischen Mörder im August 1933 registrierte er mit den Worten: "Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir." Thomas Mann hatte damals, so schien es wenigstens, ein für allemal das Urteil der Geschichte über Lessing gesprochen.

So wurde und blieb Lessing ein Einzelgänger und Außenseiter. Dieses Außenseitertum wurzelte zweifelsohne in den Schwierigkeiten einer deutsch-jüdischen Existenz um die Wende zum 20. Jahrhundert, die - als Zäsur - zugleich den Anfang der Moderne markiert. Es ist ein Außenseitertum, das reichhaltiges Material bietet für eine Situationsanalyse vom Nutzen und Nachteil der jüdischen Assimilation in Deutschland. Im Spannungsfeld zwischen Normalität und Herausgehobensein lebten viele Juden der Weimarer Republik, und die daraus sich ergebenden Identitätsprobleme waren keineswegs ein individuelles Problem Lessings. Dennoch lassen sich in seinem Denkansatz Besonderheiten beobachten: Im Streben nach vollkommener Akkulturation hatte Lessing sich völkischem, biologistischem und antisemitischem Denken angenähert. Er definierte Deutsche und Juden primär völkertypologisch, womit er sich in die Nähe der nationalsozialistischen Ideologie begab, für die jede soziokulturelle Ausbildung von Identität qua Geburt unmöglich war. Dieses frühe Denken veranlasste den jüdischen Emigranten Kurt Hiller zu der Feststellung, dass er ein "scharfer Antisemit" gewesen sei und dass "dieser Professor und Litterat die Kugel gießen half, die ihn niederstreckte". Lessing erlebte den nach einer Phase der Assimilation wieder aufkeimenden Antisemitismus der Weimarer Republik und eine wachsende jüdische Solidarität in Gestalt des Zionismus. Nach 1914 distanzierte er sich so zusehends von der Orientierung auf das "germanische Deutschtum" und reformulierte im Laufe der zwanziger Jahre seine Einstellung zum Judentum; er trat für die zionistische Lösung ein und sprach von der "jüdischen Nation" als der seinigen. Nur die Errichtung eines jüdischen Staates ermögliche es, der "Degeneration" der Juden wirksam entgegen zu treten.

Mit der Herausgabe einer Sammlung von bereits 1899-1913 veröffentlichten und überarbeiteten Essays unter dem programmatischen Titel "Philosophie als Tat" (1914) - darunter das Portrait von Georg Simmel, dessen Philosophie "jüdischer Geistigkeit" Spiegel des Leidens der Minderheit sei - betrachtete Lessing seine auf Überwindung des Gegensatzes von Wissenschaft und Leben zielende Philosophie als abgeschlossen. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war Theodor Lessing einer der wenigen deutschen Intellektuellen, den der nationale Kriegsrausch nicht erfasste. Er arbeitete während dieser Zeit als Lazarettarzt und Hilfslehrer und begeisterte sich für den revolutionären Umsturz 1918. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs führten ihn seine Studien zu einer geschichtsphilosophischen Kritik an der nachträglichen Legitimation historischer Ereignisse. Lessings erste Abrechnung mit dem Krieg war das Buch "Europa und Asien", das 1915 von der Militärzensur verboten wurde, erst 1918 erscheinen konnte und in den Folgejahren noch mehrfach umgearbeitet wurde. In kulturphilosophischer Gegenüberstellung mit der asiatischen Lebensform verurteilte Lessing darin die europäische Politik der Machtentfaltung.

Seine bis heute kaum beachtete, aber ungemein kluge Schrift "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" (1919) hat Lessing während des Ersten Weltkriegs geschrieben, zu einer Zeit also, als, nach einem Diktum von Karl Kraus, Federn in Blut tauchten und Schwerter in Tinte. Theodor Lessing hat dem Krieg den Dienst der Sinngebung, der damals von den "Geistigen" gefordert und geleistet wurde, verweigert: "Da sind sie, die man 'Vertreter des Geistes' nennt (weil sie immer und überall dem Geiste den Weg vertreten). Sie säen Meinungen, verschänken [sic!] Gesinnungen, erwählen Völkerbrand und Massenuntergang, Millionenmord und Seelennot zum Stoff ihrer Rede und Dichtung, weil denn Darüberreden und Darüberschreiben den Beruf der alles könnenden, alles sagenden Sendungslosigkeit ausmacht. Diese, diese Art der Menschen verleiht die Lorbeeren der Geschichte!" Lessing kommt daher zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Geschichte weder das Leben noch die Wahrheit spiegelt, dass sie aber vor allem keine Wissenschaft ist, weil sie notwendige Beziehungen zu kollektiven Phantasmen unterhält. Die Geschichte ist der Mythos der bewussten Menschheit und der Krieg ihr blutiges Ritual. "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" richtet sich gegen "den frommen Wahn, daß Geschichte Vernunft und Sinn, Fortschritt und Gerechtigkeit" widerspiegele.

Hierin zeigt sich eine interessante Nähe zu Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen, die ebenfalls davon ausgehen, dass Geschichte niemals die Darstellung vergangener Wirklichkeiten, sondern immer Konstruktion ist, mithin ein Konstruktionsprinzip voraussetzt, das durch ideologische und praktische Bedürfnisse der interpretierenden Jetztzeit determiniert wird. Nach Lessing bleibt "die Historie [...] an ihrem Ort und zieht den Blick nach rückwärts (oder richtiger, der nach rückwärts gewandte Blick erschafft sie als Geschichte) entgegen der vitalen Strömung, die ihn nach vorwärts drängt." Die evidente Parallele, die zwischen dieser Aussage Lessings und Benjamins Bild vom 'Engel der Geschichte' besteht, ist es wert, hervorgehoben zu werden. Bei Benjamin heißt es: Der Engel der Geschichte "hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."

Lessings zu seiner Zeit wohl provokanteste These lautet, dass Geschichte von Wunschvorstellungen, von Sehnsüchten, Begierden, Hoffnungen und Ängsten geschrieben wird. Für die Geschichte, schreibt er, "ist die ganze Bewußtseinswelt nur das Sprungbrett zu einer ganz anderen als wissenschaftlich erkennenden, d.h. desillusionierenden Tätigkeit. Sie baut gerade umgekehrt an Illusionen." Diese Erkenntnis hat Konsequenzen für ein völlig neues Geschichtsverständnis, insofern sie die Herstellung historischer Ereignisse in Analogie zu ästhetischen Prozessen analysiert, was dann vor allem in Georg Simmels Geschichtsphilosophie und im Poststrukturalismus herausgearbeitet wird. Der ästhetische Diskurs leiht seine Stimme dem, was in der Geschichte nicht gehört wird. Die Kunst drückt aus, was von jeder Äußerungsmöglichkeit abgeschnitten, was von der Geschichte zum Schweigen und damit zur historischen Nicht-Existenz verurteilt wurde. Sie lenkt damit ihre Aufmerksamkeit auf die Abfälle des historischen Prozesses und versucht, dem Anderen, Nichtidentischen gerecht zu werden.

Aufsehen und Unmut erregte Theodor Lessing zu Lebzeiten allerdings weniger als Philosoph, sondern als Essayist und politischer Feuilletonist, vor allem, als er im Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann 1924 in Hannover versuchte, dessen Motive zu ergründen. Haarmann hatte durch Biss in den Kehlkopf beinahe dreißig junge Männer getötet, danach die Opfer zerstückelt und in einen Fluss geworfen. Dies bot Stoff für einen großen Skandalprozess. Operngläser im Gerichtssaal, um den Täter genau beobachten zu können, waren an der Tagesordnung. Sowohl als Journalist als auch als Psychologe und Kulturkritiker verfolgte Lessing von Anfang an den Prozessverlauf. Es wurde sogar von Seiten der Strafverteidigung daran gedacht, Theodor Lessing als psychologischen Sachverständigen im Prozess einzusetzen. Lessing verblüffte die Öffentlichkeit, als er den Blick weglenkte vom Täter und hin zu einer Zeit und einer Gesellschaft, die solche Taten ermöglichte. Er setzte den Ersten Weltkrieg in direkten Bezug zum Massenmord Haarmannscher Prägung: "Heute ist die Menschheit entsetzt über Haarmann. Dieselbe Menschheit, die nach den Materialschlachten mit fünfhunderttausend Toten ihre Feldherren mit Orden schmückte, ist über einen Mann entsetzt, der vielleicht zwanzig, dreißig Menschen umgebracht hat. [...] Sehen Sie, das meine ich mit unserer Schuld, von der in diesem Prozeß gesprochen werden muß." Lessing gab zu bedenken, dass Haarmann nicht als die schauerlich-bestialische Ausnahme von der hochzivilisatorischen Regel zu betrachten sei, sondern exemplarisch vorführe, wie nah bei einander zivilisatorische Normalität und tierähnliche Triebtat liegen.

In einem Gespräch mit Erich Frey, dem ersten Verteidiger Haarmanns, führt Lessing aus: "Sehen Sie, dieser Haarmann ist doch ein Rückfall in einen urmenschlichen Zustand. Der Wolfsmensch, der Blutsauger, der Kannibale - nur noch in unseren Sagen, in fernen Erinnerungssagen, glaubt der Mensch von heute sie zu kennen. Und plötzlich ist er da [...] Wie? Fragt sich der Kulturmensch. Raubtiere gibt es doch nur in der Wüste [...]. Aber sehen Sie doch einmal hinaus in die Straßen in dieser Stadt, die Straßen aller Städte. Diese grauen, elenden Steinkästen der Häuser, die Höhlenwohnungen, der Asphalt, auf dem keine Blume wächst und kein Grashalm [...]. Ist das etwa keine Wüste? Und so kahl wie in den Steinschluchten der Straßen sieht es doch auch in der Seele der Menschen aus, die darin zu leben verdammt sind." Das hörte man nicht gerne, betrachtete man doch das Gerichtsspektakel um Haarmann, um sich mit einem wohlig-ekligen Schauer seine eigene Normalität zu bestätigen. Den Vergleich des Haarmannschen Gemetzels mit dem Ersten Weltkrieg wollte die deutschnationale Öffentlichkeit nicht dulden. Lessing wurde vom Prozess ausgeschlossen.

Die Empörung in Hannover über den 'Nestbeschmutzer' Lessing steigerte sich von rechter Seite noch weiter, als er 1925 anlässlich der Wahlen zum Reichspräsidenten in einem Zeitungsartikel eindringlich vor Paul von Hindenburg warnte: Den 'Helden von Tannenberg' als "einfältigste[n] und treugläubigste[n] Bernhardiner" bezeichnet zu sehen, das war für eine nationalisierte Öffentlichkeit unerträglich. Aus heutiger Sicht betrachtet, analysierte Lessing hellsichtig die Beeinflussbarkeit Hindenburgs als große Gefahr, durch die er zum Steigbügelhalter instrumentalisiert werden konnte. In einem Artikel für das 'Prager Tagblatt' vom 25. April 1925 notierte Lessing: "Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: 'Besser ein Zero als ein Nero'. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht." Der ersten Entrüstung über Lessings Stellungnahme folgten rasch konkrete Maßnahmen. Am 10. Mai 1925 bildete sich ein "Kampfausschuß gegen Lessing", der sich aus 400 nationalvölkischen Korpsstudenten und sieben Professoren der Technischen Hochschule Hannover rekrutierte. Deren Forderung, Lessing den Lehrauftrag an der dortigen Hochschule zu entziehen, wurde sogleich als Eingabe an das Preußische Kultusministerium formuliert. Als sich schließlich am 8. Juni 1925 1.500 Studenten der Technischen Hochschule Hannover auf den Weg nach Braunschweig machten, um sich dort aus Protest gegen Lessing zu immatrikulieren, legte der Rektor der Hochschule Lessing nahe, umgehend zurückzutreten. Fortan wurden seine Lehrveranstaltungen boykottiert, begleitet von heftigen Tumulten seitens der Studentenschaft. Deren massives Auftreten führte dazu, dass Lessing noch 1926 seine Tätigkeit als Hochschullehrer in Hannover aufgeben musste. Erst durch eine Eingabe des Verbandes sozialdemokratischer Akademiker beim Preußischen Kultusministerium wurde Lessing zumindest ein formaler Forschungsauftrag zugestanden, der ihm fortan eine bescheidene Einkommensbasis gewährleistete. Wie schon in den Jahren vor seiner Hochschultätigkeit war Lessing gezwungen, als Publizist seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

1930 kam im Jüdischen Verlag das heute noch am ehesten bekannte Buch Lessings - "Der jüdische Selbsthaß" - heraus, in dem er seine in dreißigjährigen Vorstudien skizzierten Gedanken zu einer Theorie über die Auswirkungen des Minderheitenstatus auf die Psyche der Juden ausformulierte. Der "Sonderfall" dieser "lebenszerklüftenden Krankheit" resultiere, so Lessings philosophisch-psychologische Deutung, aus dem Verlust der Unmittelbarkeit, der sich symptomatisch in der "(verhängnisvollen) Überhöhung des geistig-bewußten Lebens" als "Akt des Selbstentfremdens" äußerte. Religionsphilosophisch gesehen sei in der Auffassung von Leiden als Strafe im Judentum der Schlüssel zur "Pathologik unserer Volksseele" als Folge "jahrhundertelangen Herabminderns" zu finden. Angesichts der Erkenntnis, dass die "deutsch-jüdische Symbiose" durch zunehmende antisemitische Anfeindungen gescheitert sei, zielte auch seine Kritik an den historischen Bedingungen der Emanzipation noch dezidierter auf die Herausstellung der Negativbedeutung von Assimilation als Synonym für "Selbstverleugnung", "Selbstpreisgabe" und die sich in Form des "jüdischen Antisemitismus" äußernde "Selbstnegation". Als typische Beispiele dafür, dass die "jüdischen Selbsthasser" an "einer unglücklichen Feindesliebe" erkrankt waren, zog Lessing sechs Lebensgeschichten heran: die von Paul Rée, Otto Weininger, Arthur Trebitsch, Max Steiner, Walter Calé und Maximilian Harden.

In der Überzeugung, das eigene Selbstbild sei von dem durch Hass verzeichneten Bild der Umgebung abhängig, stellte Lessing die Forderung nach Überwindung der inneren Zerrissenheit durch Rückkehr zu einem nicht von Fremdurteilen und Stereotypen bestimmten Verständnis von Judentum und in die Einsicht in die Differenz von "Judentum" und "Deutschtum". Mit seiner häufig zitierten Maxime "Werde, der du bist", bekräftigte er, dass es für eine "Heilung" lediglich eines Bekenntnisses zu sich selbst bedürfe. Lessings subjektives Erleben einer gespaltenen Existenz als Deutscher und Jude, die Erfahrung der Unzulänglichkeit, die unfreiwillige Zugehörigkeit zu einer erniedrigten gesellschaftlichen Gruppe, die Zurückweisung und Kränkung durch jene, deren Gemeinschaft er suchte - all diese Faktoren bestimmten seinen Selbsthass und seine Identitätssuche. Im Schlusskapitel seiner Schrift "Der jüdische Selbsthass" bekannte Lessing - in deutlichem Unterschied zu seiner Position unmittelbar zu Beginn der Weimarer Republik -, dass er jedem Nationalismus fern stehe, "auch einem Jüdischen"; der "jüdische Nationalismus" sei nicht besser als der jeder anderen Nation. Rein äußerlich gesehen, vertritt Lessing in seinem Text ein Programm, das dem Zionismus nahe steht, mit dem einzigen Unterschied, dass er, auf zeitgenössische Rassentheorien gestützt, dem Judentum eine noch radikalere Abkehr von jüdischem Denken anempfiehlt, als dies der 'offizielle' Zionismus getan hat, der dem messianischen Pathos des Judentums das politische Programm, einen laizistischen Staat aufzubauen, entgegenhielt. Darüber hinaus hat das Buch möglicherweise eine noch viel tiefer gehende Bedeutung: Lessing findet zweifelsohne Gefallen an seinen sich selbst hassenden Helden, denn diese würden eher ihr Judentum als weltumspannende dämonische Macht werten, die es zu vernichten gilt, als sich von ihrem Erwählten-Status lossagen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Kurt Hiller - oder auch noch Hans Mayer - in Lessing den "Selbsthasser" sehen, "der noch den eigenen Selbsthaß haßte".

Zwei Jahre später korrigierte Theodor Lessing seinen Standpunkt noch einmal. Nach der Rückkehr von seiner Palästina-Reise 1931 konnte er sich offenbar nicht mehr darüber hinwegtäuschen, in der "deutschen Kultur" verwurzelt zu sein. Jeder Mensch sei "Schnittpunkt einander ausschließender Kreise", betonte er in seiner Schrift "Die Unlösbarkeit der Judenfrage" und stellte zugleich resigniert fest, dass alle Versuche "zur Lösung der Widersprüche" gescheitert seien. Es dauerte bis ins Jahr 1933, bis Lessing souverän zu seiner jüdischen Herkunft stehen konnte. In seiner Schrift "Gnade dem Maultier" heißt es dann: "Ich bin ein Deutscher, bin ein Jude, bin Kommunist, bin national, heimatbedingt und blutbedingt als Mensch, aber unabhängig und international als denkender Geist, bin seit Jahrhunderten in der engsten Heimat verwurzelt, in Niedersachsen, und stehe dennoch als Denker jenseits von Rasse und Landschaft." Anfang März 1933 sah Lessing sich gezwungen, in die Tschechoslowakei zu emigrieren, zunächst nach Prag, das für viele politisch verfolgte Schriftsteller ein kulturelles Zentrum Europas außerhalb Deutschlands darstellte. Lessing nahm aktiv am Exilleben teil, hielt Vorträge über die Situation des Judentums und analysierte im 'Prager Tagblatt' die politische Lage in Deutschland. Im Sommer 1933, in seiner letzten Rede, betonte er die Bedeutung grundlegender Werte, die einzuhalten alle Völker verpflichtet seien, um dauerhaft zum Weltfrieden zu gelangen: "Wert der Dauer und Erhaltung [...] ist ein Volk gerade nur dann, [...] als es sich zum Träger macht der gültigen Werte, die [...] ewig sind. Wehe dem Volk, das sich versündigt an den Geboten der Menschlichkeit."

Nach kurzer Zeit zog er weiter nach Marienbad, um hier eine Schule für jüdische Emigrantenkinder zu eröffnen. Ende August nahm Lessing noch am Zionistenkongress teil, lehnte aber Hilfsangebote von Freunden zur Auswanderung ab, weil er in der Tschechoslowakei in seiner eigenen Sprache lehren konnte und sich in Marienbad eine neue Heimat schaffen zu können glaubte. Am 10. Mai wurden seine Bücher verbrannt, am 25. August 1933 wurde Lessing aus Deutschland ausgebürgert. Nachdem Goebbels auf seinen Kopf 80.000 Reichsmark ausgesetzt hatte, war Lessing vogelfrei. In der Nacht des 30. August 1933 erschossen ihn zwei sudentendeutsche Nationalsozialisten, eine Tat, die der mit den Nationalsozialisten liebäugelnde 'Wahrsager' Erik Hanussen bereits ein Jahr zuvor 'prophezeit' hatte, als er im Dezember 1932 orakelte: "Ein Professor der hiesigen Hochschule [Hannover], dem der Lehrauftrag entzogen und eine Forschungsauftrag erteilt worden ist, wird im nächsten Jahr keines natürlichen Todes sterben." Lessing selbst hatte bereits Jahre zuvor ein solches Attentat für denkbar erachtet: "Es ist möglich", schrieb er 1925, "daß solch ein fanatischer Querkopf mich niederschlägt, wie sie Rathenau und Harden niedergeschlagen haben. [...] Und auch damit rechne ich, daß ich aus der Heimat fort und wieder neu beginnen muß." Sichtlich zufrieden zeigte sich im übrigen Goebbels am 2. September 1933 auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP, wenn er im Zusammenhang mit Lessings Ermordung von der "Abschüttelung des Jochs" spricht.

Erst 1935 - posthum also - sind die unvollendeten Lebenserinnerungen Theodor Lessings erschienen. Auch in diesem Gedächtnis-Text, der in drei Teilen seine Herkunft, die Kindheit und die Studentenzeit behandelt, schwingt Verbitterung über das Leben als Jude im Deutschland der Weimarer Republik mit und jener Kulturpessimismus, der bereits seine Schrift "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" durchzog. Im Schlusskapitel heißt es bezeichnenderweise: "Mein Leben lang habe ich hören müssen [...], ich sei destruktiv, negativ, zersetzend, sei undeutsch, volksfremd, fremdblütig, [...] Träger jener gegenlebigen Mächte des modernen Geistes. Tausend Male dröhnte das 'Jude, Jude' als Schimpf um meine Ohren und bedrohten, ja schlugen hassende Fäuste. In meinem Innersten aber weiß ich: Die Sendung des Menschen als Menschen steht und fällt mit der Forderung, Sinnlosem einen Sinn zu schaffen, Chaos umzubauen in Kosmos [...]. Dabei kommt nichts an auf uns empirische, historische Menschen. Nichts auf all unser bedrucktes Papier. Nichts auf die kurze Spanne unserer aktuellen Wirklichkeit. Wir alle sind nur Schatten eines Traums."

Vor allem das Nichtschulmäßige, Ungezähmte, Widerspruchsvolle an Lessing war seine Stärke. Genial war er in seinen Charakterstudien, oder besser noch: in der bis heute so brach liegenden Kunst der literarischen Karikatur, die - außer ihm - vielleicht nur noch Kurt Tucholsky so meisterhaft beherrschte. Elisabeth Lenk zufolge ist Lessing das gelungen, "was den seriösen Literaten, die ihn verachteten, misslang: unbefangen und spielerisch fast die [gesamte] deutsche Gesellschaft an ihren empfindlichsten Punkten zu treffen: am Punkt des fühllosen und daher letzten Endes geistlosen Geistes und am Punkt der geistverachtenden bieder-brutalen Macht. [...] Seine Psychologie ist ein Skalpell, das aber nicht zerstört, sondern genau die Linie des Krebsgeschwürs Zivilisation nachzieht, da wo es ins Leben eingelassen ist. Er interessiert sich für die geheimen Triebfedern und Hintergründe des gesellschaftlich-geschichtlichen Handelns. Anders als die Psychoanalyse, von der Lessing schon damals kritisch sagte, sie sei eine Methode, die Widerstände gegen die gesellschaftliche Anpassung abzubauen, interessierte Lessing sich für die Verheerungen, die verselbständigte Form des Geistes und der Vergesellschaftung in lebenden Menschen anrichten. [...] Er zeigt die Verkrüppelungen der Normalität. Er schildert einzelne, die an ihr leiden, Typen, die den Widerstand aufgegeben haben. Der Karikaturist Lessing öffnet die Augen da, wo man sie üblicherweise schließt."

Die Tragik des janusköpfigen Denkers Lessing war es, dass er an die Form eines Denkens gebunden blieb, das er zutiefst verabscheute. Seine Kritik macht ihn, wie Maren Witthoeft mit Recht anmerkt, "zu einem modernen, wenn auch phasenweise widersprüchlichen und Widerspruch hervorrufenden Denker". Als Kulturpessimist und Zivilisationskritiker rekurrierte Lessing auf die Unmittelbarkeit und Ursprünglichkeit in einer dekadenten, lebensfeindlichen Welt. Parallel dazu kritisierte er die assimilierten Juden Westeuropas als Vorreiter einer intellektuellen Moderne, die ihm suspekt war, an der er jedoch selbst kräftig mitschrieb. Es ist Barbara Beßlich zuzustimmen, wenn sie darauf verweist, Lessing sei "weder ausschließlich der Gegenaufklärung und dem Antimodernismus zuzuordnen noch uneingeschränkt als Streiter gegen rechts in der Weimarer Republik zu kategorisieren". Wie so häufig, liegt die Wahrheit auch hier irgendwo in der Mitte. Weit bedenklicher ist jedoch, dass Theodor Lessing - selbst siebzig Jahre nach seinem Tod - noch immer keine feste Größe im wissenschaftlichen Diskurs über jüdische Intellektualität im 20. Jahrhundert ist. Es ist dringend geboten, dies zu ändern.

Titelbild

Theodor Lessing: Bildung ist Schönheit. Autobiographische Zeugnisse und Schriften zur Bildungsreform.
Herausgegeben und eingeleitet von Jörg Wollenberg unter Mitarbeit von Ruth Schwake und Helmut Donat.
Donat-Verlag, Bremen 1995.
263 Seiten, 15,40 EUR.
ISBN-10: 3924444846

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Theodor Lessing: Wir machen nicht mit! Schriften gegen den Nationalsozialismus und zur Judenfrage.
Herausgegeben von Jörg Wollenberg unter Mitarbeit von Helmut Donat.
Donat-Verlag, Bremen 1997.
312 Seiten, 15,40 EUR.
ISBN-10: 3931737160

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Kein Bild

Theodor Lessing: Theater-Seele und Tomi melkt die Moralkuh. Schriften zu Theater und Literatur.
Herausgegeben von Jörg Wollenberg unter Mitarbeit von Helmut Donat.
Donat-Verlag, Bremen 2003.
394 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-10: 3934836607

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch