"Das Schiff, ein prächtiges Tier"

Die Gedichte Jeong Jiyongs

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Von Jeong Jiyong, einem der bedeutendsten koreanischen Lyriker der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, lagen bisher nur wenige Gedichte auf Deutsch vor. Nun hat die seit langem für die koreanische Literatur engagierte Edition Peperkorn eine annähernd vollständige Übersetzung von Jeongs schmalem, doch gewichtigem lyrischen Werk herausgebracht.

Eine solche Übertragung ist angesichts der sprachlichen Unterschiede keine einfache Aufgabe - zumal bei einem Dichter, von dem ein Kritiker behauptete, er habe als erster in Korea klar erkannt, dass die Lyrik vor allem aus dem Material Sprache konstruiert werde. Erleichtert wird die Aufgabe freilich dadurch, dass Jeong extrem kontrolliert schreibt. Gefühle sind da, doch präzise bezeichnet und durch eine sparsame Metaphorik vermittelt, die gleichwohl alles andere als karg wirkt. Die Bilder überstürzen sich nicht, sondern sie gewinnen in Jeongs wohlbedachten Formen den Raum, sich zu entfalten und manchmal überraschende Wahrnehmungsperspektiven zu eröffnen.

Eher als ein Inhalt ist es diese Schreibweise, die als das Gemeinsame der Texte erscheint. Was da bedichtet wird und vor allem: mit welcher Aussage, das erscheint zweitrangig und ist auch kaum Gegenstand einer stringenten Entwicklung. Ein Großteil der Gedichte hat Natur zum Thema: Das Meer, die Berge haben Jeong immer wieder angeregt. Manches aus dieser Gruppe erscheint zumindest in der deutschen Fassung als klischeehaft, redundant. Doch öfter finden sich dichte Gestaltungen, packende Vergleiche, so im Kampf mit dem elementaren Meer: "das Schiff, ein prächtiges Tier, rennt heulend vorwärts". Fast skelettiert und umso überzeugender ist "Der Berg Biro 2", wo Jeong zehn Strophen aus je zwei Versen reiht. "Herbstlicher Pfad / hoch im Gebirge" lautet eine Strophe, gefolgt ebenso knapp von: "Die Sonne duftet / genau über meiner Stirn". Das Ich ist stets präsent in den Naturgedichten: Natur ist nur als Erlebtes da und spiegelt Gefühle.

Dazwischen gibt es immer wieder Stadtgedichte, die heute als der modernere, zukunftsweisendere Teil des Werks erscheinen. Die kunstvoll ungeordneten Impressionen einer abendlichen Feier im Gedicht "Café France", die verregnete nächtliche Stadt im Prosagedicht "Planwagen", aber auch Technik wie der Eisenbahnzug, der, "die Zähne zusammengebissen", unglückliche Menschen befördert - das alles zeugt von der wachen Aufnahmebereitschaft eines Dichters, der zwar in einer dörflichen Provinz Koreas geboren wurde, doch in Japan moderne Literatur studierte, bevor er in der Großstadt Seoul literarischen Erfolg hatte.

Überraschend wenig Einfluss hatten diese Erfahrungen auf das Stoffliche. Sicher, im Frühwerk gibt es ein Heimatgedicht, das durchaus im metaphorischen Detail überzeugt: "Dort wo sich ein schmaler Bach schlängelt, / Märchen murmelnd ostwärts ans Ende der weiten Flur, / und abends in der hereinbrechenden Dämmerung / ein gefleckter Ochse in goldträgen Tönen muht". Refrainartig sind Versicherungen eingestreut, diese Heimat nie vergessen zu können. Und einige Jahre später ist dann die Illusion zerstört: "Zurückgekehrt bin ich in die Heimat, doch die ersehnte ist sie nicht."

Konservative Moral aber ist zwar gefährdet, doch bleibt sie letztlich intakt. Das zeigt sich etwa am Frauenbild. Ganz stereotyp ist es im frühen Gedicht "Dahlien": "Ihr jungen Frauen, voll gereift / ist die Farbe eurer Haut. // Euer Busen, eure Schüchternheit / auch sie sind zu voller Blüte gelangt." Später ist das Stereotyp durchbrochen, etwa im Gedicht "Die Frauen unseres Landes", das in mehrfacher Hinsicht interessant ist. Zum einen zeigt es die dümmliche Zensurpraxis der japanischen Kolonialherren, einzelne Wörter der unterdrückten Koreaner zu verbieten; doch dürfte eine verstümmelte Version wie "die Frauen unseres xxx sind xxx" die oppositionelle Fantasie eher noch beflügelt haben. Zum anderen entsprechen Behauptungen, die Frauen seien "der Monat Mai" oder "die Freude", durchaus noch patriarchaler Ideologie. Was aber ist mit dem Vers: "Die Frauen halten Reagenzgläser ans Licht, zeichnen Kreise, ziehen Linien"? Oder mit der antirealistischen Sicht: "Die Frauen sind rot wie die Früchte der Berge"?

Tradition, technische Moderne und ästhetische Imagination gehen hier eine Verbindung ein, auf deren Höhe sich Jeong nicht immer bewegt. Die Farbe rot greift er viel später in "Rote Hände" auf, um ein Lobesbild einer einfachen, traditionellen Landfrau zu entwerfen - und noch später, in "Blumen im Alter", entwirft er ein Vorbild eines würdigen Greises, der Frauen entsagt hat, sich seiner Enkel freut sowie der für die Nachkommen gepflanzten Blumen.

Das Verhältnis von Erkenntnis und traditioneller Wertsetzung ist nirgends geklärt; das macht auf der Inhaltsebene die Lektüre der Gedichte auch heute spannend. Zum Konfliktfeld wird ausgerechnet die Religion: Jeong wurde zum Christentum bekehrt, und dabei zum in Korea minoritären Katholizismus. Obwohl er ab 1933 Redakteur einer katholischen Jungendzeitschrift und 1946/47 sogar kurzfristig Chefredakteur einer katholischen Tageszeitung war, sind nur wenige seiner Gedichte religiös geprägt. Manchmal geht Jeong dabei unter sein Niveau: Ein Gedicht wie "Die Todesstunde", in dem ein "Strahlenkranz, getragen von Jesus, unserem Herrn" einen "Regenbogen" der eigenen Seele hin zur Ewigkeit pflanzen soll, ist Konvertitenkitsch. Viel interessanter wird es, wenn angesichts des traditionell herrschenden, sinnenfeindlichen Konfuzianismus ausgerechnet der katholische Glaube den Weg zur Sinnlichkeit eröffnet, wie im Prosagedicht "Die Lampe": "Übrigens steht es der christlichen Kunst frei, auf einem Gesicht einer Vertreterin des schönen Geschlechts wie dem Ihren die reine Malerei Fleisch werden zu lassen."

Das führt in diesem Gedicht zu einer Marienverehrung, die schon im europäischen Rahmen ambivalent ist: Antisexuell auf Jungfräulichkeit fixiert, damit doch gerade das Sexuelle ins Zentrum rückend, was aber im Kontext einer koreanischen Moderne Emanzipatives beinhalten kann. Der ironische Ton des Zitats ist übrigens charakteristisch für viele der Prosagedichte Jeongs, bis hin zur Anbetung einer Verehrten, deren kostbar-rotes Herz durchaus verständlich gelobt wird, bevor sich das lyrische Ich in Überlegungen verliert, welche Farben denn der gleichfalls kostbaren Leber oder Galle entsprächen.

Wie aber steht es um die sprachliche Qualität der Übertragungen? Der gebrochene Ton zwischen kühner, modernistischer Metapher und umgangssprachlicher Wendung überzeugt. Vergleicht man die vier Gedichte, die Marion Eggert für ihre bei dtv verlegte Anthologie moderner koreanischer Lyrik "Wind und Gras" ausgewählt hat, mit den entsprechenden Versionen Roske-Chos, so fällt auf, dass beide Übersetzerinnen dem Rhythmus wenig Aufmerksamkeit schenken. Die syntaktisch gespannteren Lösungen finden sich bei Eggert; Roske-Cho hingegen folgt treuer der koreanischen Abfolge der Satzteile, die sie kaum mehr als aus Gründen der Sprachrichtigkeit notwendig dem Deutschen angleicht.

Die Wortwahl weist bedeutende Unterschiede auf: Ob es, in "Meer 3", heißt: "übers Meer kam / schrittweis / die Nacht" (Eggert) oder: "Über das Meer / kommt die Nacht / geschritten" (Roske-Cho), bezeichnet etwas völlig anderes. Nach Rücksprache mit einer Muttersprachlerin ist der Rezensent belehrt, dass tatsächlich die Nacht schreitet und es nicht um ihr allmähliches Heraufziehen geht. In anderen Fällen ist hingegen die Version von Eggert näher am Original.

Über manche Entscheidungen kann man streiten. Indem Eggert in "Weißhirschteich" Blumen sich vor Angst blau verfärben lässt, greift sie mit Jeong eine koreanische Wendung auf, die eine aufs Äußerste gesteigerte Angst bezeichnet. Roske-Cho, die die koreanische Bezeichnung "Baengnok-See" als Titel wählt, passt sich hier aber der deutschen Idiomatik an; bei ihr erbleichen die Blumen. Hier führt die Texttreue zur auch im übertragenen Sinne farbigeren Wendung, die doch verständlich bleibt. - Die Eingangsstrophen in "Mord an der Uhr" lauten: "Die Wanduhr zu Mitternacht: unglückbringender Specht! / Er hackt in mein Hirn wie eine Maschinennadel" (Eggert) bzw.: "Unheilbringender Specht diese Wanduhr um Mitternacht! / Wie eine Maschinennadel sticht sie in mein Gehirn" (Roske-Cho). Hacken oder stechen? Das eine passt zum Specht, das andere zur Nadel einer Nähmaschine. Beide Varianten führen zu einer sinnvollen Verbindung.

Eine wichtige Dimension der Gedichte Jeongs ist das Klangliche. Auch dass ihn Lautverbindungen faszinierten, mag eine gewisse Lässigkeit gegenüber dem Inhalt erklären. Gemessen an den berechtigten Forderungen der Vernunft ist das ein Nachteil, denn Dichtung, mag sie sich auch schön anhören, soll doch vermittels dieser Schönheit Brauchbares formulieren. Im koreanischen Zusammenhang aber hat Jeongs Orientierung an der westlichen Moderne einen anderen Stellenwert. Sie demontiert den konfuzianischen Dichter-Gelehrten, der die Wahrheit predigt - ein Autoren-Ideal, das wegen Krieg und Diktatur im Süden Koreas bis in die achtziger Jahre durchaus seine Funktion hatte, doch häufig Literatur allzu arg an Moral bindet. Dem entzog sich Jeong, wie viele Dichter des kulturellen Aufbruchs in Korea um 1935, der von der sechzehnjährigen Kriegsperiode vom japanischen Angriff auf China bis zum Waffenstillstand im Koreakrieg 1953 jäh unterbrochen wurde.

In der Faszination durchs Lautliche zeigt sich eine Perspektive zu einer künstlerischen Befreiung, die angesichts gegenwärtiger Probleme noch heute frivol wirkt. Alliterationen wie "Weiße Wolken / wallen" in "Meer 8" mögen Wagner-geschädigte Ohren allzu sehr an "Rheingold" oder "Die Walküre" gemahnen; doch die folgenden Verse sind in Roske-Chos Version gleichzeitig klanglich ausgearbeitet wie auch sinnlich anschaulich: "Die Luft / ist voll von duftendem Wind". Wird man sie auch nicht erleben, so wünscht man sich doch Zeiten, in denen Gespräche über einen solchen Duft nichts Fragwürdiges mehr hätten.


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Jeong Jiyong: Eine andere Sonne. Gedichte.
Herausgegeben und übersetzt aus dem Koreanischen von Wha Seon Roske-Cho.
Edition Peperkorn, Thunum/Ostfriesland 2005.
205 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-10: 3929181665

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