Wider die Literaturgeschichtsschreibung

Verdrängte Aspekte der deutschen Europaliteratur des 19. Jahrhunderts

Von Christoph Schmitt-MaaßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christoph Schmitt-Maaß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist schon erstaunlich: Während die Forschung zum Nationalbewusstsein der deutschen Literatur umfangreich ist, nimmt die Forschung zum europäischen Bewusstsein einen verschwindend geringen Raum ein. Das mag darin begründet liegen, dass auch die deutsche Literaturwissenschaft eine - zumindest geschichtlich - weitgehend 'nationale' Angelegenheit war (und teilweise noch ist).

Nun liegt eine umfangreiche und preisgekrönte Dissertation zum literarischen Europadiskurs des 19. Jahrhunderts vor, die Abhilfe verspricht. Claude D. Conter zeichnet nicht nur die idealistisch-utopischen Europaentwürfe nach, sondern weist deren Eindringen in die literarischen Auseinandersetzungen nach. Das ist umso verdienstvoller, da Conter nicht nur die kanonisierten Texte, sondern auch vielgelesene 'Kleinmeister' und 'Vielschreiber' berücksichtigt. Dabei nehmen Conters Überlegungen in Napoleons Konzept eines 'Föderativ-Systems' ihren Ausgang, konzentrieren sich in zwangsläufiger Beschränkung jedoch auf die deutschsprachige Literatur besonders zwischen dem Wiener Kongress und etwa 1860.

So notwendig die Erläuterungen der geistes- und zeitgeschichtlichen Hintergründe sind, so ermüdend liest sich deren Zusammenfassung auf weite Strecken. Hier haben zudem andere schon Wesentliches geleistet, worauf Conter hätte aufbauen können. Vor allem die Darstellung der Europamüdigkeit, der Amerikabegeisterung und -müdigkeit sowie der orientalistischen Projektionen bzw. deren Widerspiegelung in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts vermag jedoch zu überzeugen. Auch die Herauslösung divergierender Argumentationslinien der Revolutionsliteratur trägt zu einem differenzierten Verständnis des Diskurses über Europa in der Literatur bei. Conter kann darstellen, warum und wie in Folge der 1848er Revolution der National- den Europadiskurs überdeckt und einen Paradigmenwechsel im deutschen Bewusstsein europäischer Identität einläutet.

So problematisch die wechselseitige Einflussnahme der Bezüge von utopischen literarischen Programmen und literarischen Darstellungen ist, so galant löst Conter dieses Problem: Er erhellt im ständigen Abgleich von utopischem Programm, polemischer Auseinandersetzung und literarischer Überformung die Formierung des Diskurses Europa. Dabei kommt einzig die Genese und Entwicklung einzelner Texte streckenweise etwas zu kurz. In ihrer Materialfülle und Vielschichtigkeit überfordert die Lektüre - bei aller thematischen Durchdringung - zudem den Leser gelegentlich. Auch vermag das mitgegebene Bildmaterial den Anspruch einer Imagologie nicht einzulösen: Die Karikaturen werden in die Argumentation kaum je einbezogen, sondern eher illustrativ hinzugefügt. Dennoch: Conter ist es gelungen, Brüche im 'Programm Europa' der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sichtbar zu machen und ein von der Literaturgeschichtsschreibung weitgehend verdrängtes Archiv (Foucault) wieder zugänglich zu machen. Nun müssen Untersuchungen in anderen europäischen Literaturen folgen, um nicht in den Literaturwissenschaften jenen europafeindlichen Diskurs fortzuschreiben, der den Blick so lange Zeit verstellt hat.

Titelbild

Claude D. Conter: Jenseits der Nation - Das vergessene Europa des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte der Inszenierungen und Visionen Europas in Literatur, Geschichte und Politik.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004.
780 Seiten, 50,00 EUR.
ISBN-10: 3895284289

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