Der Unbürgerliche

Wolfgang Amadeus Mozart 250 Jahre nach seiner Geburt

Von Stefan RipplingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Ripplinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Je populärer Mozart wird, desto fremder wird er. In einer Zeit, da Kühe und Manager, um sie zu mehr Milch und Motivation anzuregen, mit seiner Musik berieselt werden und die Dame von Geschmack sie zum guten Wein oder zum guten Buch genießt, rückt sie denen umso ferner, die sie bloß hören. Als Gebrauchs- und Gelegenheitsmusik geschrieben, ist sie zu einer absoluten geworden, deren auffälligster Zug ist, nicht zu sprechen und nicht anzusprechen. Schubert oder Schumann, Berg oder Bartók sprechen, angefangen mit dem ersten Takt, Mozart nicht. Seiner Partitur, schreibt Wolfgang Hildesheimer, "fehlt die Stimme des bewußten Erlebens und seiner Verarbeitung". Mozart gibt sich nicht zu erkennen. Er spricht nicht.

Da, wo er zu sprechen scheint, im 20. Klavierkonzert oder in der 40. Symphonie, scheint er schon nicht mehr ganz bei sich selbst zu sein, der heitere, selbstgenügsame Ton fehlt. Doch auch der Eindruck, dass dies sein persönlicher Ton sei, verliert sich, je besser man ihn kennen lernt, und ausgerechnet über die 40. Symphonie urteilt Paul Valéry, Mozart sage nichts, aber das sage er sehr gut. Nichts zu sagen, gilt als Unvermögen in einer Ästhetik, die noch immer vom bürgerlichen 19. Jahrhundert bestimmt ist, seinen Leidensmännern und Seelenkünstlern. Nichts sagen zu wollen, gilt als Affront. Dass die Komposition, die ihr Autor für seine gelungenste hielt, das Klavierquintett in Es-Dur (KV 452), wie ein Muster an Zurückhaltung auftritt, ist doch sehr sonderbar für einen, von dem es heißt, er habe glänzen und, wie Norbert Elias schreibt, mit seiner Musik um Zuneigung werben wollen.

Wie alle biografischen Studien kann auch die von Elias, "Mozart. Zur Soziologie eines Genies", den einfachen, unleugbaren Umstand nicht bewältigen, dass Leben und Werk des Komponisten nicht zueinander passen. Als er seinen Abschied bei Erzbischof Colloredo nahm, legte Mozart vielleicht eine "spezifisch bürgerliche Haltung" an den Tag und wagte als einer der ersten, sich als freier Künstler durchzuschlagen. Doch was folgte daraus in seiner Musik? - Absolut nichts. "Während ein Mann wie Beethoven aus der höfisch-aristokratischen Tradition des Musizierens ausbrach, tat Mozart das nie", schreibt Elias.

Ein Widerspruch, der bei einem Geringeren zu verschmerzen wäre, aber bei einem "Genie"? Anstatt den Widerspruch festzuhalten, lastet Elias ihn dem Menschen an, über den er doch schrieb, man müsse ihn "ein wenig lieben". Mozart hätte, unterstellt der Soziologe ein wenig lieblos, erreichen können, was Beethoven als freier Unternehmer erreichte, hätte "er den Mut gehabt, länger zu leben". Ernst Bloch und andere dehnen den Vorwurf auf den Komponisten aus. Mozart habe nicht den Mut gehabt, wie Beethoven zu komponieren. Allein, es liegt noch schlimmer. Wie Alfred Einstein in seinem umsichtigen und hilfreichen Buch an vielen Beispielen aufzeigt, hatte Mozart nicht einmal den Mut, wie Joseph Haydn zu komponieren, den er doch gut kannte und sich zum Vorbild nahm. Haydn war ein Revolutionär, Mozart nicht, Haydn war volkstümlich und originell, Mozart kein bisschen.

Also ist nach der Definition, die Kant und Schiller von dem Begriff geben, Mozart nicht einmal ein Genie. Denn im Genie fordert ja eine Anlage (fast eine Anweisung) der Natur, alle künstlichen und künstlerischen Regeln außer Kraft zu setzen. "Unbekannt mit den Regeln, den Krücken der Schwachheit und den Zuchtmeistern der Verkehrtheit, bloß von der Natur oder dem Instinkt, seinem schützenden Engel, geleitet, geht das Genie ruhig und sicher durch alle Schlingen des falschen Geschmackes", führt Schiller aus. Mozart war aber von Kind auf mit allen Regeln des falschen Geschmacks nicht nur aufs Genaueste vertraut, er besaß nicht nur eine intime Kenntnis der musikalischen Moden, denen in Wien, Paris und London gerade applaudiert wurden, sondern es gebrach ihm auch an Ehrgeiz, dem Treiben etwas gänzlich Neues entgegenzustellen. Seine Kunst ist alles andere als naiv und natürlich, sondern gewissermaßen Kunst aus Kunst, "filtrierte Kunst", wie Einstein sagt, grandios gerade in ihrer Weigerung, die Grenzen zu erweitern und auch nur einmal eine neue Tonart auszuprobieren.

Sowohl Mozarts sublime Fremdheit als auch sein Können, alles sehr gut zu sagen, indem er nichts und vor allem nichts Neues sagt, erweisen sich nur dann als problematisch, wenn einer bürgerliche Maßstäbe anlegt. Die bürgerliche Kunst ist so persönlich, wie die vorbürgerliche und die nachbürgerliche unpersönlich sind. Daher kommen uns Rokoko und Mozart so modern vor, und daher bestand Arnold Schönberg darauf, "Mozarts Schüler" zu sein. Mit anderen Worten: Es muss der Gedanke gewagt werden, dass Mozart gar nicht Beethoven sein wollte.

Wenn es sich so verhält, sind all jene, die in seinen Opern Vorzeichen der bürgerlichen Revolution sehen wollen, ins Unrecht gesetzt. Ausgerechnet im Revolutionsjahr 1789 schrieben Mozart und sein freigeistiger Librettist, Lorenzo da Ponte, ein "dramma giocoso", das jener höfischen Galanterie und Libertinage huldigt, gegen welche die Revolutionäre Sturm liefen. Das bürgerliche Jahrhundert, das folgte, hat deshalb an "Così fan tutte" nichts Gutes gelassen. "Zu leichtfertig", sprach Beethoven. "Hohl und leer", schimpfte Wagner. "Geistlos und impertinent", schloss sich in seltener Einmütigkeit der größte Feind Wagners, Eduard Hanslick, an. Nur Stendhal, der selbst ernannte Aristokrat, wusste gerade diese Oper zu schätzen: "In philosophischer Hinsicht ist Mozart noch erstaunlicher denn als Verfasser erhabener Werke."

Stendhals Lob ging unter, und wenn die Oper heute wieder aufgeführt wird, dann doch, als ob das 19. Jahrhundert nicht vergangen wäre, in einer seltsamen Sentimentalisierung ihrer ebenso heiteren wie kühlen und skeptischen Philosophie. Peter Konwitschny, Regisseur einer umjubelten Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin, will in Don Alfonso, dem spöttischen Verächter von Liebe und Treue, einen "zutiefst enttäuschten, wunden Menschen" sehen, der sich "nach Nähe und Zärtlichkeit sehnt". ("Tagesspiegel") Das Libretto gibt dafür keinen Anhalt, und wenn der Don die anrührende Arie "Soave sia il vento" mitsingt, ist das nur einer der vielen Belege dafür, dass Gefühl und Heuchelei hier nicht zu trennen sind. Die Stunde der wahren Empfindung ist noch nicht angebrochen.

Das bezeugt ausnahmsweise auch der biographische Hintergrund. Mozart schrieb diese spritzigste und ausgelassenste all seiner Opernmusiken zu einem Zeitpunkt, als es ihm schlechter ging denn je zuvor. Doch davon, dass ihn Geldsorgen marterten, dass im Jahr zuvor seine Tochter Theresia und im selben seine Tochter Anna Maria gestorben waren und er annehmen musste, dass ihn seine geliebte Constanze betrog, ist in seiner Musik nicht das Geringste zu vernehmen. Sie mildert, ja verbirgt sogar die Härten und Zynismen des Textes. Es gibt hier kein Sein, es gibt nur Schein. Der Impetus der bürgerlichen Kunst und des bürgerlichen Lebens, sich selbst getreulich darzustellen, sich selbst zu verwirklichen, ist nicht vorhanden. Und auch da Ponte ist Naturalismus ganz fremd.

Schon Don Giovanni personifizierte, wie Sören Kierkegaard schrieb, eine "sinnliche Liebe", die "ihrem Begriffe nach nicht treu, sondern absolut untreu" ist, feudalistische oder kapitalistische Flatterhaftigkeit, nicht bürgerliche Biederkeit. In seinen köstlichen "Memorie" stellt sich da Ponte, der ein Freund Casanovas war, als einen großen Verführer vor. Darüber aufzuklären, dass er es nicht war, ist die peinliche Aufgabe seiner Biografin, Sheila Hodges. Kein Frauenheld und Tausendsassa, sondern ein armer Judenjunge aus dem Ghetto war er, ein verkrachter Abbé, ein Lohnschreiber und Höfling, mal in Gunst, mal nicht, immerzu von Intriganten verfolgt, immerzu in Intrigen verstrickt, schließlich Auswanderer und treu sorgender Familienvater in New York. Doch ist da Pontes Aufschneiderei weitaus amüsanter als die Wahrheit von Hodges, ist der Schein erhebender als das Sein, will man Don Giovanni lieber begegnen als dem Familienvater. Die aristokratische Moral, die der Librettist verkündet, ist freier als die bürgerliche, der sich der Mensch schließlich unterwerfen musste.

Sowohl Mozart als auch da Ponte waren bürgerliche Menschen, aber aristokratische Künstler. Sie wirtschafteten wie Krämer, aber schufen wie Könige. Beide kamen sie aus einfachen Verhältnissen, beide besaßen sie enorme Kenntnisse und Fähigkeiten auf ihrem Gebiet, die sie aber gerade nicht um der Kunst und des Ruhmes willen ausbeuteten, sondern schlicht um Geld zu verdienen. Das Hauptinteresse da Pontes bestand darin, "aus Kultur Geld zu schlagen", wie Charles Rosen feststellt. Nach eigenem Bekunden reimte der spätere Librettist sein erstes Gedicht, um vom Vater ein paar Groschen zu erbetteln. Dieses pragmatische Verhältnis zu seinem eigenen Talent hatte auch Mozart, von dem Einstein sagt, dass er nie "'für die Ewigkeit' geschrieben hat, und gerade deshalb in vielen Fällen für die Ewigkeit". Kunst gehörte nicht zu seinen obersten Zielen. Er wollte weder sich selbst ausdrücken noch die formalen Mittel erweitern, er wollte überleben. Als es ihm nicht mehr gelang, starb er. Da Ponte, der etwas Geschicktere, überlebte, wenn auch mit Mühe. Vom Ancien Régime ausgespien, hat er nie aufgehört, in den Kategorien dieses Ancien Régime zu denken.

Alfred Einstein fragt, ob es nicht das "Geheimnis" von Mozarts Musik sei, "daß sie seine, seine persönliche Sprache ist und gleichzeitig Musik in sich selbst beschlossen, fast unabhängig vom Spieler?" Das Geheimnis scheint eher darin zu liegen, dass er einen Stil besitzt, aber keine persönliche Sprache. Solange die bürgerliche Ästhetik nachwirkt, wird der Unterschied nicht begriffen werden.

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel erschien zuerst in "konkret" 01/2006. Wie danken dem Autor für die Publikationsgenehmigung.


Titelbild

Sheila Hodges: Lorenzo Da Ponte. Ein abenteuerliches Leben.
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrich Walberer.
Bärenreiter Verlag, Kassel 2005.
297 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-10: 3761817533

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Titelbild

Wolfgang Hildesheimer: Mozart.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
424 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-10: 3518221361

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Kein Bild

Alfred Einstein: Mozart. Sein Charakter - Sein Werk.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
522 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-10: 3596170583

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Titelbild

Norbert Elias: Mozart. Band 12: Mozart. Zur Soziologie eines Genies.
Herausgegeben von Michael Schröter. Überarbeitet von Reinhard Blomert.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
187 Seiten, 27,90 EUR.
ISBN-10: 3518584383

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