Die Erkenntnis des Politischen

"Athen" und "Caesar" - zwei Monographien des Althistorikers Christian Meier über griechische und römische Staatskunst

Von Helge SchmidRSS-Newsfeed neuer Artikel von Helge Schmid

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Politische Geschichte hat etwas Verführerisches. Folgt man der Reihe der Ereignisse, scheint sich zumeist eins aus dem andern zu ergeben. Naheliegende Bedingungen sind rasch beigebracht; Gründe werden oft einfach dem Ablauf entnommen; selbst für ungewöhnliche Einschnitte scheinen Teilerklärungen auszureichen. Ist sie einmal in Gang gekommen, so waltet in ihr 'das Gesetz der erzählerischen Ordnung', nach Musil, wie man weiß, 'die bewährteste perspektivische Verkürzung des Verstandes'. Es entsteht allzu leicht eine Illusion des Verstehens."

Es ist kein Zufall, dass der Althistoriker Christian Meier sein "Athen"-Buch von 1993 mit der antiken Ansicht einer Triere, dem Relief Lenormant, eröffnete und diesem - wenige Seiten später - die Fotografie eines Nachbaus folgen ließ - mithin die Aufnahme einer Rekonstruktion des größten seetauglichen Kriegsschiffes der Griechen, denn Trieren waren "höchst raffiniert gebaute Schiffe eines schon früher entwickelten Typs, in dem die Ruderer in je drei Sitzreihen halb über-, halb nebeneinander angeordnet waren".

Ein verführerisches Bild des Verstehens und kein Zufall ist dieser Einstieg in eine Darstellung der griechischen Polis zum einen deshalb, weil Athens Kriegsflotte ein Schlüssel für seine Vormachtstellung um 500 v. Chr. war, zum anderen aber auch deshalb, weil es Meier in seinem gesamten wissenschaftlichen Werk immer auch prominent um Staatskunst gegangen ist, die kaum schlüssig symbolisiert werden kann als in der Steuerungskunst des "kybernétés", des griechischen Steuermanns einer Triere, der in herausgehobener Funktion und in für jedermann sichtbarer Sitzposition auf der Brücke die Geschicke seines Schiffes und seiner Mannschaft lenkte. Schon Platon erkannte in diesem Bild das Leitbild der politischen Führung eines Gemeinwesens und verglich die Staatskunst (die techné politiké) mit der Kunst der Steuerung eines Schiffes (der techné kybernétiké). Der Kybernétés als Staatsmann sollte dabei überlegenes Wissen (die episteme) besitzen und mobilisieren, um mit politischer Kunstfertigkeit das Ziel (das telos) des Gemeinwesens (der polis) anzusteuern und zu erreichen. Steuermannstopos und Schiffsmetaphorik sind seither wichtige Gemeinplätze politischer Regulierung im sozialen Raum und haben von Aristoteles über Gaius Iulius Caesar und Marcus Tullius Cicero bis hin zu Gerhard Schröder eher noch an Aktualität gewonnen denn eingebüßt: Dessen Politik der "Ruhigen Hand" entspricht der Steuermannskunst jedenfalls eher als die Politik des "Aussitzens" seines Vorgängers. Aber erst durch Norbert Wiener wurde der Terminus aus der Kybernetik 1947 in die Soziologie eingeführt und bezeichnet seither abstrakte Theorien der Funktionstechnik und Regelungsmechanik von Informationssystemen.

Nun aber Christian Meier: Für ihn bedeutet das Bild des Kybernétés auf der Brücke einer Triere noch ganz ursprünglich das Abwägen der Mittel, die der Polis ein gutes und sicheres Zusammenleben ermöglichen sollten. Zugleich aber wird der Münchener Althistoriker nicht müde zu betonen, dass die "Erkenntnis des Politischen" nicht einfach nur aus einem Bild zu erklären sei - und sei es so augenfällig wie eine Triere -, sondern dass sehr komplexe kulturelle Voraussetzungen gegeben sein müssten, damit ein Herrscher zur Herrschaft oder ein Volk zur Volksherrschaft "befähigt" würden. Und so erzählt jener Zeitraum, den Meier zum Ausgangspunkt seines Athen-Buches nimmt, zunächst einmal nur von einem unbedeutenden Dorf, dessen verspäteter Aufschwung im sechsten vorchristlichen Jahrhundert noch nichts von der späteren Bedeutung ahnen lässt, die diese Polis für die Entwicklung der attischen Demokratie einmal haben wird - oder welcher Zusammenhang ließe sich herstellen zwischen der Festkultur der Griechen, dem "mysteriösen Verhältnis" zwischen den Geschlechtern und der Knabenliebe, dem Schönheitskult und dem "Degout" gegenüber dem Älterwerden?

Licht und Schatten, Mythos und Ritus, Alltags- und Festkultur sowie die schwere Kunst, sich das Leben leicht zu machen - sie alle haben nach Christian Meier ihren Anteil an der historischen Bedeutung eines Volkes, dessen "Befähigung zur Demokratie" im fünften Jahrhundert im Willen zur Veränderung auch der eigenen Bürgerschaft deutlich wurde und einen vermutlich seltenen 'Wesenszug' darstellt. Derselbe 'Wesenszug', der mit der Kleisthenischen Verfassungsreform eine politische Ordnung verwirklichte, in der das Gleichgewicht der Kräfte durch Ausschaltung allzu mächtiger Persönlichkeiten gesichert werden sollte, führte dann aber auch zum "Vorwalten einer schlechten Politik" im vierten Jahrhundert und damit zu einer Politik, die Athen seine Seemacht kostete. Politische Planung und soziale Steuerung, so wurde hier deutlich, waren noch nicht in dem Maße bekannt oder institutionalisiert, dass die Polis gegen mangelnde Weitsicht oder mögliche Missbräuche seitens der politischen Führung geschützt werden konnte. Und Staatskunst war eher als akzidenzielles Moment der Politik gefragt, im Falle eines Krieges etwa oder bei größeren Planungen und Vorhaben der 'öffentlichen Hand', denn als Garant politischer Kontinuität. So zählte der Bau des Tempelbezirks auf der Akropolis zeitweilig zum Aufgabenbereich eines Kybernétés, doch war der Polisgemeinschaft insgesamt eine politische Regulierung des "oikos" auf lange Sicht, im Sinne von Wirtschafts- und Haushaltsplanung also, unbekannt.

Christian Meier zeigt daher in seinem Buch, wie überhaupt die Idee einer die Polis organisierenden Staatskunst entstehen konnte und wie sie durch aktives Handeln der großen Staatslenker der Antike modelliert wurde, mit Themistokles, Solon, Kleisthenes an der Spitze - bis hin zu Kleon und Nikias. Vom Sieg der Griechen über die Perser handelt er, wobei er das "Schlachtenglück", das den Griechen bei Salamis hold war, nicht nur auf die Kriegskunst von Themistokles und seinen "weit über alles Konventionelle hinausplanende[n] Verstand" zurückführt, sondern auch auf eine Reihe "struktureller Vorteile", die er im Verlauf seiner groß angelegten Studie herausarbeitet, dabei auch die literarischen Quellen berühmter Kriegsteilnehmer wie Sophokles und Aischylos auswertend.

Einen fundamentalen Wechsel der Verhältnisse brachten aber schon die Jahre von Solons Regentschaft, denn in seinem Archontat kam zum ersten Mal die Idee einer politischen Durchgestaltung der Gesellschaft zum Tragen. Solon, aus dem vornehmen Geschlecht der Medontidai stammend, galt als "Mann der Mitte". Er griff, "Gewalt und Recht zusammenfügend", tief in die Gesellschaft ein, schaffte die Schuldknechtschaft ab, ordnete Maße und Gewichte sowie die Münzwährung neu und erließ eine Reihe wichtiger Gesetze, vor allem im Familien-, Prozess- und Wirtschaftsrecht. Wichtiger aber noch: Er förderte bei den Athenern den Gedanken der "Verantwortung der Bürger für die Stadt" und dürfte somit überhaupt der erste uns bekannte "Bürger" Athens gewesen sein.

Auf Solon folgte eine Zeit der Tyrannis, bevor Athen durch Kleisthenes befreit und politisch reformiert wurde. Von jetzt an konnten breiteste Kreise, repräsentiert durch den neuen Rat der Fünfhundert, als Bürger fungieren und ihren Willen der Gemeinschaft kundtun. In der attischen Bürgerschaft regte sich "ein kräftiges politisches Interesse", sie wurde zu einem neuen Machtfaktor. Nach der Vertreibung seines konservativen Gegenspielers, des Archon Isagoras, verordnete Kleisthenes der politischen Ordnung eine funktionale Spezifizierung, die zweierlei zu leisten hatte - sie musste einerseits das gesellschaftliche Ganze im Sinne der "Gleichheitsordnung" (der isonomia) repräsentieren, und sie musste andererseits den ausgeprägten "Individualismus" der Athener überwinden respektive 'gestalten' und sich vor allem die gesellschaftlichen Eliten zu "Aktivbürgern" heranbilden, zu Bürgern also, die neben ihren intelligiblen Fähigkeiten auch eine 'politische Rollenkenntnis' haben und durch sie bestimmte integrierende Leistungen erbringen mussten. Denn der Volkssouverän blieb damals nicht, wie in heutigen Demokratien, auf eine bloße Teilnehmerrolle beschränkt, sondern war an den wichtigen Entscheidungen unmittelbar beteiligt.

Charakteristisch für Christian Meier ist - und das macht ihn auch für Literaturwissenschaftler interessant -, dass er sehr viel Wert auf die Interpretation literarischer Texte der Zeit legt, denn in ihnen sind deutliche "Hinweise auf die Veränderung Athens und der griechischen Welt enthalten". Beispielsweise diskutiert er Aischylos' "Orestie" und widmet der Uraufführung der "Antigone", die einen Kommentar zur Polis darstellte und Sophokles die Wahl zum "Strategen" eintrug, einige luzide Seiten, die an sein Buch "Die Entstehung des Politischen bei den Griechen" anschließen.

In seiner Caesar-Biographie stellt sich das Problem des Politischen von einer anderen Seite, und so eröffnet Meier seine Darstellung mit Caesars Entscheidung am Rubicon: Im Januar 49 überschritt der römische Feldherr und Konsul den Grenzfluss zwischen Gallia Cisalpina und Italia und löste damit einen Bürgerkrieg aus, an dem die Ordnung, die - wie Meier betont - man "eher war als hatte", zerbrach. Verloren ging damit "die Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Aufgehobenseins in einer im Kern unangezweifelten Ordnung".

Es war der Krieg eines Einzelnen um seiner selbst willen, der diese Krise auslöste, die "statt grundsätzlicher Opponenten Außenseiter produzierte", und so zitiert Meier mit Recht Jacob Burckhardts Wort, dem zufolge diese Zeit der Statthalterschaft Caesars die erste in der Weltgeschichte gewesen sei, die den Wettkampf bedeutender Persönlichkeiten zugelassen habe: "Was nicht groß war, das war doch charakteristisch, energisch, wenn auch ruchlos, nach großem Maßstab zugeschnitzt. [...] Alles Große aber sammelt sich in der wunderbaren Gestalt Caesars."

Christian Meiers Beschäftigung mit Caesar begann 1957 mit einem Aufsatz und gipfelte 25 Jahre später in diesem einsichtsvollen Buch, dessen Ideenreichtum Golo Mann im "Spiegel" würdigte und dessen lebendiger Stil nichts von seiner Brillanz eingebüßt hat, denn auch als Schriftsteller stand der lateinisch klare Caesar Pate. Mit der zweibändigen Sonderausgabe seiner Monographien "Athen" (1993) und "Caesar" (1982) ehrt der Siedler Verlag den vielleicht letzten Althistoriker von Format, einen Intellektuellen, der - Jahrgang 1929 - auch zu Fragen der aktuellen Politik publizierte und sich noch jüngst in die Debatte um die neue Rechtschreibung einschaltete. Ein Bürger, den man sich zum Vorbild nehmen kann. Die beiden Bände im Schuber (ISBN 3-88680-814-9) kosten zusammen 39,90 Euro, sind aber auch einzeln erhältlich.

Titelbild

Christian Meier: Athen. Sonderausgabe.
Siedler Verlag, München 2004.
718 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3886808122

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Kein Bild

Christian Meier: Athen/Caesar. 2 Bde. Sonderausgabe.
Siedler Verlag, Berlin 2004.
zus. 1.310, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3886808149

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Titelbild

Christian Meier: Caesar. Sonderausgabe.
Siedler Verlag, Berlin 2004.
592 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3886808130

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