Systemtheoretische Kunsttheorie

Neue Perspektiven aus dem Passagen Verlag

Von Oliver JahrausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Jahraus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Geschlossenheit ist die Voraussetzung für Öffnung, Trennung die Voraussetzung für Verbindung, Differenzierung die Voraussetzung für den Vergleich. Mit solchen paradoxal anmutenden Prämissen startet die Systemtheorie Luhmannscher Provenienz ihr Projekt, das auf der Basisunterscheidung von System und Umwelt beruht. Allen drei hier zu besprechenden Bänden geht es nicht nur um Kunst und nicht nur um eine neue kunsttheoretische Beschreibung von Kunst, sondern vielmehr um das Verhältnis von Kunst und Kunsttheorie. Sie betreiben Kunsttheorie systemtheoretisch, d.h. sie begreifen die system-theoretische Kunsttheorie als das eine System, die Kunst selbst als das andere System.Beide Systeme sind jeweils füreinander Umwelt. Und wenn Kunsttheorie systemtheoretisch betrieben wird, so geht es um die systemtheoretische Differenz von Kunst und Kunsttheorie.

Der Passagen-Verlag zeichnet sich seit Jahren durch Veröffentlichungen aus dem Bereich avancierter Theorie aus und hat neben der Dekonstruktion mittlerweile die Systemtheorie, aber auch prinzipiell avancierte Theorieangebote aus den Bereichen Kunst und Medien publik gemacht. Die drei genannten Bände liegen auf einer Linie, die durchaus als Verlagsstrategie bzw. -profil angesehen werden darf. "Art & Language & Luhmann" hat daher fast schon programmatischen Charakter, und was sich dahinter verbirgt, ist exemplarisch für die Bemühungen, für die Theorieanstrengungen von Autoren, die im Passagen-Verlag veröffentlichen.

Der genannte Band dokumentiert eine Veranstaltung aus dem Jahre 1995 im Kunstraum Wien, in dem nicht nur die Werke der britischen (in der Vergangenheit auch britisch-amerikanischen) Künstlergruppe Art & Language präsentiert wurden, sondern in deren Rahmen auch ein kunsttheoretisches Symposion stattfand, auf dem Künstler, auch Kunstwissenschaftler und ebenso Luhmann selbst zu Wort kamen und sich zur Theorie der Kunst bzw. ihrer Kunst äußerten.

Art & Language ist ein Musterfall für das Diktum, daß avancierte Kunst immer schon durch ein Höchstmaß an Kunsttheorie, an Theorie überhaupt, charakterisiert ist. Galt dies in besonderer Weise schon für die Konzeptkunst der späten 60er und der 70er Jahre, so gilt dies noch wesentlich verstärkt für Art & Language, die sich aus der Konzeptkunst entwickeln haben, aber einen eigenständigen Weg gehen. Das führt so weit, daß die Differenzierung zwischen Kunst und Theorie als Spielmaterial verwendet wird, um daraus Kunst zu produzieren, zum Beispiel wenn kunsttheoretische Texte selbst als Kunstwerke ausgestellt werden.

Die Grenzen zwischen Kunsttheorie und Kunst, zwischen Theorie und Praxis der Kunst scheinen sich produktiv zu vermischen. Das ist die scheinbar ideale Aus-gangssituation, in der das Verhältnis systemtheoretisch in den Blick genommen wird, denn Systemtheorie versteht sich als universalistische Theorie und somit auch als Theorie über Kunst. Nun gilt es allerdings zu beachten, daß Systemtheorie Kunst und Theorie gerade trennt, um sie zu verbinden, daß Systemtheorie Kunst als ein soziales, aber autonomes und deswegen geschlossenes System betrachtet, um seine spezifische Funktion gegenüber anderen Systemen und seine Leistung gegenüber dem Gesamtsystem der Gesellschaft zu rekonstruieren. Und damit steht und fällt die systemtheoretische Kunsttheorie.

Die Situation ist vergleichbar mit dem konstruktivistischen Witz, demzufolge man von einem Kunstbetrachter, der über ein Kunstwerk spricht, viel über ihn selbst, wenig aber über das besprochene Kunstwerk erfahren könne. So zeigen die beiden Aufsätze von Luhmann sehr deutlich, daß er am Beispiel der Kunst seine eigene Systemtheorie weiter entfaltet, ohne einen spezifisch ästhetischen Kunstbegriff zu entwickeln, während andere Beiträger des Bandes ihre eigene Kunst lediglich verbalisieren oder Kunstgeschichte nachliefern. Lediglich kunstwissenschaftlich versierten Autoren wie Thomas Dreher oder Peter Weibel gelingt ansatzweise eine theoretisch anspruchvolle Rekonzeptualisierung (bei Dreher unter dem Stichwort Kontextreflexivität, bei Weibel unter dem Stichwort indexikalische Beobachterrelativität), ohne die Eigenqualität von Kunst aus den Augen zu verlieren. Symptomatisch dabei ist, daß gerade diese beiden Autoren das Wechselverhältnis zwischen der Materialität des Kunstwerkes und seinem Kontext fokussieren.

Dieses Defizit darf man allerdings nicht vorschnell als Vorwurf an die Systemtheorie mißverstehen. Die Eigenqualität von Kunst, sozusagen ihre immanente Ästhetik, ist Sache der Kunst selbst, nicht der Theorie; sie wird über einen systemimmanenten Code geregelt. Die Probleme, die die Systemtheorie hat, diesen Code zu bestimmen, als schön/häßlich oder stimmig/nicht stimmig zum Beispiell, zeigt die engen Grenzen des systemtheoretischen Zugriffs. Systemtheorie kann Kunst eben nur als System und nur als soziales System und nicht beispielsweise als ästhetisches Phänomen behandeln. Und nur insoweit interessiert sich Systemtheorie überhaupt für Kunst, wie es Luhmann auch zu Beginn seiner großen Monographie "Die Kunst der Gesellschaft" deutlich macht.

Wie gesagt, Systemtheorie wäre nicht Systemtheorie, wenn diese Grenzen nicht zugleich andere Perspektiven bzw. Theorieoptionen eröffnen würden. Und diese liegen in der Fähigkeit der Systemtheorie, ein ungeahntes Potential der Rekonzeptualisierung zu bieten, das am Beispiel von Kunst ideal genutzt werden kann. Das machten der Band von Krieger und der Sammelband von Weber (in dem Krieger auch - quasi mit einer Quintessenz seiner Monographie - vertreten ist) deutlich.

Gemeinsam ist diesen Ansätzen, Kunst als soziales System - und soziale Systeme bestehend aus Kommunikation - zu konzipieren. Und Kommunikation wiederum wird mit Gregory Bateson verstanden als ein Unterschied, der einen Unterschied macht, also als Differenzierung und Markierung einer Information in einem Medium, wie dies vor allem Krieger umfassend ausführt. Damit wird mehr oder weniger explizit ein antiontologischer und antiessentialistischer Impetus verfolgt. Ein Kunstbegriff wird nicht durch eine Wesensdefinition gewonnen, sondern durch Rekonstruktion einer sozialen Kommunikationspraxis, die im Prozeß jeweils aktuell bestimmt, was als Kunst gesellschaftlich und kommunikativ zu gelten hat, gelten kann und auch nicht gilt.

Man muß dabei vorausschicken, daß überall dort, wo Systemtheorie in Anschlag gebracht wird, sich zahlreiche Stellen finden lassen, wo Hüter der 'reinen Lehre' Abweichungen von Luhmanns Systemtheorie feststellen könnten. Luhmann hat seine Theorie niemals als Dogma verstanden, Abweichungen sind grundsätzlich möglich. Luhmann selbst ist übrigens immer wieder von seiner Linie abgewichen, gerade auch im Rahmen der späteren Kunstpublikationen, wo er im Falle des Kunstsystems von einer "Verlagerung von Kommunikation in die Wahrnehmungsebene" ("Art & Language & Luhmann") spricht. Abweichungen sind also danach zu bewerten, ob hierbei nur eine unscharfe Begriffsverwendung vorliegt, die hinter die Präzision der Systemtheorie zurückfällt, oder ob es sich um innovative Theorieentwicklungen selbst handelt. Betroffen hiervon sind in erster Linie der System-, der Kommunikations- und der Medienbegriff. In den Beiträgen von S. J. Schmidt, R. Jokisch oder St. Weber sind diese Abweichungen schon durch veränderte Theorieentscheidungen vorgegeben.

Schmidt verfolgt einen stärker konstruktivistisch ausgerichteten Ansatz, der Kunst als selbstorganisierendes und interagierend aktantenbasiertes Kommunikationssystem beobachtet. Jokischs Ansatz nennt sich distinktionstheoretisch und setzt erkenntnistheoretisch bei grundlegenden Beobachtungsoperationen an: Kunst prinzipiell als Beobachtungsresultat. Im Gegensatz zur Technik zeichnet sich Kunst als gesellschaftliches Handlungssystem nicht durch Mittelrationalität, sondern durch ihren Selbstzweck gegenüber der Gesellschaft aus. Und Weber fragt im Rahmen seines kontexttheoretischen Ansatzes nach den Evolutionsbedingungen von Kunst und kommt zu dem negativen Befund, daß Kunst eher der Fremd- als der Selbststeuerung unterliege. - Während Schmidt auf der Basis der von ihm dargestellten sozial systemischen Prozesse gerade im Gegenteil meint, daß "uns zur Zeit und in absehbarer Zeit um 'die Kunst' [...] nicht Bange sein" muß ("Was konstruiert Kunst?"). Krieger versucht seine Überlegungen grundsätzlich systemtheoretisch abzustützen und muß daher ein systemtheoretisches Basisvokabular entwickeln, das an markanten Stellen, zum Beispiel schon am Systembegriff, von Luhmann abweicht. Allerdings bemüht er sich auch, anders als Luhmann, einen systematischen Zugriff auf Formen historischer sowie avancierter Kunst zu finden, wenn er zum Beispiel die Begriffe Ikone, Collage und Enviroment systematisch-systemtheoretisch umdeutet.

Krieger ist in dieser Hinsicht besonders bemerkenswert: Zum einen finden sich hier markante Abweichungen von Luhmanns Systemtheorie, zum anderen aber konfrontiert er die systemtheoretische Begrifflichkeit mit einer Vielzahl interessanter und zum Teil verblüffender theoretischer Kontexte. So behandelt er in seinem selbständigen Buch auch die Dekonstruktion eines Derrida, die zwei- und dreiwertige Zeichentheorie eines Saussure und eines Peirce, die kritische, ästhetische und negative Theorie eines Adorno und die Metaphysikkritik eines Heidegger. Man muß staunen, wenn man bei Krieger liest, daß er das Dilemma einer kritischen Theorie, nämlich für die Kritik keinen Ort außerhalb des Kritisierten einnehmen zu können, mit der Metaphysikkritik Heideggers beantwortet, indem er die Heideggersche Begrifflichkeit in die "Sprache der Kommunikationstheorie" übersetzt ("Kommunikationssystem Kunst"). So wird aus der "Lichtung" der "Code", aus der "Verbergung" das "Rauschen", aus der "Welt" die "Redundanz" und aus der "Gestalt" die "Information". Und Kommunikation selbst ist das "Geschehnis der Wahrheit als aletheia, das heißt Un-Verborgenheit". Ob damit wirklich schon "ein Schritt im System aus dem System heraus" gegenüber der kritischen Theorie gelungen ist, wird man nur bejahen können, wenn man gleichzeitig bereit ist, die Welterschließung durch die Kunst als Informationskonstitution in der Kommunikation zu verstehen.

Wie dem auch sei, überraschend deutlich wird, daß alle systemtheoretischen An-sätze in der Folge von Luhmann sich der Kunst nicht als eines beliebigen Kommunikationssystems unter anderen nähern, sondern durchweg versuchen zu zeigen, daß Kunst ein paradigmatisches, exemplarisches und doch auch Ausnahmesystem ist, in jedem Fall eine besondere Stellung im jeweils fokussierten sozialen Kontext einnimmt. Wo man der Kunst zugesteht, daß sie einerseits ein spezifisches System sei, ihr andererseits aber auch unterstellt, daß sie eben ein System nach dem generellen Muster von Autopoiesis, der Selbstreproduktion aus sich selbst heraus sei, wird man an eine Idee erinnert, die schon im Schillerschen Begriff der Heautonomie, der Gleichzeitigkeit von Freiheit und Gesetzmäßigkeit in der Selbstgesetzgebung der Kunst angelegt ist. Immer jedoch stößt man auf die Idee, daß Kunst dasjenige System sei, in dem performativ präsent ist, was sich eben nicht (re)präsentieren läßt, was jedem System vorausgeht, nämlich die Totalität von Welt als absolutes Medium.

Hat man die metaphysikkritischen Kontexte von Heidegger und Derrida aufgerufen, kann man sich fragen, welche Bedeutung überhaupt der Kunst im Gegenüber menschlichen Denkens, abendländischer Rationalität und Theoriebildung zuzusprechen sei. Hier scheint wieder einmal, wenn auch in systemtheoretisch fundierter Formulierung, die Idee von der Kunst als dem großen Contre-discours auf, der das Unsagbare zumindest zeigen kann. Kunst legt damit - wie Krieger mit Heidegger ausführt - das Welten der Welt offen, das heißt: Sie erschließt die Totalität von Welt als totalen Erfahrungs- und Sinnhorizont.

Daraus mag man einen Eindruck gewinnen, wie anregend solche Theorie über Kunst sein kann. Und hier hat die Systemtheorie recht: In solche Kontexte kann sich die Kunst selbst nicht setzen, hierzu bedarf sie unabdingbar der Theorie; unter systemtheoretischen Vorzeichen - das demonstrieren alle hier genannten Texte - treten somit Kunst und Theorie in ein produktives Komplementärverhältnis: Wenn Kunst das, was keine Theorie aussprechen kann, darstellt, dann braucht sie eben deshalb die Theorie, die genau diesen Sachverhalt ausspricht.

Gleichzeitig wird vielleicht die Richtung ersichtlich, in die eine zukünftige Kunsttheorie gehen kann. Denn wo sich die Beiträge um eine historische Rekonstruktion (Luhmann) wie auch um eine Prognose der Kunstevolution (Weber) bemühen, wird deutlich, daß man die spezifische und zugleich universalistische Funktion der Kunst, zum Beispiel Welterschließung (Krieger), nur beobachten kann, wenn man der Kunst einen entsprechenden Medienbegriff unterlegt. Alle Beiträge verwenden einen mehr oder weniger deutlichen Medienbegriff, der zwischen einem technischen Medium und dem Sinnhorizont der Welt als Medium changiert. Hier zeigt sich, daß ein Schwerpunkt künftiger Theorieentwicklungen in der Konvergenz von Kunst- und Medientheorie liegen kann oder sogar muß.

Titelbild

Institut für soziale Gegenwartsfragen Freiburg (Hg.): Art & Language & Luhmann.
Passagen Verlag, Wien 1997.
232 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 385165272X

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Titelbild

David J. Krieger: Kommunikationssystem Kunst.
Passagen Verlag, Wien 1997.
183 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3851652851

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Kein Bild

Stefan Weber (Hg.): Was konstruiert Kunst? Kunst an der Schnittstelle von Konstruktivismus, Systemtheorie und Distinktionstheorie.
Passagen Verlag, Wien 1999.
151 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3851653572

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