Vom Juwelenlesen

Zum 75. Geburtstag von Friederike Mayröcker

Von Peter ReichenbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Reichenbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Sonnenlicht aufwachen, blind zugreifen und "Magische Blätter" in der Hand halten, zufällig ein paar Stationsgefühle einstecken - Mängelexemplar war auf mein erstes Buch von Friederike Mayröcker gestempelt, als sei "Mängelexemplar" eine der verschrobenen Wortverquerungen Mayröckers. Dann ein paar Tage später: Sie auf einer Lesung in einem kalten Kunstsaal, in den sie so gar nicht hineingehörte. Die schwarzen Haare im Gesicht, liest sie mit dünner Stimme vor: "schwarz wie die Fahne der Anarchie". Leise, nichts übertreibend, eine Zeile hätte für den ganzen Abend gereicht, Lichter, die uns in schwarzen Nächten nach Hause bringen.

"beschriftetes Licht deine ungezügelten sprachen!" heißt es in dem Gedicht "Hermesbaby, Auspizium" von Thomas Kling. Es ist Friederike Mayröcker gewidmet. Ihr erstes Gedicht schrieb sie an einem Pfingsttag, nachdem sie einen plötzlich entflammten Dornbusch durch das Fenster beobachtet hatte. In der vergleichbaren Bibelstelle (AT 2. Mose 3) brennt der Dornbusch nicht wirklich, sondern es erscheint Moses der Heilige Geist. Epiphanisch muß dieses Erlebnis auch für Mayröcker gewesen sein: "weil ich davon überzeugt bin, daß ich aus mir selber nicht schreiben kann, sondern daß es eine Art Gnade ist, die man empfangen hat und die man immer wieder empfängt, wenn es gutgeht; da ist also dieser Glaube an den Heiligen Geist."

Bei Mayröcker heißt schreiben, "sich in die Sprache werfen", der Akt des Schreibens ist essentiell fürs Überleben. Da sitzt sie in Wien, in dem einzigen Zimmer, in dem sie schreiben kann, ("mein Elendsquartier"), übertürmt von Büchern, Manuskripten und Bildern und an den Kisten Zettel mit der Aufschrift "Tabu", vor sich die Schreibmaschine "Hermes Baby". Vergleiche auch hier wieder Thomas Kling in "Itinerar": "Die Gestalt Hermes, der die Sprache, den Botenstoff selbst, virtuos zündet".

Texte entstehen im Schlaf, im Träumen, die ersten Gedanken schon früh morgens im Halbschlaf notiert, mit fetten Großbuchstaben auf Papier, das immer neben dem Bett bereit liegt: "Ich, ahnungslos aus einer hermetischen Kindheit, ohne besondere Vorzeichen oder Vorzüge, entdecke eines Tages, wie unvorstellbar, wie ungeheuerlich: Ich schreibe meine eigene Poesie."

Auf das "automatisch Niedergeschriebene" ("écriture automatique") folgt das Ordnen, und es entstehen magische Blätter, irgendwo zwischen Surrealismus und Dadaismus; keinem der beiden Begriffe wirklich zuzuordnen. Die Verbindung zwischen Entstehung und Inhalt der Texte ist das Sehen, das Licht und dessen Schein, der, durch Mayröckers Neologismen und Metaphern eingefangen, in Wirklichkeit verwandelt wird: "Ja, ich erfasse alles nur durch die Augen, und vieles von dem, was mir auffällt, kann sich augenblicklich verwandeln in eine Metapher."

Daraus ergibt sich die Anforderung der Texte an den Leser: Keines der Gedichte ist vollständig ohne das Weitersehen und das Weiterspinnen der begonnenen Assoziationen. Nicht umsonst wurden immer wieder angemerkt, daß man die Werke Mayröckers nicht wirklich lesen könne. Vom "Aneignen" und "Juwelenlesen" ist da die Rede. Aussagen, die es dem Rezipienten nicht unbedingt leichter machen. Noch schwieriger wird es für alle, die zusätzlich nach einem ideologischen Überbau suchen, denn ein solcher wird sich ebenfalls nicht finden lassen.

Wie also soll man sich den Schriften Mayröckers nähern? Zwei Möglichkeiten erscheinen hilfreich: Einerseits denke ich, daß die zufällige Entstehung der Texte auch auf das Lesen übertragen werden kann, indem man eine Art von bewußter Ungezieltheit bei der Auswahl der Gedichte praktiziert und dem bereits erwähnten Mitassozieren und Mitsehen freien Lauf läßt.

Andererseits kann der Vergleich mit der ihr eigenen Art der Annäherung an Kunstwerke helfen: "Sowohl beim Besuch von Ausstellungen als auch beim Betrachten von Bildbänden, Katalogen oder Kunstpostkarten fresse ich mich in die Bilder hinein, die ich besonders liebe [...]. Dabei öffnet sich mir ein ungeheurer Horizont."

Viele Texte Mayröckers bauen auf anderen Kunstwerken auf oder werden von ihnen inspiriert; die Widmungen sind zentral für das Verständnis. Insbesondere im Roman "Heiligenanstalt" oder in den "Magischen Blättern I-IV" (die fünfte Folge erscheint in diesen Tagen) finden sich durchgehend Bezüge zu Künstlern und ihren Werken. Sie übersteigt hier die Rolle des Kritikers, der oft nur Vermittler, Animateur oder Nacherzähler sein kann, indem sie Poesie mit Poesie beantwortet. Auf diese Weise schafft es Mayröcker, die entstehende Spannung zwischen Werk und Wirkung transparent zu machen und zugleich die Vielschichtigkeit der Poesie offenzulegen, ohne ihr Geheimnis zu zerstören.

Ebenso vielschichtig ist ihr neuer Roman "brütt oder Die seufzenden Gärten". Die Ich-Erzählerin, ebenfalls Autorin, führt einen wechselseitigen Dialog mit unterschiedlichen Personen, selbst der Leser wird direkt angesprochen und erhält so das Gefühl, unmittelbar am Schreibprozess teilzuhaben. Alles, was hilfreich erscheint, ganz gleich ob Leserbrief, Telefonanruf oder ein Zitat aus einem Lieblingsbuch wird in dieses Dialoggeflecht eingewoben. In diesem heilvollen Durcheinander beginnt die Ich-Erzählerin sogar daran zu zweifeln, die eigenen Bücher selbst geschrieben zu haben, sie stellt ihre bisherige Arbeit und die Tatsache, ein Leben für das Schreiben geopfert zu haben, in Frage. Wie verstehe ich mein eigenes Schreiben scheint so die übergeordnete Frage zu sein - und wird mit einem Zitat von Paul Valéry beantwortet: "das ist vielleicht schon alles, das ist vielleicht schon das Ende, weil nämlich, wie Paul Valéry sagt, der wahre Schriftsteller 1 Mensch ist, der seine Worte nicht findet". Keine Systematisierung also, keine Formeln, die das Schreiben erleichtern oder erklären. Was bleibt, ist, mit den Worten zu ringen und sich dieser "Schreibarbeit" vollständig hinzugeben, "so als ob das Heil dieser Welt davon abhinge".

Friederike Mayröcker, 1924 in Wien geboren, veröffentlicht seit 1956 Prosa, Gedichte, Bühnentexte, Hörspiele, Kinderbücher. Durch Andreas Okopenko kam sie zur Wiener Gruppe. Durch Ernst Jandl fand sie zur experimentellen Literatur. Ihre erste Buchveröffentlichung war 1956 "Larifari", 1968 erhielt sie mit Ernst Jandl den Hörspielpreis der Kriegsblinden, es folgen über 70 Veröffentlichungen und zahlreiche Literaturpreise. Am 20. Dezember 1999 wird Friederike Mayröcker 75 Jahre alt.

Titelbild

Friederike Mayröcker: Brütt oder die seufzenden Gärten.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
350 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3518409948

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Gerhard Melzer (Hg.): Dossier Bd.14.
Verlag?, Graz 1999.
400 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3854205279

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Titelbild

Friederike Mayröcker: Magische Blätter V.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
120 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3518121383

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