Folgenreiche Freundschaft

Josef Rattner und Gerhard Danzer über "Österreichische Literatur und Psychoanalyse"

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Psychoanalyse und Literatur" - vielleicht die folgenreichste "Freundschaft" in der deutschen Literaturgeschichte. Denn bekanntlich hat nicht nur Freud bei der Ausbildung seiner revolutionären Theorie von Beginn an von seiner literarischen Bildung profitiert und in den Dichtern die "Vorläufer" und "Bundesgenossen" seiner Tiefenpsychologie erkannt. Auch die Autoren der sich um 1900 gleichzeitig mit der Psychoanalyse konstituierenden Literarischen Moderne haben rasch begriffen, welche folgenreiche Neuerung da im Wiener Hexenkessel ihre Geburt erlebte und welch anregender Schatz an Wissen und Techniken ihnen mit einem Mal zur Verfügung stand.

Es dürfte nur wenige Autoren in der ersten Jahrhunderthälfte gegeben haben, die sich nicht mit Freuds "Traumdeutung", seinen Fallgeschichten von Hysterikerinnen und Neurotikern und seinen Theorien über das "innere Ausland", das Unbewußte, auseinandergesetzt haben. Von Hofmannsthal bis Thomas Mann, von Kafka bis Brecht - alle haben sie Freuds Theorie rezipiert. In den Ergebnissen decken die individuell sehr verschieden verlaufenden Freud-Rezeptionen das ganze Spektrum von begeisterter Zustimmung (zum Beispiel Leonhard Frank und Stefan Zweig) über Bewunderung, Respekt, Skepsis und Kritik ab - bis hin zu Diffamierung und schroffer Ablehnung (Karl Kraus). Dementsprechend wäre die Freud-Lektüre für jeden einzelnen Autor als individueller, dynamischer, lebenslanger Rezeptionsprozeß zu beschreiben.

Zwei Grenzgänger zwischen Literatur und Psychologie, Josef Rattner und Gerhard Danzer, haben einen Sammelband zum Thema "Österreichische Literatur und Psychoanalyse" herausgegeben und zum überwiegenden Teil die "literaturpsychologischen Essays" beigesteuert. Lediglich der Aufsatz über Stefan Zweig stammt von Alfred Lévy, der über Elias Canetti von Irmgard Fuchs. Die Frage der Herausgeber lautet, "wieweit die Psychoanalyse in der Literatur Österreichs gründet und in ihr widergespiegelt wurde". Was in den Aufsätzen über Schnitzler, Rilke, Musil, Kafka und anderen als Antwort erfolgt, enttäuscht allerdings. Zwar hüten sich die der Psychoanalyse nahestehenden Herausgeber vor Pathologisierungen, wie sie in ähnlichen Arbeiten üblich sind; mitunter schlagen sich die Herausgeber sogar ganz auf die Seite der Literatur und zitieren zustimmend etwa Karl Kraus' polemische Bemerkungen über Freud. Da zeigt sich vielleicht die offenkundige Nähe der Herausgeber zur Adlerschen Individualpsychologie. Doch profitieren kann von den Aufsätzen wohl nur, wer von den genannten Dichtern noch nichts weiß, da sie eher "einführenden Bemerkungen zu Leben und Werk" gleichen und eines jedenfalls nicht sind: originäre Forschungsbeiträge.

Was die einzelnen Dichter mit der Psychoanalyse zu tun haben, erfährt man kursorisch auf zwei, drei Seiten; gelegentlich, wie bei Musil, beschränkt sich das Werk auf wenige Allgemeinplätze. Die Ergebnisse der Herausgeber gehen an keiner Stelle über längst Bekanntes hinaus; auch die zu den einzelnen Autoren und ihrer Freud-Rezeption andernorts vorliegenden Forschungsergebnisse scheinen größtenteils ignoriert worden zu sein. Erklären läßt sich das Niveau der Aufsätze, wenn man versucht, das Zielpublikum zu rekonstruieren. Denn auf das wissenschaftliche Publikum zielen die Herausgeber offensichtlich nicht. So schreiben sie über die Karl-Kraus-Forschung: "Von den zahlreichen Dissertationen, die über den bedeutenden Satiriker, Polemiker und Sprachkünstler erschienen, soll hier kaum die Rede sein; sie gehören in das Interessengebiet der Berufsgermanisten, die schon seit Jahrzehnten das Werk von Kraus bis in alle Tiefen und Breiten zu durchwühlen bemüht sind." Dementsprechend sind diese Aufsätze wohl eher für den an Literatur und Psychologie interessierten Laien gedacht; ob sie ihm wirklich nützen, scheint jedoch fraglich. Wer sich wirklich für die ebenso komplexen wie spannenden Zusammenhänge zwischen Psychoanalyse und Wiener Moderne interessiert, dem sei die Lektüre von Michael Worbs aufregender (doch leider vergriffener) Studie "Nervenkunst" (Frankfurt am Main, 1988) empfohlen, in der nicht nur die literarischen Wurzeln Freuds freigelegt werden, sondern am Beispiel von Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus auch exemplarische Rezeptionsverläufe der Werke Freuds nachgezeichnet werden.

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Josef Rattner / Gerhard Danzer (Hg.): Österreichische Literatur und Psychoanalyse. Literaturpsychologische Essays.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1998.
326 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 382601510X

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