Effekte der Selbsthistorisierung

Anmerkungen zum "Internationalen Germanistenlexikon"

Von Steffen MartusRSS-Newsfeed neuer Artikel von Steffen Martus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das "Internationale Germanistenlexikon" hat die Germanistik in die Schlagzeilen gebracht. Dies allerdings nicht, weil hier mehr als 2250 Seiten die Leistungen des Fachs dokumentieren, sondern weil das Lexikon die NSDAP-Mitgliedschaft von Literaturwissenschaftlern ans Licht bringt, von denen man dies am wenigsten erwartet hätte. Die Rede ist vor allem von Walter Höllerer, Initiator des Literarischen Colloquiums Berlin, von Peter Wapnewski, Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, und von Walter Jens, dem intellektuellen Gewissen der BRD.

Was zeigen diese Funde und das Medienecho? Zum einen, wie wichtig dieses Lexikon für die historische Aufarbeitung und für das Verständnis der Germanistik sein kann, zum anderen, wie schwierig der Umgang mit den dargebotenen Daten ist. Denn die Parteimitgliedschaft in der NSDAP allein sagt noch wenig aus, so wie der umgekehrte Fall noch nicht die ideologische Unbedenklichkeit belegt. Wie vorsichtig man mit generellen Aussagen sein sollte, zeigen gerade die jüngsten Forschungsergebnisse: Der hervorragende Band "Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus", den Holger Dainat und Lutz Danneberg herausgegeben haben, führt vor Augen, welche Handlungsspielräume es gab und welchen Repressionen das Wissenschaftssystem ausgesetzt war. Soviel ist klar: Die Geisteswissenschaften und eben auch die Germanistik bildeten alles andere als ein Widerstandsnest - im Jahr der "Machtergreifung" war für die meisten Germanisten die Welt in Ordnung. Aber zwischen einer bedingungslosen Eingliederung ins Nazi-Regime stand die Eigenlogik der Wissenschaften und ihrer Institutionen, die weder von den anpassungswilligen Wissenschaftlern noch von den Politikern einfach so übergangen werden konnte.

Einerseits ist die fokussierte Medienaufmerksamkeit auf das Germanistenlexikon bedauerlich, weil dessen enorme Leistung sicher nicht primär in einer Art investigativer Wissenschaftshistoriographie steckt. Andererseits sind die Fachgeschichtsschreibung der Germanistik und die Geschichte der Literaturwissenschaft während der Zeit des Nationalsozialismus schon immer miteinander verbunden gewesen: Das "Internationale Germanistenlexikon" entstand zwischen 1995 und 2002 an der "Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik am Deutschen Literaturarchiv in Marbach". Die Arbeitsstelle wurde 1972 eingerichtet und ist damit auch ein Effekt der Selbsthistorisierung der Germanistik im Zeichen einer ideologiekritischen Aufarbeitung der Disziplinengeschichte. Auf dem legendären Münchner Germanistentag von 1966 wurde unter der Federführung u.a. von Eberhard Lämmert und Karl Otto Conrady, der jüngst die Vorwürfe gegen Jens & Co. zurecht gerückt hat, die nationalsozialistische Vergangenheit angesehener Altordinarien ans Licht gezerrt. Benno von Wiese, damals Vorsitzender des Germanistenverbandes und zwischen 1933 und 1945 in allem möglichen NS-Gremien vertreten, replizierte: "Wo die Germanistik ihre bisherige Tradition so weit verrät, daß sie überhaupt keine Tradition mehr hat... - da hat sie sich selbst aufgegeben". Zur Ironie der Geschichte jedenfalls gehört, daß die Generation, die die wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung der Germanistik angestoßen hat, nun als letzte von den politischen Verwicklungen ihres Fachs im Dritten Reich eingeholt wird.

Die Einträge des Germanistenlexikons enthalten Informationen über die Biographie der einzelnen Persönlichkeiten, über deren Karrieren, über Lehrer- und Schülerverhältnisse sowie Angaben zur Literatur über die jeweiligen Persönlichkeiten und Hinweise auf Archivalien. Das Lexikon beginnt zeitlich mit der Institutionalisierung des Fachs nach 1800 und reicht bis zu jenen Germanisten, die bis 1950 ihr erstes Buch veröffentlicht haben. Diese nicht zuletzt pragmatisch motivierte Grenzziehung macht die Daten handhabbar. Die Frage, wann jemand germanistisch genug ist, um in ein Germanistenlexikon eingetragen zu werden, wird ausreichend offen angegangen. Zu den Germanisten gehören eben auch Romanisten wie Ernst Robert Curtius, Altphilologen wie Walter Jens, Psychologen wie Karl Bühler oder Philosophen wie Wilhelm Dilthey. Von den 12.000 als "Germanisten" identifizierten Personen wurden 1514 ausgewählt, und zwar nach den Kriterien der "Wissenschaftswirksamkeit" und der "Wissenschaftskritik". Die Wirksamkeit bemißt sich z.B. an den Publikationen oder dem institutionellen Einfluß, dem fachhistorischen oder zeitgenössischen Urteil über einen Germanisten; die kritische Leitorientierung sichert, daß Wissenschaft nicht nur über institutionelle Parameter definiert wird. Auf diese Weise sammelt das Lexikon Informationen über eine tatsächlich internationale Germanistik aus 44 Ländern - weniger als die Hälfte der Fachvertreter werden Deutschland zugerechnet.

Die Auswahlkriterien mußten offen sein, um die Bedeutung etwa von Privatgelehrten, Lehrern oder von einflußreichen Vertretern anderer Fächer angemessen zu verzeichnen. Flexibilität war darüber hinaus geboten, weil das Lexikon gezielt "Außenseiter" des Fachs rehabilitieren will. Auch dadurch sieht der Herausgeber Christoph König sein Vorgehen bei der Entlarvung von NSDAP-Mitgliedern gerechtfertigt: Er wußte um die Sprengkraft der Einträge und hat vor der Veröffentlichung mit allen Betroffenen Kontakt aufgenommen. In jedem der Fälle aber fühlt König sich den Emigranten verpflichtet, den Germanisten, die - wie etwa Hugo Kuhn, Paul Hankammer oder Bruno Markwardt - keine Parteimitglieder waren, und all jenen, die jahrelang ahnungslos mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zusammengearbeitet haben.

Das Lexikon konzipiert Wissenschaft als ein komplexes Gebilde von wissenschaftlichen, politischen, karrierestrategischen, künstlerischen oder anderen Interessen. Die personalisierte Form der wissenschaftshistorischen Datenordnung eröffnet zugleich Möglichkeiten der struktur-, medien- oder institutionengeschichtlichen Beobachtung der Germanistik. Für solche Fragestellungen ist nicht zuletzt die digitalisierte Fassung prädestiniert. Sie enthält 114 Artikel mehr als die Buchfassung, zieht die zeitlichen Grenzen weniger rigide und verzeichnet zudem noch weitere Informationen. Dazu gehören die zwar spärlichen, aber doch sehr wichtigen "Hinweise", die eine kurze Gesamtwürdigung, eine Art Wissenschaftlercharakteristik, bieten.

Durch die Suchmöglichkeiten der CD-ROM verbinden sich die personalisierten Daten netzwerkartig im Raster u.a. von Geschlecht, Konfession, Lehr- und Forschungsschwerpunkten, Institutionen und Berufswegen. Kartellbildungen, thematische Konjunkturen, soziale oder kulturelle Dispositionen lassen sich hier mit einiger Geduld und Findigkeit genauso erfassen wie typische Qualifikationswege, politik- oder auch religionsgeschichtliche Dimensionen der Fachentwicklung. Auch die Register der Buchfassung, geordnet nach Promotionen und Habilitationen, nach Wirkungsorten und Forschungsschwerpunkten, visualisieren die Strukturen der Wissenschaftsgeschichte. Selbst wenn das Lexikon gerade keinen Anspruch auf Repräsentativität erhebt, liegt damit doch ein außergewöhnliches und hervorragendes Instrument der Wissenschaftshistoriographie vor. Man muß allerdings die richtigen Fragen haben. Sonst bleiben die Artikel stumm.

Titelbild

Christoph König (Hg.): Internationales Germanistenlexikon 1800-1950. Drei Bände.
De Gruyter, Berlin 2002.
2500 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3110154854

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Christoph König (Hg.): Internationales Germanistenlexikon 1800-1950. CD Rom.
De Gruyter, Berlin 2003.
99,99 EUR.
ISBN-10: 3110175878

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Titelbild

Holger Dainat / Lutz Danneberg (Hg.): Literaturwissenschaft und Nationalsozialismus.
Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2003.
452 Seiten, 76,00 EUR.
ISBN-10: 3484350997

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