Viele Briefe, aber keine Kulturen

Ein Sammelband zur Geschichte der privaten Korrespondenz verheddert sich im eigenen theoretischen Ansatz

Von Corinna HeipckeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Corinna Heipcke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der vorliegende Band geht auf die Ringvorlesung "Frauenbriefe - Männerbriefe. Zur Geschichte der privaten Korrespondenz" zurück, die im Sommersemester 2000 an der Unviersität Wien stattfand. Christa Hämmerle und Edith Saurer versammeln 13 Beiträge zu Briefen und Briefwechseln aus dem Italien des 16. Jahrunderts bis hin zu Kriegsbriefwechseln aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Der Band ist in vier thematische Abschnitte gegliedert:

Die erste Abteilung bilden drei unter dem Thema "Literatur und Autorschaft" subsummierte Beiträge. Zunächst widmen sich Konstanze Fliedl und Karl Wagner in einem sehr vergnüglich zu lesenden Briefwechsel dem seinerseits unterbleibenden Briefwechsel von Reinhard und Elisabeth in Theodor Storms Novelle "Immensee". Anschließend untersucht Juliane Vogel den Briefwechsel zwichen Rahel Varnhagen und Friedrich Gentz. Birgit Wagner widmet sich Briefen von Suor Maria Celeste, einer Tochter Galileo Galileis, an ihren Vater. Ausgehend von der Beobachtung, dass es einen Unterschied macht, ob Briefe gelesen und weggeworfen oder aber aufgehoben und zu einem "Stück memoria" werden, zu dem eine größere Personengruppe Zugang hat, stellt Wagner fest, dass Suor Maria Celestes Briefe bereits einen ersten Ansatz zur Autoschaft darstellen.

Im zweiten Abschnitt des Bandes geht es um "Briefe im Alltag - Alltag in Briefen". Zunächst nimmt Elisabeth Joris "Geschlechter- und Familienkonzeptionen einer Schweizer Pfarrfamilie" in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Blick. Anschließend untersuchen Monika Bernold und Johanna Gehmacher die "Mittwochsmonologe", wie zwei Wienerinnen um 1900 ihren Briefwechsel nannten. Die größte Abteilung bilden "Briefe zwischen Wanderung, Emigration und Exil" mit fünf Aufsätzen zu Briefen in Spanisch-Amerika (Rebecca Earle), Auswandererbriefen aus den USA (Meinrad Pichler), Frauen- und Männerbriefen im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhunderts (Marie-Claire Hook-Demarle) und zwei Beiträgen zu Otto Leichters Brieftagebuch aus der Pariser Emigration 1938/39 (Heinrich Berger, Edith Saurer).

Der letze Abschnitt beschäftigt sich mit Briefen im und vom Krieg. Margit Sturm untersucht "Lebenszeichen und Liebesbeweise aus dem Ersten Weltkrieg". Auch Benjamin Ziemann widmet sich Feldpostbriefen des Ersten Weltkrieges und spürt den in ihnen zum Ausdruck kommenden Geschlechterbeziehungen nach. Abgeschlossen wird der Band von Margaretta Jollys Überlegungen zu "Mythen der Einheit", in dem sie darlegt, wie britische und US-amerikanische Editionen von Briefwechseln aus dem Zweiten Weltkrieg sich größtenteils in "die kulturelle Tradition des Kriegsgedenkens" oder den "Kontext der Memoirenindustrie" einfügen. Unter dem Einfluss der Cultural Studies und Women Studies sind in den letzten 20 Jahren jedoch auch Briefeditionen entstanden, deren Schwerpunkt die Briefe von daheim gebliebenen Frauen bilden. Als herausragendes Beispiel nennt Jolly ein langjähriges Projekt der Historikerin Judy Barret Litoff und ihres Kollegen David Smith, die 10.000 Kriegsbriefe amerikanischer Frauen archiviert und diese in mehreren großen Editionen verfügbar gemacht haben.

Die Herausgeberinnen erörtern in ihrem Vorwort, der Band sei vor dem Hintergrund der "aktuell sehr disparaten Forschungen zur Geschichte der privaten Korrespondenz" entstanden. Dies spiegelt sich in der Auswahl der Beiträge wider, die sich zwar unter Kategorien subsummieren lassen, aber als Konvolut disparat bleiben. Dies bildet allerdings nicht notwendigerweise einen Nachteil, man/frau kann sich ja auf die für das eigene Forschungsgebiet ergiebigsten Beiträge konzentrieren.

Problematischer erscheinen einige der Kategorien, mit denen die Herausgeberinnen und auch einige der BeiträgerInnen arbeiten: Die Unterscheidung zwischen 'Öffentlichkeit' und 'Privatheit' wird zwar von Herausgeberinnen wie BeiträgerInnen einmütig als - auch angesichts der Geschichte der privaten Korrespondenz - nicht haltbar beschrieben. Dabei fällt aber anscheinend weder den Herausgeberinnen noch einigen BeiträgerInnen auf, was sie für einen argumentativen Salto schlagen: Die Berufung auf "private Korrespondenz" zur Dekonstruktion der Dichotomie Öffentlichkeit - Privatheit erscheint paradox. Dementsprechend holprig geraten mitunter auch die Arbeiten: Um die Dichotomie anhand der in jeweiligen Briefstudien gewonnenen Erkenntnisse zu dekonstruieren, müssen einige BeiträgerInnen die Dichotomie immer wieder auf den Plan rufen, um sie dann in literatur- und geschichtswissenschaftlicher Anstrengung zurückzuweisen. Das erscheint auf die Dauer müßig. Interessanter wäre es hier gewesen zu zeigen, wie das, was an die Stelle der Auseinandersetzung um die Polarität 'Öffentlichkeit - Privatheit' tritt, zu beschreiben wäre, wie sich z. B. hier die im Titel annoncierten 'Briefkulturen' etablieren. Deren Erwähnung scheint jedoch eher der Konjunktur der Kulturwissenschaften geschuldet als der Tatsache, dass es im vorliegenden Band tatsächlich darum ginge, ganze Briefkulturen herauszuarbeiten. Dies können (und vermutlich wollen) die vorliegenden Einzelbeiträge nicht leisten, beschäftigt sich doch die überwiegende Mehrzahl mit Briefwechseln zwischen jeweils nur zwei Personen - zwei BriefschreiberInnen machen aber noch keine Briefkultur, sollte man meinen.

Der zweite fragwürdige Gegensatz ist der der "Frauenbriefe - Männerbriefe". Zwar verweisen die Herausgeberinnen auf den Band von Anita Runge und Lieselotte Steinbrügge "Die Frau im Dialog: Studien zu Theorie und Geschichte des Briefes" (Stuttgart 1991) und Anton Annette C. Antons Studie "Authentizität als Fiktion: Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert" (Stuttgart, Weimar 1995), die hinlänglich geklärt haben, dass Zuschreibungen wie die, dass der private Brief eine weibliche Gattung sei, nicht haltbar sind. Aber dennoch verwenden sowohl die Herausgeberinnen als auch Marie-Claire Hook-Demarle die Dichotomie "Männerbriefe - Frauenbriefe" durchgängig, so als widerstünde diese jeder Bemühung, sie endgültig aufzuheben und als wäre das 'Geschlecht des Textes' eine Kategorie, die in der Geschlechterforschung doch letztlich unhintergehbar sei.

Dieses Vertauen der Herausgeberinnen auf eigene Denkkategorien führt letztendlich zu einer Unterschätzung der schriftstellerischen Errungenschaften von Frauen durch die Herausgeberinnen. So wird der Nachnahme der Autorin Malwida von Meysenbug von den Herausgeberinnen fälschlich als 'von Meysenburg' wiedergegeben, und unter Berufung auf einen Aufsatz von Barbara Hahn heißt es, "für den Zeitraum der Klassik und Romatik von 1780 und 1830" sei den Frauen die Autorposition versperrt geblieben. Dies, d. h. dass Autorinnen nicht derselbe Status im Literaturbetrieb wie Autoren gewährt war, ist korrekt. Aber die Behauptung, dass abgesehen von Ausnahmen wie Bettine von Arnim und Rahel Varnhagen Frauen ihre Bedeutung im Literaturbetrieb ausschließlich als Angehörige oder Geliebte von Autoren gewonnen hätten, ist falsch. Dass die heute am besten überlieferten Autorinnen die sind, die einen ebenfalls literarisch tätigen Gatten, Geliebten oder nahen Verwandten hatten, heißt nicht, dass nicht auch 'unbemannte' Damen als Autorinnen bekannt wurden, insbesondere, wenn man wie Birgit Wagner 'Autorschaft' schon dann als gegeben sieht, wenn Briefe aufbewahrt und in den 'kleinen Öffentlichkeiten' des Familien- und Freundeskreises gelesen wurden.

Kurzum: Der Band versammelt interessante Beiträge unter einem Titel, der etwas verspricht, was die Beiträge nicht halten können - Briefkulturen bekommen wir keine vorgeführt. Außerdem taugt das theoretische Instrumentarium des Vorwortes nicht durchgehend zur Kritik an den erwähnten Problemen. Die Einzelbeiträge schmälert dieser Befund jedoch nicht.

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Christa Hämmerle / Edith Saurer (Hg.): Briefkulturen und ihr Geschlecht. Zur Geschichte der privaten Korrespondenz vom 16. Jahrhundert bis heute.
Böhlau Verlag Wien, Köln 2003.
316 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-10: 3205993985

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