Erholung für's Hirn

Eine Anthologie versammelt Geschichten aus dem unwirtlichen Berlin

Von Thomas BlumRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Blum

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt verschiedene Arten komische Literatur hierzulande. Da wäre zunächst die so genannte Evangelischlehrerinnenliteratur von Sarah Kirsch und ihresgleichen. Des weiteren haben wir Grasswalserböll und - nicht zu vergessen - die freihändig zusammenassoziierte Hefeteigprosa von Botho Strauß ("Die Kühe haben wieder dieses tiefe Stehenbleiben") im uckermärkischen Zuckerbäckerstil. Quark auf Stelzen. Gemeinsam ist diesen Erzeugnissen, dass sie beim Leser neben gelegentlicher Erheiterung auch das Gefühl hervorrufen, als werde in seinem Gehirn ein großer Knödel geknetet.

Zu unser aller Erholung von dieser Sorte Prosa haben die so genannten "Brauseboys", die seit zwei Jahren eine Lesebühne im Berliner Stadtteil Wedding betreiben, nun eine Anthologie herausgegeben, die hochwertige Kurzprosatexte versammelt. Meist sind es präzise Alltagsbeobachtungen ("Auf dem Mars muss es Leben geben. In Sangerhausen gibt's ja auch welches") und feinsinnige Milieustudien (Beim "physiognomisch-ethnisch eindeutig originalen Berliner Phänotyp" handelt es sich um "kleine stämmige Flachgesichter mit schlesischem Einschlag, die Bolle heißen").

Das Überzeugendste an diesem Buch ist, dass ausnahmslos alles, was in ihm erzählt wird, wahr ist: In einer der Geschichten hat der Weddinger Erzähler Gäste aus seiner westfälischen Heimat und zeigt ihnen an einer typischen Berliner Imbissbude, wie eine Currywurst zubereitet wird. "Die Freunde [...] bewunderten mich dafür, dass ich es geschafft hatte, mich unter diesen lebensfeindlichen Bedingungen anzusiedeln."

In einer anderen Kurzerzählung stellt sich ein soeben eingezogenes junges Paar, offenbar noch fremd in Berlin, freudestrahlend dem Erzähler als die neuen Nachbarn vor: "Ich habe mir in langen Jahren einen guten Ruf hier im Haus aufgebaut, den ich ganz sicher nicht durch eine unbedachte Freundlichkeit gefährden werde. Andererseits habe ich auch ein wenig Mitleid, sie sind noch so jung, so hoffnungsfroh, irgendwie anrührend." Seinen Namen nennt er dem freundlichen Pärchen dennoch nicht. "Ich finde, bei der ersten Begegnung sollte man nicht immer gleich schon intim werden."


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Nils Heinrich / Robert Rescue / Volker Surmann / Heiko Werning: Provinz Berlin. Geschichten.
Satyr Verlag (Blue cat), Berlin 2005.
200 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 393862504X

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