Unpolitisch politisch

Kurfürstin Luise Henriette von Brandenburg in einer Monographie von Ulrike Hammer

Von Pauline PuppelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Pauline Puppel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als seine Gemahlin starb, soll sich der Große Kurfürst tagelang in seinen Gemächern eingeschlossen haben; rasend vor Schmerz über ihren Verlust sei er in lautes Wehklagen und Weinen ausgebrochen; immer wieder habe er verzweifelt gerufen: "Oh, Luise! Was soll ich nur ohne Dich?" Wer aber war die Frau, um die Friedrich Wilhelm von Brandenburg so sehr trauerte? Um es gleich vorweg zunehmen: Ulrike Hammers Monographie ist keine Biographie der ersten Gemahlin des Kurfürsten. Sie versteht sich - wie der Herausgeber der Reihe, Horst Lademacher, in seinem Vorwort eigens betont - als 'Teilstudie', als 'Erläuterung oder Ergänzung' eines Teils der großen Ausstellung "Onder den Oranje Boom", die 1999 in Krefeld, Oranienburg und Het Loo präsentiert wurde. Die Verfasserin situiert ihre Darstellung, die als Magisterarbeit an der Universität Münster enstand, im Rahmen der Forschungen des niederländischen Einflusses in den Territorialstaaten des Alten Reiches, insbesondere in Brandenburg-Preußen. Hammer geht von der Frage nach der Rolle der Oranierin als Vermittlerin zwischen ihrem Heimatland und dem Land ihres Gemahls aus.

Bevor sich die Verfasserin ihrer eigentlichen Thematik zuwendet, werden drei Kapitel vorgeschaltet. Zunächst stellt sie die politischen und geographischen 'Voraussetzungen', den status quo der beiden so unterschiedlichen Staaten zum Zeitpunkt der Heirat des Großen Kurfürsten mit der ältesten Tochter des Statthalters und im folgenden Kapitel die beiden Dynastien vor, ehe sie jeweils auf Jugend, Erziehung und die verschiedenen Heiratspläne sowie schließlich die Hochzeit der beiden Protagonisten eingeht. Auf der Grundlage der 1995 edierten Tagebücher Wilhelm Friedrichs von Nassau-Dietz weist Hammer nach, dass die Heirat des Brandenburgers mit der Oranierin keine Liebesheirat war, weil Luise Henriette eine Liebesbeziehung mit Henri Charles de Trémoille hatte. Die Ehe von Luise Henriette und Friedrich Wilhelm, über die der Leser hier leider nichts weiter erfährt, wurde unter rein politischen Gesichtspunkten geschlossen: Der Große Kurfürst hoffte auf das oranische Erbe, der Statthalter auf die Unterstützung des Reichsfürsten gegen Schweden.

In einem exkursartigen Kapitel über das oranische Netzwerk in den deutschen Fürstenstaaten beschreibt die Verfasserin die Ehen von Luise Henriettes Geschwistern, insbesondere ihrer drei Schwestern. Denn die Verbindung Luise Henriettes mit Friedrich Wilhelm war eine von mehreren Beziehungen, die das Haus Oranien mit dem Reich verknüpfte. Die komplexen dynastischen Verbindungen lassen sich leicht durch die Stammtafel erfassen. Dort fehlt jedoch Johann Moritz von Nassau-Siegen. Der Großneffe des niederländischen Statthalters fungierte in Kleve als Statthalter der Brandenburger. Obwohl die Verfasserin festhält, dass er "unter dem Gesichtspunkt des niederländischen Einflusses im Kurfürstentum Brandenburg sicherlich sehr viel stärker [...] in die Nähe Luise Henriettes" rückt, widmet sie ihm kaum mehr als eineinhalb Seiten. Eine detailliertere Analyse seiner Rolle wäre jedoch wünschenswert gewesen.

Spät kommt Hammer zu ihrer eigentlichen Fragestellung. Ausgehend von der These, die Oranierin habe "ein Stück westeuropäisches, spezifisch niederländisches Know-how auf mannigfältigen Gebieten und ein Stück niederländischen Kunstsinns nach Brandenburg" gebracht, befasst sie sich mit dem direkten sowie mit dem indirekten Einfluss der Kurfürstin auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet; anschließend geht sie auf Luise Henriettes kirchenpolitische Maßnahmen ein und wertet abschließend ihre Teilnahme an innen- und außenpolitischen Entscheidungen. Luise Henriette beeinflusste den Bau des Oranienburger Schlosses und des Waisenhauses, wirtschaftliche Tätigkeiten in Neu-Cölln und den Kartoffelanbau. Indirekt wirkte sie auf Kunst, Kunsthandwerk und Kultur, auf Architektur, auf Handel, Manufaktur und Gewerbe, auf Wasserbau, Schifffahrt und Landwirtschaft. Hammer unterscheidet darüber hinaus zwischen unbewusster und bewusster Einflussnahme der Kurfürstin auf Kultur und Wirtschaft. Die standesgemäße Ausstattung ihrer Residenzen wertet die Verfasserin als unbewusste Vermittlung des neuen Kulturguts; zur bewusst angelegten Einflussnahme zählt sie den Zustrom niederländischer Arbeitskräfte, Facharbeiter und Bauern sowie den Erwerb verschiedenster Kunstgegenstände.

Hinsichtlich des innen- und außenpolitischen Handelns der Kurfürstin bleibt Hammer der Trennung von Dynastie und Politik verhaftet. Darüber hinaus legt sie einen klassischen Politikbegriff zugrunde und kommt zu dem Ergebnis, die Kurfürstin habe kaum Interesse, geschweige denn Anteil an der ,großen Politik' gehabt, vielmehr habe der Große Kurfürst selbständig gehandelt, und seine wachsende Bedeutung im internationalen Raum hätten die Einflussmöglichkeiten seiner Gemahlin zusätzlich begrenzt. Andererseits stellt Hammer jedoch fest, Luise Henriette habe sich für die Entscheidungen ihres Gemahls, den sie nach Möglichkeit auch auf den Kriegszügen begleitete, interessiert. Sie hebt hervor, dass die Kurfürstin ein ganz eigenes Engagement als Landesmutter entwickelt habe. Ohne weiter darauf einzugehen, erwähnt die Verfasserin den Briefwechsel der Kurfürstin mit dem Oberpräsidenten des Geheimen Rates, offen bleibt, weshalb sie - wie im übrigen auch ihre Schwägerinnen Hedwig Sophie von Hessen-Kassel und Luise Charlotte von Kurland mit dem engsten Vertrauten ihres Gemahls korrespondierte. Die 'unpolitische', an Politik nicht interessierte Kurfürstin verhandelte schließlich sogar aus eigenem Antrieb mit einem polnisch-litauischen Unterhändler um einen Waffenstillstand. Die Bewertung von Luise Henriettes politischen Aktivitäten - vor allem, weil sie scharf mit denen ihrer Mutter kontrastiert werden - bedürften also einer genaueren Analyse.

An die Schlussbetrachtung schließt sich ein 'Diskurs' (wohl: Exkurs) über die Frage nach der Niederländischen Bewegung an. Im Zentrum dieser Ausführungen steht die Rezeption der Oranischen Heeresreform durch Luise Henriettes Sohn, Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg, die Gerhard Oestreich bereits 1954 auf den Einfluss des Juristen Justus Lipsius zurückführte.

Die Frage, wer Luise Henriette von Oranien war, beantwortet Hammer nicht: Person und Persönlichkeit der Kurfürstin bleiben unscharf, undeutlich. Für eine Biographie hätte die Verfasserin Bestände in Den Haag und dem Landesarchiv Oranienbaum sichten sollen, was nach ihren eigenen Angaben den Rahmen der Arbeit gesprengt hätte. Ihr Erkenntnisziel richtet sich daher stärker auf die Rezeption der im Reich als vorbildlich geltenden niederländischen Kultur. Methodisch ist es jedoch zumindest fragwürdig, den Einfluss der Vereinigten Niederlande auf das Kurfürstentum an einem einzigen historischen Subjekt festzumachen. War die Ehe des Urenkels von Wilhelm von Oranien mit Luise Henriette tatsächlich der "Ausgangspunkt für einen weitreichenden Einfluss" der Niederlande auf Brandenburg? Stilistisch hätte die Studie durchaus einiger Überarbeitung bedurft; häufig reißt Hammer einen Sachverhalt an, um dann lapidar darauf hinzuweisen, dass "hier nicht davon zu handeln", "darüber an anderer Stelle zu handeln" oder "noch zu berichten" sei. Auch ein Personenregister hätte nicht geschadet. Insgesamt muss festgestellt werden, dass Hammer kaum zu neuen Erkenntnissen beiträgt. Abschließend sei daher die Frage erlaubt, ob anstelle einer Monographie ein Aufsatz nicht angemessener für die Veröffentlichung dieser Magisterarbeit gewesen wäre. Eine Biographie Luise Henriettes von Oranien wie auch eine der zweiten Gemahlin des Großen Kurfürsten, Dorothea von Holstein (1636-1689), stellen nach wie vor dringende Desiderate dar.

Titelbild

Ulrike Hammer: Kurfürstin Luise Henriette. Eine Oranierin als Mittlerin zwichen den Niederlanden und Brandenburg-Preußen.
Waxmann Verlag, Münster 2001.
168 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 383091105X

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