Heinrich Heines letzte Liebe

Über die "Mouche", die der Dichter die "letzte Blume meines larmoyanten Herbstes" nannte

Von Edda ZieglerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Edda Ziegler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am Anfang von Heines letzter Liebe steht der Brief einer unbekannten Verehrerin, die als "Margareth" unterzeichnet. Dahinter verbirgt sich Elise Krinitz, die Heine "Mouche" nannte, nach der Fliege auf dem Petschaft, mit dem sie ihre Briefe siegelte. Die Herkunft dieser jungen, in Paris lebenden deutschen Publizistin und angehenden femme de lettres ist ungewiss, sie wurde von ihr selbst verschleiert. Die kryptisch-geheimnisvollen Windungen und Wendungen, die halb planvolle, halb unbewusste Widersprüchlichkeit ihrer Briefbotschaften scheinen geradezu darauf angelegt, den Adressaten gleichzeitig anzulocken und zu verwirren.

Die so intensive wie merkwürdige Beziehung, die sich aus diesem Briefkontakt entwickelt, dauert nur acht Monate, es sind die letzten vor Heines Tod. Doch sie wirkt nachhaltig: in der Biografie des Dichters wie im Leben der Geliebten. Ihn konfrontiert diese späte Liebe noch einmal mit der Macht erotischen Begehrens und der Ohnmacht seiner Impotenz. Ihr verschafft sie endlich das, was sie in ihrem Leben am meisten gesucht und nur selten gefunden hat: die Aufmerksamkeit prominenter Männer und - durch sie vermittelt - den Zugang zur Pariser Kulturszene. Die Beziehung mit Heine macht Elise Krinitz nach dem Tod des Dichters - zumindest vorübergehend - zu einer Person der Zeitgeschichte. Und sie versteht es, das für sich zu nutzen. Allerdings hat sie dafür möglicherweise mit ihrer Identität bezahlt.

Ob die Bekanntschaft der Mouche mit Heine im Juni 1855 wirklich so zustande kam, wie oben beschrieben, muss allerdings dahingestellt bleiben. Sie selbst gibt in den Erinnerungen, die sie 1884 unter dem Titel "H. Heines letzte Tage" publiziert hat, eine andere, konventionellere Version: Sie habe Heine kennen gelernt, als sie dem Dichter im Auftrag des Wiener Diplomaten und Komponisten Johann Vesque von Püttlingen ein Päckchen mit Noten überbrachte. Püttlingen hatte 1851 unter dem Pseudonym J. Hoven seine Vertonung von Heines Gedichtzyklus "Die Heimkehr" publiziert. Nach einer dritten, in der Heine-Biografik kolportierten Version wird die Mouche mit dem kranken Dichter durch eine Anzeige bekannt, mit der er Sekretärs- und Vorleser-Dienste sucht.

So stiftet Elise Krinitz, indem sie ihr Leben bewusst immer wieder neu verrätselt und inszeniert, Verwirrung bis heute. Sie mystifiziert nicht nur ihre Lebensdaten und -umstände, sondern ihre ganze Identität. Versteckt sich hinter verschiedenen Namen und unterschiedlichen literarischen Pseudonymen, die sie - wie man im Nachhinein erkennen kann - um ihren realen Namen und ihre reale Herkunft herum entwickelt. Wahlweise tritt sie auf als Elise de Krinitz, van Belgern, Margot Bellgier, Margot von Gérard, Margareth B., Sarah Denningson, Camille Selden, Monka, Monck, Mouche. Sie gibt sich als uneheliche Tochter eines österreichischen Adligen aus und als Ehefrau eines reichen Franzosen, der sie in ein psychiatrisches Krankenhaus in England habe einsperren lassen. Sie hält ihre Adresse geheim und korrespondiert nur per Decknamen "poste restante".

Durch solch gezielte Desinformation, gegenüber ihren Bekannten, gegenüber den ersten Heine-Biografen, aber auch in ihren Memoiren fiktionalisiert und mystifiziert sie auch ihre Beziehung zu Heine. Die darüber entstandene Verwirrung wirkt in der Heine-Biografik lange fort. Erst 1999 gelingt es Menso Folkerts nach beschwerlicher Recherche in Taufregistern und Kirchenarchiven zumindest die wichtigsten Lebensdaten der Mouche zu verifizieren und damit einige der bis dahin kursierenden romantischen Versionen ihrer Lebensgeschichte endlich dorthin zu verweisen, wo sie hingehören: ins Reich der Legenden und Phantasien.

Das unromantische Leben einer romantischen Frau

Nach dem, was heute über sie bekannt ist, wird Elise Krinitz am 22. März 1825 in Belgern an der Elbe, einer kleinen Stadt in der Nähe von Torgau/Sachsen, geboren; sie ist das zweite Kind ehrbarer Bürger, des Tuchmachermeisters Christian Friedrich Müller und seiner Frau Johanna Christiana. Getauft wird das kleine Mädchen auf die Vornamen der Mutter: Johanna Christiana Müller. Doch die Mutter stirbt 24jährig an den Folgen der Entbindung, und der Vater, offenbar überfordert von den familiären Pflichten, entschließt sich, das Kind zur Adoption freizugeben. Dazu beantragt er eine Namensänderung für die neugeborene Tochter. Statt Johanna Christiana, wie die verstorbene Mutter, soll sie jetzt Emilie Adolphine Elise heißen wie die künftigen Adoptiveltern. So ist es beglaubigt im Kirchenbuch von Belgern am 30. April 1825. Die Umbenennung ist offensichtlich der Versuch, das Kind auf diese Weise in die neue Familie einzubinden.

Vollzogen wird die Adoption erst am 7. August 1826, als das Kind schon 16 Monate alt ist. Die neuen Eltern, Adolph Traugott und Emilie Krinitz, leben seit 1822 überwiegend in Paris. Er ist tätig als Kaufmann, "Kunst- und Handelsherr", wie das Kirchenbuch seines Heimatorts Bautzen vermerkt. Sie, ältestes Kind des Stadtpfarrers und Superintendenten in Torgau, ist mit Adolph Krinitz in zweiter Ehe verheiratet, ihr erster Ehemann war Adolphs Bruder; als dieser plötzlich stirbt, geht Emilie die neue Ehe ein, die in der Familie bleibt.

Da beide Ehen kinderlos geblieben sind, entschließt sich das Paar, ein Kind zu adoptieren, und nimmt dazu den Kontakt zur alten Heimat auf. Ein erster Adoptionsplan wird nicht verwirklicht, weil das vorgesehene Kind, ebenfalls ein Mädchen, sich als kränklich erweist. Die kleine Elise jedoch ist nach ärztlicher Auskunft kerngesund und entspricht den Vorstellungen des Paares.

So kommt das Mädchen 1826 nach Paris, behält aber durch die Adoptivmutter gute Kontakte zur Heimat. Mutter und Tochter unternehmen in Elises Kindheit mehrere Reisen nach Sachsen. Einige Anspielungen und Ortsbeschreibungen in den späteren Schriften der Mouche lassen sich denn auch auf Torgau und die nahegelegenen Wörlitzer Schlösser deuten. Elise Krinitz hat also ihre wahre Herkunft und Kindheit sehr wohl in ihrer Erinnerung bewahrt, sie später jedoch bewusst mystifiziert. Sie verlegt ihre Herkunft in die erlesene, bis ins Detail ausgemalte, symbolisch hoch aufgeladene Umgebung eines venezianischen Rokokopalais, das sie mit einer stets festlich gestimmten besseren Gesellschaft bevölkert. Zum Schauplatz ihrer späteren Kindheit und Jugend macht sie die Beletage einer gut situierten bürgerlichen Familie in Paris.

Das Wenige, was über das Alltagsleben in der Adoptivfamilie nachweislich bekannt ist, zeigt allerdings weniger zukunftsfähige Verhältnisse. Elises schulische Erziehung besteht aus Privatunterricht bei der Mutter, später durch einen Hauslehrer. Wie qualitätvoll und intensiv dieser Unterricht ist, muss offen bleiben. Auf jeden Fall aber erhält Elise Musikunterricht, der sie befähigt, später in Paris als Pianistin aufzutreten, auch, wenn Elise sich selbst nicht für musikalisch begabt hält.

Die berufliche Karriere des Vaters bleibt erfolglos. Auch seine Versuche, ab 1834 als einer der frühen Wirtschaftsemigranten in Amerika zu reüssieren, misslingen. Nach wenigen Jahren kehrt er mittellos nach Paris zurück, wo Frau und Tochter nach wie vor leben. Die Familie verarmt. Adolph Krinitz stirbt 1862, die Mutter Emilie Krinitz 1871. Sie liegen in einem Familiengrab auf dem Friedhof Montmartre begraben.

Die junge Elise versucht sich in Paris als Pianistin, Komponistin und Publizistin. 1844 hat sie ihren ersten Auftritt als Klaviervirtuosin. Wovon sie ihren Lebensunterhalt bestreitet, bleibt unklar. Erkennbar sind ihre Bemühungen, sich als eine Art Groupie ein Netzwerk im kulturellen Leben zu schaffen und dafür Beziehungen zu einflussreichen Männern zu knüpfen und zu nutzen. Solch männliche Protektion bildet eine der wenigen Möglichkeiten für die Frauen des 19. Jahrhunderts, vor allem aus der Romantikergeneration, als Schriftstellerin, Künstlerin, Musikerin überhaupt öffentlich wahrgenommen zu werden.

Der erste Pseudoprominente, mit dem die Krinitz sich bekannt machen kann, ist der deutsche Publizist Alfred Meißner. Sie lernt ihn im August 1847 zufällig auf einer Reise nach Le Havre kennen. Meißner gehört damals zum näheren Umkreis Heines und wird später viel - und nicht immer Wahres - über ihn schreiben. Die junge Frau verliebt sich umgehend in Meißner. Doch der erwidert ihre Gefühle nicht. Dennoch gelingt es Elise, die Bekanntschaft einige Zeit aufrecht zu erhalten. Sie besucht Meißner auch, als er im Jahr darauf erneut nach Paris kommt. Durch ihn erfährt sie viel über Heine, was sie später genutzt haben könnte, um über diese neue Beziehung die alte zu Meißner aufzufrischen.

Von 1850 bis 1853 lebt Elise Krinitz angeblich in England und will dort mit einem reichen Franzosen verheiratet gewesen sein, der sie, um sich ihrer umstands- und folgenlos zu entledigen, in eine psychiatrische Anstalt habe einweisen lassen. Ab 1853 ist Elise wieder in Paris bei der Adoptivmutter und versucht erneut, als Schriftstellerin und Publizistin Fuß zu fassen. Die kryptisch-geheimnisvolle Inszenierung ihres Leben in den "Memoiren" könnte jedem der damals in Frankreich wie in Deutschland so beliebten Kolportageromane oder englischen "gothic novels" entnommen sein.

Als sie im Juni 1855 die Bekanntschaft Heines macht, lebt dieser seit sieben Jahren in der Matratzengruft, emotional und intellektuell vereinsamt - und ist vom ersten Moment an von dieser Neuerscheinung an seinem Krankenbett angetan. Er fordert und forciert die Besuche der Mouche, soweit sein Gesundheitszustand dies zulässt, schreibt ihr sehr persönlich gehaltene Briefe und Gedichte und erlebt in ihr eine letzte, intensive Liebe.

Durch Heines Tod wird die Mouche in den literarischen Kreisen von Paris vorübergehend das, was sie immer werden wollte: eine wichtige Person. Nun interessiert sich auch Alfred Meißner für sie, der den Kontakt bisher eher gemieden hatte. Meißner geht es in erster Linie um das zu erwartende literarische Erbe. Nachdem der Literat alle Informationen und Briefschaften der Krinitz zu Heine publizistisch ausgeschlachtet hat, beendet er 1857 die Beziehung.

Im Jahr darauf beginnt Elises Liaison mit dem Philosophen und Literaturkritiker Hippolyte Taine. In ihm findet sie endlich den Mann, der ihre literarischen Ambitionen würdigt und fördert. Endlich greift die Strategie der Krinitz, endlich reüssiert sie als Publizistin. Unter dem Pseudonym Camille (männlich) bzw. Camilla (weiblich) Selden publiziert sie Werk um Werk, insgesamt acht Romane und Biografien, außerdem mehrere Bände mit Novellen und Essays - immer auf der Grenze zwischen Realität und Fiktion, so wie sie auch bei der Darstellung ihrer eigenen Biografie vorgeht.

Dass sich Elise Krinitz als Autorin ein männliches Pseudonym zulegt, entspricht den Schreibstrategien von Frauen seit dem 18. Jahrhundert, vor allem seit der Romantik. George Sand alias Amandine Dudevant ist nur das berühmteste, längst nicht einzige Beispiel. Frauen versuchten so, ihre Texte für die Rezeption auf dem literarischen Markt zu neutralisieren, und damit der Diskriminierung weiblichen Schreibens zu entkommen. Bei Camille Selden ist dies wohl nicht der einzige Grund für die Wahl eines Pseudonyms. Denn ihre Tendenz zur Verrätselung bleibt dabei nicht stehen, sondern umfasst ihre gesamte Existenz.

Erfolgreich ist Camille Selden vor allem mit drei Büchern: mit dem Roman "Daniel Vlady" (1862), einer fiktiven Musikerbiografie; mit "L'esprit des femmes de notre temps" (1865), einer Essay-Sammlung über zeitgenössische Schriftstellerinnen, und schließlich 1867 mit "La musique en Allemagne. Mendelssohn". In diesen, wie auch ihren folgenden Publikationen, darunter einer Übersetzung von Goethes "Wahlverwandtschaften", werden auf unterschiedlichen Terrains Themen aufgenommen, die damals aktuell und gängig waren: die deutsche Romantik, vor allem in der Musik, die emanzipatorischen Tendenzen der Frauengeneration der Romantik oder auch - in dem Band "En route" - die Reiseliteratur als modernes Genre in der Nachfolge Heines. Dass sie damit Erfolg hat, verdankt Camille Selden vor allem Taines positiven Besprechungen. Doch 1868 beendet er die Beziehung. Elise Krinitz zieht sich aus dem literarischen Betrieb zurück, veröffentlicht aber weiterhin.

1882 erhält sie - wiederum durch prominente Vermittlung, nämlich die des Konservators des Louvre, Louis de Ronchaud - eine Stelle als Lehrerin für deutsche Sprache am neu eröffneten Mädchengymnasium in Rouen, obwohl ihr entsprechende Ausbildung und Examen fehlen und sie falsche Altersangaben macht. Damit ist die Krinitz endlich finanziell abgesichert. Als Lehrerin scheint sie sich jedoch schwer getan zu haben. Die Beurteilungen durch die zuständige Schulinspektion fallen durchweg negativ aus: Sie sei, heißt es dort, "eher ein literarischer Geist als ein Professor" und daher zur Pädagogin wenig geeignet: "Sie hat weder Methode noch Disziplin; sie versteht es nicht, Grammatikkenntnisse zu vermitteln. Nur die Literatur lag ihr am Herzen." Und als realistisches Fazit: Sie sei "eine sehr alte, sehr müde Frau, eine Frau aus einer anderen Epoche, die in Rouen Asyl und Rückzugsmöglichkeit gesucht hat".

Elise Krinitz versucht immer wieder, dieses offenbar ungeliebte "Asyl" zu verlassen und nach Paris, ins Zentrum ihrer geistigen Existenz, zurückzukehren. Vergeblich. So beschließt sie ihr Leben - als frustrierte, schlecht bezahlte Lehrerin gnadenhalber - in der französischen Provinz. 1882 verkauft sie alle in ihrem Besitz befindlichen Heine-Manuskripte, die sie ursprünglich der Bibliothèque Nationale in Paris zugedacht hatte, an Heines französischen Verleger Lévy.

Danach publiziert sie, wiederum unter dem Pseudonym Camille Selden, ihre Erinnerungen "H. Heines letzte Tage". Sie erscheinen 1884 in Jena, Paris und London auf Deutsch, Französisch und Englisch und werden ihr erfolgreichstes Buch. Noch im selben Jahr versucht sie mit "Mémoires de la Mouche", an diesen Erfolg anzuknüpfen, was nicht gelingt. Daheim in Rouen werden die Memoiren sehr reserviert aufgenommen, obwohl die Autorin unter Pseudonym schreibt und sichtlich bemüht ist, ihre Biografie und die Motive ihres Handelns als gesellschaftlich möglichst korrekt darzustellen, wohl aus Gründen der sozialen Akzeptanz, soll ihre Existenz doch mit der Position einer Lehrerin vereinbar erscheinen. Heute gelten diese Erinnerungsbücher als durchweg fiktiv. Gleich, ob sie nun von der Herkunft der Autorin handeln, von ihren vielen Verehrern, von ihren Erfolgen als Pianistin und Publizistin oder von der Bekanntschaft mit Heine.

Am 7. August 1896, 40 Jahre nach Heine, stirbt Elise Krinitz 71jährig in Orsay, wo sie ihre Ferien zu verbringen pflegt. Bei ihrem Tod zeigt sich, wie gründlich sie die Spuren ihrer realen Existenz nicht nur publizistisch, sondern auch in den offiziellen Dokumenten verwischt hat. Nichts von dem, woraus man auf ihre wahre Identität hätte schließen können, schien ihr wert, bewahrt zu werden, sodass am Ende ihres Lebens kaum mehr über sie bekannt ist als das, was zur Identifizierung der Leiche nötig ist. Sogar die Sterbeurkunde enthält falsche Daten. Dort heißt es: "... geboren in Ungarn am 22. März 1832 oder 1833, Tochter eines unbekannten Vaters und einer unbekannten Mutter." So löst sich die Identität dieser vielleicht überspannten, doch für ihre Zeit auch ungewöhnlich emanzipierten Frau in der Selbststilisierung ihres Lebens nach dem Muster großer Romantikerinnen letztlich auf.

"Komme Du bald!" Heine und die Mouche

Sehr liebenswürdige und charmante Person!
Ich bedauere es sehr, daß ich Sie letzthin nur wenige Augenblicke sehen konnte. Sie haben einen äußerst vortheilhaften Eindruck hinterlassen und ich sehne mich nah dem Vergnügen, Sie recht bald wiederzusehen.-
(...) Ich weiß nicht, warum Ihre liebenswürdige Theilnahme mir so wohl thut, und ich abergläubischer Mensch mir einbilden will, eine gute Fee besuche mich in trüber Stunde. Sie war die rechte Stunde. - Oder sind Sie eine böse Fee? Ich muß das bald wissen.
Ihr
Heinrich Heine

Der Brief zeigt es: Der auf den Tod kranke, einsame, emotional wohl auch vernachlässigte Heine hat sich schon beim ersten, wohl eher flüchtigen Besuch auf Anhieb in die 28 Jahre und damit eine ganze Generation jüngere Frau verliebt. Von nun an besucht die "gute Fee", von Heine bald mit Kosenamen überhäuft, den Kranken in der rue Matignon häufig, oft täglich und so ausdauernd, wie sein schwankender Gesundheitszustand es erlaubt. Sie liest ihm vor und versieht Sekretärinnendienste, übernimmt die Korrekturen für die französische Ausgabe der "Reisebilder", übersetzt probeweise einige seiner Gedichte - kurz: Sie macht sich ihm als Gesprächs- und Arbeitspartnerin unentbehrlich.

Wichtiger jedoch als dieses literarische Zusammenspiel ist die intensive emotionale Beziehung, die sich zwischen beiden entwickelt. Die Mouche wird die "letzte Blume meines larmoyanten Herbstes", wie Heine es in einem der Briefe an sie formuliert. Am Dienstag, dem 12. Februar, fünf Tage vor seinem Tod, sehen sich die beiden zum letzten Mal. Zwei Tage darauf schreibt er seinen letzten Brief an sie. Danach wird die Mouche bei dem Kranken, dessen Befinden sich rapide verschlechtert, nicht mehr vorgelassen. Auch die Totenwache bei dem Geliebten zu halten, wird ihr von Mathildes Gesellschafterin Pauline verweigert.

Elise Krinitz ist damals 30 Jahre alt, also ein "spätes Mädchen", und nach damaligen wie heutigen Attraktivitätskriterien mit der Biederkeit ihres "lieben Schwabengesichts", das auch das einzige erhaltene Foto dokumentiert, durchaus keine Schönheit. Was wiederum für den hohen Grad an Fiktionalität, an Fantasie auch in Heines realen Frauenbeziehungen spricht. Fantasien, die offenbar - wie einst bei Amalie, dann bei Mathilde und nun bei der Mouche - immer von neuem durch Frauen eines eher bieder wirkenden, mütterlichen Typs ausgelöst werden.

Heines Briefe an die Mouche zeugen unverstellt von der emotionalen Stärke dieser Beziehung, die singulär ist in seiner Korrespondenz und jenseits aller konventionellen Form. 25 dieser Briefe sind erhalten; geschrieben zwischen dem 20. Juni 1855 und dem 14. Februar 1856. Dazu kommen vier Briefe der Mouche; die ersten beiden französisch, die beiden anderen, sehr kurzen, deutsch. Heine antwortet ihr meist auf Deutsch. Er redet die Mouche bis Ende 1855 per Sie an, danach - mit fließenden Übergängen - per Du. Sie selbst bleibt immer beim respektvollen Sie oder benutzt neutrale Formulierungen, mit denen sich das persönliche Du umgehen läßt.

Heines Briefe sind meist kurz und beschränken sich auf Mitteilungen über sein Befinden, auf Bitten um baldige Besuche und entsprechende Terminvorschläge. Vor allem anderen aber handeln sie von Heines intensiven Gefühlen für die junge Frau, von Liebesgeständnissen und -beteuerungen, betont durch Koseworte wie Mouche, holdseligste Bisamkatze, liebste und süßeste Katze, liebste Person, holdes Herz, liebstes Kind. Und immer wieder münden die Briefe in dem refrainartig wiederholten Sehnsuchtsruf "Komme Du bald".

Die sexuellen Wünsche an die Mouche und die tiefe Trauer über die durch die Krankheit erzwungene Abstinenz werden immer wieder direkt angesprochen:

Auch ich freue mich, Sie bald wieder zu sehen et de poser une empreinte vivante sur les traits suaves et quelque peu souables - ach! Wäre ich noch ein Mann, diese Phrase bekäme minder platonische Tornüre. Aber ich bin nur noch ein Geist, was vielleicht Ihnen, aber nicht mir sonderlich zusagt. (...) Ein Todter, lechzend nach den lebendigsten Lebensgenüssen!
(20. Juli 1855)

Noch direkter und vergleichsweise unironisch wirkt die folgende Formulierung, trotz des metaphorischen Doppelsinnes im Bild von Lehrer und Schülerin: "Auch habe ich nicht die gehörigen Kräfte, die Ruthe zu gebrauchen."

Die Mouche dagegen möchte die Beziehung in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Ihre brieflichen Liebesgeständnisse fallen weit zurückhaltender aus. Jedenfalls, was die Erotik angeht. Auf dem sensiblen Terrain körperlicher Nähe bewahrt die junge Frau Distanz, worauf Heine in seinen Briefen und auch in den Gedichten wiederholt anspielt. Die Formulierungen der Mouche reichen über einen "innigen Gruß" an den Freund und ein "Ich küsse die lieben Hände" nicht hinaus, wobei sie das direkte Du durchweg vermeidet. Rückhaltlos dagegen ist ihre Bereitschaft zur geistigen Verschmelzung mit dem bewunderten Dichter. Und - mehr noch - ihre umfassende existenzielle Hingabe: "... bin ich nicht Ihre Mouche, und wollen Sie nicht das kleine Insect als Ihr Eigenthum betrachten?", heißt es im vorletzten Brief von Ende Dezember 1855.

Die Mouche stilisiert sich selbst - schon in ihren Briefen, mehr noch später in ihren Erinnerungen - als Muse. Sie betont das rein "geistige Band" ihrer Verbindung zu Heine. "Ich bin davon überzeugt, daß er mich nur aus dem Grunde so gerne mochte, weil ich ihm seelisch so verwandt war", schreibt sie dazu in den Memoiren. Es sei ihr ganz recht gewesen, dass seine Liebe notgedrungen platonisch bleiben musste. Dahinter steht sicher auch der Wunsch, sich in der literarischen Öffentlichkeit nicht als Geliebte eines verheirateten und noch dazu syphilitischen Dichters zu kompromittieren, sondern seriös und gesellschaftlich akzeptabel als geistige Wahlverwandte aufzutreten. Den eingangs zitierten Brief, mit dem sie sich unter einem Vorwand bei Heine eingeführt hat, unterschlägt die Krinitz in ihren Erinnerungsbüchern.

Überdeutlich dagegen zeigt sie ihre Eifersucht auf Heines Frau Mathilde. Sie wird - verglichen etwa mit der Beschreibung durch Fanny Lewald - zwar realistisch beobachtet und eingeschätzt, doch ihr Bild wird zugleich wieder verzerrt, indem es mit allen gängigen Vorurteilen der zeitgenössischen Berichterstattung aufgeladen wird: Seien es die schäbigen Wohnverhältnisse, die Vernachlässigung des Todkranken oder die starken Differenzen zwischen den Eheleuten; sei es der Gegensatz zwischen Mathildes Vitalität und Heines Morbidität, zwischen ihrer altmodische Erscheinung und der Zeitlosigkeit seines Genius, ihrer geistigen Unbedarftheit und der Höhe seines Intellekts, ihrer parasitären Haltung und seinem großzügigen Patriarchentum.

Wenig glaubhaft erscheint, dass die Mouche bei ihren Besuchen in der Rue Matignon in den doch recht übersichtlichen Verhältnissen einer Dreizimmerwohnung nur einmal auf Mathilde gestoßen sein soll. Dazu sind die Szenen, in denen sie der Rivalität zwischen den beiden Frauen Ausdruck verleiht, in den beiden Erinnerungsbüchern zu genau festgehalten.

"Worte! Worte! Keine Taten!" Die Gedichte 'An die Mouche'

Worte! Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch, geliebte Puppe,
Immer Geist und keinen Braten,
Keine Knödel in der Suppe!

Doch vielleicht ist dir zuträglich
Nicht die wilde Lendenkraft.
Welche galoppieret täglich
Auf dem Roß der Leidenschaft.

Ja, ich fürchte fast, es riebe
Zartes Kind, dich endlich auf
Jene wilde Jagd der Liebe,
Amors Steeple-chase-Wettlauf.

Das Dilemma zwischen sexuellem Begehren und Impotenz, die durch die körperliche Verfassung des Geliebten, aber auch durch die Zurückhaltung der Geliebten erzwungene "Gesundheitsliebe" sind schon in Heines Briefen an die Freundin ein zentrales Thema. Es steht auch im Mittelpunkt der fünf in Heines Nachlass gefundenen Gedichte "An die Mouche".

Und nicht nur dort. Um Körper, Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität kreist Heines Lyrik von Anfang an. Er greift damit ein Thema auf, das in der Literatur des Vormärz grundsätzlich tabuisiert ist. Sexualität gilt - unter dem Einfluss des Christentums - noch immer als Sünde oder als Krankheit. In den Künsten, auch in der Literatur, erscheint das so reizvolle wie brisante Thema deshalb meist in idealisierter Form. Entweder verbannt in klassisch-ferne, archaische Bildwelten oder aber - wenn es um zeitgenössische Stoffe und Helden geht - sublimiert und harmonisiert zu bürgerlicher Ehe, Familienglück und kulturell hochstehender Geselligkeit.
Heine aber entzieht sich dieser in der Literatur vom Idealismus bis zum Biedermeier verbreiteten normativ moralisierten Liebeskonzeption und setzt ihr in seiner Lyrik den Eros des Wortes entgegen. Zumindest sprachlich nimmt er sich die Freiheit, die individuellen Liebesgefühle seines literarischen Alter Ego zu artikulieren und - was brisanter wirkt - zu gesellschaftlichen Erfahrungen in Beziehung zu setzen. Womit er die Konvention gleich doppelt bricht.

Die Gedichte "An die Mouche" gelten als Heines einzige persönliche Liebesgedichte. Sie konzentrieren das Hauptmotiv dieser letzten Phase von Heines Liebeslyrik, Alter und Tod, ganz auf seine eigene Situation und verknüpfen sie nicht mehr mit verallgemeinernden gesellschaftskritischen Aussagen. Heines offener Umgang mit der prekären Situation einer Liebe im Zustand der Agonie ist in der Lyrik seiner Zeit singulär.
Die individuelle Ausgangssituation, aus der die Gedichte entstehen, ist so banal wie tragisch. Banal ist das Grundmotiv, das Begehren des lüsternen älteren Mannes, der Heine mittlerweile ist, für seine junge Verehrerin. Als tragisch erlebt er, dass diese Liebe gänzlich körperlos bleiben muss.

Einzigartig sind Heines Versuche, diese ausweglose Situation literarisch zu verarbeiten, indem er seine letzte Liebe in Sprache, in Worterotik übersetzt. Dazu schafft er sich eine eigene, ästhetisch verfremdete Bildwelt, in der die Geliebte als exotische Blüte figuriert. Etwa als Passionsblume am Grab des Toten, vor allem aber als Lotosblume mit dem Mond als bleichem, kaltem Gesellen.

Mit unterschiedlichen Beziehungskonstrukten wird versucht, die unerfüllte Liebe literarisch zu kompensieren. Zum einen nimmt Heine die Geliebte ersatzweise durch Worte und "Gedankenbann" in Besitz. Zum anderen ersetzt das unausgesprochene Wort, ein erotisch erfülltes Schweigen die körperliche Vereinigung. Zum dritten schließlich versucht Heine, die ausweglose Situation des leidenden Ich durch einen ans Groteske grenzenden Humor zu bewältigen, wie in dem Gedicht "Lotosblume".

Von Protektion und Projektion. Die Inszenierung eines Lebens

Doch zurück zum Objekt des Begehrens, zurück zur Mouche. Ihre Memoiren sind, bei allem Hang zur literarischen Stilisierung eines letztlich trivialen Lebens, höchst aufschlussreich für das Bild, das die Autorin von sich selbst zeichnet.

Die Frauenbilder, denen die Mouche sich zuordnet, sind wohlbekannt; seien es die fiktiven oder realen Kindfrauen aus dem Goethe-Umkreis wie Mignon aus "Wilhelm Meister" und Bettine von Arnim, seien es Nixe und Donauweibchen als Symbol triebhaft gefährlicher Naturwesen oder die temperamentvoll-naiven Heldinnen aus Shakespeares Komödien; sie alle entstammen dem seit Klassik und Romantik gängigen Bildrepertoire. Und zumindest die Nixen und Shakespeare-Figuren haben Vorbilder auch in Heines literarischem Werk. Die Mouche bedient sich aus demselben Bildrepertoire wie er.

Dass Elise Krinitz ihre Autobiografie durch gezielte Verwirrung mystifiziert, wurde schon von den Zeitgenossen bemerkt: "Sie behandelte den Gegenstand mit einer romanhaften Geheimnistuerei; ich habe kein Urteil darüber, ob sie dafür einen ernsten Grund hatte, oder ob es nur Getue war. Sie spielte offenbar Verstecken", schreibt dazu 1896 der Literaturhistoriker Fritz Mauthner im "Berliner Tageblatt"; die Mouche hatte mit ihm um 1880 in Rouen über ihre Beziehung zu Heine und auch über ihre Herkunft gesprochen.

Sie selbst bekennt sich zu dieser Geheimnistuerei. Sie habe seit ihrer Kindheit eine Vorliebe "für das Unbekannte, das Geheimnisvolle, das Verborgene" gehabt. Damit deutet sie ein erhebliches emotionales Defizit ihrer Herkunft, die unsichere Existenz als Adoptivkind, ins Positive um.

Eine Namensänderung belastet schon den Lebensanfang des kleinen Mädchens. Mit der Adoption wird aus Johanna Christiana Müller unversehens Adolphine Emilie Elise Krinitz. Auch wenn das Kind diese Umbenennung nicht bewusst wahrgenommen haben kann: Sie steht zeichenhaft für den Status des adoptierten Kindes. Und es ist anzunehmen, dass dies auf seine Identitätsbildung verunsichernd gewirkt hat.

Und Elise Krinitz tut weiterhin das, was sie als Kind durch die Adoption bereits erlebt hat. Sie wechselt ihre Identität je nach Bedarf. Sie nimmt sich die Freiheit, über ihre ohnehin brüchige Existenz frei fantasierend zu verfügen. Und formuliert damit den Wunsch, diese literarisch zu überhöhen, "etwas Besseres" zu sein. Was der Neigung von Adoptivkindern entspricht, sich selbst mangels gesicherter Herkunft zumindest innerlich für etwas ganz Besonderes zu halten. Sie habe, schreibt die Mouche denn auch in ihren Memoiren, "eine unbezwingliche Abneigung dagegen, der erträumten Welt (...) zu entsagen und (sich) der unsanften Berührung der Außenwelt auszusetzen."

Virulent wird diese existenzielle Verunsicherung in den Versuchen der jungen Frau, sich durch männliche Protektion Beziehungen im kulturellen Leben zu schaffen. Beziehungen, die ihr - ihrer realen Herkunft nach - nicht zur Verfügung stehen. Also erfindet sie sich von Fall zu Fall wechselnde, interessante, gern auch adlig angehauchte Identitäten: als uneheliche Tochter des Grafen Nostitz mit einer Gouvernante, als verstoßene Frau eines reichen Franzosen, als Pseudogeliebte des Schriftstellers Alfred Meißner.

Unter diesen Lebensumständen erscheint es nahezu zeichenhaft, dass die Mouche als einziges literarisches Werk ausgerechnet Goethes "Wahlverwandtschaften" übersetzt. Einen Roman, der Liebe und Leidenschaft als außermoralische, naturhafte Prozesse darstellt, denen der Mensch sich ohnmächtig ausgesetzt sieht - ein schicksalhafter Lebensentwurf, den wohl auch die Mouche gern als Grundlage ihrer Beziehung zu Heine angesehen hätte.

Die Abenteurerin jedoch, zu der sie publizistische Fantasien lange Zeit gemacht haben, war Elise Krinitz wohl nicht. Und auch die Interpretation der Beziehung als der ersten in Heines Leben, in der er einer gleichwertigen Partnerin begegnet, trifft den Sachverhalt wohl nur teilweise. Für eine solche Deutung spricht die für damalige Verhältnisse relativ freie Lebensform der Krinitz als alleinstehende Frau mit künstlerischen Ambitionen in der Weltstadt Paris. Doch diese Selbständigkeit ist wohl eher aus der Not geboren. Gegen ein emanzipiertes Denken spricht die grundsätzlich negative, von Neid und Missgunst durchdrungene Einstellung zu allen Geschlechtsgenossinnen, die in den Memoiren auftauchen. An Frauen lässt die Mouche dort in aller Regel kein gutes Haar. Seien es die "schriftstellernden Frauen" ganz allgemein, die als "sprechende Papageien" abgetan werden, oder Heines Bekannte aus der Pariser Gesellschaft, wie Caroline Jaubert oder die Prinzessin Belgiojoso, oder gar die größte Konkurrentin um die Gunst Heines, seine Frau Mathilde.

Die hervorragende Publizistin, Künstlerin und Intellektuelle, als die sie sich selbst dargestellt hat, war Elise Krinitz jedenfalls zur Zeit ihrer Bekanntschaft mit Heine aber nicht. Denn sie hat damals noch nichts Nachweisbares veröffentlicht und ist bestenfalls einmal als Pianistin öffentlich aufgetreten.

Letztlich ist sie wohl vor allem die Außenseiterin, als die sie sich selbst beschreibt. Sie sei, heißt es in den Memoiren, von Kindheit an ganz auf sich allein gestellt, "jedes altersgenössischen Umgangs beraubt" und am Miteinander kindlichen Spiels nie interessiert gewesen. Zur Außenseiterin erscheint die Krinitz prädestiniert. Zum einen durch ihre Herkunft als Halbwaise, als Adoptiv- und Einzelkind aus emotional ungesicherten, ganz auf die Beziehung zur Mutter zentrierten Verhältnissen. Zum anderen als Groupie mit Geldsorgen, existenziellen Problemen und einer schmarotzerhaften Anhänglichkeit an bekannte Männer. Samt der recht weit gehenden Bereitschaft, sich, wie im Fall von Meißner, Heine und Taine, auf der Suche nach Protektion auch auf intime Beziehungen einzulassen. Darin, wie auch im großen Altersunterschied zwischen den Partnern erinnert die Beziehung an die zwischen Heine und Mathilde.

Und außerdem: Auch im Fall der Mouche ist - wie schon bei Amalie und zumindest teilweise auch bei Mathilde - durch die äußeren Umstände dafür gesorgt, dass die körperliche Distanz erhalten bleibt. Und so auf seiten Heines der nötige Freiraum, diese Beziehung, wie die zu den Vorgängerinnen auch, eher literarisch zu verarbeiten als real auszuleben.

Die damit einhergehende Tendenz zur Überhöhung prägt lange auch das öffentliche Bild der Beziehung. Es wird sichtbar in dem nach Heines Tod oft reproduzierten Holzschnitt von Heinrich Lefler. Dieser zeigt den todkranken Heine und seine letzte Geliebte als zwei fast alterslose Idealfiguren, schlank, ja, in ihren weißen Gewändern fast körperlos, als ideale Projektionsflächen. Das schäbige Krankenzimmer erscheint aufgewertet zum gutbürgerlichen Salon, dem vom Ruch der Matratzengruft nichts mehr anhaftet. Das Buch, aus dem die Mouche Heine vorliest, suggeriert, dass es sich um eine Beziehung vor allem geistiger Natur handelt. Die Hand, in der die Mouche das Buch hält, allerdings kommt der des verehrten Dichters und sehnsuchtsvollen Liebhabers gefährlich nahe. Damit beginnt - nach Heines Tod und mit kräftiger Unterstützung durch die Freundin - jener Prozess der Legendenbildung, der die biografische Realität bald überwuchern wird.

Anmerkung der Redaktion: Der Text ist die leicht veränderte Kurzfassung eines Kapitels aus dem neu erschienenen Buch von Edda Ziegler. Wir danken der Autorin und dem Verlag für die Publikationsgenehmigung.


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Edda Ziegler: Heinrich Heine. Der Dichter und die Frauen.
Patmos Verlag, Düsseldorf 2005.
207 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3538072124

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