Der Schneemann

Konstantin Weckers Erfahrungen mit dem Kokain

Von Eike BrunhöberRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eike Brunhöber

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Auch du sehnst dich nach Theose

bis du im Nirvana tanzt.

Aber auch das Hemmungslose

hat ein Gott in dich gepflanzt."

Im Laufe des Jahres 1995 steigerte sich bei Konzerten des Liedermachers Konstantin Wecker der Anteil an reinen Instrumentalstücken. Wecker wies seine Band des öfteren an, zwischendurch ohne ihn zu spielen, während er hinter der Bühne einen Zug des in der Nacht zuvor von ihm aufwendig hergestellten Kokainbase rauchte. Jahrelang schon hatte der Liedermacher, Romanautor und Lyriker Kokain geschnupft. Im Laufe des Jahres 1995 ging er dazu über, Kokainbase - mit Haushaltsnatron versetztes, erhitztes Kokain - zu rauchen und geriet vollends in lebensbestimmende Abhängigkeit. Im November 1995 wurde er wegen des Erwerbs von Kokain verhaftet und im Herbst 1996 wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt. In der Zeit nach seiner Verhaftung gelang es Wecker, gerade noch rechtzeitig vor dem endgültigen physischen und psychischen Verfall, die Sucht zu überwinden, jedenfalls insoweit wie eine solche Sucht überhaupt überwunden werden kann. Seine Drogenkarriere reflektiert Wecker in seinem Berichtg "Es gibt kein Leben ohne Tod".

Den Kern des Buches bildet ein Vortrag Weckers, den er 1997 auf der Jahrestagung des Verbandes Bayerischer Nervenärzte hielt. Verdeutlicht werden seine Gedanken durch einige seiner Gedichte und Liedtexte. "Auf dem Grund jeder Freude fand ich Trauer und Beklemmung", zitiert Wecker den Trappistenmönch Ernesto Cardenal. Wie aber geht man um mit dieser Trauer und Beklemmung, der Konfrontation mit alltäglichem Streß, Gefühlen von Unzulänglichkeit und Fremdbestimmtheit und sich laufend stellenden Fragen nach der eigenen Identität? Kein Leben ohne Tod - für Konstantin Wecker heißt das vor allem: Die eigenen Unzulänglichkeiten und "das Unbehagen am Dasein" als Bestandteile des Lebens zu akzeptieren. Durch stetiges In-sich-Kehren müsse man am eigenen Selbst arbeiten, es nach und nach gleichsam wie eine Zwiebel schälen, um es zu ergründen und dadurch krisenfest zu machen. Für derartiges In-sich-Kehren, so stellt Wecker dabei sogleich fest, räume die moderne Industriegesellschaft jedoch nur wenig Zeit und Möglichkeiten ein. Ungeduld und Zeitmangel werden zur Tugend erhoben, Unbehagen über sich selbst und seine Rolle in der Gesellschaft wird unbewältigt vom Tisch gewischt: Zuflucht vor dem Unbehagen in seiner sozialen Umgebung hatte Wecker - wie alle Künstler auf ihrem jeweiligen Betätigungsfeld - vor allem in dem gleichsam ekstatischen Zustand gefunden, den ihm das Spielen und Komponieren seiner Musik in inspirierten Momenten bereitete. Was aber, wenn die Inspiration ausblieb? Wecker unternahm immer öfter den verzweifelten Versuch, rauschhafte Selbsterfahrung durch Kokain zu erlangen. Immer größer wurde die Sehnsucht nach dem ultimativen Kick, "der einen mit allem Streß versöhnt" und "das Gefühl der Unantastbarkeit" vermittelt. Diese Unantastbarkeit aber ist, so Wecker, in Wirklichkeit nur ein "Panzer für die Seele".

Den Ausweg aus der Sucht weise nur die Erkenntnis, daß ein Leben mit allen Toden, die darin gestorben werden, immer noch besser sei als das fremdbestimmte Dasein im Seelenpanzer der Drogenwelt. Ein allgemeingültiges Rezept für den Ausweg aus der Drogensucht hat Wecker jedoch nicht. Für ihn ergab sich der Zwang und zugleich die Möglichkeit, seine Situation eingehend zu reflektieren durch den zwangsweisen Entzug in den ersten Tagen nach seiner Verhaftung.

Wenngleich Wecker, wie er ausführt, erst durch seine Verhaftung den ihn rettenden Entzug erfahren hat, läßt er kein gutes Haar an der bayerischen Drogenpolitik, die zu einseitig auf Kriminalisierung der Süchtigen setze. Die Süchtigen seien vielmehr als hilfsbedürftige Kranke anzusehen, denen durch Kriminalisierung und Stigmatisierung, finanziellen Abstieg und Kontakt mit der gefängnisinternen Drogenszene der Weg aus der Sucht nur noch mehr verbaut werde. Mit seiner schlüssigen Argumentation rennt Wecker bei vielen Kriminologen offene Türen ein. Noch überzeugender würde sie jedoch wirken, wenn er die Gegenpositionen eingehender und differenzierter darstellen würde, als eher pauschal nur auf das Bestreben nach Schuldausgleich durch die Justiz zu verweisen. Gleiches gilt für den nicht immer besonders ergiebigen Aufsatz seines Strafverteidigers, der den Verlauf der Weckerschen Strafprozesse aus seiner Sicht darstellt und damit den Anhang der Weckerschen Abhandlung eröffnet.

Den Abschluß bildet eine Empfehlungsliste mit Veröffentlichungen, denn empfänglich für die Verlockungen drogenbedingten Wohlbehagens ist so ziemlich jeder: Zu viele einander widerstreitender Seelen schlagen in eines jeden Brust, die zu betäuben es nur allzu sehr drängt. Wecker findet dies sehr treffend bei Lichtenberg ausgedrückt: "Zu sagen ´cogito´, ist schon zuviel, sobald man es durch ´ich denke´ übersetzt", wußte dieser damals; "´es denkt´ sollte man sagen, so wie man sagt ´es blitzt´".

Kein Bild

Konstantin Wecker: Es gibt kein Leben ohne Tod.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999.
121 Seiten, 7,60 EUR.
ISBN-10: 3462028170

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