Zwischen politischem Wollen und dichterischem Können

Karl Gutzkows "Briefe eines Narren" und Ute Promies "Gutzkow als Pädagoge"

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Bände Gutzkow liegen vor, einer mit Texten vom Autor selbst, der andere enthält eine kritische Analyse der pädagogischen Ambitionen innerhalb seines Romanwerkes. Beide Texte verbindet ein vermeintlich unsichtbarer roter Faden, den es zu finden gilt - ist es doch der, der das Werk Gutzkows lesenswert macht.

Nachdem im Herbst letzten Jahres die "Briefe eines Narren an eine Närrin" schon im Kadmos Kulturverlag erschienen sind (vgl. Besprechung in literaturkritik.de 11/2003), war man auf die Neuedition im Rahmen des Projektes "Gutzkows Werke und Briefe" gespannt, galt es doch die in der dortigen Ausgabe als mangelhaft erkannten Aspekte nicht zu wiederholen, sondern diese zu korrigieren und offensichtliche Desiderate nachzutragen.

Um es gleich klar zu sagen, über die literarische Bedeutung des Gutzkow-Erstlings muss man eigentlich kein Wort verlieren - Literatur ist es nicht. Für ein Lesevergnügen ist es ebenso ungeeignet. Die Bedeutung des Buches liegt auf einer anderen Ebene.

Im Herbst des Jahres 1832 erschienen die "Narrenbriefe" Karl Gutzkows (1811-1878). Im Schatten des einflussreichen Literaturkritikers Wolfgang Menzel stehend wollte der junge Journalist Gutzkow sich mit seinem Buch in die aktuelle literarische Diskussion einmischen. Seine vielfältigen Bezüge auf das Zeitgeschehen und die Zeitgenossen, die weder dem gegenwärtigen Leser noch Wissenschaftler unbedingt bekannt sind, legen beredetes Zeugnis davon. Zwar ist ihm kein literarisches Denkmal, noch auch nur ein passabel lesbares Buch gelungen, aber unvermutet entstand unter seinen Händen unbeabsichtigt ein kulturgeschichtlich relevantes Werk, das seine Bedeutung erst aus eben diesem kryptischen historischen und gesellschaftspolitischen Kontext gewinnt.

Für ein solches Projekt waren die Umstände 1832 günstig. Die seit 1819 greifenden Karlsbader Beschlüsse waren die Folie, vor denen dezidierte Zensurbestimmungen in die literarische, publizistische, philosophische und überhaupt gedruckte Produktion von Gedanken verhindernd eingreifen konnten. Gutzkows "Narren" waren anonym erschienen. Noch im Veröffentlichungsjahr wurde der Roman in Preußen verboten. Damit bietet er einen guten Ansatz, um eine Diskussion über Zensur zu thematisieren. Ebenso liefert er mit dem ausgebreiteten Figurenarsenal eine Vielzahl an Möglichkeiten, ein kulturhistorisches Fries des Jahres 1832 auszubreiten, Journalisten und Verleger, Literaten und literarische Aufsteiger, Parvenüs und zeitgenössische Kulturpäpste steigen aus den lose aneinandergereihten "Briefen" empor, um dem heutigen Leser in einem Wirrwarr der Personen zurückzulassen, die oft nicht einmal mehr bei dem Fachwissenschaftler als bekannt vorausgesetzt werden können.

Wie geht man nun editorisch mit diesem Textkorpus um? Was ist unentbehrlich, damit der Text dem Leser überhaupt ansatzweise einen wie auch immer gearteten Nutzen bringen könnte? Diese Frage ist eigentlich nicht zu beantworten, wenn sich der Editor nicht entscheidet, welche Art von Edition er vorlegen möchte. Denn dass es bei Gutzkows "Narren" nicht um eine Leseausgabe gehen kann, wird schon beim Überfliegen des Textes klar. Aber es ist ein kulturhistorisches Dokument und daher ist eine kritische und kommentierte Ausgabe unverzichtbar, sind der Bedeutungsebenen doch einfach zu viele. Bei der vorliegenden Edition handelt es sich eigentlich um eben einen solchen Editionstyp, um eine "kommentierte digitale" Edition, die den Ansprüchen eines kulturhistorisch interessierten Lesers gerecht werden sollte - zumindest theoretisch. Denn zwei Probleme tauchen bei der Lektüre des Bandes auf, ein praktisch-technisches und ein inhaltliches. Der Text liegt gedruckt vor, der Kommentar digital. Zum einen ist es gelinde gesagt unpraktisch, ein Buch zur Hand zu nehmen und nebenbei am PC den Kommentar zu den jeweiligen Textstellen zu suchen, sodass man den Text gleich am PC liest bzw. lediglich recherchiert und daher die Druckausgabe eigentlich überflüssig ist - außer sie hat einen beigegebenen Kommentarteil. Und gerade die "Narren" sind sicher einer der Bände, die auch als elektronische Edition ausgerecht hätten - Hauptsache recherchierbar. Dies ist bei einigen anderen Texten von Gutzkow anders. Sind Inhalt und Handlungsverlauf enger aneinandergebunden, weniger Zeitbezug und Kontextinformationen nötig, kann leicht auf das digitale Informationsgeflecht verzichtet werden oder dieses zu einen späteren Zeitpunkt unabhängig vom Leseprozess eingesehen werden - dies macht Sinn. Bei den "Narrenbriefen" hingegen wäre sogar eine Edition des Kommentarteils sinnvoller gewesen - auf den man nur als elektronisch vorhandenes "Work in progress" verwiesen wird. Leider ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder ein Kommentarkorpus zu den "Narren" noch zu dem Vorgängerband, den "Serapionsbrüdern", im Internet verfügbar. Man darf also gespannt sein, wie sich der Kommentarteil gestaltet. Ebenso wie die kooperative Zusammenarbeit zwischen Editoren und Lesern an einem Kommentar gedacht ist. Und ob es sich bei den "Narren" nur um eine oberflächliche, "Wissensschichten" aus Konversationslexika exzerpierte Reproduktion des Gutzkowschen Bildungshorizonts handelt, wie er sich etwa an anderer Stelle durch das Romanwerk zieht. Oder handelt es sich etwa um ein "wirklich komplexes" Werk?

Kann bei der Edition eine kulturwissenschaftliche und fächerübergreifende Perspektive eingefordert werden, liefert die Monographie von Ute Promies schon im Titel scheinbar genau diese Perspektive auf Karl Gutzkow, die man bei der Edition vermisst. Nicht der vermeintliche Romancier steht im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern Gutzkows pädagogische Konzepte. Inhaltlich wird vor allem auf Gutzkows Romane "Basedow und seine Söhne" (1838), "Die Söhne Pestalozzi's" (1870) und auf die "Zeitgenossen" (1837) zurückgegriffen. Die Intention der Monographie formuliert Promies in der Einleitung: "Sie [die vorliegende Arbeit, A. d. V.] versucht den Nachweis, daß Gutzkow zu den wenigen deutschen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts gehört, der - wenn man ihn genau liest - überraschend fortschrittliche Gedankengänge in Form seiner Romane und in seinen Essays entwickelt und vermittelt, die ein auch heute noch eindrucksvolles Bild von politischer Einsicht und Weitsicht liefern. Darüber hinaus weist sie nach, daß Gutzkow keineswegs nach 1850, wie bis heute in der Gutzkow-Forschung behauptet wird, von seinem ursprünglich progressiv-liberalen Gedankengut abwich, sondern bis in sein Spätwerk hinein an den politischen Anschauungen des Vormärz festhielt."

Anzuzweifeln bleibt dabei die sich auf Gutzkows politische Haltung beziehende Behauptung einer auch über die Restauration nach 1850 hinaus anhaltenden "liberalen" Weltanschauung. Zwar ist eine "liberale Kontinuität" an verschiedenen Stellen und auch nach 1850 bei Gutzkow nachvollziehbar, aber die vermeintliche Liberalität hatte sich in den 1850er und 1860er Jahren maßgeblich verändert. Zwar nutzte man die Begriffe Liberalismus immer noch um politische Sachverhalte und Positionen zu beschreiben, aber die Inhalte waren durch restaurative Konnotationen ersetzt worden. Diese begriffliche Veränderung wird bei der Beschreibung der Gutzkowschen Position gerne vernachlässigt.

Promies versucht der Kontinuität der liberalen Anschauungen Gutzkows auf dem Gebiet der Pädagogik nachzugehen und nimmt dabei die oben genannten Textbeispiele zu Hilfe. Dabei werden die "liberalen" Positionen Gutzkows nicht unbedingt als solche ersichtlich und das Fazit fällt dann auch in Hinblick auf die "modernen" Anschauungen Gutzkows differenziert aus: "Modern an Gutzkows Ansatz ist seine Forderung nach Werten, die über die Anpassung an das Vorgegebene hinausgeht. Dabei gibt er? weder der einen noch der anderen Seite recht. Die neuhumanistische Position, die über das Erlernen des Griechischen und Lateinischen 'bessere' Menschen erzielen möchte, kritisiert er als naiv. Über logische Denkprozesse allein schafft man noch keinen humanen Menschen. Und auch die Vermittlung humaner Werte, so wichtig sie für die Erziehung sind, macht eine Gesellschaft noch nicht humaner. Entscheidend ist die Einrichtung und Schaffung von Institutionen, die Menschen menschlich begegnen können. Die Institutionen des Staates, die ökonomische Ordnung der Gesellschaft lassen jedoch moralische Prinzipien vermissen. Gutzkow fordert neben einer sittlichen Bildung als Lebensgrundlage der Gesellschaft, eine Art 'positive Religion', die das friedliche Zusammenleben aller Völker ermöglicht".

Gutzkows pädagogische Utopie wird von einer fiktiven "Weltreligion" getragen. Es ist nicht mehr die freie Idee, die es an den restaurativen Kräften vorbei zu schmuggeln gilt. Von den liberalen Ansichten war nur noch der Begriff geblieben. Ein Umschwenken, wie man es schon bei der Lektüre seiner Schriften nach der Mannheimer Festungshaft 1835 bemerken könnte und das spätestens mit der Aufnahme einer verstärkten Dramenproduktion (ab 1842) sich manifestierte. Er sollte die Entwicklungen seiner Mitstreiter im vormärzlich-präsozialistischen Lager nach 1835 nicht mehr mitmachen. Gutzkow argumentierte mit seinen pädagogischen "Schriften" vielleicht zufällig "auf der Höhe seiner Zeit" (289), aber was er sicherlich tat, war auf der Höhe "seiner Selbst" zu argumentieren: "Frankreich hat jetzt die Sucht, neue Philosophien und neue Gesellschaften zu bauen. Die ersten sind geistlos, wie können die zweiten richtig sein? Geistlos ist dies Schematisiren der Stände, der Beschäftigungen, der Arbeiten und des Lohnes, das die Communisten von St. Simon und Fourier geerbt haben. [...] Ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich habe diese moderne, socialistische Philosophie Frankreichs einen veredelten Materialismus genannt. Ich nenne sie einen Materialismus, der sich auf Genußsucht begründet, und leite diese aus dem französischen Charakter her."

Seine "Grundsätze" modifizierte er schon unmittelbar nach der existenziellen Festungshaft 1835 - und es waren wohl später eher die materiellen als die ideellen Zwänge, die seine Feder bestimmten. Daher ist es mindestens die Behauptung im Schlusswort, Gutzkow sei "einer der wenigen Schriftsteller, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 ihren gesellschaftspolitischen demokratischen Grundsätzen treu geblieben sind", der mit Skepsis zu begegnen ist. Nichtsdestotrotz breitet der Band mit den Ausführungen zu den pädagogischen Positionen Gutzkows den "kulturwissenschaftlich interessanten" Gutzkow vor dem Leser aus - ein Panorama, das nicht nur die Gutzkow-Begeisterten interessieren könnte.

Titelbild

Karl Gutzkow / Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin. Karl Gutzkos Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Erzählerische Werke: Band 1.
Herausgegeben von R. J. Kavanagh.
Oktober Verlag, Münster 2003.
218 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 393579262X

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Karl Gutzkow / Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin. Karl Gutzkos Werke und Briefe. Kommentierte digitale Gesamtausgabe. Erzählerische Werke: Band 1.
Herausgegeben von R. J. Kavanagh.
Oktober Verlag, Münster 2003.
218 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 393579262X

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