Ein Sammelband von Bernd Scheffer und Oliver Jahraus untersucht die visuelle Wahrnehmung der Welt an filmischen Beispielen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Das ist ja wie im Film!", haben viele gerufen - angesichts der Bilder von den Anschlägen auf das World Trade Center und auf das Pentagon. Und wie auch sollten wir das, was im September 2001 in unzähligen Wiederholungen zu sehen war, überhaupt noch trennen von all den vielen, dazu passenden, eindrucksvoll realistischen Filmbildern, die schon Jahre vor dem 11. September 2001 in den Kinos und im Fernsehen verfügbar waren?

Der Band geht der Frage nach, ob öffentliche und private Handlungen überhaupt noch anders ausfallen können als irgendwie mediengerecht bzw. filmgerecht? Lehrt insbesondere der Film eine Art des filmischen Denkens, Fühlens und Handelns auch für die Realität? Kann sich denn überhaupt noch etwas Auffälliges in unserer Welt ereignen (vom Liebesglück bis zur gewaltsamen Katastrophe), das nicht in großen Teilen wie eine zitathafte Wiederholung filmischer Szenarien erscheint? Mag man sich andernorts noch darüber streiten, welche politischen Systeme nach der Weltherrschaft streben, eine spezielle Art der Weltherrschaft dürfte sich längst global etabliert haben: Die Weltherrschaft des Films.

Die einzelnen Beiträge dieses Buches bieten - auf verschiedenen Ebenen, anhand zahlreicher Beispiele, auch auf den 11. September bezogen - jeweils Überlegungen zur außerordentlichen Macht audiovisueller Medien, insbesondere zur der des Films, an. Explizit befasst sich der Eingangs-Beitrag mit dem, was mittlerweile häufig konstatiert, aber nur selten erklärt worden ist: mit den gravierenden Ähnlichkeiten zwischen vielen Hollywood-Filmen und aktueller politischer Wirklichkeit.

Film und Realität haben nicht nur periphere Bild-Ähnlichkeiten, sie haben darüber hinaus vielfältige Struktur-Identitäten. Zwar bleibt Bewusstsein grundsätzlich unsichtbar, aber mit Hilfe solcher "Bewusstseins-Filme" wie "Eyes Wide Shut" (1999), "eXistenZ" (1999) oder "The Cell" (2001), die in dem Band ausführlich besprochen werden, wird plausibel erfunden und zudem visualisiert, was Menschen 'sehen', wenn sie träumen und imaginieren, wenn sie sich erinnern. Der Film erlaubt eine Selbstbespiegelung der Wahrnehmung unter den phantastischen und narrativen Vorgaben des "Bewusstseinskinos". So wird also 'sichtbar', wie der Film visuelle Dispositionen der Wahrnehmung medientechnisch realisiert, um sie dann wiederum in die Weltwahrnehmung der Filmzuschauer zurückzuführen. Dabei wird jetzt nicht nur die Annahme von der medienvermittelten, medieninduzierten, medienkonstituierten Wirklichkeit, dieser Topos der Medientheorie bestätigt, sondern es werden zugleich die ästhetischen Dimensionen dieser Wechselwirkung verdeutlicht.

Indem der Film sein großes Repertoire an unterschiedlich komplexen Möglichkeiten, Zeichen zu setzen und zu verbergen, mit Zeichen zu spielen, nutzt, demonstriert er vor allem eines: dass man seinen eigenen Augen nicht trauen kann. Das zeigen die entsprechenden Beiträge an so prominenten Filmen wie "Fight Club" (1999), "Matrix" (1999) oder "Lost Highway" (1996) von David Lynch oder selbst an Medienabenteuern der Titelheldin im Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001).

Aber selbst bei Fernsehserien wie "Akte X", Comics wie "Donald Duck", bei Zeichentrickfilm(seri)en wie "Bugs Bunny" oder auch bei Computerspielen wird der Status der innerfiktionalen Realität nach filmischen Vorgaben und Mustern wahrgenommen und entsprechend beurteilt, wie der Band an den genannten Beispielen vielschichtig verdeutlicht. Dabei arbeitet der Band eine Pointe heraus, dass in fiktionalen Welten die dargestellte Realität umso realistischer erscheint, je deutlicher sie - nicht auf die Erfahrungsrealität des Rezipienten, sondern - auf filmische Inszenierungsmuster und auf Filmerfahrungen zurückgreifen kann.

Medienereignisse der Art, wie sie hier in diesem Band untersucht werden, ermöglichen und erfordern Wahrnehmungsformen, die uns dann für jede Welt- und Wirklichkeitserfahrung zur Verfügung stehen, die es vor allem auch erlauben, Subjektivität und Sozialität immer wieder aufs neue medial erfahrbar zu machen. Wirklichkeit wird im Medium neu erkannt und durch das Medium lässt sie sich manipulieren (mit allen Vorteilen und Nachteilen).

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeiter / innen der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

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Bernd Scheffer / Oliver Jahraus (Hg.): Wie im Film. Zur Analyse populärer Medienereignisse.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004.
256 Seiten, 17,50 EUR.
ISBN-10: 3895284580

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